The X-Files 1x13

The X-Files 1x13

In Beyond the Sea erleidet Scully einen schweren Verlust in der Familie, woraufhin sie und Mulder die Rollen von Skeptiker und Believer tauschen. Gillian Anderson in Höchstform in einer der ganz besonderen Episoden von The X-Files.

Gillian Anderson als Dana Scully / (c) FOX
Gillian Anderson als Dana Scully / (c) FOX

Wir werden im Rahmen unser Classic Reviews zu „The X-Files“ leider nicht alle 202 Episoden der Serie rezensieren können. Bis zum Start der neuen Folgen im nächsten Jahr bleibt uns aber die Zeit, zumindest je eine Episode aus den neun Staffeln (plus Serienpilot und Serienfinale) sowie die beiden Kinofilme „Fight the Future“ und „I Want to Believe“ unter die Lupe zu nehmen. Wir hoffen, Ihr seid mit unserer Auswahl zufrieden.

Mit Beyond the Sea, der 13. Episode der ersten „X-Files“-Staffel liegt keine Mythologiefolge, welche die Story der Alienverschwörung weiterführt, sondern streng genommen eine „Monster-of-the-Week“-Episode, vor. Viel treffender handelt es sich allerdings um eine der ganz besonderen X-Akten, die nicht nur eine der besten Episoden der ersten Season, sondern der gesamten Serie ist, die uns tiefere Einblicke in eine der Hauptfiguren liefert und darüber hinaus auf jeder handwerklichen und schauspielerischen Ebene brilliert.

Somewhere, Beyond the Sea

In der sich vor allem um Scully (Gillian Anderson) drehenden Episode lernen wir zum ersten Mal die Eltern der rationalen FBI-Agentin kennen: Don Davis, seinerzeit der go-to-guy der Serienwelt, wenn es um gestrenge Autoritätsfiguren vom Militär ging, verkörperte zuvor den Major Briggs in Twin Peaks, wo auch David Duchovny als FBI-Agentin auftrat. Hier ist er Danas Vater, William Scully. Während seines kurzen Auftritts gibt es genau, was auf der Packung steht - mit Davis macht man in diesem Fall nichts verkehrt. Offensichtlich besteht eine gewisse Enttäuschung darüber, dass die Tochter nicht in der Medizin geblieben, sondern zum FBI gegangen ist. Sheila Larken taucht im späteren Verlauf der Serie noch öfter als Scullys Mutter Margaret auf und wird auch in den für 2016 angekündigten, neuen X-Akten vertreten sein.

Die Scully-Eltern verabschieden sich nach einem Weihnachtsessen bei ihrer Tochter, doch kurz darauf erwacht Scully aus einem Nickerchen und sieht ihren Vater in einem Sessel vor sich. Er spricht, aber wir können ihn nicht hören. Eine Szene, die bis heute zum Unheimlichsten gehört, was die Serie je hervorgebracht hat - und das soll etwas heißen! Nach der kurzen Vision erhält Scully einen Anruf von ihrer aufgelösten Mutter, die ihr mitteilt, dass ihr Vater in der kurzen Zwischenzeit an einem plötzlichen Herzinfarkt verstorben ist.

Ghost Dad: Don Davis als Scullys Vater William © FOX
Ghost Dad: Don Davis als Scullys Vater William © FOX

Scullys schwerer Verlust, gepaart mit der komplizierten Beziehung zu ihrem Vater, erlaubt den Autoren (bei denen es sich übrigens um Glen Morgan und James Wong handelt), den Spieß der „X-Files“-Prämisse umzudrehen. Die ohnehin gottesfürchtige, jedoch streng wissenschaftlich denkende Scully wird zum Believer, während Mulder im Rahmen von „Beyond the Sea“ die Rolle des Skeptikers einnimmt. Dies geschieht dank eines Falls, der die beiden FBI-Agenten in North Carolina auf den Plan ruft und bei welchem das Leben von zwei Teenagern auf dem Spiel steht.

Das junge Paar wurde von einem Mörder entführt, der seine Opfer stets eine Woche nach der Entführung umbringt. Der Countdown läuft und ein weiterer Serienkiller, den Mulder einst in die Todeszelle befördert hat, bietet seine Hilfe als Medium an. Vorhang auf für Brad Dourif in der unvergesslichen Rolle des Luther Lee Boggs. Den meisten wird der Darsteller spätestens seit den „Lord of the Rings“-Filmen bekannt sein, wo er den schmierigen Königsberater Grima Wormtounge spielte. Aber auch in anderen Parts, in denen der Darsteller bedrohlich-wahnsinnige Charaktere zum Besten geben darf, ist Dourif eine Wucht und das ist hier nicht anders.

Als die beiden FBI-Agenten nach Raleigh (die Hauptdstadt des Bundesstaates) fahren, um dem Häftling, der in einer Woche hingerichtet werden soll, einen Besuch abzustatten, sieht es zunächst so aus, als wäre der Scharlatan schnell entlarvt. Mulder händigt ihm ein Stück Stoff aus, woraufhin der angebliche Geisterflüsterer eine Riesenshow abzieht - angesichts all der Visionen, die auf ihn einströmen. Dabei handelte es sich bei dem Fetzen lediglich um ein Stück aus Mulders New-York-Knicks-Shirt. Beim Verlassen des Verhörraums stimmt Biggs plötzlich „Beyond the Sea“ an - das Lied, welches kurz zuvor auf der Beerdigung von Scullys Vater gespielt wurde.

Medium oder Scharlatan? Brad Dourif als Luther Lee Boggs © FOX
Medium oder Scharlatan? Brad Dourif als Luther Lee Boggs © FOX

Für Mulder ist der Fall erledigt, schließlich hatte er bereits in der Vergangenheit mit dem Mann zu tun und ist sich sicher, der Todgeweihte will sich lediglich eine weitere Galgenfrist ergaunern. Seine sonst so logisch denkende Partnerin hingegen lässt sich immer mehr auf den Tanz ein und wird obendrein von Halluzinationen geplagt. Nachdem sie einer Beschreibung Boggs folgend auch noch eine Zwischenstation des Entführers ausfindig macht, gesteht sie Mulder ihren Sinneswandel, was bei ihrem Partner allerdings nicht gut ankommt. So ein Verhalten erwarte man von Spooky Mulder, nicht von ihr. Es ist nicht das Eingeständnis bezüglich übernatürlicher Phänomene, das Mulder sich von ihr seit der Pilotepisode gewünscht hat. Nicht so, nicht in diesem Fall.

Eine weitere List, Boggs mit der fingierten Auffindung der Teenager zu konfrontieren, schlägt fehl und auf Scullys Drängen hin, lassen sich die Ermittler auf eine weitere Séance mit dem vermeintlichen Medium ein. Dies führt tatsächlich zu dem entführten Mädchen, aber für Mulder ist es die Kugeltaufe: Er wird zum ersten Mal in der Serie angeschossen und das ausgerechnet an jenem Ort unter einem weißen Kreuz, vor welchem Boggs ihn gewarnt hatte. Das befreite Mädchen identifiziert den Killer als Lucas Jackson Henry (Lawrence King-Phillips), der womöglich Boggs' Komplize in jenen Fällen war, für die er in die Gaskammer soll.

A Cold, Dark Place

Scully sucht das Möchtegernmedium in dessen Zelle auf und verliert zunächst gehörig die Contenance, ehe sie sich mit einem Kunststückchen, welches ebenso gut ein Scharlatantrick sein könnte, nur allzu leicht erneut um den Finger wickeln lässt. Wer sich mit Techniken wie cold reading und dergleichen auskennt, wird Boggs' übersinnlich erhalten klingende Aussagen vermutlich im Konto Barnum-Statement verbuchen. Dies wird von Scully zwar durchschaut, der Wunsch, mit ihrem verstorbenen Vater reden zu können, obsiegt jedoch. Ihr Gegenüber gibt zu, wahnsinnige Angst vor dem Tod in der Gaskammer zu haben, will ihr den Gefallen aber nicht umsonst tun. Quid pro quo.

Special Agent Dana Scully (Gillian Anderson) © FOX
Special Agent Dana Scully (Gillian Anderson) © FOX

Apropos: Die gesamte Szene in Boggs' Zelle erinnert vermutlich nicht ganz zufällig an Hannibal Lecter und FBI-Agentin Clarice Starling aus „The Silence of the Lambs“, denn nicht nur der aus Not geschmiedete Deal mit einem gefährlichen Mörder spiegelt sich hier wider. Auch wird in beiden Fällen die traumatische Beziehung zum Vater der Ermittlerin auf psychologische Weise missbraucht und zur Waffe gemacht. Wohingegen wir bei Lecter jedoch genau wissen, woran wir sind, bleiben selbst dem Zuschauer Zweifel an der Authentizität beziehungsweise Scharlatanerie von Boggs und inwiefern er aus Kalkül oder Verzweiflung handelt, was die Szene umso nervenzerreißender macht.

Entgegen Mulders Rat vom Krankenbett aus, lässt sich Scully ein weiteres Mal auf den Todeskandidaten ein und sichert ihm den gewünschten Deal zu. Dass sie dabei ein dreckiges Spiel spielt und wie gedruckt lügt, um an den Aufenthaltsort von Henry zu erhalten, will ihm hinterher klar gewesen sein. Er warnt Scully trotzdem davor, dem Mörder nicht zum Teufel zu folgen - das sei seine Aufgabe. Während Henry schließlich vor seiner nächsten Tat überführt wird, läuft dieser in der verlassenen Blue Devil Brauerei an dem Bild eines blauen Teufels vorbei und stürzt durch den maroden Boden zu Tode. Boggs hat somit unter Umständen nicht nur den Teenager, sondern auch Scullys Leben gerettet.

Meide den Teufel. © FOX
Meide den Teufel. © FOX

Kurz vor seiner Exekution versichert Boggs der trauernden Agentin, eine Botschaft von ihrem Vater für sie zu haben. Diese soll sie allerdings erst erhalten, wenn sie seinen letzten Momenten in der Gaskammer als Zeugin beiwohnt. Als das Gas bereits die Kammer durchdringt und die Geister seiner zahlreichen Opfer ihn heimsuchen, muss Boggs jäh feststellen, dass Scully nicht erschienen ist. „I was afraid to believe“, erklärt sie Mulder schließlich.

Fazit

Die erste Staffel von The X-Files hat einige sehr starke Episoden zu verzeichnen. Die „The Thing“-Hommage Ice sowie das hervorragende Staffelfinale The Erlenmeyer Flask sind weitere Beweise dafür. Das vielschichtige Charakterstück Beyond the Sea ist allerdings eine Ausnahmefolge, die nicht umsonst auch zu den Favoriten der Akte-X-Macher zählt. Serienschöpfer Chris Carter hat sie zu einer seiner zehn Must-See-Episoden erklärt, Regisseur David Nutter (zuletzt für Game of Thrones tätig) hält die Folge für eine seiner besten Arbeiten und das Autorenteam Morgan und Wong soll angeblich auf die Bezahlung verzichtet haben, damit Brad Dourif engagiert werden kann.

Auf der Darstellerseite bekommen wir unglaubliche Darbietungen sowohl von Gillian Anderson als auch ihrem Gegenspieler in Form von Brad Dourif und ebenso von einem zurückgenommenen, aber präsenten Mulder (Duchovny) geboten. Darüber hinaus geht „Beyond the Sea“ äußerst intelligent mit der Problematik, wie Verletzbarkeit im Angesicht von Trauer selbst die cleversten unter uns in zwielichtige Glaubenssysteme treiben kann, um und flechtet dies elegant in die Handlung ein.

Verfasser: Mario Giglio am Sonntag, 4. Oktober 2015
Episode
Staffel 1, Episode 13
(The X-Files 1x13)
Deutscher Titel der Episode
Die Botschaft
Titel der Episode im Original
Beyond the Sea
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 7. Januar 1994 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 5. Dezember 1994
Autoren
Glen Morgan, James Wong, Frederick Dawson, Cacey Riggan
Regisseure
David Nutter, Lisa Hammer, Kiele Sanchez

Schauspieler in der Episode The X-Files 1x13

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