Tina mobil 1x01

© oster zur Serie Tina mobil (c) rbb/Stefan Erhard
In die Das Erste-Mediathek zieht heute mit Tina mobil eine Dramaserie ein, die mit Rosamunde Pilcher wenig gemeinsam hat. Tina (Gabriela Maria Schmeide) hat einen lieben, aber leider alkoholkranken Exmann, drei halbwüchsige Kinder und einen Job als mobile Backwarenverkäuferin. Als ihr Chef ihr kündigt, bricht das Fundament dieses hart erarbeiteten Lebens weg und Tina muss sich was einfallen lassen. Wie gut, dass Aufgeben in ihrem Wortschatz nicht vorkommt...
Wovon handelt die Serie Tina mobil?
Tina redet gern, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Als waschechte Berlinerin kommt dabei so manch' herzhafte Ausdrucksweise zum Tragen. Doch bei ihren Kunden ist sie dafür besonders beliebt. Jeden Tag macht sie sich in dem Bäckereimobil auf in den Norden Berlins. Dahin, wo Brandenburg beginnt und die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln und Unterhaltung alles andere als gesichert ist. Ihr Chef Zollerich ist ebenfalls ein im Umgang nicht gerade sensibler Typ. Doch die beiden kennen sich schon lange, Tina fährt den größten Umsatz von allen Verkäuferinnen ein und gibt dem Chef auch mal Widerworte. Das ist ihre Dynamik: rau, aber ehrlich. Zumindest dachte Tina das. Denn nach einer ihrer Reibereien schmeißt Zollerich Tina plötzlich die Kündigung an den Kopf. Sie nimmt die erst mal nicht für voll und erscheint am nächsten Tag zur Arbeit. Doch dort ist ihr Fahrzeug schon unterwegs, denn Zollerich macht ernst. Er setzt Tina auf die Straße. Die muss sich dann zum ersten Mal ans Arbeitsamt wenden und versuchen, ihre Kinder nicht zu beunruhigen.
Da wäre Caro (Runa Greiner), die Große, die die Wohnung am liebsten gar nicht verlassen würde und mit der Welt über ihren Schmink-Vlog kommuniziert. Tina erkennt so halb, dass es wohl Depressionen sind, verkündet aber auch, dass es für Caro wohl ohnehin das Beste wäre, wenn sie bei Tina bleibt. Der Umgangston mit der Ältesten ist rau, die gibt es der Mutter aber auch genauso zurück. Die Mittlere ist Julia (Fine Sendel), bildhübsch, sensibel und begabt. An die Kunstschule von New York soll sie es am besten schaffen, das findet auch ihr Musiklehrer. Tina ist aus dem Häuschen und würde für Julias blendende Zukunft alles tun. Ob die das aber überhaupt will, wird sie nicht gefragt. Der Kleine ist Felix (David Ali Rashed). Er ist ein guter Junge, der versucht, das Bild auch weiterhin aufrechtzuerhalten. Seine Probleme lässt er an der Tür und so entgeht Tina lange, was alles im Argen liegt bei ihrem Nesthäkchen.
Das Arbeitsamt zeigt sich von seiner schlechten Seite und Tina ist nicht der Typ, der die Hände in den Schoß legt und auf das Geld vom Amt wartet. Sie will sich selbstständig machen. Die Brötchen kauft sie bei dem Wessi Kowalski, der aber zum Glück selbst aus Polen kommt, was ihrer Kundschaft darüber hinweghilft, dass er in Dortmund aufgewachsen ist. Sie kauft ein eigenes Mobil und klappert ihre alte Route ab, immer im Rennen mit ihrer Nachfolgerin beim Zollerich. Die hat zum Glück nicht so ein großes Mundwerk wie Tina. Doch wer früher kommt und günstiger anbietet, dem gehört die täglich wechselnde Loyalität der Brandenburger Seniorenschaft.
Über den Verlauf der Serie wird die Berlinerin mit einem positiven Schwangerschaftstest im Hausmüll, dem Verlust des Führerscheins und so manch anderer Ablenkung konfrontiert.
Wie kommt es rüber?
In der Vorbereitung auf das Review zu Tina mobil habe ich mich in einem eigenen Vorurteil verfangen - und zwar in dem über die öffentlich-rechtlichen Serien-Produktionen. Eine Serie vom rbb über eine beherzte Berlinerin, die einen Bäckereiwagen in Brandenburg fährt und dann ihren Chef herausfordert, das kann nur eine klischeeüberfrachtete Comedyserie über eine liebenswerte Loserin mit leichtem Drehbuch sein. Als deutlich wird, dass es eine Dramaserie ist, erwarte ich immer noch eine sozialromantische Feier der Tristesse-Vorurteile. Was dann jedoch in der ARD-Mediathek ankam, ist eine clevere Dramaserie über das Leben am unteren Ende der Gehaltspyramide.
Das wird von Anfang an deutlich. Sicher, wenn Tina mit ihren Kunden spricht, dann löst ein Spruch den nächsten ab. Aber fröhlich ist das doch meistens nicht. Als wir dann ihrem Streit mit dem Chef beiwohnen, wird die Erwartung von lockeren Sprüchen endgültig abgelöst. Und zwar von der Erkenntnis, dass hier mit Laila Stieler eine Drehbuch-Autorin am Werk ist, die sich auf das Milieu, aus dem sie erzählt, einlässt, anstatt ihm Worte in den Mund zu legen. Der Streit ist schmerzhaft - für alle - und, wie im echten Leben, ist die Grenze zwischen echter Verletzung und scherzhaftem Anpflaumen fließend, undeutlich und von jedem in Hörweite an einer anderen Stelle zu ziehen.
Mit Tina kann man sich identifizieren, in ihrem Bemühen, ihr Leben gegen alle Widrigkeiten zu meistern. Aber unverhohlen liebenswert ist sie nicht. Sie ist so kompliziert, wie Menschen es nun mal sind. Sie hat die Verantwortung für alle, hat drei Kinder und einen alkoholkranken Mann durchgebracht, hat sich hochgearbeitet, zumindest höher, als sie es am Anfang war, mit ihrer Berliner Schnauze und harter Arbeit. In dieser Rolle hat sie immer mehr an sich gerissen und den Moment verpasst, an dem ihre Kinder selbstbestimmte Leben führen wollten.
Über die Episoden hinweg dürfen wir die Dialogkunst von Laila Stieler bewundern. Dazu zählen die absurd-realitätsnahen Unterhaltungen der betagten Brandenburger, wo zwischen Backwaren und Schminke von Träumen bis Sex alles aufs Tapet kommt, ebenso wie die Gespräche zwischen Tina und ihrer Familie.
Verfasser: Loryn Pörschke-Karimi am Mittwoch, 22. September 2021(Tina mobil 1x01)
Schauspieler in der Episode Tina mobil 1x01
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