The X-Files 3x04

Auch die dritte Staffel von The X-Files macht es einem alles andere als leicht, eine einzige Episode herauszupicken. Neben starken Mythologiefolgen (Stichwörter Syndikat und schwarzes Öl) zählt mit Jose Chungs From Outer Space auch eine der besten „Funnisodes“ zu dieser Season, doch die Auswahl fiel letztendlich auf Clyde Bruckman's Final Repose, die in eine ähnlich Kerbe schlägt wie Beyond the Sea, dabei aber auch witzige Töne anzuschlagen weiß. Hinter der Kamera stand abermals David Nutter, während das Drehbuch von Darin Morgan stammt, der dafür 1996 den Emmy kassierte.
You should have seen this coming
Wie Duane Berry (Steve Railsback) aus dem zur Hälfte nach ihm benannten Zweiteiler, Lee Boggs (Brad Dourif) aus der bereits besprochenen Episode oder Eugene Victor Tooms (Doug Hutchison) aus Squeeze, ist der wahrsagende Versicherungsvertreter Clyde Bruckman eine Nebenfigur, die trotz ihres kurzen Auftritts bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Die Rolle wird mit viel Humor und Herz von Gaststar Peter Boyle gespielt, den die meisten als Vater aus Everybody Loves Raymond kennen dürften. Dies ist vielmehr seine eigene Geschichte als nur ein Vehikel für die Charakterentwicklung von Mulder (David Duchovny) oder Scully (Gillian Anderson).
Die ersten Szenen sind allesamt große Gewinner und mit viel Liebe zum Detail konstruiert. So begegnet Clyde schon zu Beginn dem Serienkiller (Stuart Charno), um dessen Taten es gehen soll, was in das zentrale Thema der Zufälle hineinspielt. Dabei singt er ein Lied vor sich hin, das die Zeile When I die... enthält. Etwas, das vor allem beim wiederholten Ansehen als clever platzierte Andeutung auffällt. Ein netter Touch sind auch die sich durch die Folge ziehenden Lottozahlen, die ironischerweise immer eine Zahl neben jenen von Clyde liegen.

Am Tatort, an welchem der Wahrsager tötende Serienkiller eins seiner Opfer ermordet und von seinen Augen und Innereien befreit hat, unterhalten sich die Ermittler über einen zur Hilfe gerufenen, unorthodoxen Berater, der spooky sein soll. Als Mulder plötzlich im Türrahmen steht, haben sie allerdings keine Ahnung, wer er ist, denn gemeint war der The Stupendous Yappi (Jaap Broeker) - die vielleicht bitterböseste, witzigste (und, nebenbei gesagt, verdiente) Parodie auf Scharlatankönig und Besteckvandalen Uri Geller. Mit den üblichen Tricks der Psychic-Branche huscht er am Tatort umher, bis er negative Schwingungen spürt und nicht Scully, sondern ausgerechnet Mulder bittet, den Raum zu verlassen.
Zufälligerweise landete die Leiche einer weiteren Wahrsagerin im Abfallcontainer von Clyde Bruckman, der im Gegensatz zu Yappi tatsächlich über übersinnliche Fähigkeiten zu verfügen scheint. Bei seiner Befragung riecht Mulder natürlich sofort den paranormalen Braten und nimmt den Mann zum bereits besuchten Tatort mit, wo dem zart besaiteten Mann, der die ganze Angelegenheit eher als lästig und unangenehm empfindet, schließlich sehr konkrete Informationen zum Aufenthaltsort der zweiten Leiche zu entlocken sind. Am nächsten Morgen wird diese dort gefunden - in der Nähe eines Gastanks, der wie ein fetter, kleiner Nazi-Stormtrooper aussieht.
Widerspenstig lässt sich Clyde dazu überreden, Mulder und Scully bei der Untersuchung der Mordserie behilflich zu sein. Zunächst testet Mulder allerdings die Fähigkeiten des Mannes und lässt ihn einige Gegenstände unter die Lupe nehmen, in der Hoffnung, ein paar Visionen zu triggern. Einen der Gegenstände identifiziert Clyde als einen Fetzen von Mulders eigenem T-Shirt der New York Knicks, was eine wundervolle Referenz zur Episode „Beyond the Sea“ ist, in welcher der FBI-Agent sein vermeintlich übersinnlich begabtes Gegenüber mit ebendiesem Stofffetzen hinters Licht führte.

Ein Schlüsselanhänger, welcher bei einem der Opfer gefunden wurde, führt die Ermittler und ihren Berater in ein Waldstück, wo Clyde die nächste Leiche ortet und nebenbei die Natur seiner Fähigkeiten zu erklären versucht. 1959 stürzte das Flugzeug von Rocklegende Buddy Holly ab. Mit ihm an Bord war auch The Big Bopper, den Clyde viel mehr bewundert hat. Den Platz im Flieger hatte dieser durch den Wurf einer Münze gewonnen, was Clyde nicht mehr losgelassen hat und in ihm die Fähigkeit weckte, den Tod anderer voraussehen zu können. Selbst Scully merkt an, dass dies eine recht lahme „Origin-Story“ ist und ganz nebenbei war es nicht der Bopper, sondern Ritchie Valens, der per Münzwurf sein Leben verlor.
Wir wollen der Episode diesen kleinen Ausrutscher verzeihen, ebenso wie die bereits damals schon mehr als abgedroschene Szene, in der unser Killer einen weiteren Wahrsager aufsucht und ihm voraussagt, die letzte Tarotkarte sei für ihn, wobei es sich natürlich um die Todeskarte handelt. Dass die Bedeutung dieser Karte nichts mit Mord beziehungsweise Tod zu tun hat, ist vermutlich mittlerweile bei jedem angekommen und trotzdem bauen Filmemacher dieses müde Klischee noch heute in ihre Werke ein.

Die Chemie zwischen Mulder, Scully und Clyde ist eine der großen Stärken der Episode und beide - nicht einmal die große Skeptikerin - können es sich nicht verkneifen, sich nach ihrem eventuellen Ableben zu erkundigen. Für Mulder hat Clyde (nach einer subtilen Andeutung bezüglich autoerotischen Erstickens) eine sehr konkrete Vision darüber, wie er in einer Hotelküche in eine Kokosnusstorte (nein, Key Lime! Nein, Banane!) tritt und schließlich erstochen wird. Doch das Ende der Vision teilt er nicht mit Mulder. Auf Scullys Frage „All right, so how do I die?“ antwortet er nur „You don't!“ Dies habe ich zur Hälfte immer für großes foreshadowing seitens der Serienmacher gehalten und fast erwartet, dass Scully im Verlauf der Serie von den Aliens zu einer Art Spacegöttin gemacht wird, die à la „2001“ irgendwann als höher entwickeltes Wesen über uns alle wacht. Nun ja, es könnte immer noch passieren...
Zusätzlich verrät Clyde der FBI-Agentin, dass sie zusammen im Bett landen werden. Sie wird dabei seine Hand halten und voller Mitgefühl sein, während ihm eine Träne das Gesicht herunterrollt. Das Brillante an dieser Szene ist, dass sie beim ersten Mal durchaus witzig ist, einem aber beim zweiten Mal ansehen, wenn das Ende der Episode bekannt ist, das Herz zerfetzt. Die Vision seines eigenen Todes teilt Clyde ebenfalls: Er sieht sich in einem Tulpenfeld verwesen. Eine eindrucksvolle kleine Effektszene, die durch eine Kombination von CGI und praktischem Effekt erzielt wurde.
Wie es der Zufall ein weiteres Mal will, arbeitet der Killer, der sich selbst für übersinnlich begabt hält und längst mit Clyde Kontakt aufnehmen wollte, als Page in jenem Hotel, in dem die FBI-Agenten ihren neuen Bekannten untergebracht und unter Schutz gestellt haben. Clyde nimmt dies auf seine typisch nonchalant-lakonische Art hin und bietet dem Serienkiller eine einfache Antwort auf seine Frage, warum er bloß diese schrecklichen Dinge tue: „Don't you get it? You do the things you do because you're a homocidal maniac.“ Er nimmt dies gelassen hin, tötet aber im Anschluss den abgestellten FBI-Kollegen, ehe Scully anderorts die Verbindung zum Pagen herstellt.

Mulders Verfolgungsjagd führt schließlich in die prophezeite Küche und zur vorausgesagten Banana Pie. Als Mulder jedoch im Begriff ist, durch das Messer des Mörders getötet zu werden, kommt Scully mit dem Fahrstuhl in der Küche an und erschießt den Mann. „Hey, it's not the way it's supposed to happen“, kann dieser nur noch ungläubig murmeln. Scully hatte sich zufällig im Fahrstuhl geirrt.
Zurück im Zimmer von Clyde müssen die Agenten feststellen, dass ihr neuer Freund sich in der Zwischenzeit mit einer Plastiktüte über dem Kopf und einer Überdosis Pillen das Leben genommen hat, um dem Schicksal ein letztes Schnippchen zu schlagen. Scully setzt sich zu ihm ans Bett und nimmt seine Hand, während das Kondenswasser in der Plastiktüte eine Träne bildet, die Clyde das Gesicht herunterläuft.
Fazit
Clyde Bruckman's Final Repose ist eine großartige „X-Files“-Folge für Menschen, die Genrefilme und -serien mit übernatürlichen Inhalten lieben, aber im realen Leben skeptisch gegenüber vermeintlichen Wahrsagern, Geistermedien und anderen gleichermaßen verabscheuungswürdigen Scharlatanen und Betrügern eingestellt sind. Die Satire in Form des Hyper-Geller und die Message werden zwar, wie in der abschließenden Szene, in der Scully während eines Werbespots von Yappi mit der Fernbedienung nach dem TV wirft, mit dem Holzhammer serviert, aber das macht die Präsentation nicht weniger witzig oder treffend.
Das Drehbuch ist mit vielen kleinen Andeutungen, die erst später Sinn für den Zuschauer ergeben, gespickt und hätte ebenso gut im Rahmen eines Spielfilms verwendet werden können. Alles steht und fällt jedoch mit der zentralen Titelperformance von Peter Boyle, der Clyde Bruckman abgebrüht, aber nicht übermäßig zynisch und mit humoristisch perfekt getimtem Understatement zum Besten gibt. Dass Mulder sofort auf ihn anspringt, ist keine Überraschung, aber auch Scully wird ihm gegenüber warm, was das Ende der Episode umso mehr zu einem gezielt verpassten Tritt in die Magengrube macht.
Verfasser: Mario Giglio am Sonntag, 18. Oktober 2015(The X-Files 3x04)
Schauspieler in der Episode The X-Files 3x04
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