The Son 1x01

The Son 1x01

AMC probiert sich mit der Buchadaption The Son an einer neuen Western-Saga, bei der Genrefans hellhörig werden dürften. Schöne Aufnahmen sowie ein starker Soundtrack und ein solider Cast sprechen für die Serie, inhaltlich entwickelt die komplexe Pilotepisode aber leider keinen richtigen Biss.

Pierce Brosnan in der Westernserie „The Son“ / (c) AMC
Pierce Brosnan in der Westernserie „The Son“ / (c) AMC
© ierce Brosnan in der Westernserie „The Son“ / (c) AMC

Im Juli letzten Jahres lief auf dem amerikanischen Kabel- und Satellitensender AMC die allerletzte Episode des kantigen Eisenbahnerdramas Hell on Wheels. Nicht ganz ein Jahr später scheinen die Senderverantwortlichen diese kleine Lücke, die die bei einem treuen Zuschauerstamm beliebte Westernserie hinterlassen hat, nun füllen zu wollen. Dafür bedient man sich an einem Meilenstein zeitgenössischer amerikanischer Literatur, dem von Autor Philipp Meyer geschriebenen und 2013 veröffentlichten Familienepos The Son.

Das Westerndrama mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle ist unmissverständlich auf ein bestimmtes Publikum zugeschnitten, eben jenes, dass schon bei „Hell on Wheels“ mitfieberte. Und die Gemeinsamkeiten sind durchaus gegeben: nostalgische Western-Romantik trifft auf kernige Typen, die sich nicht belehren lassen und mit ihrer Silberzungen mindestens genauso scharf schießen wie mit ihrem Trommelrevolver. Die durchaus vielschichtige Erzählung entfaltet sich derweil sehr langsam, wenn nicht sogar ein Stück weit behäbig. Kurzweilige Serienunterhaltung sollte man eher nicht erwarten, der langwierige Weg ist das Ziel. Geduld ist gefragt.

The modern age

Irgendwann kann sich diese Geduld und Ausdauer auszahlen, doch muss es die Pilotfolge einer Serie auch erst einmal schaffen, einen derartig zu fesseln, dass man bereit dazu ist, viel Zeit in eine komplexe Geschichte und ihre zahlreichen Charaktere zu investieren. First Son of Texas, der Auftakt des AMC-Neustarts (ab 14. April hierzulande immer wöchentlich bei TNT Serie zu sehen), tut sich in dieser Hinsicht durchaus schwer. Während man sich in teilweise atemberaubend schönen Bildern und einer sehr gelungenen musikalischen Untermalung verlieren kann, will die eigentliche Geschichte nicht so richtig in Fahrt kommen. Trotz einer gut aufgelegten Darstellerriege, angeführt von einem überzeugenden Pierce Brosnan, fühlt sich „The Son“ phasenweise leer an und präsentiert sich zu kraftlos, um einen mitreißen zu können.

The home he build

Ein Grund dafür könnte die epische Familiengeschichte selbst sein, die Buchautor und Serienschöpfer Philipp Meyer zusammen mit seinen Kollegen Lee Shipman und Brian McGreecy für die kleine Leinwand adaptiert haben. „The Son“ befasst sich im Grunde genommen mit den McCulloughs, eine texanische Familie, an dessen Spitze Patriarch Eli McCullough (Brosnan) steht. Die McCulloughs sind seit langer Zeit in Texas beheimatet und verdingen sich seit jeher als Viehzüchter. Die Zeiten ändern sich aber bekanntermaßen. Während im Süden die mexikanische Revolution wütet, setzt um das Jahr 1915 langsam aber sicher der erste Öl-Boom ein, in den Eli mit einsteigen will.

Gleichzeitig muss er sich missgünstigen Konkurrenten erwehren und sein Vermächtnis aufrechterhalten. Seine mehrköpfige Familie findet sich dabei in vielen Kleinkriegen, Konflikten und komplizierten Beziehungen wieder. Und das ist eben die Krux der Sache: die Pilotfolge von „The Son“ möchte uns jede dieser komplizierten Beziehungen vorstellen und entwirft ein gewaltiges Gebilde an Charakteren, die irgendwie über drei Ecken miteinander zu tun haben und von denen ein jeder seine eigenen Ziele verfolgt. Dabei wird viel Zeit in die Einführung von Figuren und das Vermitteln von später sicherlich noch wichtigem Hintergrundwissen investiert. Darunter leidet wiederum der Erzählfluss der Episode, die tatsächlich sehr nett mit anzusehen, aber leider alles andere als packend ist.

AMC
AMC - © AMC

Happy place

Während böse Zungen The Son jetzt schon als „Denver-Clan mit echten Cowboys“ abschreiben, bietet es sich eventuell wirklich an, dem Format seine Zeit zu geben. Als Fan des Genres kommt man in der neuen Western-Serie visuell durchaus auf seine Kosten, trotz langweiligem Plot, in dem wir über blutige Flashbacks mehr über die Vergangenheit von Eli erfahren, während in der Gegenwart die Anspannung zwischen den McCulloughs und dem mexikanischen Familienunternehmer Pedro García steigt und die Lage zu eskalieren droht. Entfaltet sich die Erzählung erst einmal, dann könnte diese komplexe Saga vor herrlichen Western-Kulissen durchaus ihren Reiz entwickeln. Fragt sich nur, ob man bereit ist, so lange auf den Moment zu warten, bis es dann endlich klick macht.

Denn so schön der Konjunktiv auch ist, für die Bewertung der Pilotepisode zählen vorrangig die Fakten. Und diese besagen, dass „The Son“ eher holprig aus den Startlöchern kommt und zu viele Einzelgeschichten auf einmal anreißt, als lieber Schritt für Schritt seine komplexe Serienwelt zu ergründen. Es hätte für den Anfang eventuell schon der alleinige Fokus auf Pierce Brosnans Charakter, seine traumatische Vergangenheit und Persönlichkeitswerdung ausgereicht. So hätte man verhindert, dass der Plot der ersten Episode derartig unfokussiert zwischen den verschiedenen Figuren hin- und herspringt, deren Namen man sich sowieso nicht merken kann.

Eli got a gun

Pierce Brosnan hätte eine solche Aufgabe auch mit Leichtigkeit schultern können, präsentiert sich der ehemalige „James Bond“-Darsteller viele Jahre nach seinem letzten größeren TV-Auftritt in „Remington Steele“ doch in bestechender Form. Nachdem Sam Neill in einer frühen Produktionsphase des Projekts sich aus persönlichen Gründen von „The Son“ verabschiedete, fiel die Wahl auf Brosnan, der nun durch sein natürliches Charisma sowie Gravitas und einem prächtigen Bartwuchs besticht. Passender hätte man die zentrale Rolle des Patriarchen, der um jeden Preis verhindern will, dass seine Familie und sein Vermächtnis unter die Räder kommen, nicht besetzen können.

Der Rest des Casts steht klar im Schatten von Brosnan und bekleckert sich in der Auftaktepisode nicht wirklich mit Ruhm. Viel bekommen sie aber auch nicht zu tun, bis auf vielleicht Henry Garrett als Elis Sohn Pete, der eigentlich das Familiengeschäft leitet, von seinem übermächtigen Vater aber kleingehalten wird. Während viele Rollen mit eher unbekannten Namen besetzt sind, fällt noch der aus Fargo und Longmire bekannte Zahn McClarnon auf, der den Comanchen Toshaway verkörpert. Nachdem der junge Eli mit ansehen musste, wie seine Familie kaltblütig von Toshaways Leuten umgebracht wurde, wächst er unter dessen Führung auf.

Move forward or die

Leider sieht man in der ersten Folge von „The Son“ noch nicht viel von diesem Aspekt der Serie, die amerikanischen Ureinwohner werden vielmehr als skrupellose Wilde eingeführt, die ohne Gnade morden. Es bleibt zu hoffen, dass die Serie dahingehend noch einen anderen Weg einschlagen wird, da diese einseitige Darstellung der Thematik keineswegs gerecht werden kann. Auch nach vernünftigen Frauenrollen sucht man in der Pilotfolge vergeblich. Die dargestellte Zeitepoche ist vielleicht von Männern dominiert gewesen, eine derartige „Gringo Party“ zwischen diversen männlichen Egos gestaltet sich dann aber doch als sehr monoton und eindimensional.

Man hat sich einiges in The Son vorgenommen: die politischen Unruhen aufgrund der mexikanischen Revolution, der plötzliche Wachstum der Ölindustrie, Konflikte mit amerikanischen Ureinwohner, deren Land von den Siedlern in vielen Fällen gewaltsam annektiert wurde - „The Son“ vereint viele Punkte auf seiner Agenda und arbeitet dabei mit ebenso vielen Figuren, die aufgrund wirtschaftlicher, politischer oder persönlicher Interessen in Verbindung zueinander stehen. Da darf selbst eine verbotene Romanze zwischen Pete und Maria García, Tochter von Elis Konkurrent Pedro, nicht fehlen. Ob die Serienmacher all diese komplexen Aspekte und Storyelemente letztlich kontrollieren und in Einklang miteinander bringen können, bleibt abzuwarten. Zu Beginn möchte man etwas zu viel des Guten. Aus etwas mehr als 45 Minuten werden so gefühlt 60 Minuten reine Exposition. Regisseur Tom Harper (Peaky Blinders, Misfits, War and Peace) kann dies durch eine oft ausgefallene Kameraführung und einer insgesamt sehr ansehnlichen Inszenierung ein Stück weit ausgleichen. Für die Zukunft muss da aber etwas mehr kommen, vor allem inhaltlich.

Trailer zu „The Son“:

Verfasser: Felix Böhme am Sonntag, 9. April 2017

The Son 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(The Son 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Der erste Sohn
Titel der Episode im Original
First Son of Texas
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Samstag, 8. April 2017 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 14. April 2017
Regisseur
Tom Harper

Schauspieler in der Episode The Son 1x01

Darsteller
Rolle
Jacob Lofland
Garrett Droege
Paola Nunez
Carlos Bardem
Zahn McClarnon
David Wilson Barnes
Sydney Lucas
James Parks
Elizabeth Frances

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