The Umbrella Academy 1x01

© ??The Umbrella Academy“
Comicadaptionen sind und bleiben en vogue. Es gibt genügend Serienkonsumenten, die der unzähligen Geschichten über strahlende oder gefallene Superhelden mittlerweile sehr überdrüssig sind. Doch das Genre ist nach wie vor ein steter Quell an neuen Formaten, die sich an beliebten Comics und Graphic Novels orientieren - und ihren Leserinnen und Lesern schon länger so viel mehr anbieten, als „nur“ den nächste Rächer (wahlweise auch in einem ausgefallenen Kostüm) mit außerordentlichen Kräften. Die Welt der Comics ist vielfältig, neben klassischen Heldengeschichten werden hier auch Themen und Charaktere abgebildet, die das Medium auf ganz andere Art und Weise bereichern. Dabei wird das Superheldengenre gerne mal komplett vernachlässigt und gänzlich andere Bereiche werden bespielt. Manchmal werden bekannten Mustern aber auch neue Kniffe gegeben, um etwas Neues und im Idealfall sogar Originelles aus der Taufe zu heben.
Die neue Netflix-Serie The Umbrella Academy, die am heutigen Freitag, den 15. Februar 2019 ihre weltweite Premiere feiert, und die dazugehörige Vorlage aus der Feder von Gerard Way und Zeichner Gabriel Bá fallen wohl eher in die zweite Kategorie. „The Umbrella Academy“ wird dem Superheldengenre zugeordnet, doch diese Klassifizierung ist eigentlich nur die halbe Wahrheit. Die mehrteilige Comicreihe, deren erster Band 2007 veröffentlicht wurde, und auch die Serie selbst weisen zahlreiche Elemente bekannter Superheldengeschichten auf. Diese werden wiederum in ein turbulentes Familiendrama verpackt, in dem völlig unterschiedliche Außenseiter in einen Topf geschmissen und vor eine unmögliche Aufgabe gestellt werden. Die Bewältigung dieser ist dabei ebenso wichtig wie die Bewältigung diverser Traumata der Figuren, die komplizierten Beziehungen zwischen ihnen und ihre gemeinsame Vergangenheit.
Die Serie, die von Steve Blackman entwickelt und Drehbuchautor Jeremy Slater geschrieben wurde, beginnt relativ verhalten und führt unverzüglich die Protagonisten dieser außergewöhnlichen Erzählung ein, von denen ein jeder einzigartig ist - oder auch nicht. Die Prämisse lautet wie folgt: Im Jahr 1989 sind 43 Kinder exakt zur gleichen Zeit auf die Welt gekommen, einfach so, geboren von Frauen, die zuvor keine Anzeichen einer Schwangerschaft zeigten. Sieben von diesen kleinen Rackern wurden von dem exzentrischen und sehr wohlhabenden Unternehmer, Weltenbummler und Wissenschaftler Sir Reginald Hargreeves (Colm Feore) adoptiert und in der Folge zu einer heldenhaften Gruppe von Menschen mit besonderen Fähigkeiten ausgebildet. Die adoptierten Kinder verfügen über spezielle Fähigkeiten, die sie im Kampf gegen das Böse einsetzen sollen. Die von Hargreeves gegründete „Umbrella Academy“ dient als Zuhause sowie als Lehrstätte für die lieben Kleinen, die von ihrem Adoptivvater einfach nur durchnummeriert und langsam auf die größte Herausforderung in ihrem Leben vorbereitet werden.
Sprung ins Hier und Jetzt: Sir Reginald Hargreeves hat den Löffel abgegeben und die Brüder und Schwestern der Umbrella Academy kommen nach langer Zeit wieder zusammen, gut 30 Jahre, nachdem ein jeder von ihnen auf die Welt gekommen ist. Sie alle haben unterschiedliche Wege eingeschlagen, ihre glorreichen Heldentage sind längst passé. Während manch einer von ihnen pflichtbewusst das Vermächtnis ihres Vaters ehren will, sprechen andere unverblümt das aus, was jeder denkt: Sir Reginald Hargreeves war ein kalter Bastard, nicht in der Lage dazu, seine Adoptivkinder zu lieben, immer nur in Gedanken daran, sie besser zu machen, sie mit großen Gefahren zu konfrontieren, auch wenn am Ende ein hoher Preis dafür gezahlt werden musste. Die Familie ist sich uneins, zerstritten und mehr als fremd, daran ändert auch der Tod ihres Oberhaupts nicht viel. Doch das eigentliche Problem kommt erst noch: In wenigen Tagen wird die Welt untergehen. Und einzig die Mitglieder der Umbrella Academy können dies verhindern.
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Eine der großen Stärken von The Umbrella Academy ist die Vielfalt der Charaktere und die Besetzung der Serie. Diesen Vorzug führt man äußerst prominent ins Feld, allen voran in der sehr gelungenen Pilotepisode, in der uns ein hervorragendes erstes Gefühl für die Netflix-Produktion gegeben wird. „The Umbrella Academy“ ist wild, abwechslungsreich, aufbrausend und ruhig zugleich, zurückhaltend sowie sehr direkt und impulsiv. Was sich vom ersten Moment an so reizvoll gestaltet, ist die Summe aller zentralen Figuren, die hier aufeinandertreffen, die zu einer dysfunktionalen Familie zusammengeschweißt wurden und mit ausreichend Abstand zu der guten alten Zeit erkannt haben, unter welchen unschönen Umständen sie eigentlich groß und erwachsen geworden sind.
Während sich der designierte Anführer Luther (No. 1, Tom Hopper), ein massiver, kräftiger Hüne, fest an die verklärte Vergangenheit klammert, rechnet sein ewiger Rivale, Messernarr Diego (No. 2, David Castaneda), eiskalt mit dem verstorbenen Vater ab. Allison (No. 3, Emmy Raver-Lampman), Meisterin der Manipulation, hat längst Karriere gemacht und andere Sorgen und Klaus (No. 4, Robert Sheehan, absolut exzellent) ist ein Drogenjunkie, der seine Schmerzen mit der nächstbesten Pille stillt. Eines der Kinder ist früh gestorben (Ben, No. 6), ein anderes irgendwann einfach verschwunden, bis es plötzlich aus dem Nichts wieder auftaucht (No. 5, Aidan Gallagher), um das Ende der Welt zu verhindern. Und dann ist da noch Vanya, No. 7 (Ellen Page), die nie irgendwelche Kräfte hatte und nicht wirklich eine Rolle innerhalb der Hargreeves-Familie gespielt hat, wodurch sie geprägt und emotional schwer verletzt wurde.
Die Auswahl an grundverschiedenen Charakteren ist üppig und die Serie taucht vor allem im späteren Verlauf tiefer in die unterschiedlichen Einzelschicksale ein, was mal besser und auch mal weniger gut funktioniert. Zu Beginn der Serie werden die Figuren eher angerissen, doch das reicht auch aus, weil sie und die gesamte Konstellation so außergewöhnlich sind, dass man sehr gerne mehr über diese Bande erfahren möchte. Stellt Euch die „X-Men“ vor, aber noch etwas abgewrackter, bunter und nicht wirklich nobel, sondern von Zynismus und Galgenhumor gezeichnet. Über ein paar hervorragende Montagen tauchen die Zuschauer in die Lebenswelten der Protagonisten ein, die in alle möglichen Richtungen gegangen sind beziehungsweise gehen mussten. Aber ebenso, wie sie sich voneinander entfernt haben, verbindet sie doch auch das gleiche Schicksal, dieses ungewollte, ungewöhnliche Familienband, was ebenfalls in einer wunderbaren Szene (I think we're alone now...) gekonnt illustriert wird.
Regisseur Peter Hoar (Altered Carbon, Daredevil, Marvel's Runaways), Drehbuchautor Jeremy Slater und Serienschöpfer Steve Blackman lösen in der Auftaktfolge von „The Umbrella Academy“ vieles über Musik, und das zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte erste Staffel der Serie. Comicschöpfer Gerard Way, Frontmann und Co-Gründer der mittlerweile aufgelösten Band My Chemical Romance, hat einen Posten als ausführender Produzent inne und man merkt, wie wichtig ihm die musikalische Gestaltung der Serie ist, die sich zu besonderen Höhen aufschwingt, wenn Ton und Bild in einer mitreißenden Symbiose miteinander verschmelzen. Die Songauswahl ist nicht immer wahnsinnig originell, dafür aber stets passend und hervorragend darauf abgestimmt, was man den Zuschauern mit auf dem Weg geben möchte.
Das ist zu Beginn der Serie eigentlich nur ein Gefühl für diese Serienwelt und die Charaktere. Die Pilotepisode macht das, was jede gute Pilotepisode machen sollte: Sie weckt unser Interesse, sie füttert uns geschickt an. Bevor die gut 60-minütige Folge vorüber ist und der vermeintliche Clou der Serie - die bevorstehende Apokalypse - offenbart wird, möchten wir mehr über die Figuren, ihren Werdegang, ihre Mentalität und ihre Probleme erfahren. „The Umbrella Academy“ hat uns in diesem Augenblick am Haken. Mit seiner speziellen Mischung aus klassischen Musikstücken und 80er-Jahre-Pop, mit den sonderbaren Mitgliedern der Familie Hargreeves, mit der „Do-or-Die“-Prämisse der Serie, mit den vielen kurzweiligen set pieces, die sich hier abspielen. Man will mehr davon. Und besser kann eine Serie eigentlich nicht starten...

Ausblick auf die gesamte Staffel (spoilerfrei)
Die erste Folge von The Umbrella Academy hat bei mir also einen sehr positiven Eindruck hinterlassen, doch wie sieht es mit dem Rest der zehnteiligen ersten Staffel aus? Unsereinem wurden insgesamt neun Folgen zur Verfügung gestellt (das Finale hat man wohl wissentlich ausgelassen, wobei anscheinend später auch noch die zehnte Episode zur Sichtung bereitgestellt wurde, die ich jedoch im Vorfeld dieser Kritik nicht gesehen habe), zu denen ich Euch an dieser Stelle gerne einen kleinen, vornehmlich spoilerfreien Ausblick geben möchte. Das Hoch der Pilotepisode kann zum Beispiel in den darauffolgenden paar Episoden nicht ganz gehalten, geschweige denn konserviert werden. „The Umbrella Academy“ stürzt bei weitem nicht komplett ab, doch es wirkt öfters so, als hätten die Verantwortlichen vielleicht zu viel Spaß an ihren skurrilen Charakteren, als dass es handlungstechnisch wirklich vorangeht. Ein Problem, unter dem bekanntermaßen viele Netflix-Produktionen leiden...
Dadurch tritt der Plot lange Zeit etwas auf der Stelle, was ein wenig unbefriedigend sein kann. Jedoch findet man auch Möglichkeiten, diese Schwäche aufzufangen. Zum Beispiel durch die Charaktere, die sich einem immer mehr erschließen, wenn auch recht langsam und nicht immer vollends fokussiert. Eine „Mitschuld“ daran trägt einfach die große Vielfalt an Figuren, was zur Folge hat, dass einige Episoden ein wenig zerstückelt daherkommen und gelegentlich ein nicht ganz so runder Erzählfluss zu beobachten ist. Das die Macher wiederum so viel Freude an den Charakteren haben, bereitet auch uns Zuschauern phasenweise großen Spaß. Neben den Angehörigen der Umbrella Academy tritt zum Beispiel auch ein zeitreisendes Auftragskillerduo auf den Plan (ja, auch das Thema Zeitreisen ist von großer Bedeutung in der Serie), Cha-Cha und Hazel, das kaum besser in diese absurde Welt passen könnte.
Allen voran der imposante Hazel, der angesichts seiner blutigen Berufung mit einer teils irritierenden Gelassenheit von Cameron Britton (Ed Kemper in Mindhunter) verkörpert wird, avanciert schnell zu einem kleinen Liebling. Der herausragende Darsteller der Serie ist jedoch Robert Sheehan, der sich einst mit Misfits einen Namen gemacht hat und als drogenabhängiger Lebemann Klaus sich in einer für ihn perfekten Rolle wiederfindet. Sein Charakter durchläuft einen äußerst emotionalen Handlungsbogen, den man anfangs nicht erwarten würde, und Sheehan brilliert sowohl als exzentrischer Tunichtgut als auch als verletzlicher, bemitleidenswerter Freigeist, dessen Fähigkeit, mit den Toten kommunizieren zu können, mehr Fluch als Segen ist. Ellen Page, deren Figur Vayna ein dunkles Geheimnis umgibt, blüht derweil gerade zum Ende der Staffel auf, während David Castaneda in seiner Rolle als finster vor sich hinbrütender Diego am ehesten ins Hintertreffen gerät.
Bei den restlichen Darbietungen und Charakteren ist mal etwas mehr Licht (eine kleine Romanze zwischen Luther und Allison), mal etwas mehr Schatten (die teils nervtötende Dickköpfig- und Selbstgefälligkeit von No. 5) mit dabei, am Ende kann sich aber jeder Zuschauer seinen Favoriten rauspicken und ohne Probleme auf der Suche nach einer potentiellen Identifikationsfigur fündig werden. Was darüber hinaus auffällt, ist die Tatsache, dass „The Umbrella Academy“ dramaturgisch gesehen sehr gewöhnlich ist. Die Prämisse und die Charaktere mögen besonders und einzigartig sein, doch die Art und Weise, wie die Geschichte abläuft, gestaltet sich da doch sehr klassisch, wenn nicht sogar stellenweise sehr vorhersehbar. Aber irgendwie kann ich der Serie diese Einfachheit verzeihen, denn nicht nur die Umsetzung ist trotz ein paar Abstrichen im Großen und Ganzen mehr als stimmig, auch die Figuren wachsen einem - wenn auch sehr gemächlich - sukzessive immer mehr ans Herz.
Inmitten all der Weltuntergangsstimmung lassen sich so zahlreiche herzliche, ehrliche und gefühlvolle Momente finden, in denen etwaige Superkräfte, apokalyptische Bedrohungen und altbackene daddy issues (davon gibt es mehr als genug) zur Nebensache werden und die Charaktere sich einander anvertrauen, Geschwisterrivalitäten hinten anstellen und erkennen, was sie alle durchgemacht haben und dass sie nur noch sich haben. Immer dann, wenn The Umbrella Academy dieses spezielle Konstrukt einer wild zusammengewürfelten Familie in den Vordergrund stellt, deren eigentümlichen Mitglieder auch mal zur Interaktion gezwungen werden müssen, und sie so eine ungewöhnliche Einheit bilden lässt, dann entfaltet diese Serie ihr wahres Potential. Der eigentliche Plot wird dann schon fast zur Randnotiz. Und dann fällt es auch weniger ins Gewicht, wenn dieser hier und da etwas zu wünschen übrig lässt oder gar zu zäh abläuft.
Hier noch der deutschsprachige Trailer zur ersten Staffel von The Umbrella Academy:
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 15. Februar 2019The Umbrella Academy 1x01 Trailer
(The Umbrella Academy 1x01)
Schauspieler in der Episode The Umbrella Academy 1x01
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