The Studio ist absurd, überzeichnet - und bringt mich zum Lachen

The Studio ist absurd, überzeichnet - und bringt mich zum Lachen

Die starbesetzte Comedyserie „The Studio“ persifliert zynisch, aber liebevoll das „typische“ Leben eines Hollywoodstudiobosses und trifft so voll ins Schwarze.

Szenenfoto aus der Auftaktepisode „Die Beförderung“ der Serie „The Studio“
Szenenfoto aus der Auftaktepisode „Die Beförderung“ der Serie „The Studio“
© Apple TV+

Das passiert in der Serie „The Studio“

Die altehrwürdigen Continental Filmstudios sind auch nicht mehr das, was sie einst waren. Erst wird die Chefin Patty (Catherine O'Hara) gefeuert und von Matt Remick (Seth Rogen) ersetzt, dann soll dieser auch noch ein Milliardenfranchise mit der altbackenen Getränkemarke Kool-Aid aufziehen.

Zunächst glaubt Matt noch, sich seinen Wunsch nach einem großen Film erfüllen zu können und kauft Martin Scorsese ein Drehbuch für zehn Millionen Dollar ab, doch schon bald merkt er, dass er nur an der Spitze überleben kann, wenn er seinem Boss gegenüber als opportunistischer Speichellecker auftritt und seinem großen Regieidol gehörig auf die Füße tritt. Es kommt, wie es kommen muss: Über den frischgebackenen Studioleiter bricht das Chaos herein...

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Hollywood, wie es wirklich ist

Martin Scorsese auf einem Szenenfoto aus der Auftaktepisode der Serie „The Studio“
Martin Scorsese auf einem Szenenfoto aus der Auftaktepisode der Serie „The Studio“ - © Apple TV+

Dass Hollywood in erster Linie eine Welt des großen Geldes ist und wahre Kunst nur dann ihren Weg findet, wenn sie finanziell einträglich ist, dürfte den meisten Filmfans schon lange bekannt sein. Selten wurde der sicherlich nicht selten vorherrschende Opportunismus von aufstrebenden Produzentinnen und Produzenten jedoch so aufs Korn genommen wie bei The Studio.

Die Geschichte des neuesten Comedy-Geniestreichs vom Streamingdienst Apple TV+ dreht sich um den von Seth Rogen gespielten Matt Remick, der soeben das Ruder des schwankenden Schiffs der Continental Studios von der feinfühligen und intelligenten Patty übernommen hat. Die wurde vom Besitzer eiskalt abserviert, weil sie sich standhaft weigerte, einen hochbudgetierten Film über die Getränkepulvermarke Kool-Aid zu drehen.

Die Absicht, wie beispielsweise mit der mehrfach erwähnten „Barbie“-Adaption ein Milliardengeschäft zu machen, stieß bei Patty auf dieselbe Abscheu wie bei Matt, der davon träumt, einen Film für die Ewigkeit zu drehen. Obwohl Patty sein Mentor ist, kann er indes seine Freude über ihren Rauswurf nicht verhehlen und wittert seine große Chance.

Auf diese Weise macht Rogen, der auch als Creator, Regisseur und Executive Producer fungiert, schon früh in der Pilotfolge klar, mit welch bitterböser Ironie er das Umfeld, in dem er selbst lebt und arbeitet, betrachtet. Hollywood ist, so die Grundaussage der neuen Comedyserie, nicht nur auf der Leinwand eine einzige große Lüge, sondern vor allem hinter den Kulissen...

Die Welt von „The Studio“ wird von geldgierigen Investoren, Gesinnungslumpen, Ja-Sagern und Egoisten beherrscht, in der echte Künstler rar gesät sind und bei erster Gelegenheit ausgebootet werden. Da erwischt es auch schon mal einen Martin Scorsese (der übrigens einen wundervollen Cameo-Auftritt hinlegt), der das Drehbuch für seinen letzten Film an Matt verkauft, nur um hinterher zu erfahren, dass dieser das Projekt killt.

Scorseses Film sollte nämlich vom Jonestown-Massaker handeln, bei dem 909 Menschen durch Suizid, erzwungenen Suizid oder Mord starben. Das Fatale: Die Opfer sollen vergiftetes Kool-Aid getrunken haben, was zu dem in den USA bekannten Spruch „Did you drink your Kool-Aid?“ führte. Für ein Multimillionen-Dollar-Projekt wäre dies natürlich eine denkbar schlechte Werbung, weshalb Scorsese bald weinend auf einer von Charlize Theron gegebenen Party in ihren Armen liegt.

Diese ist wiederum stinksauer auf Matt uns seinen Executive Sal Saperstein (Ike Barinholtz) und wirft die Kunstbanausen aus ihrem Haus. Das alles ist mit einer großartigen Lockerheit inszeniert, die dazu angetan ist, dem geneigten Publikum vor Lachen die Tränen in die Augen zu treiben.

Nicht böswillig - oder doch?

Was uns die Figur des Matt Remick dabei so nahebringt, ist die Tatsache, dass er es eigentlich gar nicht böse meint und zu Beginn der Serie tatsächlich den Wunsch hegt, tiefgründige Filme zu produzieren. So ist der Kauf des Drehbuchs also wirklich gut gemeint und das angestrebte Budget von 250 Millionen Dollar ein ernsthaftes Angebot.

Leider wird Matt jedoch immer wieder von der Realität und seinem eigenen Boss eingeholt, der auf große Kunst pfeift und lieber Geld scheffeln will. Rogen lässt seinen Protagonisten also immer wieder naiv erscheinen, um ihn dann im Regen stehen zu lassen. Ein ums andere Mal muss sich der frischgebackene Studiochef aus irgendeinem selbst geschaufelten Grab herauswinden, um nicht gnadenlos unterzugehen.

Jede und jeder ist sich in diesem System eben selbst die oder der Nächste. Niemand möchte seinen Job verlieren und wenn möglich sogar eine Beförderung. Wer dabei auf der Strecke bleibt, ist völlig gleichgültig, solange die eigenen Schäfchen im Trockenen sind. Derartige Erkenntnisse verleihen der Pilotfolge einen unübersehbar zynischen Touch, zumal die entsprechenden Szenen herrlich überzogen und teilweise sogar skurril in Szene gesetzt sind.

Die Technik

Kameramann Adam Newport-Berra (unter anderem Outer Range) wählt bei witzigen Dialogen beispielsweise gerne eine leichte Untersichtperspektive und das Shoulder Close-up als Einstellungsgröße, womit die Gesichter einen leicht länglichen Eindruck machen, der den komödiantischen Aspekt verstärkt. Sein Boss Griffin (Bryan Cranston) ist anderseits oft in einer angedeuteten Aufsicht zu sehen, was die klar definierten Machtverhältnisse unterstreicht.

Um die witzigen Dialoge zu unterstützten, verzichtet das Produktionsteam zudem auf eine zu hektische Schnittführung. Wenn Matt Griffins Büro betritt, um sich ihm anzubiedern, sind lange Einstellungen mit schnellen manchmal schon wild wirkenden Kameraschwenks angesagt, statt der typischen Schnittführung, die jeden Protagonisten einzeln hervorzuheben versucht.

Die Dialoge

Szenenbild aus der Auftaktepisode der Serie „The Studio“
Szenenbild aus der Auftaktepisode der Serie „The Studio“ - © Apple TV+

Unterstützt wird das Ganze durch eine weiche Farbgebung, die bisweilen durchaus ein wenig gekünstelt wirkt und einer betont zurückhaltenden musikalischen Untermalung, die die witzige Dialogführung bestens unterstützt. Dialogführung ist übrigens ein gutes Stichwort, denn „The Studio“ lebt davon, dem Publikum in der Regel das Gegenteil von dem zu präsentieren, was wir kurz zuvor in einem Gespräch noch gehört haben.

Die oben erwähnte Präsentationsszene ist ein gutes Beispiel dafür. In Matts Büro hängt ein Kool-Aid-Teaser-Poster, das voll und ganz den Wünschen von Martin Scorsese entspricht. Vor seinem Produzententeam kämpft er entsprechend wie ein Löwe dafür, den Film drehen zu können. Als er jedoch Griffins Büro betritt, zeigt Matt ihm stattdessen einen knallbunt CGI-animierten Teaser mit einem tanzenden Kool-Aid-Man im Kinderfilmstil.

Damit ist die Idee eines Arthouse-Movies denn auch endgültig gestorben, was wiederum zu der oben beschriebenen Situation eines weinenden Starregisseurs in den Armen einer Hollywood-Ikone führt. Mit anderen Worten hangelt sich die Hauptfigur von einer unglücklichen Entscheidung zur nächsten und schafft es letztlich nur mit großer Mühe oben auf zu bleiben.

Dennoch fehlen auch die so wichtigen leisen Töne nicht. So empfindet Matt etwa echte Zuneigung für seine Ex-Chefin Patty, die er kleinlaut ins Boot holen muss, um einen zuvor gefeuerten Regisseur zurückzugewinnen. Das Gespräch zwischen den beiden verläuft zunächst in Comedyform, offenbart dann aber geschickt eingewobene Dramedy-Elemente, die übrigens oft durchblitzen.

So oft es auch etwas zu schmunzeln oder sogar zu lachen gibt: stets schwingt ein melancholischer Ton mit, der uns darauf hinweist, dass Rogen zwar gehörig übertreibt, dem Publikum aber im Grunde genommen tatsächlich den Vorhang zum wahren Hollywood zumindest ein Stück weit öffnet. Das ist große Serienkunst.

Fazit

Die Pilotfolge von „The Studio“ ist großartig. Die Idee ist herrlich verrückt, humorvoll und mit einem Augenzwinkern umgesetzt und ideenreich inszeniert. Es gibt nichts, was mir an der Pilotfolge missfallen hätte. Vor allem sind es aber die zahlreichen Cameo-Auftritte, die mich abholen und die die Geschichte auf skurrile Weise authentisch erscheinen lassen.

Es scheint beinahe, als würde man uns einen tiefen Insiderblick in die Traumfabrik gewähren und sich dabei kein Blatt vor dem Mund nehmen. Denn man darf annehmen, dass all das, was in der Episode zu sehen ist, auf die eine oder andere Weise der Realität abgeschaut und lediglich überzeichnet wurde. Und genau das macht mir so viel Spaß.

Wir verteilen daher fünf von fünf gekillten Drehbücher.

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