The X-Files 7x22

Vermutlich gibt es in der Retrospektive lohnenswertere Episoden aus der siebten Staffel von The X-Files als das Staffelfinale Requiem. Da es zunächst als Serienfinale konzipiert wurde, ist es aber ein unumgänglicher Meilenstein der X-Mythologie, in der viele bekannte Gesichter noch einmal auftauchen, als würde der letzte Vorhang fallen. Der Plan, den Cliffhanger mit einem Kinofilm zu verbinden, wurde schließlich ebenfalls zugunsten von zwei weiteren Seasons aufgegeben.
Finanzakte X
Nach einem Intro inklusive Alien-Bounty-Hunter und UFO, das uns nach Oregon zurückführt, wo die Serie in der Pilotepisode startete, lässt die Folge zunächst selbstironisch einen comichaft erbsenzählerischen Buchhalter beim FBI aufschlagen, der die X-Akten finanziell auf den Prüfstand stellt. Aliens- und Monsterjagen ist ein teures Geschäft, das sich kaum rentiert und überhaupt: Was hat Mulder (David Duchovny) noch vor, nachdem er den Fall seiner entführten Schwester Samantha in der Episode Closure endlich vollends aufgeklärt hat?

An diesem Punkt wird auch eingestanden, dass Scully (Gillian Anderson) nicht dieselbe ist wie zu Beginn der Serie. „I have seen things I cannot deny“ („Ich habe Dinge gesehen, die ich nicht leugnen kann.“), lautet ihr verhaltenes Alienglaubensbekenntnis, welches zum einen zu diesem Zeitpunkt vermutlich notwendig war, zum anderen vielleicht zu viel ihres etablierten Charakters opfert. Die Entwicklung ist allerdings auch für die Folgestaffel vonnöten, wenn der skeptische Mulder-Ersatz Agent John Doggett (Robert Patrick) auf der Bildfläche erscheint und wir Spooky Scully als Gegengewicht brauchen.
It's Roswell and Corona all over again
Das beim Syndikat in Ungnade gefallene Stehaufmännchen Alex Krycek (Nicholas Lea) wird unterdessen von Marita Covarrubias (Laurie Holden) aus einem tunesischen Gefängnis befreit, um dem sterbenden Cigarette Smoking Man (William B. Davis) einen letzten Dienst zu erweisen. Das Raumschiff, welches in Oregon abgestürzt ist, soll um jeden Preis geborgen werden, um die Verschwörung von vorn beginnen zu lassen. Ganz ehrlich: Weder das Make-up noch die Performance von Davis können mich an dieser Stelle überzeugen. Allerdings ist die Zigarettenandockstation am Hals ein netter Touch.
Auch Mulder und Scully verschlägt es zurück nach Oregon, was zu einem puren Nostalgietrip für „X-Philes“ der ersten Stunde wird. Hier treffen sie nämlich nicht nur auf Billy Miles (Zachary Ansley), das Alienentführungsopfer aus der ersten X-Akte, seinen Vater, Sheriff Miles (Leon Russom) und weitere Bekannte aus der Pilotepisode, sondern finden auch das von Mulder damals auf die Straße gesprayte X. An dieser Stelle spielte damals die Zeit verrückt und noch immer scheint hier temporaler Schabernack vor sich zu gehen, der durch einen unheimlichen Ruckeleffekt dargestellt wird, bei welchem die Betroffenen in der Luft herumzucken.

Billys Verdacht ist nicht unbegründet, denn tatsächlich wurde sein Vater unlängst von dem außerirdischen Kopfgeldjäger (Brian Thompson) getötet, der ihn nur imitiert und den Absturz seines getarnten Raumschiffs zu vertuschen versucht, während dieses von allein regeneriert. Nebenbei ist er bemüht, sämtliche Beweise der Alienmachenschaften zu zerstören und sammelt aus diesem Grund die damaligen Entführungsopfer ein. Das bedeutet allerdings auch, dass sich Scully potentiell in Gefahr befindet.
Sämtliche Alarmglocken müssen bei den Zuschauern losgehen, wenn Scully in einer Szene ein Baby in die Hand gedrückt bekommt und als Nächstes mit unerklärlicher Übelkeit bei Mulder Unterschlupf sucht. So verschenken die Autoren leider komplett die Überraschung, die auch noch als abschließender Cliffhanger der Staffel dient. Außerdem - so süß die Schmuseszene zwischen Mulder und Scully ist - klingt es ganz schön bevormundend, wenn Mulder darüber sinniert, seine Partnerin solle zugunsten eines anderen Lebens (Mutterschaft et cetera) den Dienst quittieren. Zum Glück hat sie da auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Wie der Raucher erklärt, ist das zu findende Raumschiff nicht nur der Schlüssel zur Wiederbelebung des Geheimprojekts, was die Menschen wohl wieder in die Pläne der Aliens integrieren würde, sondern dient auch als Artefakt des allumfassenden, galaktischen Wissens. Zudem wird angedeutet, dass die Außerirdischen lediglich zur Erde zurückgekehrt sind und als Vorlage für unsere Gottesbilder dienten. Dies spielt auf die Theorie der „Ancient Astronauts“ an, wie Erich von Däniken sie in seinem Buch „Chariot of the Gods“ beschreibt, was bis heute von ähnlichen Pseudowissenschaftlern vertreten wird und immer für eine History-Doku gut ist.
Im FBI-Hauptquartier führt Skinner (Mitch Pileggi) schließlich Team Mulder/Scully und Team Syndikat unter Zähneknirschen zusammen, die sich ohne wirklichen Grund zusammenraufen und auch noch die Lone Gunmen dazuholen, um die Lage zu besprechen - nur, um noch einmal die ganze Gang auf einem Haufen zu haben. Zurück in Oregon bestätigt sich dann Scullys Vermutung, dass es die Aliens nicht auf sie, sondern vielmehr Mulder abgesehen haben. Im getarnten Raumschiff wird er mit den aufgelesenen Entführungsopfern vereint und schließlich von der Erde und aus der Serie wegtransportiert.

Andernorts spielen sich eher soapartige Dramen ab: Krycek entschließt sich, nach seinem Versagen in den Augen des CSM, dem alten Mann endgültig den Garaus zu machen („Sending the devil back to hell“, wie er es formuliert), auch wenn der sowieso nah am Tod stehende andeutet, dies würde auf Kosten der gesamten Menschheit geschehen. Zu guter Letzt hat Scully, die mit Skinner um Mulder trauert, ein abschließendes Geständnis für ihren Chef parat: Sie ist schwanger. Wer hätte das gedacht?
Fazit
Requiem ist keine schlechte Episode, aber hätte als Beinaheabschluss und Meilenstein der Serie deutlich runder ausfallen können. Der halb ausgegorene Plan des Krebskandidaten und die undurchsichtigen Motive der Aliens (seien wir ehrlich: Es ist nicht so, als hätten Carter und Co die Rahmenhandlung von Anfang an durchdacht) sind nur zwei der vielen Argumente dafür, warum die „Monster-of-the-Week“-Folgen heute mit größerem Wohlwollen betrachtet werden als die ständig in andere Richtungen galoppierende Mythologie.
Auch der Tod des CSM, der für das Serienfinale der neunten Staffel noch einmal hervorgeholt wird, scheint eher wie ein Plotpunkt, der unbedingt abgehakt werden musste, in der Umsetzung aber wie eine kleinliche Handlung des ungestümen Krycek rüberkommt. Viel dringlicher hätte auf die dramatische Ironie eingegangen werden müssen, dass Mulders Suche nach der Wahrheit mit ihm als Entführungsopfer endet, doch dies hätte, um effektiv zu sein, noch Teil des Handlungsbogens um seine Schwester sein müssen.
Verfasser: Mario Giglio am Sonntag, 15. November 2015(The X-Files 7x22)
Schauspieler in der Episode The X-Files 7x22
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