The Recruit 1x01

© zenenfoto aus der Serie The Recruit (c) Netflix
Das passiert
Der 24-jährige Jung-Anwalt Owen (Noah Centino) liebt den Nervenkitzel. Deshalb hat er sich von einem Rekrutierer der CIA anwerben lassen, der ihm ein verheißungsvolles Leben voller Abenteuer versprach. Stattdessen findet er sich an seinem zweiten Tag zwischen den Mühlsteinen neidischer und egoistischer Kollegen wieder, die ihm die Butter auf dem Brot nicht gönnen. Als ihn sein Chef Walter (Vondie Curtis-Hall, For the People, Daredevil) ins Büro zitiert, staunt er daher nicht schlecht, als dieser ihm aufträgt, einen Kongressabgeordneten unter Druck zu setzen.
Doch das erweist sich schnell als Owens geringstes Problem, denn als ihm seine fiesen Kollegen Kartons mit Drohbriefen von Irren, Hochstaplern und Wichtigtuern zur Überprüfung auf den Tisch knallen, landet der smarte Anwalt einen Treffer. In einem Gefängnis in Phoenix sitzt die belarussische Mörderin Max ein und sie verfügt über hochgeheime Insiderinformationen, die Owen bald in eine brandgefährliche Spionagegeschichte verwickeln.
So geht Spionage heute
Wow, was für ein Serien-Auftakt! The Recruit hat alles, was eine moderne und rasant inszenierte Agentenserie heute braucht: Eine smarte Hauptfigur, eine fesselnde Antagonistin, witzige Nebenfiguren und Action. Hinzu gesellt sich ein Plot mit einem steilen Spannungsbogen, der aber auch einen gewissen Hang zur Selbstironie nicht vermissen lässt. Als Topping gibt es eine sehenswerte Inszenierung und einen heißen Soundtrack.
All diese Komponenten in einer Pilotfolge unterzubringen, die dann auch noch den Spaß, den die Macher beim Drehen hatten, so auf den Zuschauer überschwappen lässt, ist aller Ehren wert. Schon, als der grandios dynamisch von Noah Centino gespielte Owen Hendricks in das Büro seines Chefs (cool: Vondie Curtis-Hall) stapft und der ihm verklickert, dass er den Leiter eines Kongressausschusses daran hindern soll, delikate Details über die CIA zu diskutieren, wird deutlich, mit wem wir es zu tun haben.
Owen ist clever, hat eine große Klappe und eine Tendenz zur Großspurigkeit. Das ist witzig in Szene gesetzt und weckt sofort Sympathien für den Möchtegern-Staranwalt, aber auch für seinen mürrischen Chef. Der erkennt Owens Potential entsprechend sehr schnell, als er mit einer Akte in sein Büro schneit, die schon längst hätte entdeckt werden müssen. Denn seine Kollegen Kelly (Alexandra Petrachuk) und Darren (Tristan D. Lalla, Ghosts (US)) wollten ihm eigentlich gehörig eins auswischen, als sie ihn auf kistenweise Erpresserbriefe ansetzten. Dass sich ein ganz heißes Eisen darunter befindet, konnten sie indes nicht ahnen, schlicht, weil Darren zu faul war, seinen Job zu machen.
Zwischen Action und Humor
In einem Gefängnis schmort die eiskalte Killerin Max, die einen nur zwei Sätze umfassenden Brief an die CIA geschrieben hat, der allerdings so brisante Informationen enthält, dass Owens Abteilungsleiter alarmiert ist. Spätestens hier wird deutlich, dass es von nun an actionorientierter zugehen wird, denn der frisch Rekrutierte fliegt in den Jemen, um sich von einer verdeckt operierenden Agentin Informationen aus erster Hand zu holen. Nun lernt er die harte Realität kennen, denn statt eines Gesprächs setzt es erst einmal Prügel.
Was er anschließend erfährt, steigert die die Neugier auf die belarussische Exspionin, die tatsächlich über strenggeheime Details verfügt. Entsprechend stark gestaltet sich das Kennenlernen der beiden Hauptfiguren. Laura Haddock (White Lines, auch schon witzig bei How Not to Live Your Life) wirkt als Ex-Spionin so abgekocht und eiskalt, dass man unweigerlich das Gefühl hat, Owen wird soeben einem Wolf zum Fraß vorgeworfen. Und wirklich sieht es auch zunächst so aus, als ließe sich der recruit übers Ohr hauen.
In einer rasant gedrehten Actionsequenz wird er, als er eine Tasche, die angeblich wichtige Dokumente enthält, holen soll, von zwei Bösewichten verfolgt und gejagt. Der Anwalt hat den Gangstern nur seine gute Kondition entgegenzusetzen und entkommt knapp. Das sich anschließende erneute Aufeinandertreffen mit Max ist die vielleicht interessanteste Szene des Serienauftakts, denn mit einem Mal stellt sich heraus, dass auch Owen ein Schlitzohr sein kann, obwohl er ohne Zweifel noch viel zu lernen hat, klasse.
Der weitere Cast

Obgleich die Pilotfolge auf schauspielerischer Ebene eindeutig von der Chemie der beiden Hauptfiguren geprägt ist, dürfen die gut besetzten Nebenrollen im Ensemble, die Owens Umfeld mit Leben füllen, nicht außer Acht gelassen werden. Vondie Curtis-Hall zeigt sich in seinem Part als Chef der Abteilung mit einer gewissen, durchaus charmanten Morgan Freeman-Attitüde. Walter ist ein erfahrener, harter Hund, der genau weiß, wann er auf seine Leute besser hören sollte und wie lang die Leine sein muss, an der er sie führt.
Die witzig gespielten Figuren Kelly und Warren dienen dazu, den miesen Umgang der Kollegen untereinander zu beleuchten und sorgen für einen Schuss Ironie. Alles scheint allerdings darauf hinauszulaufen, dass sich ihr Verhältnis zu Owen bald ändern wird. Als recht skurril erweist sich wiederum Larry (Sean Tucker, Helix), der total überfordert ist und sich alles einschmeißt, was irgendwie aufputscht. Obwohl er total durchgeknallt ist, erweist er sich ein ums andere Mal als wertvolle Hilfe. Inwieweit sich dieser Pool noch ausweitet, bleibt abzuwarten, doch es ist anzunehmen, dass die Figurenzeichnungen ähnlich vielseitig bleiben werden.
Die Inszenierung
Auf inszenatorische Seite lebt die Folge von einem starken Mix aus Dialog- und Actionpassagen, die insgesamt zwar ein hohes Tempo vorlegen, welches aber immer wieder durch kurze Ruhephasen abgemildert wird. So lernen wir zum Beispiel Owens Lebenssituation und seine Exfreundin Hannah (Fivel Stewart, Atypical) kennen, oder blicken, wie erwähnt, hinter die Kulissen der CIA-Zentrale.
Das alles ergibt ein angenehmes, nicht überbordendes Pacing mit einem Score und Soundtrack, der sich hören lassen kann. Komponist Jordan Gagne spielt seine Routine, die er mit Serien wie The Rookie, Altered Carbon und The Passage gesammelt hat, voll aus und unterstützt spannungs- oder actiongeladene Situationen hervorragend, während bekannte Rap-, Rock- und Popsongs für Auflockerung sorgen. Das ist in der Serienlandschaft zwar natürlich schon längst kein Novum mehr, weiß aber in der richtigen Mischung immer wieder zu gefallen.
Fazit
Der Auftakt von The Recruit ist richtig gut gelungen. Die Hauptdarsteller besitzen Personality, der Plot wirkt nicht unbekannt, aber auch nicht generisch, die Inszenierung ist modern, ohne überfordernd zu sein und der Soundtrack sorgt für gute Stimmung. Wenn sich die Geschichte so weiterentwickelt, wie es die ersten rund 50 Minuten versprechen, könnte Netflix hier einen echten Hit landen.
Von uns gibt es dafür viereinhalb von fünf kugelsicheren Westen.
Abschließend noch der Trailer zur Netflix-Spionage-Actionserie „The Recruit“:
Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 16. Dezember 2022(The Recruit 1x01)
Schauspieler in der Episode The Recruit 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?