The Walking Dead 1x01

The Walking Dead 1x01

Sie kommen. Obwohl: waren sie nicht immer schon da? The Walking Dead erzĂ€hlt von einer Zivilisation, die kannibalistische ZĂŒge angenommen hat und sich selbst nicht zu genĂŒgen scheint. Serienjunkies.de-Redakteur Vladislav Tinchev sitzt mit einem ScharfschĂŒtzen-Gewehr auf der Terrasse und harrt der Zombies, die da kommen.

Keine Gnade in The Walking Dead / (c) AMC
Keine Gnade in The Walking Dead / (c) AMC

Durch den Vormarsch von Vampiren und Werwölfen in Film und Fernsehen gerieten die Zombies in letzter Zeit in Vergessenheit. Ihr letztes AufbĂ€umen in Filmen wie „28 Days Later“ und „Resident Evil“ diente der Inszenierung apokalyptischer Szenarien um die Jahrhundertwende. Da aber der drohende Weltuntergang ausblieb, widmete man sich anderen ErzĂ€hlungen, vor allem den stilisierten und idealisierten Vorstellungen vom ewigen Leben und der damit verbundenen Romantik.

Vampir-Stories geben genug Stoff her, um zwischenmenschliche Beziehungen mit großen GefĂŒhlen fesselnd auf den Bildschirm zu bringen: Das Horrorgenre ist heutzutage sexy und geht Race- und Genderfragen nach.

Zombies wiederum sind streng genommen sozio-politisch, gar geopolitisch. Sie sind nicht sexy. Sie fĂŒhlen nichts. Sie sind nicht auserwĂ€hlt. Sie SIND. Die Wurzeln ihrer Geschichte liegen im Proletariat. Zombies sind Voodoo-Erzeugnisse: Sie wurden von Voodoo-Priestern erschaffen, um auf den Feldern Haitis zu arbeiten. Ihr Eintritt in unsere erzĂ€hlte Welt war also nicht bösartig, sondern rein ökonomisch motiviert.

WĂ€hrend die Zombies ursprĂŒnglich im Dienste des Systems standen, begannen sie in ErzĂ€hlungen wie den Comic-BĂŒchern "Tales From the Crypt" oder dem Roman "I Am Legend" in den FĂŒnfzigern zu "rebellieren", um dann 1968 in „Night of the Living Dead“ (George Romero) ihr Flaggschiff zu finden. Die Zombies machten sich daran, das System, in dessen Dienst sie standen, zu zerstören, auszulöschen. Sie entwickelten sich zur Kritik der Konsumgesellschaft, die, immer hungrig nach mehr, an einen Punkt gelangen wird, da sie sich selbst auffrisst. Ein Thema, das heute aktueller erscheint denn je!

Als ich von der Verfilmung von The Walking Dead seitens AMC hörte, griff ich sofort zu den Comic-BĂŒchern. "GlĂŒcksgriff" ist die richtige Bezeichnung! Die Arbeiten von Robert Kirkman starten langsam und brauchen Zeit, aber dann entfachen sie ihr ganzes Potential und können auch diejenigen ĂŒberzeugen, die die Möglichkeiten einer solchen GenreerzĂ€hlung in Serie als begrenzt betrachten.

Der Rhythmus der ComicbĂŒcher - dem die Serie, nach dem Piloten zu urteilen, zu folgen scheint - gleicht der Entwicklung der Zombies selbst als Genre. Die ersten Zombies auf dem Blidschirm waren langsam, gar trĂ€ge, mĂŒhsames Fortbewegen erzeugte den Horror als das ultimative Anderssein im Vergleich zur normalen Bewegung. SpĂ€ter wurden sie immer schneller und beweglicher und beschnitten damit unsere Möglichkeiten zu entkommen. Wie ein US-Kritiker spaßeshalber anmerkte, wird unser Ende dann eintreten, wenn die Zombies anfangen, Auto zu fahren: wenn sie also lernen, sich der Erzeugnisse des Systems zu bedienen, das sie zerstören: der Konsumgesellschaft.

Ein Bild aus dem The Walking Dead-Piloten kann als Metapher fĂŒr die Abwesenheit der Zombies auf dem kleinen Bildschirm stehen: „Don't Open. Dead Inside.“ Diese Überschrift an einer TĂŒr, hinter der die lebenden Toten lauern, bezeichnet die Angst der TV-Schaffenden, sich solchen Themen zu widmen. Obwohl: "lauern" ist nicht die richtige Beschreibung. Zombies lauern nicht, sie verweilen. Sie sind ein zeitliches PhĂ€nomen.

Sie reduzieren Zeit auf ihre auch fĂŒr uns wesentliche Bedeutung, die wir mit AktivitĂ€ten verdecken: das Hinausschieben des endgĂŒltigen Todes, so lange es nur geht. Sie reduzieren uns auf die Wahrheit ĂŒber den Menschen: Eine Fressmaschine aus Fleisch und Blut, die ĂŒberleben, dauern will. Sie erinnern uns daran, wohin wir uns unausweichlich bewegen. Alles beginnt und endet mit der Nutzlosigkeit, dem Verlorensein, dem wir tagtĂ€glich zu entgehen versuchen.

Wo spielt sich dann das Drama ab? Dazwischen! Viele verbinden - teilweise auch zu Recht - Zombie-ErzĂ€hlungen mit puren Schlachtorgien. Auch The Walking Dead ist definitiv nichts fĂŒr die Zartbesaiteten, aber der Pilot der neuen AMC-Serie ist keine Splatter-Orgie, sondern eine Feier cinematischer Kunst. Die Serie hĂ€lt sich nicht penibel an die Originalvorlage, aber verĂ€ndert auch nicht zu viel. Eine perfekte Balance ergibt sich teilweise aus den Notwendigkeiten des Mediums.

Geschrieben und gefilmt von Frank Darabont, bietet Days Gone Bye ergreifende neunzig Minuten. Viele davon dominiert absolute Stille. The Walking Dead hat zwar einen klassischen Orchester-Score, aber die Kunst des Piloten steckt im Gebrauch der Stille. Dazu kommen die grandiosen Establishing Shots: in ausgeblichenem GrĂŒn und Sepia gehaltene Bilder vom Verfall der Menschheit. Alles, wonach wir streben - Autos, HĂ€user, GegenstĂ€nde - liegt nutzlos da, so wie wir selbst als Zombies. Gespenstische Stille umgibt diese zerstörte Welt, durch die Rick Grimes (großartig dargestellt von Andrew Lincoln) als Überlebender sich fortbewegt.

Der Polizist Rick Grimes erwacht im Krankenhaus aus dem Koma. Wir sehen Bilder von vorher, als er bei einem Einsatz schwer verletzt wurde. Wenn man es ganz genau nimmt, kommt auch er von den Toten zurĂŒck. Sehr eindrucksvoll finde ich die Szene im Krankenhaus, die sein Aufwachen wie eine Wiederkehr inszeniert: Er bewegt sich mĂŒhsam fort - so wie ein Zombie -, SchlĂ€uche und BĂ€nder hĂ€ngen vom Operationshemd herab... Rick stolpert durch die GĂ€nge, nur um Chaos und Verwesung zu begegnen. Ricks Welt ist verschwunden. Seine Frau und sein Sohn sind verschwunden. Sein Blick auf diese "neue" Welt ist Ă€hnlich wie ein Zombie-Blick, nur geprĂ€gt durch Erfahrung und Erinnerung.

Andrew Lincoln spielt Rick Grimes mit einer Mischung aus Trauer, AutoritĂ€t und noch verbliebener WĂŒrde. Als er spĂ€ter, da sein Auto kein Benzin mehr hat, auf einem Pferd reitet, muss man einfach an Gary Cooper denken. Unter den Strahlen der leuchtenden, aber nicht wirklich wĂ€rmenden Sonne, vor dem Hintergrund eines GemĂ€ldes der VerwĂŒstung, sitzt er in Polizeiuniform auf dem Pferd und reitet Richtung Stadt.

Dieses Bild entspricht einem Überrest der Zivilisation: der neuen und der alten. Die Tage ihrer Existenz sind gezĂ€hlt, wie die einzelnen HufschlĂ€ge auf der leeren Straße. Nur sie sind zu hören, zu fĂŒhlen, wie ein Herzschlag, wie die SchlĂ€ge einer Uhr, die eine ablaufende Zeit zu Ende zĂ€hlt.

Rick reitet Richtung Stadt, um seine Familie zu suchen, aber es ist kein glorreicher Ritt. Es ist ein Ritt in den Untergang, wie wir auf den nĂ€chsten Bildern sehen. In der Stadt wird er von Zombies umzingelt; die Kamera gleitet nach oben und eröffnet den Blick auf ihre Masse, die das Pferd zerfleischt. Was den The Walking Dead-Autoren gelingt, ist nicht nur den Horror auf leisen Sohlen kommen zu lassen, sondern immer wieder eine tiefe Trauer zu suggerieren. „I'm sorry this happened to you“, sagt Rick zu einem pathetisch einher kriechenden Zombie-Torso, dessen gieriges Handausstrecken fast wie eine flehende Geste wirkt.

Rick verpasst ihm einen Kopfschuss und befreit ihn so aus seiner Misere bzw. seiner Nutzlosigkeit. Sterbehilfe fĂŒr einen Zombie? „He used to be like us!“ Diese kleinen Momente mit all dem Schmerz und der WĂŒrde des Menschseins machen The Walking Dead faszinierend.

Neben Rick gibt es weitere Überlebende. Er trifft auf einen Vater mit seinem Sohn, die sich in ihrem Haus verstecken. Sie wollen und können nirgendwo hin: Trauer und Erinnerungen halten sie fest. Lennie James (Jericho) spielt großartig die Zerrissenheit des Vaters und Ehemanns, der sich nicht dazu bringen kann, abzudrĂŒcken: Vors Haus geschlichen kommt immer wieder die Mutter und Ehefrau, ein Zombie. Versucht sie, nach Hause zurĂŒckzukehren - zu einem Leben, das sie nicht mehr lebt?

Ricks Frau Lori (Sarah Wayne Callies) und sein Sohn sind noch am Leben, aber auch ihr Leben ist nicht mehr dasselbe. Wer hat es schlimmer: die toten Lebenden - oder die lebenden Toten?

Über die neue AMC-Serie kann man einfach nur sagen: Please open. Dead inside.

Verfasser: Vladislav Tinchev am Sonntag, 31. Oktober 2010
Episode
Staffel 1, Episode 1
(The Walking Dead 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Gute alte Zeit
Titel der Episode im Original
Days Gone Bye
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 31. Oktober 2010 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 5. November 2010
Autor
Nonso Anozie
Regisseur
Frank Darabont

Schauspieler in der Episode The Walking Dead 1x01

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