The Plot Against America: Kritik zur HBO-Miniserie

The Plot Against America: Kritik zur HBO-Miniserie

Historische Was-wäre-wenn-Szenarien sind immer dann besonders interessant, wenn sie mit aktuellen politischen Vorkommnissen koinzidieren. In der HBO-Miniserie The Plot Against America importiert das Fliegerass Charles Lindbergh den Faschismus in die USA.

Ben Cole und John Turturro in The Plot Against America (c) HBO
Ben Cole und John Turturro in The Plot Against America (c) HBO
© en Cole und John Turturro in The Plot Against America (c) HBO

David Simon, der sich als Schöpfer von The Wire längst einen VIP-Platz im Serienolymp gesichert hat und der obendrein als einer der scharfsinnigsten Chronisten der amerikanischen Gegenwart gehandelt wird, wagt sich seit ein paar Jahren immer häufiger auch an historische Stoffe. Zuletzt tat er das beispielsweise mit Show Me a Hero und dem kürzlich beendeten The Deuce. Und neuerdings scheint der frühere Journalist sogar an kontrafaktischen Geschichtsdramen Gefallen gefunden zu haben, wie sein jüngstes Werk mit dem etwas sperrigen Serientitel The Plot Against America beweist.

Der starbesetzte Sechsteiler, der wie üblich nun beim Kabelsender HBO erschien (und hierzulande parallel bei Sky anlief), basiert auf dem gleichnamigen Roman des Pulitzer-Preisträgers Philip Roth, der bis zu seinem Tod vor knapp zwei Jahren ebenfalls an der Entwicklung beteiligt war. Die Geschichte spielt während des Zweiten Weltkriegs, allerdings fernab vom Kampfgeschehen, nämlich in New Jersey. Als sich der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt 1940 zum dritten Mal zur Wahl stellt, passiert das, was im echten Leben nicht passierte: Charles Lindbergh, der einst als einer der ersten Menschen den Atlantik überflog, tritt als gefeierter Gegenkandidat an und führt die Vereinigten Staaten folglich in den Faschismus...

Eine überaus „spektakuläre“ und glücklicherweise keineswegs realitätsnahe Grundprämisse, was für Simon wirklich ungewöhnlich ist. Vor allem, wenn man bedenkt, dass er vor nicht allzu langer Zeit offenbar noch der Auffassung war, dass Serien auch dann unterhaltsam sein können, wenn sie lediglich den oftmals tristen Alltag von Straßenmusikern in New Orleans abbilden oder von Drogendealern in Baltimore. Ersteres kann man etwa in Treme sehen, Letzteres in seinem bereits eingangs erwähnten Meisterwerk „The Wire“. Vielleicht hat Simons momentaner Hang zu massentauglicheren Formaten ja etwas mit der Umstrukturierung seines Heimatsenders durch die Gründung von HBO Max zu tun. Oder er wird mit zunehmendem Alter schlichtweg verspielter. So oder so traut man ihm mehr als allen anderen zu, aus einem derart reißerischen Konzept, das auf dem Papier natürlich stark an The Man in the High Castle erinnert, das Niveauvollste herausholen.

Exposition

Um sich nicht im politisch Abstrakten und in endlosen Aneinanderreihungen von Nachrichtenausschnitten zu verlieren, wird The Plot Against America aus Sicht einer ganz normalen Familie erzählt. Deren einzige Besonderheit liegt darin, dass sie jüdisch ist, was im späteren Verlauf der Serie leider von entscheidender Bedeutung sein wird. Morgan Spector (Pearson) und Zoe Kazan (The Deuce) mimen das Ehepaar Herman und Bess Levin, die beiden Söhne heißen Sandy (Caleb Malis) und Phillip (Azhy Robertson). Der jüngste im Bunde ist übrigens der „Point of View“-Charakter der Buchvorlage und zugleich ein Stellvertreter für den Autor. In der Serienadaption würde man jedoch eher den Patriarchen als Protagonisten bezeichnen.

Azhy Robertson, Zoe Kazan, Morgan Spector und Winona Ryder in The Plot Against America
Azhy Robertson, Zoe Kazan, Morgan Spector und Winona Ryder in The Plot Against America - © HBO

Außerhalb der Levin'schen Kernfamilie lernen wir außerdem noch Sandys und Phillips Cousin Alvin (Anthony Boyle) kennen. Er wird später einen interessanten Gegenentwurf zum Widerstandskampf des ursprünglichen Helden der Geschichte darstellen. Was die Figuren von Winona Ryder (Stranger Things) und John Turturro (The Night Of) angeht, erübrigen sich derweil sämtliche Diskussionen über ihren Grad von Heroismus. Turturro spielt den naiven Rabbi Lionel Bengelsdorf, der sich bald als prominentester Lindbergh-Befürworter der jüdischen Gemeinde hervortut. Ryder spielt seine Verlobte Evelyn, die wiederum die Schwester von Bess ist, wodurch sich der Kreis letztlich schließt.

So viel zu den fiktiven Akteuren in The Plot Against America. Allerdings vermischt die Serie bekanntermaßen Fantasie und Fakten, so dass auch viele echte Persönlichkeiten wichtige Rollen spielen. Allen voran natürlich das faschistische Fliegerass Lindbergh (Ben Cole), dessen Nachfahren sicher nicht erfreut darüber sind, wie ihr Urahn porträtiert wird. Ebenfalls dabei: der Senator Burton K. Wheeler (Daniel O'Shea), der den Posten des Vizepräsidenten abstaubt, sowie der ausgewiesen antisemitische Großindustrielle Henry Ford (Ed Moran), der als neuer Innenminister nominiert wird. Viele verstanden Roths literarisches Originalwerk bereits bei seiner Veröffentlichung im Jahr 2004 als Schlüsselroman, sprich als eine Art Allegorie auf die Bush-Administration. Dass die Serienadaption nun inmitten der Trump-Ära erscheint, ist sicherlich kein Zufall...

Eskalation

Wer denkt, Amerikas Niedergang in die Diktatur wäre eine gänzlich triste oder ernste Angelegenheit, irrt sich. Demokratien sterben nur selten still und nüchtern, sondern meist mit Pomp und vielen falschen Hoffnungen. Simon und seine Regisseure Minkie Spiro (Downton Abbey) und Thomas Schlamme (The West Wing), die sich die Inszenierung der sechs Folgen paritätisch aufteilten, eröffnen die Serie mit einem auffällig fröhlichen Titelsong. Es handelt sich um die Musicalnummer „The Road Is Open Again“ aus dem Jahr 1933. Ein Liedermacher, gespielt von Dick Powell, trifft darin im Tagtraum auf George Washington, Abraham Lincoln und Woodrow Wilson, die ihn davon überzeugen, dass Franklin D. Roosevelt das Land wieder auf Kurs bringen und aus der Krise führen wird. Übermannt vom Patriotismus singt Powell: „There's a new day in view, there is gold in the blue, there is hope in the hearts of men. All the world's on the way to a sunnier day, 'cause the road is open again!

Im Kontext dieser alternativen Geschichtsserie ausgerechnet Roosevelts optimistische Hymne zum New Deal einzusetzen, zeugt fast schon von Zynismus - zumal das Intro zugleich mit Aufnahmen von Hitler und den Schrecken des Zweiten Weltkriegs unterlegt wurde. Anders als bei der Nazi-Jäger-Serie Hunters (2020), die auf Amazon Prime Video kürzlich für einen kleinen Aufschrei sorgte, kann man im Fall von The Plot Against America aber keineswegs von fehlender Sensibilität sprechen. Im Gegenteil: Das kluge Drehbuch, welches Simon gemeinsam mit seinen alten Weggefährten Ed Burns (The Wire) und Reena Rexrode (The Deuce) schrieb, legt größten Wert darauf, sämtliche Geschehnisse möglichst nachvollziehbar aufzubauen, damit wir mit Familie Levin wirklich mitfühlen können. Ziel ist es, dass wir sowohl begreifen, warum sie Lindbergh so sehr fürchten, als auch, was ihn für viele Amerikaner so attraktiv macht. Ein schwieriger Spagat...

Anthony Boyle und Caleb Malis in The Plot Against America
Anthony Boyle und Caleb Malis in The Plot Against America - © HBO

In dieser Dichotomie liegt auch der Konflikt der Hauptcharaktere, genauer gesagt zwischen Rabbi Bengelsdorf und Evelyn auf der einen Seite und Herman und Bessi auf der anderen. Ihre jeweiligen Ansichten über Lindbergh treiben die Familie auseinander, was umso tragischer wird, als Phillips verrückte Tante seinen leicht beeinflussbaren Bruder Sandy mit sich reißt. Und leider ziehen die Guten einfach nicht am selben Strang: Während Herman in New Jersey bleiben will, um als amerikanischer Jude seine Freiheit zu verteidigen, will Bessi zum Wohle ihrer Kinder lieber nach Kanada flüchten. Cousin Alvin zieht es ebenfalls dorthin, allerdings nur, um sich der kanadischen Armee anzuschließen und auf der anderen Seite des Atlantiks deutsche Nazisoldaten umzubringen. Kurz vorher schloss der neue US-Präsident einen Teufelspakt mit Hitler - das sogenannte „Iceland Understanding“ -, das Deutschlands totalitären Machtanspruch über Europa quasi ratifiziert hat.

Wer nicht wissen will, wie das Ganze am Ende ausgeht, sollte sich den letzten Abschnitt dieser Besprechung besser sparen. Alles in allem kann mit Blick auf die neue HBO-Miniserie The Plot Against America aber festgehalten werden, dass es David Simon durchaus gelungen ist, ein heikles und mehr denn je zeitgemäßes Thema einerseits so unterhaltsam wie nötig und andererseits so geschmackvoll wie möglich zu gestalten. Statt die hochpolitische Geschichte zu sehr auf der Ebene des Abstrakten zu erzählen, erdet er sie mit lebensechten und superb besetzten Charakteren, um deren Schicksale man wirklich bangt - obwohl das vielleicht sogar eher ein Verdienst des Romans von Philip Roth ist. Also egal, ob als Serie oder als Buch, in beiden Fällen lohnt sich das schaurige Was-wäre-wenn-Szenario rund um Präsident Charles Lindbergh. Lediglich die Landung - Wortspiel beabsichtigt - glückt vielleicht nicht ganz. Doch dazu mehr im folgenden Spoiler-Teil...

Verschwörung

Das Wort „Plot“, das zufälligerweise nur einen Buchstaben von Lindberghs ursprünglicher Profession entfernt ist, bedeutet auf Deutsch bekanntlich Verschwörung. Was also ist diese Verschwörung gegen Amerika? Nun, nachdem der Präsident mit seinem Flugzeug, der „Spirit of St. Louis“, abgestürzt zu sein scheint und folglich als verschollen gilt, kehrt nach kurzen Tumulten schließlich Roosevelt zurück aufs politische Parkett und bringt den Lauf der Geschichte wieder in Ordnung. Plötzlich hat auch der Titelsong wieder Sinn! Trotzdem ist dieses Happy End natürlich etwas aus der Luft gegriffen - erneut ist das Wortspiel beabsichtigt. Es scheint kaum vorstellbar, dass die Vereinigten Staaten, nachdem sie sich so sehr dem Antisemitismus hingegeben haben, von einem Tag auf den nächsten wieder ganz „normal“ sind. Andererseits war die Aufarbeitung der Verbrechen des Faschismus mancherorts im echten Leben auch nicht viel ehrlicher...

Hier nun aber die Verschwörung: Laut Rabbi Bengelsdorf und Evelyn, die letztendlich einsehen mussten, dass sie auf der falschen Seite standen und Herman und Bessi von Beginn an Recht hatten, war Lindbergh gar nicht selbst der große Schurke. Er war angeblich nur die Marionette des Berliner NS-Regimes. Die ganze Welt nahm 1932 mit Bestürzung zur Kenntnis, wie sein Sohn entführt und kurze Zeit später tot aufgefunden wurde. Doch was, wenn die Leiche gar nicht echt war und das Kind überlebte? Was, wenn das Kind nach Deutschland verschleppt wurde und dort als Hitlerjunge aufwuchs? Was, wenn die Nazis den amerikanischen Volkshelden Lindbergh dazu zwangen, als Präsident zu kandidieren und sein Land in die Diktatur zu führen? Und was, wenn er am Ende nicht mehr mitspielen wollte und sein Flugzeug abgeschossen wurde?

Ob es im Paralleluniversum von The Plot Against America tatsächlich so war, bleibt am Ende offen. Doch das Ganze zeigt noch mal die große Stärke dieser Serie: Egal, wie abwegig es eigentlich ist - gut erzählt kann sich alles erschreckend naheliegend anfühlen...

Hier abschließend der Trailer zur HBO-Miniserie The Plot Against America:

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