Die neue ABC-Mysteryserie The Whispers reiht ein Mysterium an das nächste und schafft es doch nicht, eine interessante oder überhaupt nur nachvollziehbare Geschichte zu etablieren. In der Pilotepisode X Marks the Spot reiht sich ein Genreklischee an das nächste.

Lily Rabe als Claire Bennigan in „The Whispers“ / (c) ABC
Lily Rabe als Claire Bennigan in „The Whispers“ / (c) ABC

Das US-Network ABC will offensichtlich immer noch nicht aufgeben, einen legitimen Nachfolger für seinen Serienhit Lost zu finden. An eine lange Reihe gescheiterter Projekte fügt sich nun auch The Whispers an, eine weitere Mysteryserie, die nicht versteht, dass das Beste an „Lost“ nicht die vielen Mysterien waren, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen und ihre emotionalen Auswirkungen.

What is that thing?

Die Serienmacher und Programmverantwortlichen zeigen mit diesem Format, dass sie die falschen Rückschlüsse aus der brutalen Konkurrenzsituation auf dem amerikanischen Fernsehmarkt gezogen haben. Sie glauben wohl, dass man heute nur noch aus der Masse neuer Dramaserien herausstechen kann, wenn man nicht nur ein Mysterium als Prämisse etabliert, sondern gleich mehrere, die auch noch alle irgendwie zusammenhängen. Die Pilotepisode von The Whispers gerät deshalb so unübersichtlich, dass ich schnell das Interesse verloren habe.

Ich will mich trotzdem einmal an den vielen Querverbindungen versuchen. Die Serie beginnt mit einem Mädchen, Harper (Abby Ryder Fortson), das Stimmen von einem imaginären Freund mit dem ominösen Namen „Drill“ hört. Auf dessen Befehl manipuliert sie das höchste Baumhaus der Welt so, dass ihre Mutter Amanda (Autumn Reeser) abstürzt und beinahe stirbt. Dieser Fall weckt die Aufmerksamkeit des FBI, das deswegen seine Kinderexpertin Claire Bennigan (Lily Rabe) aus dem Trauerurlaub holt.

Sie hat ihrerseits ein schweres Schicksal zu tragen. Vor drei Jahren hat ihr Sohn Henry (Kyle Harrison Breitkopf) bei einem Unfall sein Gehör verloren. Erst kürzlich ist dann auch noch ihr Ehemann Sean bei einem Flugzeugabsturz - er war Pilot eines Kampfjets - ums Leben gekommen. Diese Gewissheit hat aber nur bis zum Ende der Episode Bestand, denn da kommt heraus, dass Sean noch am Leben ist. Er läuft in Gestalt von Milo Ventimiglia durch amerikanische Vorstädte und jagt Kindern und Eltern Schrecken ein. Selbst kann er sich jedoch an nichts erinnern - nicht mal an seinen Namen. Irgendwie kommuniziert aber auch der ominöse Drill durch ihn und mit den Kindern, die er zu diversen Mordanschlägen anstiftet.

Harper ist nämlich nicht die einzige, die Besuch vom Einflüsterer bekommt. Auch Minx (Kylie Rogers) erhält beunruhigende Nachrichten von Drill, die sie zunächst aber (noch) nicht zum Anschlag auf ihre Mutter Lena (Kristen Connolly) anstiften, sondern nur bedrohliche Botschaften aussprechen lassen. Lenas Ehemann Wes (Barry Sloane) weilt indes im Auftrag des Verteidigungsministeriums in Afrika, wo er einen mysteriösen Flugzeugabsturz untersuchen soll.

When a kid gets old they turn

Und, oh Wunder, welch Zufall - das Flugzeug ist ebenjenes, mit dem Sean abgestürzt ist. Weil keine Leiche zu finden ist, muss er noch am Leben sein. Wes wendet sich mit dieser „frohen“ Botschaft sofort an Claire. Warum er sich ausgerechnet an sie wendet? Weil die beiden eine Affäre hatten! In dieser Serie ist nämlich alles mit jedem und allem verbunden. Um all diese ominösen Zusammenhänge noch zu toppen, bekommt Wes am Ende den Auftrag, sofort zurückzukommen. Die Befehlshaber im Verteidigungsministerium haben wohl schon eine Ahnung, was es mit dem mysteriösen Flugzeugabsturz in der Wüste auf sich haben könnte.

Am Ende bekommt auch Henry Besuch von Drill, der ihm Gehör und Sprache wiederschenkt. Gleichzeitig findet Claire anhand einer Zeichnung von Minx und eines Magazinartikels über den US-Präsidenten heraus, dass ein Anschlag auf das Weiße Haus geplant ist. Ich glaube, damit habe ich den Plot der Pilotepisode ausreichend dargestellt. Wem nun der Kopf raucht: Keine Sorge, mir ging es genauso. Was an all diesen Querverbindungen, Zusammenhängen und Mysterien interessant sein soll? Keine Ahnung.

Es gibt sicherlich Zuschauer, die die vielen Mysterien von Lost als interessantesten Teil der Serie erachteten. Ebenjene Zuschauer werden an The Whispers eventuell Gefallen finden. Sie müssen sich dann aber auch darauf einstellen, dass es wohl keine zufriedenstellende Auflösung dieser Rätsel geben wird. Ich bin ja der Meinung, dass es eine solche zufriedenstellende Auflösung gar nicht geben kann, weil die Erwartungen zu unterschiedlich und oftmals auch zu hoch sind.

Diese neue Serie versucht es trotzdem - mehr noch: Sie stopft so viele Mysterien in eine Episode wie andere Formate in eine ganze Staffel. Kinder, die Stimmen hören, plus eine Regierungsverschwörung plus Außerirdische? Mein Interesse daran liegt nahezu bei null. Lost-Macher Damon Lindelof hat aus dem Fiasko seines Serienfinales die richtigen Schlüsse gezogen und es bei HBO mit The Leftovers besser gemacht. Dort steht nicht das Mysterium im Zentrum, sondern die Reaktionen der Menschen darauf. In The Whispers gibt es keine Menschen, sondern nur menschliche Plotelemente.

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