The Terror 2x01

© he Terror: Infamy (c) AMC
Diese Kritik bezieht sich auf die ersten fünf Episoden von The Terror: Infamy.
Die erste Staffel der Anthologieserie The Terror, die im März 2018 auf dem US-Kabelsender AMC ihre Premiere feierte und hierzulande via Amazon Prime Video zu sehen ist, war für viele Zuschauer allen voran eine atmosphärische Meisterleistung. Das abenteuerliche Unterfangen britischer Seeleute, eine Nordwestpassage nahe der Arktis zu erkunden, war aber auch ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass eine komplexe, einnehmende Gruselgeschichte nicht immer auf einem metaphysischen, ungeheuerlichen Übel fußen muss (selbst, wenn dieses in Form der Fabelgestalt des Tuunbaq gegeben war), sondern man den speziellen Antrieb für eine Erzählung dieser Art mit den richtigen Mitteln und der richtigen Methodik an ganz anderer Stelle finden kann: Nämlich bei den Protagonisten selbst, den Menschen, die im Horrorgenre nur allzu gerne als die eigentlichen Monster entlarvt werden, sich ihrer Monstrosität aber nur selten bewusst sind.
Während im Laufe der zehnteiligen ersten Staffel von „The Terror“ die unterschiedlichen Charaktere mühevoll seziert und langsam ihre wahren Wesenszüge ob ihrer unbeschreiblichen Notlage offenbart wurden, was letztlich zu weitaus schrecklicheren Szenen führte als einige brutale Angriffe auf die Seefahrer von außen, schlägt die zweite Staffel, namentlich „The Terror: Infamy“, nun einen leicht anderen Weg ein. Es geht nach wie vor darum, dass es der Mensch selbst ist, der angesichts einer herausfordernden Situation furchtbare Entscheidungen trifft, mit denen anderen Schaden zugefügt wird. Doch, wo Staffel eins noch ein wenig abstrakter und allgemeiner das eine oder andere Gleichnis und eine leicht zu abstrahierende Lektionen herausarbeitete, widmet sich Staffel zwei weitaus konkreter einem Thema, das bei vielen Zuschauern unschöne Erinnerungen an aktuelle, weltpolitische und nur schwer nachvollziehbare Geschehnisse hervorrufen wird.
Auf das Kreativduo David Kajganich und Soo Hugh der ersten Staffel sind der neue Showrunner Alexander Woo und sein Koautor Max Borenstein gefolgt, die mit „The Terror: Infamy“ gezielt den Finger in eine der klaffenden Wunden jüngerer US-Historie legen. Die Staffel nimmt sich die Leidensgeschichte zahlreicher japanisch-amerikanischer US-Bürger im Zweiten Weltkrieg vor, die kurz nach dem Angriff Japans auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 aus blanker Paranoia in Internierungslager in den USA gesteckt wurden. Nach ihrer systematischen Enteignung mussten sie eine menschenunwürdige Behandlung über sich ergehen lassen, sie waren pauschalisierter Vorverurteilung sowie Diskriminierung ausgesetzt. Die Serie bietet einen ungeschönten Blick auf dieses finstere Kapitel der US-Geschichte, mit dem es wie bei so vielen anderen schockierenden Ereignissen bis heute nie wirklich eine vernünftige Auseinandersetzung vonseiten der US-Regierung gegeben hat.
Die Handlung folgt allen voran Chester Nakayama (Derek Mio), Student und Hobbyfotograf, der versucht, ein Leben zwischen zwei Welten zu führen: Auf der einen Seite glaubt er an den amerikanischen Traum und will sich als in den Vereinigten Staaten geborener Sohn (Nisei) gesetzestreuer Migranten (Issei) in die US-Gesellschaft integrieren. Auf der anderen weiß er um seine japanischen Wurzeln, seine Familie und seine Landsleute, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Und, als wäre die Ungleichbehandlung und die unrechtmäßige, gewalttätige Inhaftierung der japanisch-amerikanischen Bevölkerung noch nicht genug, geht in der unmittelbaren Umgebung von Chester schon bald auch noch eine mysteriöse Entität umher: Ein yurei, ein alter, japanischer Geist, sucht nicht nur Chester, sondern auch seine Liebsten und Nächsten heim. Die übernatürliche Erscheinung treibt ihr blutiges Unwesen rund um Chester und seine Familie, in den verschiedenen Lagern, die diese durchlaufen, sowie in Übersee, wo Chester im weiteren Verlauf als Übersetzer für die US-Armee zum Einsatz kommt.
Doch das Grauen beschränkt sich eben nicht nur auf dieses rachsüchtige Gespenst der Vergangenheit. Auch die Menschen tragen mit ihrem blinden Hass, ihrer Ignoranz und linientreuem Rassismus zum Horror dieser Erzählung bei.
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Ein jeder, der sich mit Vorfällen aus der jüngeren Vergangenheit an der mexikanisch-amerikanischen Grenze befasst oder auch nur am Rande etwas über die unzähligen Meldungen zu diesem Thema erfahren hat, wird bei „The Terror: Infamy“ sogleich an die schrecklichen Szenen erinnert werden, die sich momentan in den USA abspielen. Familien werden gewaltsam auseinandergerissen, Kinder von ihren Eltern getrennt, Menschen unter menschenwürdigen Umständen wie Zuchtvieh in modernen Konzentrationslagern gehalten. Die zweite Staffel von The Terror scheut nie vor diesen eindeutigen Parallelen zurück, ohne dabei zu überdeutlich ihr Anliegen vorzutragen. Die Zuschauer werden nicht nur mit den aktuellen Zuständen an der US-Grenze konfrontiert, sondern auch mit den Abgründen der menschlichen Natur sowie mit der herzzerreißenden Historie japanisch-amerikanischer US-Bürger, die vor mehr als 70 Jahren zu Opfern einer maßlosen Ungerechtigkeit wurden.
Die feinen Nuancen dieser gezielten Ungleichbehandlung werden subtil und unaufgeregt ausgearbeitet, was das Gezeigte nur noch umso gespenstischer und verstörender macht. Latenter Rassismus versteckt sich in kleinen, unschuldig anmutenden Bemerkungen, bis die letzte Barriere fällt und sich offen zeigt, was wer von wem in Wirklichkeit hält. „The Terror: Infamy“ funktioniert in diesem Fall als effektive Erinnerung daran, wie scheußlich der Mensch sein kann, wie ein Feindbild geschaffen und genährt werden kann, wie das Abheben und Abgrenzen von anderen zu gezielter Unterdrückung und Misshandlung führen kann. Damit deckt die Serie nicht nur aktuelle politische Themen um Flüchtlinge und den verächtlichen Umgang mit asylsuchenden Migranten ab, sondern auch ein absolut zeitloses Problem der menschlichen Gesellschaft, die selbst ihr ärgster Feind ist.
Inmitten dieser oftmals sehr bedrückenden, bewegenden Gefühlslandschaft sind es dann immer wieder die kleinen, unscheinbaren Momente, in denen die Figuren zueinanderfinden und trotz unterschiedlicher Ideologien einen gemeinsamen Weg durch diese immens schwierige Zeit suchen. Insbesondere der Handlungsstrang um Chesters schwangere Freundin Luz (Cristina Rodlo), die anfangs von Chesters Familie nur gebilligt und nicht wirklich akzeptiert wird, entfaltet im Laufe der Staffel eine nicht nur ungemein dramatische und tragische Wucht, sondern steht auch beispielhaft dafür, welche große Macht von einem kleinen Licht der Empathie und des Verständnis ausgehen kann, sofern man bereit dazu ist, diese Dinge aufzubringen. Das stoische Ertragen (gaman) der japanisch-amerikanischen Protagonisten, deren Beharrlichkeit und Ausdauer, nötigt den Zuschauern indes großen Respekt ab. Und so setzt man zwischen all der Dunkelheit, den beklemmenden Szenen und schonungslosen Nackenschlägen doch immer wieder Augenblicke der Hoffnung in Szene, die einen daran glauben lassen, dass es doch anders sein kann.
Wie bereits in der ersten Staffel nutzt man zusätzlich zu dem menschlichen Grauen dann auch eine übernatürliche Komponente, die sich eher am klassischen Horrorgenre aus dem asiatischen beziehungsweise japanischen Raum orientiert, siehe zum Beispiel „The Grudge“ oder „The Ring“, zwei der prominentesten Beispiele. Die gespenstische Figur des yurei wird weniger für unerwartete Schockmomente genutzt, sondern passenderweise sehr behutsam und nahezu schleichend in die Erzählung eingewoben. Über einfache praktische Effekte und einem durchdacht gewählten Sounddesign (manchmal reicht das markante Knacken von Knochen vollkommen aus, um das Blut in den Adern gefrieren zu lassen...) erzeugt man eine originelle Atmosphäre, die vielleicht nicht ganz mit dem überragenden Gesamtpaket der ersten Staffel mithalten kann, aber sehr stilsicher eine ganz eigene Note setzt, die Genrekenner ansprechen dürfte.

Während zuvor noch ein Eismonster für sehr blutige Szenen verantwortlich gewesen ist, übt sich „The Terror: Infamy“ etwas mehr in Zurückhaltung und setzt statt „gorigem“ body horror auf psychologische Schreckensszenarien, die immer wieder durch kleine schmerzhafte Spitzen und die reine Erwartungshaltung gegenüber solcher untermauert werden. So, wie der übernatürliche Teil der Geschichte in vielen Szenen exzellent mit dem zutiefst menschlichen Drama harmoniert, entsteht manchmal aber auch eine Art Dissonanz zwischen diesen beiden Elementen. Als würde man zwei verschiedene Serien schauen, die, wenn sie denn thematisch in perfekten Einklang miteinander gebracht werden, zu einer großartigen Symbiose verschmelzen, aber stellenweise in kalter Parallelität nebeneinander verlaufen.
Mehr kann man an „The Terror: Infamy“ aber nicht wirklich beanstanden, das, wie bereits die erste Staffel von The Terror, durchweg auf ein sehr ruhiges, fast schon schleppendes Erzähltempo baut, wodurch die schwierigen Inhalte umso effektiver und intensiver übermittelt werden. Die Fortsetzung der Anthologieserie ist hochpolitisch und auf ihre ganz eigene Weise relevant, die Genrekombination aus Horror und soziopolitischem Zeitdokument stellt sich zumeist sehr erfolgreich dar und die mitreißenden, glaubhaften Darstellungen des Casts, von den viele Vorfahren haben, die sich in japanisch-amerikanischen Internierungslagern wiederfanden, gehen durch Mark und Bein.
Viele Darstellerinnen und Darsteller haben Verwandte, die genau das durchgemacht haben, was in der Serie abgebildet werden. Einige von ihnen, so zum Beispiel George Takei, der eine Nebenrolle spielt und als kreativer Berater fungierte, waren sogar selbst betroffen und als kleine Kinder in einem Internierungslager untergebracht. Die Serie zeichnet auch deshalb eine einzigartige Schwere aus, der man sich kaum entziehen kann. Die Erzählung nimmt sich einem konkreten Thema an, während man gleichzeitig auch sehr allgemeine und zeitlose Lehren aus dem Gezeigten ziehen kann. Über all dem hängt dann noch der massive Schleier persönlicher Schicksale von realen Menschen, die einst gnadenlos entmenschlicht wurden und nun, Jahrzehnte später nach dieser Schande - infamy -, ein Stück weit Gerechtigkeit erfahren.
Weiterführende Links zu The Terror: Infamy
Da die Hintergrundgeschichte zu „The Terror: Infamy“ so umfangreich, bewegend und spannend, aber auch wenig bekannt ist, findet Ihr an dieser Stelle noch ein paar Leseempfehlungen zu diesem Thema, falls Euer Interesse geweckt wurde und Ihr mehr über die politischen Zustände und den Umgang mit japanisch-amerikanischen US-Bürgern in den USA zur Zeit des Zweiten Weltkrieges erfahren möchtet.
- In diesem Interview von George Takei mit Mari Uyehara von GQ.com berichtet der Schauspieler über seine eigenen Erfahrungen als kleines Kind in einem amerikanischen Internierungslager, die politische Lage in den 1940er Jahren in den USA und die erschreckenden Parallelen zur aktuellen Situation an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.
- Ben Yamato von der Los Angeles Times hat das Set von „The Terror: Infamy“ besucht und lässt in diesem ausführlichen Bericht tief blicken, welche Bedeutung die Serie für alle Beteiligten, aber auch für einen ganzen Kulturkreis hat. Sehr lesenswert.
- Die Densho Encyclopedia ist eine umfangreiche Sammlung von Zeitzeugenberichten, Interviews, offiziellen Dokumenten und Fotoaufnahmen, die sich mit der Geschichte der Ausgrenzung japanisch-amerikanischer US-Bürger und deren Inhaftierung und Diskriminierung auseinandersetzt.
- In der Densho Encyclopedia findet man auch einen Beitrag zu dem „Loyalty Questionnaire“, genauer zu den Fragen 27 und 28, die bei den Befragten damals für große Verwirrung gesorgt haben, was auch in der Serie thematisiert wird. Weitere Informationen und Fallbeispiele dazu findet man in diesem Essay, The Question of Loyality.
- Abschließend zeigt Showrunner und Drehbuchautor Alexander Woo in diesem Interview mit The AV Club auf, warum die verschiedenen Elemente in „The Terror: Infamy“ so gut zueinander passen, wie sich die Nachforschungen zur japanischen Folklore gestaltet haben und welche große politische Relevanz von dieser Geschichte ausgeht.
The Terror: Infamy ist ab dem heutigen Freitag, den 16. August immer wöchentlich auf Amazon Prime Video zu sehen.
Trailer zu The Terror: Infamy:
Hier abschließend noch der Trailer zu The Terror: „Infamy“:
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 16. August 2019The Terror 2x01 Trailer
(The Terror 2x01)
Schauspieler in der Episode The Terror 2x01
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