The Umbrella Academy 2x10

© zenenfoto aus der zweiten Staffel von The Umbrella Academy (c) Netflix
Die Comicreihe „The Umbrella Academy“ von My-Chemical-Romance-Frontmann und Comic-Autor Gerard Way sowie Zeichner Gabriel Ba, die 2007 zum ersten Mal erschienen ist, hat sich bei Netflix zu einem weltweiten Serienhit entwickelt und schnell eine zweite Staffel nach sich gezogen. Ich bin schon seit dem ersten Erscheinen damit vertraut und war gespannt, wie man einen solchen abgefahrenen Stoff zur TV-Serie machen kann. Abstriche mussten dabei gemacht werden, aber das ist gar nicht schlimm, denn andernfalls hätte man die ganze Geschichte wohl nur animieren können.
Nun ist seit kurzem auch die zweite Staffel online und ich will gar nicht drumherum reden, denn nach diesem Cliffhanger muss es zwingend eine dritte Staffel geben, sonst würden die Fans wohl den Netflix-Untergang heraufbeschwören...
Dallas 1963
Die neue Staffel kommt mit zehn frischen Episoden daher und setzt am ersten Cliffhanger rund um die Zeitreise der Familie nach Vanyas (Ellen Page) Ausraster an, denn jahrelang glaubt sie, dass sie nur gewöhnlich sei, dabei hat Vater Reginald sie nach Strich und Faden manipuliert und sogar die eigene Schwester gegen sie eingesetzt, damit sie vergisst...
Es sah am Ende der Debütstaffel nach einem halbwegs glimpflichen Ende aus, weil per Teamarbeit ein Teilerfolg erzielt werden kann, ehe der Mond durch einen Energiestrahl getroffen wird und die gesamte Erde zu zerstören droht. Also muss Number 5 (Aidan Gallagher) etwas tun, was er sich bisher nicht traute - und mit mehreren Menschen zeitreisen. Das kann nur schiefgehen, weil es bisher nicht erprobt war. Es verschlägt alle - getrennt voneinander - ins Dallas der 1960er Jahre, in welchem sie jährlich versetzt ankommen. Also wird der Familienbund schneller wieder getrennt, als manchem lieb ist. Denn wie schon in der ersten Staffel gibt es auch in der neuen Staffel viel Grund zum Streiten und Zetern, wobei man diesmal gefühlt etwas häufiger an einem Strang zieht.
Schnell merken sie, dass die Geschichte anders ist als ihnen bekannt, denn Number 5 sieht 1963 ein Horrorszenario: Die Russen fallen in die USA ein und der nukleare Holocaust scheint nah. Gerettet wird er nur durch einen älteren Hazel (Cameron Britton), der ihm einen letzten Gefallen tut und so eine zweite Chance ermöglicht. Also muss Five seine Geschwister versammeln und davon überzeugen, die Apokalypse abzuwenden. Zunächst scheint es so, dass das Kennedy-Attentat verhindert werden muss, wobei ein Familienmitglied offenbar zu den Mitverschwörern gehört, doch dann kommt es etwas anders. Hat Vanya oder haben zumindest ihre Kräfte wieder mal etwas mit dem drohenden Untergang zu tun? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht...

Zunächst müssen die Hargreeves-Geschwister wieder zusammenkommen. Das ist komplizierter, als es scheint, denn manche mussten oder haben ein neues Leben in den 60ern begonnen. Diego (David Castaneda) wurde eingewiesen und lernt dort Lila (Ritu Arya) kennen, die ihm nicht nur beim Ausbruch hilft, sondern auch eine romantische Beziehung mit ihm eingeht. Ihre Geschichte ist aber noch viel komplizierter und steht mit der Commission rund um Kate Walsh aka The Handler in Verbindung. Vanya kann sich an ihr vorheriges Leben zunächst nicht erinnern, findet sich auf einer Farm wieder und spielt die Nanny für eine Familie und deren besonderen Sohn Harlan, der eine Art psychische Krankheit hat.
Mit Mutter Sissy (Marin Ireland, Sneaky Pete) beginnt sie derweil eine Affäre. Bald merkt Vanya aber, dass sie zerstörerische Kräfte hat, die sie beim Retten des Jungen vor dem Ertrinken einsetzt und so eine Kette von Ereignissen auslöst, die im Showdown noch von Belang werden. Zunächst wirkt es so, als würde sich Vanyas Geschichte wiederholen, aber die Macher rund um Showrunner Steve Blackman finden dann doch interessantere Konflikte, in die sie sie verwickeln können. Dennoch sind manche Storylines und Situationen doch relativ vertraut und ähnlich zur ersten Staffel. Der Grundplot beziehungsweise die große Katastrophe, die verhindert werden muss, hat sich eben nur zeitlich in eine andere Dekade verschoben. Allerdings wird spätestens zur Halbzeit klar, dass genug Abwechslung vorhanden ist, denn die aufregende Dekade der 60er bietet für alle Familienmitglieder eine Frischzellenkur.
Swinging Sixties als Neuanfang

Klaus (Robert Shehaan) gründet in den 60ern einen Kult, hat Spaß an Orgien, zitiert Songlyrics als Lebensweisheiten und hat nur Ben (Justin H. Min) als Astralkörper an seiner Seite. Klaus versucht, seinen Schwarm aus dem Vietnamkrieg zu retten, muss jedoch einsehen, dass so ein Vorhaben nicht unbedingt zu seinen Gunsten ausgeht. Ben verliebt sich derweil in ein Kultmitglied, muss sich aber auf das Besitzergreifen von Klaus' Körper einlassen, wenn er seine Gefühle zum Ausdruck bringen will. Zudem sagt Klaus den Geschwistern nichts zu Bens Anwesenheit. Luther (Tom Hopper) arbeitet als Preisboxer für einen Mafioso und hilft ihm, mit abgekarteten Kämpfen Geld zu machen, indem er die Kampfvorgänge nach seinen Wünschen gestaltet. Er vermisst Alison (Emmy Raver-Lampman), der er in Staffel eins zwar kurzzeitig seine Liebe gestand, dann wurde die Zeit allerdings wieder zurückgedreht. Die unterschwelligen Gefühle sind jedoch weiterhin da und Luther immer noch ein gigantischer Mann mit großem Herz und komplizierter Gefühlslage.
I heard a rumor...
Alison hat sich von ihrer Stimmbandverletzung erholt und landet in einem segregierten Amerika, inmitten der frühen Bürgerrechtsbewegung, wo schwarzen Menschen etwa die Bedienung in Diners und Restaurants verweigert wird. Also veranstalten sie größtenteils friedliche Sit-in-Proteste, um diesen Zustand zu ändern. Alisons Story ist für mich eine der interessantesten dieser Staffel, weil sie auch durch den Tod von US-Bürgerrrechtler John Lewis (und dessen Comic-Memoiren „March“) jüngst wieder in mein Bewusstsein gespült wurde und mich weiter schockiert, was für widerwärtige Regeln dort noch vor rund 50 Jahren galten. Sie hier als Storyline zu thematisieren, kann dabei helfen, dass man nicht vergisst, wie viel im Kampf gegen einen institutionellen Rassismus noch getan werden muss.
Alison hat in ihrer Zeit in den Sechzigern geheiratet und ist nun mit Raymond Chestnut (Yusuf Gatewood, The Originals) zusammen, der jedoch lange Zeit nichts von ihrer Suggestionsfähigkeit weiß. Man fragt sich unweigerlich irgendwann, warum sie ihre Kräfte nicht für ihren Kampf gegen die Oppression einsetzt, aber die Staffel gibt die Antwort darauf und zeigt auf beeindruckende Art und Weise, was dann geschehen kann, besonders auch auf einer persönlichen Ebene. Etwas in Vergessenheit gerät aber der Fakt, dass sie in der Gegenwart eine Tochter hat.
Kreativ eingegroovt

Die zweite Staffel von The Umbrella Academy fühlt sich für mich insgesamt runder an. Das fängt damit an, dass man sich nicht sklavisch an eine Episodenlauflänge von einer Stunde klammert, sondern meistens unter 50 Minuten bewegt, manchmal sogar in Richtung 45 oder 42 Minuten geht. Das hilft meiner Meinung nach bei den Punkten Flow und Kurzweile.
Dennoch wird eine der aufwendigsten und beeindruckendsten Szenen schon im Auftakt benutzt. Es geht um die alternative Vergangenheit, in der Five landet und die auch vorab schon als Sneak Peek veröffentlicht wurde. Besser und epischer wird es auf dieser Effektebene zumindest nicht, aber das macht auch nichts, weil man genug andere Ideen und Sticheleien hat, die die Zuschauer bei Laune halten. Die Dynamik der Figuren untereinander, aber auch die Ergänzung neuer Figuren ist in meinen Augen vortrefflich gelungen.
Die Geschichte rund um Vanya und Sissy ist eine wunderbar melodramatische Storyline mit ihren Höhen und Tiefen und bisweilen durchaus etwas vorhersehbarem Ablauf, besonders, was Sissys Ehemann angeht. Aber immerhin ist Pages Figur nicht wieder in einer toxischen Beziehung gefangen, ohne es zu merken, sondern erhält etwas mehr queeres Empowerment.

Don't go chasing waterfalls...

Auch bei Klaus kommen queere Themen zum Tragen, die vortrefflich zur Zeit passen, welche nun mal eine Ära der Extreme war, aber das war bei ihm andererseits schon in der ersten Staffel so. Die Swinging Sixties mit dem Motto der freien Liebe in manchen Kreisen treffen auf militärischen Machismo und konservatives Konformitätsdenken in der Storyline um seinen Schwarm, der sich seiner Sexualität zu diesem Zeitpunkt Prä-Vietnam einfach noch nicht bewusst ist. Ungeschickt ist dabei seine Herangehensweise, ihn gegenüber seinem Verwandten zum Outing zu zwingen, da kommt der verplante Klaus an seine charakterlichen und irgendwo auch ignoranten Grenzen, die durch sein modernes, sorgenfreies und substanzgeschwängertes Heranwachsen auf ihn abfärben. Immer wieder witzig sind die geklauten Songzitate.
Apropos Musik: Die musikalische Auswahl ist größtenteils wieder grandios und kann nicht nur einige passende Klassiker aus den 60ern vorweisen, sondern auch internationale Coverversionen moderner Hits, wie zum Beispiel Adeles „Hello“ auf Schwedisch, eine alternative Version von Billie Eilishs „Bad Guy“, aber auch „Backstreet's Back“ von den Backstreet Boys und viele weitere. Wunderbar ist wieder einmal auch, wenn Ellen Page völlig unbeholfen tanzen darf, aber auch ein Engtanz zwischen Diego und Lila gehört zu den musikalischen Höhepunkten.
Mambo Number 5

Auch diverse Kampfszenen sorgen für kurzweilige Unterhaltung und sind in der Regel sauber und anständig choreografiert, so dass sie einfach Spaß machen. Witzig ist etwa auch, wenn Five auf sein Älteres ich trifft oder Diego sich mit seinem Vater im Kampfduell misst. Insgesamt darf Five relativ oft glänzen, den Tag retten oder durch seine Teleportierkraft einige coole Sequenzen bestreiten. Zum Brutalsten gehört dabei ein Ausflug in die 80er Jahre, der für seine Ziele ziemlich blutig endet.

Kopfschmerzen könnte man manchmal von den vielen Zeitreisen bekommen und den Deals, die Five mit diversen Parteien angeht sowie den geheimen Absprachen, die hinter den Kulissen verabredet werden. Denn nicht immer sind die Loyalitäten unter den Figuren, besonders was die Commission angeht, klar, was aber auch den Reiz der Erzählung ausmacht. Zudem dauert es bis zum Finale, ehe es eine große Offenbarung rund um Lila, nämlich ihre Besonderheit, ihre Kräfte und ihre Vergangenheit angeht.
Auf der Schurkenseite haben wir es nicht nur mit der Commission zu tun, sondern auch mit einem schwedischen Killertrio mit weißen Haaren... Und auch sonst gibt es wieder herrlich abgedrehte Gestalten, wie zum Beispiel A.J. mit seinem Fischglas als Kopf und die einfachen Agenten der Commission, die irgendwie putzig sind...
Der neue Cliffhanger

Achtung! Es folgen explizite Spoiler zum zweiten Staffelfinale und dem Cliffhanger für Staffel drei! Die Hargreeves-Geschwister können mit mehr Glück als Verstand den Tag erneut retten. Denn dort taucht The Handler (Kate Walsh) mit einer ganzen Armada von Agenten auf, um die Umbrella Academy aus dem Weg zu räumen. Ihr gelingt es sogar fast, alle mit einer Maschinenpistole zu durchlöchern. Bis auf Five, der seine letzte Kraft für einen Sprung einige Sekunden zurück in der Zeit nutzen kann und somit weiß, was passieren wird.
Denn der letzte Überlebende schwedische Killer taucht ebenfalls auf und schießt den Handler tot (diesmal wohl wirklich). Lila kann vorher fliehen. Wie es scheint, wurde auch sie am schicksalhaften Tag 1989 geboren und ist im Prinzip ein verlorenes Mitglied des Heldenclans. Weil wir jetzt im tiefen Spoilerteil sind, kann auch verraten werden, dass sie die Fähigkeiten der anderen blocken beziehungsweise kopieren kann, weswegen es ihr zwischenzeitlich gelingt, die Protagonisten mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Five kann den Schweden zu einem Waffenstillstand bringen und hat sich gleichzeitig seiner Erzfeindin entledigt, die immer wieder ihr Wort gebrochen hat, ihm aber auch nützlich war. Ein anderer Deal mit ihren Untergebenen und jetzigen Nachfolgern wurde ebenfalls vorher schon unter Dach und Fach gebracht, so dass das neue Management der Umbrella Academy wohlgesonnener daherkommt, nun, da die Apokalypse verhindert ist... Diese war diesmal übrigens nicht Vanyas Schuld, zumindest nicht im finalen Moment. Kurz sah es so aus, als würde sie das FBI-HQ zum Explodieren bringen und somit die Geschichte ändern, doch es ist Sissys Sohn, der nach seiner Lebensrettung Teile von Vanyas Kräften erhält, die Kontrolle verliert und so den Frieden bedroht. Nebenbei ist da noch die Sache mit dem Handler, ihren Agenten der Commission, Lila und überhaupt... Es ist alles wirklich so chaotisch, wie es sich vielleicht gerade liest.

Durch einen Zeitreisekoffer der von Vanya besiegten Agenten kann die Familie also wieder den Rückweg in ihrer Zeit antreten oder es zumindest versuchen, denn, als man Zuhause auftaucht, ist nicht nur Daddy Reginald (Colm Feore) am Leben (der wurde übrigens für einen JFK-Attentäter gehalten), sondern auch Ben ist quicklebendig. Das Institut, das die sechs Hargreeves vorfinden, ist jedoch nicht die Umbrella Academy, sondern die Sparrow Academy, was auch immer das heißt. Hatte Lila ihre Finger im Spiel und hat die Zeit zu ihren Gunsten manipuliert, als der Rest beschäftigt war? Oder ist es eine Konsequenz ihres Einmischens in den Zeitstrom? Alles ist möglich, wie es scheint. Nun heißt es abwarten, ob und wann Staffel drei folgt. Die Comics jedenfalls haben bisher drei große Storylines: „Apocalypse Sweet“ (Staffel eins), „Dallas“ (grobe Vorlage für Staffel zwei) und jüngst „Hotel Oblivion“ (plus einige One-Shots). Mehr Material wäre also noch da.
Fazit

Es fällt wirklich schwer, bei dieser Serie alles auf halbwegs kohärente Weise anzusprechen und unterzubringen. Vieles kann nur angeschnitten oder am Rande erwähnt werden. Am besten schaut man also selbst rein. Glücklicherweise ist die zweite Staffel von The Umbrella Academy überaus kurzweilig geworden, so dass man das sehr einfach machen kann. Vielleicht nicht als Quereinstieg losgelöst von der ersten, die sollte man schon gesehen oder im Kopf präsent haben. Aber im Zusammenspiel aus der ersten und dem Nachfolger kommt hier eine solide neue Season heraus, die manche alte Schwäche ablegt und sich lieber auf die Stärken, wie zum Beispiel die grandiosen Figuren und die abstrusen Konzepte, konzentriert. Das ist bei weitem nicht so verkopft wie ein Legion oder Watchmen und längst nicht so experimentell wie die Comicvorlage - zumindest, was die TV-Version angeht. Aber deswegen ist es nicht minder unterhaltsames Popcorn-Fernsehen.
Hier abschließend noch der aktuelle Trailer zur zweiten Staffel der Netflix-Serie „The Umbrella Academy“:
Hier kannst Du „The Umbrella Academy Vol. 1: Apocalypse Suite“ bei Amazon.de kaufen
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 3. August 2020(The Umbrella Academy 2x10)
Schauspieler in der Episode The Umbrella Academy 2x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?