The Underground Railroad: Kritik zur alternativen Geschichtsserie bei Amazon Prime Video

© zenenfoto aus der Serie The Underground Railroad (c) Amazon Prime Video
Die sogenannte „Underground Railroad“ (zu Deutsch: „Untergrund-Eisenbahn“) gilt als Hoffnungsschimmer in der düstersten Zeit der US-amerikanischen Geschichte. Die Geheimorganisation half bis 1850 knapp 100.000 Sklaven aus den Südstaaten in den etwas freieren Norden zu flüchten. Harriet Tubman, das Gesicht der Bewegung, landet bald sogar auf dem 20-Dollar-Schein. Sie ist damit nicht nur die erste Person of Color, sondern auch die erste Frau, der diese Ehre zuteil wird.
Die Underground Railroad scheint in der öffentlichen Wahrnehmung heute wichtiger denn je, was sicher auch auf einen 2016 veröffentlichten Bestseller von Colson Whitehead zurückzuführen ist. Der Schriftsteller erweitert in seinem Roman die historischen Fakten mit eigenen Fantasien, um so den Kern der Wahrheit abzubilden. In der Realität wurden die zu Befreienden bestenfalls in klapprigen Kutschen geschmuggelt. Echte Untergrundzüge gab es leider nicht.
Whitehead beantwortet in seinem Werk jedoch die Frage, wie eine buchstäbliche Underground Railroad ausgesehen hätte. Dabei driftet der Autor stellenweise fast ins Science-Fiction-Genre ab, um allen klarzumachen, dass er keinen Anspruch auf Akkuratheit erhebt. Das Buch entfaltet einen typischen Irrtum von Kindern, dem angeblich auch der kleine Barry Jenkins einst aufgesessen ist. Der Regisseur, der für „Moonlight“ mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, ist damit der perfekte Kandidat, um für Amazon Prime Video nun die Serienadaption The Underground Railroad umzusetzen.
Worum geht's?
Die zehnteilige Miniserie spielt Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer Sklavenplantage im Bundesstaat Georgia. Im Zentrum steht die junge Cora, die von der südafrikanischen Senkrechtstarterin Thuso Mbedu verkörpert wird. Sie hat einen besonderen Status, weil einst ihre Mutter auf legendäre Art und Weise flüchten konnte. Für den selbsternannten Sklavenjäger Ridgeway (Joel Edgerton) stellt dieser Vorfall bis heute einen tiefen Kratzer für sein Ego dar. Sein Level an Boshaftigkeit passt in einen Tarantino-Streifen; selbst das tröstliche Singen verbietet er seinen leidgeplagten Zwangsarbeitern.
Der Mythos rund um Cora und das Erbe ihrer Mutter kann erzählerisch natürlich nur auf eines hinauslauf: Auch sie muss bald die Flucht antreten, wodurch Ridgeway wiederum seine zweite Chance kriegt, die Jagd diesmal zu gewinnen. Dabei will Cora zunächst gar nicht flüchten. Ein junger Mann namens Caesar (Aaron Pierre) versucht immer wieder, sie davon zu überzeugen, mit ihm die Underground Railroad zu suchen. Er mag sie, doch sie denkt, dass er in ihr nur eine Art Glücksbringer sieht. Ein grausames Schlüsselerlebnis ändert ihre Meinung schließlich und die Flucht beginnt...

Die Odyssee wird Cora und Caesar von South und North Carolina über Tennessee bis in den Norden führen. Jede einzelne Station beziehungsweise jede Episode bietet neue Eindrücke, die der bekannten Geschichtsschreibung widersprechen und so den Horizont der Zuschauer erweitern. Das Wort Odyssee passt auch deshalb gut, weil wir tatsächlich einen kleinen Homer (Chase W. Dillon) dabei haben. Der schick gekleidete Sklavenjunge ist der Handlanger von Ridgeway, der ihn wie einen Freund behandelt und ihm so das Gehirn gewaschen hat. Eine perfide und doch spannende Dynamik.
Ebenfalls im Ensemble: Justice Leak („The Great Debaters“), William Jackson Harper (The Good Place), Damon Herriman (Justified), Will Poulter („Black Mirror: Bandersnatch“) und Lily Rabe (American Horror Story). Hinter den Kulissen hat übrigens Brad Pitt mit seinem Produktionsstudio Plan B, wo schon S„12 Years a Slave“ entstand, seine Finger im Spiel. Außerdem verdient der besondere Soundtrack von Nicholas Britell (Succession) besondere Erwähnung.
Zur Inszenierung von Barry Jenkins lässt sich feststellen, dass der Regisseur trotz der bedrückenden Thematik sein bereits aus „Moonlight“ und „If Beale Street Could Talk“ berüchtigtes Auge für Ästhetik voll zur Geltung kommen lässt. Um filmisch zu verdeutlichen, dass The Underground Railroad kein reines Dokudrama ist, beschwört er gleich in der ersten Szene der Pilotepisode namens Chapter 1: Georgia surreale Effekte und Traumvisionen herauf.
The Underground Railroad geht stilistisch weniger in Richtung The Good Lord Bird oder Underground als zum Beispiel Lovecraft Country oder THEM. Ein fortlaufender, interessanter Trend von Schwarzen Serienmachern, die schlimmsten Kapitel der Black History mit übernatürlichen Elementen anzureichern, um die wichtigen Ereignisse so auch einem modernen Publikum eindringlich erfahrbar zu machen, das vielleicht schon etwas abgestumpft ist.
Fazit
Alles in allem sichert sich „The Underground Railroad“ sofort unsere Aufmerksamkeit. Der Regisseur Barry Jenkins hat für Amazon Prime Video eine Miniserie kreiert, die mit filmreifen Produktionswerten glänzt und eine sehr relevante Geschichte kreativ und künstlerisch frei aufarbeitet. Fans von kontrafaktischen Historiendramen wie The Man in the High Castle oder The Plot Against America dürften besonders interessiert sein, einen Blick in den Zehnteiler reinzuwerfen.
Sicherlich eine der Serien, über die auch noch am Ende des Jahres diskutiert wird. Sollte man unbedingt sehen.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie The Underground Railroad auf Amazon Prime Video:
Hier kannst Du „The Underground Railroad: Staffel 1“ bei Amazon.de kaufen