The Wilds: Der Absturz - Review der Pilotepisode

© he Wilds (c) Amazon Prime Video
Eigentlich hat sich Netflix in den letzten Jahren bei gewissen Zuschauergruppen den Ruf erspielt, dass sie nur noch Serien für eine sehr junge Zielgruppe produzieren. Amazon Prime Video hat hingegen bisher recht selten im Young-Adult-Bereich probiert. Das ändert sich mit der neuen Serie The Wilds, hinter der die Daredevil-Autorin Sarah Streicher steht, während Amy B. Harris (The Carrie Diaries) den Showrunner-Posten innehat.
Worum geht es in The Wilds?
Schon nach wenigen Minuten werden diverse Assoziationen geweckt, denn „Der Herr der Fliegen“ mit einem größtenteils weiblichen Ensemble oder Lost sind Referenzen, die dem geneigten Zuschauer schnell ins Hirn schießen können. Fest steht aber auch: einen mind fuck wie „The Prisoner“ sollte man nicht erwarten.
Es geht um eine Gruppe von Teenagermädchen, die fast alle im Duo Passagiere eines Privatflugzeuges sind, das sich auf dem Weg zu einem Empowerment-Event für junge Frauen befindet. Das Flugzeug kommt in Turbulenzen und stürzt auf einer einsamen Insel ab. Nun müssen die grundverschiedenen Mädchen ihre Überlebenskills demonstrieren und mit sehr wenigen Mitteln das Beste aus der gefährlichen Situation machen. Dabei setzen die Macher wie beim großen und in diesem Fall unvermeidlichen Vorbild Lost auf Flashbacks zurück ins normale Leben. Zunächst jedoch zeigt man uns einen längeren Expositionsmonolog über die Alltagsprobleme von Teenagern, die vielen verschiedenen Erwartungen und gesellschaftlichem Druck ausgesetzt sind, ob nun im Familienleben, im Nebenjob, im Schulalltag, in der Sexualität oder bei sonstigen Dingen. Dies soll zeigen, dass jede ganz individuelle Probleme hat, von denen die meisten wohl normalerweise nichts ahnen.
Die Duos kennen einander kaum oder nur flüchtig und es sind relativ viele unterschiedliche Typen dabei. Diese entsprechen auf dem ersten Blick diversen Stereotypen, dazu gehören die Oberflächliche, die Sportliche, die Schlaue, die Schüchterne, die Religiöse, die Außenseiterin und weitere Typen, die vielleicht erst später so richtig klarwerden.
Im Auftakt ist unsere Blickwinkelfigur Leah Rilke (Sarah Pidgeon), die eigentlich keinen triftigen Grund hat, mit dem Rest der Mädels an Bord zu sein. Anders als der Rest ist sie nämlich völlig allein dabei. Im Laufe der Folge erfahren wir, dass sie kürzlich eine Trennung durchgemacht hat. Allerdings handelt es sich dabei um einen Buchautoren, den sie bezüglich ihres Alters etwas vorgelogen hat und in dessen Richtung sie eine Obsession entwickelt hat. Besagter Autor hat sich allerdings - und das muss man klar sagen - bei dieser Affäre nicht gerade mit Ruhm bekleckert und sich zu vorschnell darauf eingelassen, ohne zu bedenken, dass sie jünger sein könnte, als sie vorgibt zu sein... In diesem ganzen Handlungsbogen schwingt immer etwas Unbehagliches mit und ich bin mir wirklich unsicher, was ich davon halten soll.
Die Serie verrät bereits am Anfang, dass gewisse Charaktere (allen voran Leah) die Insel lebendig verlassen und über unterschiedliche verschachtelte Flashbacks erfahren wir dann sowohl von der Zeit vor der Reise als auch von der auf der Insel. Strukturell gesehen ist es aber manchmal etwas zu viel der Sprünge und das sage ich als jemand, der alle Folgen von Lost, Arrow und die anderer Rückblickserien geschaut hat. In den anderen Episoden stehen dann wohl andere Mädchen im Mittelpunkt. Aus Zeitmangel habe ich in diesem Fall bisher nur die Auftaktfolge Der Absturz sehen können.
What was so great about the lives we left behind?

Die Autoren versuchen in der einstündigen Folge, die große Anzahl an Figuren möglichst differenziert vorzustellen und nutzen dabei den Flug für kleine Vorstellungsspielchen. Das gelingt aber nicht immer oder überfordert zumindest manchmal meine Aufmerksamkeit. Ich bin da eher ein Fan von weniger ist mehr, wobei ich verstehen kann, was man versucht. Denn: Überzeugt der Einstand nicht zum Weiterschauen, verliert man die Zuschauer eben. Gleichzeitig muss aber auch der Absturz und die Orientierungsphase auf der Insel untergebracht werden, bei welchen dann wieder Stärken und Schwächen der Charaktere präsentiert werden. Für ihr junges Alter sind die Frauen immerhin sehr ressourcenreich unterwegs, ergänzen sich in ihren Fähigkeiten und halten die Verluste (zunächst) in Grenzen. Schnell zeigen sich auch Freundschaften, Probleme und Rivalitäten.
Persönlich hat es mir dabei mehr Spaß gemacht, den Flug und die Momente nach dem Absturz zu verfolgen als Leahs Flashbacks, die mir ein wenig auf die Nerven gegangen sind. Vielleicht hätte man die Laufzeit dennoch insgesamt verkürzen können.
Die jungen Schauspieler sind auf den ersten Blick ordentlich gewählt und mir sind sie bisher größtenteils auch nicht aus anderen Produktionen bekannt, was ich begrüße. Noch ist es für mich aber zu früh, hier Favoriten oder Nervensägen zu selektieren. Dennoch frage ich mich, wie realistisch es ist, sich in einer solchen Extremsituation gegenseitig Steine in den Weg zu legen oder auf Oberflächlichkeiten zu reduzieren, wenn das eigene Überleben von jedem Einzelnen abhängen kann. Ohne hätte man aber auch kein Drama und keinen Konflikt, der sich auf zehn Stunden verteilen lässt.
Beim Anschauen der ersten Folge bemerkte ich aber auch, dass ich nicht unbedingt zur Zielgruppe gehöre, obwohl ich die Formatidee und das Genre eigentlich ganz gerne in anderen Kontexten mag. Etwas jüngere Zuschauer dürften sich aber in den Figuren wiederfinden und ihren Spaß haben. Die Handlung ist vielleicht nicht ganz so drüber wie bei einem Pretty Little Liars, aber die Fans dieser Serie schalten wohl eher ein als ich. Bisweilen gibt es aber auch cringe-Potential.
It's a twist!
Auf der Zielgeraden der ersten Folge wird derweil ein Twist präsentiert, der dann aber doch so abstrus ist, dass ich versucht bin, ein wenig dranzubleiben. Denn fast wie aus dem Nichts kommt die Offenbarung, dass das Erlebte wohl nicht ganz so zufällig war, wie die Mädchen denken. Vielmehr gibt es einen leichten „Cabin in the Woods“-Vibe und auch etwas, was bei Lost in späteren Staffeln erst gelüftet wurde. Irgendwer sitzt nämlich am Kontrollhebel und manipuliert die jungen Frauen. Eine von ihnen stirbt übrigens auch und scheint sogar eine Agentin gewesen zu sein...
Fazit
Man kann sich den Auftakt von The Wilds sicherlich zu Gemüte führen und findet eine Serie, die das Untergenre Inseldrama bestimmt nicht revolutioniert, aber vor allem für eine jüngere und weibliche Zielgruppe interessant sein könnte. Für mich macht das Gesehene schnell den Eindruck eines Guilty Pleasures und ich bleibe neugierig. Ob ich direkt weiterschaue, muss sich zeigen.
Die erste Episode von ,The Wilds' ist vom 11. Dezember (21.00 Uhr) bis zum 25. Dezember kostenfrei über die Amazon-Prime-Video-Kanäle bei YouTube, Instagram, Twitter und Facebook abrufbar. Zwischen dem 11. und 25. Dezember ist die erste Episode zudem auf Prime Video auch für alle Amazon-Kunden ohne Prime-Mitgliedschaft kostenlos zum Streamen verfügbar.
Hier abschließend noch der Serientrailer zur US-Serie „The Wilds“: