The Witcher 1x01

The Witcher 1x01

Kurz vor den Feiertagen beschert uns Netflix mit seiner heiß erwarteten Adaption der Fantasyserie The Witcher, die Buchleser, Gamer und Neulinge zugleich von sich überzeugen will. Kann dies mit dem Einstieg gelingen?

Szenenfoto aus der neuen US-Serie The Witcher (c) Netflix
Szenenfoto aus der neuen US-Serie The Witcher (c) Netflix
© zenenfoto aus der neuen US-Serie The Witcher (c) Netflix

In The Witcher streift Geralt of Rivia mit seinem treuen Pferd Roach durch das Land und erledigt gegen Bezahlung Aufträge, bei denen er die Monsterprobleme der Menschen beseitigt. Dabei versucht er, sich - so gut es geht - aus den Angelegenheiten der Bürger herauszuhalten, seien es Könige, Magier oder Bauern, denn als Witcher nimmt er eine neutrale Haltung ein. Diese Philosophie lässt sich jedoch nicht immer so einfach durchsetzen, da er immer wieder in politische Spielchen und Intrigen verwickelt wird und sich durch moralische Grauzonen navigieren muss.

Erwartungen

Als ich hörte, dass es eine Adaption der „Witcher“-Saga geben wird, herrschte bei mir eine gewisse Vorfreude, denn zum einen ist neuer Fantasystoff immer willkommen und zum anderen ist die von Romanautor Andrzej Sapkowski geschaffene Welt umfangreich, lebendig und voller Potential für sowohl kleinskalierte als auch epische Geschichten mit charismatischen Figuren und moralischer Ambivalenz, welche von unseren Hauptcharakteren umschifft werden muss.

Um meine Sichtweise für alle Leser in eine passende Perspektive zu rücken, sollte ich erwähnen, dass ich mich auf dem Spektrum der Vorkenntnisse eindeutig in die Ecke der Gamer einordne - als jemand, der alle drei Teile mit Hingabe und Genuss durchgezockt hat. Auf der Seite der Bücher habe ich den ersten Band sowie die Kurzgeschichtenbände gelesen, welche mir in Relation zu den Spielen allerdings nicht mehr so präsent sind. So oder so haben sich dadurch gewisse Erwartungen aufgebaut, die dadurch auch ein Stück weit von den bekannten Games geprägt wurden. Ob diese erfüllt oder enttäuscht wurden, werde ich im Folgenden mit Bezug auf die ersten drei Episoden (und kleinere Punkte darüber hinaus) erläutern und dabei, was essentielle Plotpunkte anbetrifft, weitestgehend spoilerarm bleiben.

Wie ist die Story von The Witcher aufgebaut?

Die Geschichte von „The Witcher“ setzt vor der eigentlichen Saga ein und greift in den ersten Episoden Elemente aus den Sammlungen der Kurzgeschichten „Sword of Destiny“ und vor allem „The Last Wish“ auf, welche die Einleitung in die Serie darstellen. Dabei spaltet sich die Erzählung in drei Parts auf, welche unterschiedliche Situationen aus dem Leben unseres Protagonistentrios, bestehend aus Geralt (Henry Cavill), Ciri (Freya Allan) und Yennefer (Anya Chalotra) vortragen. Die Bezeichnung Protagonistentrio trifft deshalb zu, da Ciri und Yennefer ähnlich viel Zeit zugesprochen bekommen wie Geralt selbst und ihre Wege, wie bereits früh angedeutet wird, an einem gewissen Punkt zusammenführen.

In Bezug auf Geralt konzentriert man sich dabei sowohl auf Ereignisse, die Verbindungen zu Ciri schaffen, als auch auf Abenteuer, die ihm seinen Ruf schon bald vorauseilen lassen. Bei Ciri selbst wird ihre Herkunft als Prinzessin von Cintra und der Grund für ihr Exil beleuchtet, während man sich bei Yennefer auf ihren Aufstieg als Zauberin an der Magierakademie Aretuza und anschließende Aufträge konzentriert.

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Wie gut funktioniert der Einstieg als Witcher-Neuling?

Dieser Punkt ist gleich eines der großen Mankos der Serie, denn die Einführung in die „Witcher“-Welt verläuft alles andere als einsteigerfreundlich. Schnell wird man etwa am Königshof von Cintra mit diversen Namen und Königreichen konfrontiert, die einem natürlich noch nichts sagen können und so ist es auf die Schnelle eher schwierig, Empathie mit den Figuren zu empfinden, nachdem wir mitbekommen, dass Nilfgaard dort einmarschiert. Spätestens beim Council of Wizards, bei dem alle möglichen Zauberer über diverse Personen und Orte diskutieren und die Geschicke der Northern Kingdoms leiten, kann man auch als Zuschauer, der mehr mit der Materie vertraut ist, das Wiki nebenbei öffnen, um dem ganzen Namedropping folgen zu können. Dass wir zwischen den Episoden dann ohne Vorwarnung auch noch in der Zeitlinie hin- und herspringen, macht das Ganze definitiv auch nicht einfacher.

Es ist ja in Ordnung, dass man die Zuschauer nicht komplett an die Hand nehmen will, jedoch sollte die Serie als alleinstehendes Medium insofern in sich schlüssig aufgebaut sein, dass man mit den gegebenen Informationen dem Plot richtig folgen kann, was vor allem als „Witcher“-Neuling nur sehr bedingt funktioniert. Es fehlt an vielen Ecken einfach an Exposition oder zumindest rudimentären Vorstellungen, um den Zuschauer etwas besser zu leiten, denn oftmals fallen viele Begriffe einfach ohne Kontext. Mit fortschreitender Handlung bessert sich dies allerdings auch etwas, da in einigen Episoden ein örtlich reduzierter Ansatz verfolgt wird. Sobald man storytechnisch auf kleinerer Ebene arbeitet, zeigt sich die Serie generell von einer deutlich besseren Seite.

Die Charaktere & ihre Darsteller

Natürlich steht und fällt eine Fantasyserie, die sich statt eines Ensemble-Casts auf drei Protagonisten konzentriert, ein Stück weit auch mit seinen Hauptfiguren und ihren Darstellern. Da hätten wir allen voran natürlich Henry Cavill als Geralt. Er kann erfreulicherweise die Präsenz aufbauen, die man sich von ihm erhofft. Mimik, Gestik und das stoische „hmmm“, was wir öfters zu hören bekommen, da Geralt kein Freund ausschweifender Reden ist, sind kleine Puzzleteile, die sich zu einem sehenswerten Ganzen zusammenfügen. Denn Cavill hat nicht nur das Format, eine Figur wie Geralt originalgetreu mit eigener Note und mit Hingabe darzustellen, er meistert diese Aufgabe auch merklich. Dabei darf man vor allem auch die (Schwert-)Kampfszenen loben, die Geralts flüssigen Kampfstil wunderbar einfangen und deren Choreografien sich sehen lassen können.

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Netflix - © Netflix

Yennefer wird eine ausführliche origin story zuteil, die sich mit der Entdeckung ihrer Kräfte sowie ihrer Ausbildung und Transformation befasst. Es dauert zwar etwas, bis ihre Geschichte mit wirklich interessanten Entwicklungen in Gang kommt, dafür widmet man ihr aber immerhin genügend Spielraum und macht deutlich, welche Ambitionen sie antreiben. Anya Chalotra ist mit ihren 23 Jahren eine sehr junge Wahl für einen der komplexeren und vielschichtigeren Charaktere des „Witcher“-Universums und ob sie dieser Aufgabe gewachsen ist, lässt sich zu einem späteren Zeitpunkt sicher besser beurteilen. Im Verlauf der Staffel wird sie zunehmend inflationär als (zugegebenermaßen effektives) unbekleidetes eye candy eingesetzt, um die generelle Freizügigkeit der „Witcher“-Welt zu verdeutlichen. Allerdings sind die Momente dafür auch etwas ungeschickt gewählt, denn während man in dafür passenderen Gelegenheiten, wie vielleicht ihren Aufstieg als Magierin im leuchtenden Pool in Aretuza, darauf verzichtet, gibt es dafür diverse Szenen, in denen nackte Haut zumindest eher optional war.

Ciri ist diejenige, die zu Beginn auf ihrem Weg am wenigsten Charakterzeichnung erfährt. Wir begleiten sie zwar ein gutes Stück auf ihrer Reise, lernen dabei aber nur wenig über ihre Persönlichkeit. Selbst nach fünf Episoden könnte ich ihr ehrlich gesagt keine wesentlichen Charaktereigenschaften zuweisen. Dementsprechend ist für ihre Figur noch Luft nach oben.

Toss a coin to your witcher

Gebt Eurem „Witcher“ eine Münze und werft dabei am besten gleich den ganzen Geldbeutel hinterher, denn offenbar kann er es gebrauchen. Hiermit kommen wir nämlich zum größten Defizit der Serie: der Optik beziehungsweise zu dem Eindruck, dass es an jeder Ecke am Budget für die Umsetzung mangelt. Während in manchen Fällen die Kulissen künstlich wirken können, ist dies vergleichbar mit den leider furchtbaren CGI-Effekten noch zu verkraften. Gleich Geralts erste Begegnung mit einem Monster bereitet auf die schwache Qualität der Effekte vor, die einen leider an vielen Stellen aus der Immersion reißen.

Das gilt nicht nur für Monster, sondern auch für Establishing-Shots, wenn wir etwa Städte oder Schlachtfelder aus der Vogelperspektive gezeigt bekommen, denn diese wirken sie viel zu künstlich. Spätestens in der vierten Episode bekommen wir zudem einen Effekt aufgetischt, der so schwach aussieht, dass es einen von der eigentlich spannenden Handlung der Folge ablenkt und man sich fragt, wieso es niemandem auffällt beziehungsweise man nicht ausnahmsweise Maskeneffekte benutzt, um solch ein Desaster zu umgehen.

Der Sogfaktor ist da

Das hört sich natürlich in der Summe jetzt tendenziell recht negativ an, doch mit voranschreitenden Episoden bessert sich einiges und ein gewisser Sogfaktor stellt sich ein, der einen zum Weiterschauen verführt. Man stumpft letztlich ein Stück weit speziell gegen die optischen Defizite ab und je kleiner der gezeigte Kosmos und das Setting werden, desto besser kann man sich auf die Figuren und die Handlung einstellen. „Witcher“ ist und bleibt eben Fantasy mit umfangreicher Basis und es braucht nun mal in diesem Genre ein wenig Zeit und Exposition, bis das Ganze runder läuft. Doch dieser Effekt stellt sich tatsächlich dann auch zunehmend ein.

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Schwächen kaschieren

Speziell in Bezug auf die bereits bestellte zweite Staffel haben die Macher jetzt mit dem anstehenden Feedback Zeit, die Problemzonen der Produktion auszubügeln. Man solle sich seiner Schwächen ganz besonders in Bezug auf die Effekte klar sein und es ist letztendlich absolut machbar, diese zu umgehen: Monster müssen nicht in ihrer vollen Pracht dargestellt werden und es gibt zahlreiche Regiekniffe, mit denen man die Darstellung und Nutzung von CG-Effekten in ihrem Umfang einschränken kann, ohne dass es wirklich auffällt. Wichtig ist auch, die Alleinstellungsmerkmale der „Witcher“-Welt insgesamt besser zu betonen, denn viele bisher gezeigte Elemente wirken zu vertraut und generisch.

Stärken betonen

Gerade dem lässt sich Abhilfe schaffen, denn eine der zentralen Stärken von The Witcher sind die moralischen Grauzonen, durch die Geralt navigiert und die sich dadurch oft ergebenden Dilemmata, die auftreten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Klimax der ersten Episode rund um Prinzessin Renfri (Emma Appleton), von der ich auch gerne noch etwas mehr gesehen hätte. Man sollte an manchen Ecken möglicherweise seine Ambitionen einfach etwas zurückschrauben und die kleineren Schicksale und Abenteuer stärker in den Vordergrund stellen. Denn deren Inszenierung gehört nicht nur zu den besseren Momenten der Serie, sondern sie ist auch ein wichtiger Bestandteil der Identität von „The Witcher“. Geralts zahlreiche Erlebnisse liefern nämlich genügend Stoff, um nicht zwangsläufig in einem epischen Rahmen operieren zu müssen und die oftmals tragischen Geschichten veranschaulichen bestens, worum sich der Kern des Franchises dreht. Dabei geht es auch immer wieder durchaus explizit zur Sache - ein Mantra, welches die Macher bereits definitiv verinnerlicht haben.

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Fazit

The Witcher ist ein Projekt, das an vielen Stellen über seine Ambitionen stolpert. Teils grässliche Effekte und die fehlende Orientierung des Zuschauers in der komplexen Welt haben die unangenehme Tendenz, diesen aus der Immersion zu reißen beziehungsweise verhindern es etwas, dass man überhaupt erst so richtig eintauchen kann. Dieser Knackpunkt bessert sich im Laufe der Staffel, die dadurch trotzdem ihre Sogwirkung entfalten kann. Dazu tragen auch ein guter Hauptdarsteller in Form von Henry Cavill sowie schön choreografierte Kampfszenen bei und wenn sich die Geschichte auf einen kleineren Cosmos konzentriert, gewinnt sie spürbar an Qualität hinzu. Es steckt so unglaublich viel Potential in dem Stoff, doch die teils zu generische Umsetzung kann dieses leider nur selten richtig abrufen. Dazu gibt es eben zahlreiche behebbare Baustellen, welche das Erlebnis trüben, zu denen als erste Hürde vor allem auch die mangelnde Einsteigerfreundlichkeit für diejenigen zählt, die bisher nicht mit der Materie vertraut sind.

Hier abschließend noch der Serientrailer zu The Witcher:

Verfasser: Tim Krüger am Freitag, 20. Dezember 2019

The Witcher 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(The Witcher 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Des Endes Anfang
Titel der Episode im Original
The End's Beginning
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 20. Dezember 2019 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 20. Dezember 2019
Autor
Lauren Schmidt
Regisseur
Alik Sakharov

Schauspieler in der Episode The Witcher 1x01

Darsteller
Rolle
Henry Cavill
Freya Allan
Eamon Farren
Lars Mikkelsen
Jodhi May
Adam Levy
Björn Hlynur Haraldsson

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?