The Woman in the Wall 1x01

The Woman in the Wall 1x01

Die in Deutschland auf Paramount+ beheimatete Serie „The Woman in the Wall“ befasst sich mit einem der dunkelsten Kapitel der jüngeren irischen Kirchengeschichte und kleidet diesen ernsten Hintergrund in ein außergewöhnlich inszeniertes und gespieltes Drama. Warum wir das Prädikat „absolut sehenswert“ verleihen, lest Ihr im Review zur ersten Folge.

Szenenfoto aus der Serie „The Woman in the Wall“
Szenenfoto aus der Serie „The Woman in the Wall“
© Paramount+

Das passiert in der Episode „Back to Life“ der Dramaserie „The Woman in the Wall“

Das irische Dorf Kilkinure im Jahr 2015: Laura (Ruth Wilson) ist in der Dramaserie The Woman in the Wall eine ehemalige Insassin eines gefürchteten Magdalenen-Heims und schwer traumatisiert. Nachts schlafwandelt sie, wobei es vorkommen kann, dass sie mit einer Axt zum ehemaligen Konvent zieht, um dort zu wüten. Als Father Percy, der sie damals einwies, ermordet aufgefunden wird, nimmt der Dubliner Ermittler DS Colman Akande (Daryl McCormack) im Örtchen Ermittlungen auf und stößt dabei auf eine Mauer des nicht überwundenen Leids.

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Die Hölle der Magdalenen-Heime

Um es direkt am Anfang dieser Rezension zu betonen: „The Woman in the Wall“ bietet eine der beeindruckendsten Pilotfolgen der letzten Monate, die ihr Publikum nicht ohne Nachhall zurücklässt. Gründe für diese Feststellung gibt es einige, zunächst soll jedoch auf das bedrückende Thema hingewiesen werden, dem sich Serienerfinder Joe Murtagh auf so interessante Weise widmet. Die Serie trägt zur Aufarbeitung der sogenannten Magdalenen-Heime bei, die es in Irland seit 1776 gab. Kirchlich betrieben, dienten die Einrichtungen vorgeblich dazu, „gefallene Frauen“ zurück auf den Weg Gottes zu führen. Die Wahrheit sah indes ganz anders aus.

Mädchen und Frauen, die teilweise von ihren Familien, manchmal aber auch von staatlicher Seite und Pastoren in die Konvents eingewiesen wurden, lebten dort wie Sklavinnen und mussten ohne Lohn harte Arbeit bei Mangelernährung und körperlicher Züchtigung ertragen. Häufig nahm man Schwangeren nach der Geburt ihre Babys weg und verschacherte diese an den Höchstbietenden, getarnt als Adoption.

Es ist erschreckend, dass das letzte Haus in Irland erst 1996 geschlossen wurde, wobei Schätzungen davon ausgehen, dass über 10.000 Frauen (mit hoher Dunkelziffer) traumatisiert und über 60.000 Kinder geboren wurden. Wie herzlos die Nonnen mit den hilflosen Frauen umging, beweist eine 2017 durchgeführte Grabung auf dem Gelände eines „Mutter-Kind-Heims“, auf dem man die Überreste von 800 lieb- und gefühllos verscharrten Babys entdeckte.

Grandiose Ruth Wilson

Ruth Wilson auf einem Szenenfoto aus der Serie „The Woman in the Wall“
Ruth Wilson auf einem Szenenfoto aus der Serie „The Woman in the Wall“ - © BBC One/Paramount+

Dass sich ein derartig schweres Thema nicht mit locker beschwingter Heiterkeit angehen lässt, ist nur logisch. Entsprechend traumatisiert stellt die BAFTA-verdächtig aufspielende Ruth Wilson (His Dark Materials) die Hauptfigur Lorna Brady dar. Sie ist zornig und aggressiv und lebt einsam im Haus ihrer verstorbenen Eltern, die für ihre Qualen verantwortlich sind. Zudem plagen sie Ängste und Beklemmungsgefühle. Ihrer Wut kann sie lediglich nachts freien Lauf lassen, wenn sie schlafwandelnd mit einer Axt in der Hand zu den Gebäuden des geschlossenen Konvents zieht, um dort zu wüten.

Wilsons Gestik und Mimik schwanken dabei zwischen panisch und vor Rachelust irre. Die Schauspielerin offenbart eine große emotionale Bandbreite, die überaus facettenreich und glaubwürdig daherkommt, womit wir sehr nah an die Gefühlswelt der Figur herankommen. Eine interessante Kameraführung mit wackelnden oder perspektivisch schräg gestellten Close-ups sowie düsterer Beleuchtungen sorgen zusätzlich für eine unverwechselbar persönliche Note.

Es ist nur folgerichtig, dass sich „The Woman in the Wall“ zunächst einige Minuten Zeit nimmt, diese komplexe Persönlichkeit näher zu beleuchten. Auch erfahren wir recht schnell, warum Laura so dysfunktional gezeichnet ist. Sie repräsentiert das Trauma von tausenden Frauen, deren Geschichte bis heute in Irland kaum aufgearbeitet ist und die von von Seiten der katholischen Kirche noch immer auf eine Entschuldigung warten.

Drama in Kilkinure

Doch nicht nur Lauras Schicksal spielt im Örtchen Kilkinure eine Rolle. Eine Reihe von Frauen unterschiedlichen Alters leben im Dorf und müssen mit einer totgeschwiegenen Vergangenheit leben. So erfahren wir beispielsweise, dass es einige Jahre vor dem thematisch relevanten Mord an den eingangs erwähnten Father Percy eine kircheninterne Untersuchung gab, in denen das Heim als „Trainingscamp“ klassifiziert wurde. Mit anderen Worten gibt es viele Frauen, unter anderem Lornas Bekannte Niamh (Philippa Dunne, Bodies), die ein Motiv für den Mord gehabt hätten.

Daryl McCormack auf einem Szenenfoto aus der Serie „The Woman in the Wall“
Daryl McCormack auf einem Szenenfoto aus der Serie „The Woman in the Wall“ - © BBC One/Paramount+

Als Kontrast fungiert der Dubliner Detective Sergeant Colman Akande, der Father Percy ebenfalls kannte und ihm seine Karriere verdankt. Er schätzte und liebte den Geistlichen, weshalb er die Tat unbedingt aufklären will. Als er beginnt, im Dorf Fragen zu stellen, muss er jedoch erfahren, dass sein Soutane tragendes Idol nicht nur ein fürsorglicher Würdenträger war, sondern eine große Schuld auf sich geladen hat, für die augenscheinlich jemand nun Sühne forderte. Die Befragungen der Betroffenen geraten dabei zur Belastungsprobe für ihn und das Publikum. Zu erschütternd sind die Erzählungen der Frauen, als dass man sie glauben möchte, obwohl sie nur allzu wahr sind.

Der Verdacht, dass Laura den Pfarrer schlafwandelnd umgebracht hat, wird in der Pilotfolge durch ein weiteres Ereignis forciert, das mit einer kleinen Prise schwarzer Humor gewürzt ist, die ohnehin immer mal wieder in die Story einfließt. Als Laura nach einem Streit im Pub ohnmächtig wird und sich morgens auf dem Sofa ihres Hauses wiederfindet, entdeckt sie in ihrem ehemaligen Kinderzimmer eine Leiche.

Die Tatsache, dass es sich dabei ausgerechnet um die Nonne handelt, die ihr damals ihr Neugeborenes wegnahm, kompliziert die Sache ungemein, obwohl das Gefühl überwiegt, dass sie trotz ihrer unbeabsichtigten nächtlichen Eskapaden unschuldig ist. Doch wer könnte der Mörder sein und - falls eine der Frauen die Tat begangen hat - will Akande dies am Ende überhaupt noch aufklären? Das sind womöglich die zwei Kernfragen, die die Pilotfolge aufwirft und die es in den weiteren fünf Episoden zu beantworten gilt.

Fazit

The Woman in the Wall ist bedrückend, erschütternd, unkonventionell erzählt und mit einer herausragend gespielten Hauptfigur gesegnet. Ruth Wilson ist eine Meisterin ihres Fachs, der man mit Daryl McCormack einen starken Counterpart an die Seite gestellt hat. Doch auch die Nebenfiguren, allen voran der zynisch angehauchte Sgt. Aidan Massey, gespielt von Simon Delaney (The Fall) müssen sich nicht verstecken.

Anhand der eindrucksvollen Thematik ist ein gut gewähltes Ensemble auch bitternötig, zumal die Serienmacher, wie bereits erwähnt, ein wenig schwarzen Humor einfließen lassen, der ebenso gut platziert wie gespielt sein muss. Im Verbund mit der erwähnten Mordgeschichte ergibt sich im Gesamtbild ein beachtenswerter und markanter Einstieg in eine Serie, die Unterhaltung auf hohem Niveau verspricht.

Viereinhalb von fünf Punkten

Hier zunächst der Originaltrailer zur Serie „The Woman in the Wall“:

Und hier abschließend noch der deutschsprachige Trailer zur Serie „The Woman in the Wall“ bei Paramount+:

Verfasser: Reinhard Prahl am Samstag, 20. Januar 2024

The Woman in the Wall 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(The Woman in the Wall 1x01)
Titel der Episode im Original
Back to Life
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Sonntag, 27. August 2023 (BBC One)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 20. Januar 2024
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Samstag, 20. Januar 2024
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Samstag, 20. Januar 2024
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Samstag, 20. Januar 2024
Regisseur
Solene Guichard

Schauspieler in der Episode The Woman in the Wall 1x01

Darsteller
Rolle
Daryl McCormack

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