
Wer an Fernsehserien aus den 90er Jahren denkt, ruft sich vermutlich unweigerlich The X-Files von Chris Carter ins Gedächtnis. Die Sci-Fi-Mysteryserie über die unheimlichen Fälle des FBI zog uns mit geheimnisvollen Verschwörungen und schaurigen Geschichten in ihren Bann, die sich über neun Staffeln und zwei Kinofilme erstreckten. Den Anfang machte am 10. September 1993 der Pilot, in welchem sich das Dreamteam, bestehend aus Fox Mulder (David Duchovny) und Dana Scully (Gillian Anderson), zum ersten Mal begegnet und es gleich mit vermeintlichen Aliens zu tun bekommt.
I Want to Believe
Die Episode beginnt mit einer jungen Frau, die nachts in ihrem Schlafgewand durch den Wald läuft. Ein grelles Licht erscheint, aus welchem eine Person hervortritt und sich ihr nähert. Am nächsten Morgen wird die Unglückliche tot aufgefunden, wobei das Umdrehen ihrer Leiche als klare Referenz zur berühmten Toten aus jener Mysteryserie verstanden werden kann, die den X-Akten den Weg ebnete: Laura Palmer aus Twin Peaks. Der Detective (Leon Russom) vor Ort erkennt das Mädchen als Bekannte seines Sohnes und wir stellen fest, dass sie zwei eigenartige Punkte auf dem Rücken trägt und dies nicht zum ersten Mal geschehen ist...
Unterdessen wird Dr. Dana Scully in die FBI-Zentrale in Washington, D.C. zitiert, wo sie von ihren Vorgesetzten damit beauftragt wird, mit dem exzentrischen Special Agent Fox Mulder zusammenzuarbeiten, den sie aus Erzählungen unter dem Namen „Spooky Mulder“ kennt. Er ist Spezialist für Gewaltverbrechen und Okkultismus, hat sich aber vor allem auf die X-Akten gestürzt - jene unerklärlichen Fälle, die nicht gelöst werden konnten und womöglich mit paranormalen Phänomenen zusammenhängen. Im Hintergrund pafft in dieser Szene bereits der Cigarette Smoking Man (William B. Davis) alias Krebskandidat seine erste Morley. Mit ihm als Mann im Schatten wird sich die Serie im Verlauf noch tiefgehender befassen.

In Mulders Büro angekommen, wo das berühmte UFO-Poster mit der Aufschrift „I Want to Believe“ seinen ersten Auftritt hat, begegnen sich die beiden Agenten, die Fernsehgeschichte schreiben werden, zum ersten Mal. Mulder, der zu Beginn noch viel nerdiger konzipiert war, ist richtigerweise skeptisch, was seine neue, von oben geschickte Partnerin betrifft, die mehr oder weniger durch die Blume gebeten wurde, den Eigenbrötler zu beschatten und zu diskreditieren. Beeindruckt von der Expertise der Medizinerin, fackelt er trotzdem nicht lange rum und macht Scully prompt mit den Details des Falles aus dem Teaser bekannt.
Mulder vs. Scully
Was folgt, ist das erste Streitgespräch zwischen dem „Believer“ und der Skeptikerin - und der Grund für den langjährigen Erfolg von „The X-Files“: die Chemie von Duchovny und Anderson in ihren gegensätzlichen Rollen. Die Serie ist sich dabei wohl bewusst, dass Mulders wilde Theorien von UFOs und Aliens ganz schön verrückt klingen und zunächst sind wir geneigt, uns auf Scullys Seite zu stellen. Der X-Files-Fanatiker ist jedoch dermaßen enthusiastisch, dass wir eigentlich lieber an ihn und seine fantastische Welt glauben wollen. Dadurch spiegelt die Serie die zwei konkurrierenden Herzen wider, die in der Brust von jedem von uns schlagen.
In Oregon, wo sich die seltsamen Todesfälle abspielen, lassen die Agenten die Leiche von Ray Summers exhumieren. Er war ein Klassenkamerad der ermordeten Karen und wurde zunächst für den Täter in ähnlichen Fällen gehalten, die zuvor geschahen. Nach einem Zwist mit dem örtlichen Gerichtsmediziner müssen sie allerdings feststellen, dass im Sarg nur eine seltsam anmutende Leiche zu finden ist. Ein frühes Beispiel einer weiteren Stärke der Serie: die gut gemachten und oft schaurigen Effekte und Kreaturen. Mulder hält die Leiche natürlich sofort für ein Wesen von jenseits der Erde, während Scully den stark verwesten Körper eines Schimpansen vermutet. Ein eigenartiges Metallobjekt wird letztlich im Schädel gefunden und Mulder ordnet weitere Tests an.

Zum ersten Mal gruselt sich auch Scully, als die Ermittler zwei mit dem Opfer bekannte Jugendliche, Peggy O'Dell (Katya Gardner) und den im Wachkoma liegenden Billy Miles (Zachary Ansley), in der geschlossenen Psychiatrie aufsuchen. Nachdem Mulder seine Theorie bezüglich Alienentführungen mit ihr teilt, stellen sie fest, dass auch Peggy die seltsamen Male am Rücken trägt. In der Nacht suchen sie schließlich den Wald auf, in dem Karen zu Tode kam, und finden eine ascheartige Substanz, ehe wie zu Beginn der Episode ein Licht erscheint. Es handelt sich jedoch nur um den Detective, der die Agenten vom Gelände verscheucht.
Let's Do the Time Warp Again
Kurz darauf verlieren Mulder und Scully an derselben Stelle, an der das Radio verrückt spielte, mehrere Minuten Zeit, was der paranormale Ermittler abermals als außerirdische Einmischung deklariert. Scully hält ihn nach wie vor für verrückt, doch das hält sie nicht davon ab, ihn mitten in der Nacht aufzusuchen, um ihm in Panik zwei Punkte am Rücken zu zeigen, die sich lediglich als banale Mückenstiche entpuppen. Sie bleibt anschließend bei ihrem neuen Kollegen im Zimmer und erfährt, warum Mulder dermßaen besessen von Aliens ist: Als er noch ein Kind war, verschwand seine Schwester spurlos und er glaubt, bei ihrer Entführung zugegen gewesen zu sein. Etwas, das er erst unter Hypnose realisierte und was die kommenden Folgen und Staffeln weiter unter die Lupe nehmen werden.

Dass eine Verschwörung im Gange ist, erscheint plötzlich gar nicht mehr so unglaubwürdig, als die mysteriöse Leiche aus dem Labor gestohlen wird und Scullys Hotelzimmer mit all den gesammelten Daten und Beweisen in Flammen steht. Außerdem ist Peggy nachts auf der Straße überfahren und getötet worden - und das, obwohl das Mädchen im Rollstuhl saß. Als Theresa (Sarah Koskoff), die Tochter des Gerichtsmediziners, aus Angst, das nächste Opfer zu werden, auf die Agenten zukommt, wird außerdem klar, dass es sich bei dem komatösen Billy um den Sohn des Detectives handelt. Scully versichert ihr, es werde alles gut, was jäh durch Theresas plötzliches Nasenbluten unterbrochen wird.
Mulder ist mittlerweile davon überzeugt, dass Billy trotz seines Zustandes für die Morde an seinen ehemaligen Klassenkameraden verantwortlich ist und seine mit Waldschmutz besudelten Füße scheinen der Theorie Recht zu geben, was Scully langsam in den Wahnsinn treibt. Dies führt zu einer wunderbaren Szene im Regen, in der sie angesichts der Absurdität des Falls, den sie auf dem Friedhof rekapituliert, einfach nur noch lachen kann. Die beiden beschließen, von vorn anzufangen und abermals eine Probe des Waldbodens zu besorgen. Dabei begegnen sie Detective Miles, der seinem Sohn gefolgt ist, welcher nun ebenfalls die Male trägt. Er ist scheinbar im Begriff, die bewusstlose Theresa im Lichtkegel mitzunehmen, doch stattdessen verschwinden lediglich die Punkte und der Junge kommt wieder zu Sinnen.
Unter Hypnose erinnert sich Billy später, vom Licht beauftragt worden zu sein, seine Klassenkameraden für Experimente einzusammeln, die schließlich ein Misserfolg waren, weshalb er sie töten sollte. Das alles begann in der Nacht ihrer Abschlussfeier, die sie im Wald abhielten und in welcher sie entführt wurden. Dem ersten Bericht Scullys stehen die Vorgesetzten beim FBI entsprechend skeptisch gegenüber, doch sie hat das im Schädel gefundene Implantat, mit welchem das Licht angeblich mit den Teenagern kommunizierte, retten können. Eine Analyse des Materials führte unheimlicherweise zu keinem Ergebnis.

Die Pilotepisode endet mit einer extrem starken Szene, in welcher der Cigarette Smoking Man das Metallstück zu weiteren Exemplaren in einer Box mit Beweisen stellt. Dieser Karton ist wiederum nur einer von vielen in einem riesigen Lagerhaus, das der Mann in einer Einstellung verlässt, die offensichtlich in Anlehnung an jene abschließende Szene aus dem Indiana-Jones-Film „Raiders of the Lost Ark“ entstand, in welcher die Bundeslade im Lagerhaus verschwindet. Als Letztes stellen wir fest, dass wir uns im Pentagon befinden und Mulders schlimmste Befürchtungen über die Regierung womöglich wahr sind.
Fazit
Der Pilot von The X-Files führt viele später in der Serie weiterentwickelte Elemente ein und ist vor allem eine runde und atmosphärische Stunde Fernsehen, die nicht zuletzt wegen Mark Snows exzellentem Score absolut stimmungsvoll gelungen ist. Über das heute abgedroschen wirkende Aliengeschwafel von Mulder und einige angestaubte Dialogkonventionen müssen wir vielleicht etwas hinwegsehen, aber die Serie ist eben sehr ein Kind seiner Zeit, noch bevor „Independence Day“ Aliens wieder komplett in den Mainstream geholt hatte.
Als Herzstück stechen wie erwähnt die beiden Stars David Duchovny und Gillian Anderson hervor, die seit ihrer ersten gemeinsamen Szene in den Rollen der FBI-Agenten Mulder und Scully aufgehen und das beste Zusammenspiel besitzen, das die Neunziger auf dem TV-Bildschirm zu bieten hatten.