
Die TV-Season 2015/2016 ist die Saison der hanebüchenen Prämissen. Bisher gibt es ein volltätowiertes Amnesieopfer, eine Pille, die sämtliche Gehirnkapazitäten freischaltet, und seit der Premiere von The Player auch eine düstere Geheimorganisation, die Verbrechen vorhersagen kann und diese Fähigkeit nutzt, um millionenschwere Wetten auf deren Verhinderung abzuschließen. Am kommdenden Sonntag startet bei ABC zudem eine Dramaserie, in der es einem FBI-Rekruten gelungen ist, den strikten Überprüfungsmechanismus der Bundesbehörde zu umgehen.
Place your bets
Entsprechend skeptisch bin ich also an die Pilotepisode von The Player herangetreten und wurde bald in diesem Vorbehalt bestätigt. Die Prämisse ist wahrlich zum Davonlaufen. Durch die Augen des Sicherheitsexperten Alex Kane (Philip Winchester) lernen wir zuerst Cassandra King (Charity Wakefield) und dann ihren Vorgesetzten Mr. Johnson (Wesley Snipes) kennen. Sie eröffnen Alex, dass sie eine mächtige Organisation vertreten, die ein System entwickelt habe, das die Ausübung von Straftaten prophezeien könne. Statt diese jedoch an die zuständigen Behörden weiterzugeben oder gleich selbst zu verhindern, setzten die schwerreichen Mitglieder einen hohen Millionenbetrag darauf, ob ihrem „Player“ dies gelänge.
Die gesamte Operation offenbart zunächst ein gigantisches moralisches Dilemma, das Alex glücklicherweise mehrmals angewidert ausspricht. Mr. Johnson macht denn auch mehrere Versuche, die offenkundigen ethischen Versäumnisse seiner Organisation zu rechtfertigen. Sie alle laufen auf das äußerst schwache Argument hinaus, dass auch die Reichsten der Reichen eine Art Ventil bräuchten, um angestauten Frust herauszulassen. Gäbe es dieses - ihre Organisation, „The House“ - nicht, würden sie eben ganze Staaten und Volkswirtschaften zu Fall bringen. Das ist natürlich großer Quatsch. Trotzdem hat mich diese Pilotepisode besser unterhalten als alles, was die neue Season bisher zu bieten hatte.
Es ist auch gar nicht schwer, diese Reaktion zu erklären. Die Rolle des schlagkräftigen Ex-Soldaten und Sicherheitsexperten Alex ist Winchester wie auf den Leib geschneidert. Schon nach wenigen Minuten wissen wir genau, warum gerade ihm die Rolle als neuer „Player“ angeboten wird. Da hat er die Familie eines einflussreichen Casinogasts nämlich schon vor einem Attentäter gerettet, indem er sich von außen durch das geschlossene Fenster einer Hotelsuite im obersten Stockwerk schwingt. Winchester konnte bereits in vier Staffeln der Actionserie Strike Back unter Beweis stellen, welch fähiger Actiondarsteller er ist. Vor allem aber - und das unterscheidet ihn von seinem Ex-Kollegen Sullivan Stapleton aus Blindspot oder Jake McDorman aus Limitless - verfügt er über eine sehenswerte Portion Charisma.

Komplementiert wird diese überzeugende zentrale Performance von mehreren Actionszenen, die zwar noch nicht an das Niveau von Strike Back herankommen, uns Zuschauern aber trotzdem einige mitreißende Augenblicke bescheren. Regisseur Bharat Nalluri gelingt es, innerhalb der Grenzen des Networkfernsehens mehrere aufwühlende Action-set pieces abzulieferen, wobei er bisweilen ein leicht konfuses Raumgefühl erzeugt.
Who's next?
Unterbrochen werden diese packenden Sequenzen durch lange Szenen, in denen sich Snipes und Wakefield als „Pit Boss“ respektive „Dealer“ durch hanebüchene Exposition quälen müssen. Dabei habe ich mich gefragt, ob die Serie nicht viel besser funktionieren würde, wenn sie nicht ständig um die eigene absurde Prämisse herumtänzeln müsste. Der amerikanische Kollege Sepinwall wundert sich diesbezüglich, ob man die drei Hauptdarsteller nicht einfach als Team in einer Sicherheitsfirma in Las Vegas hätte auftreten lassen können. Weniger Spaß hätte der Pilot so wahrscheinlich nicht gemacht.
Wie so oft ist es die zentrale Prämisse einer Networkserie, die mich am wenigsten daran interessiert. Das wäre nicht weiter schlimm, stünde in diesem Falle nicht zu befürchten, dass sich das Format damit selbst ein Bein stellt. Schon im Piloten sind viel zu lange Erklärungen nötig, um den Polizisten Cal (Damon Gupton) davon zu überzeugen, seinen verhafteten Kumpel Alex in die Obhut des FBI zu geben. Dabei ahnt Cal schon, dass etwas mit dem angeblichen FBI-Agent, als der sich Mr. Johnson ausgibt, nicht stimmt. Wie soll dieses Katz-und-Maus-Spiel über potenziell 22 Episoden der ersten Staffel halbwegs glaubwürdig aufrechterhalten werden?
Tatsächlich wäre auch ohne die Prämisse genug vorhanden, um aus The Player eine nette Actionstory zu basteln. Neben Winchester und Snipes, der hier leider nur selten sein komödiantisches Potenzial ausspielen darf, gefällt mir vor allem Wakefield in ihrer Rolle als „Dealer“. Sie scheut nicht vor zu großen Auftritten zurück, die allein schon dank ihres englischen Akzents eingehegt werden. Zusammen mit Winchester gibt sie ein schlagfertiges Duo ab, das von Snipes nur besser gemacht werden könnte, würde er ganz von der Leine gelassen werden. Letztgenannter will oder darf noch nicht den Ton treffen, den seine beiden Kollegen längst singen.

Es ist dieser Ton der Serie, der sie von den bisherigen Drama-Neustarts in positivem Maße unterscheidet. Formate wie Blindspot und Limitless nehmen sich selbst trotz ihrer absurden Prämissen viel zu ernst, während The Player Spaß an der Albernheit hat - zwar nicht immer, aber hoffentlich bald immer öfter. Im Kern steckt hier ebenfalls eine dramatische Geschichte, die Alex Kane dazu bringt, das unmoralische Angebot anzunehmen.
We are what we do
Es gibt nämlich eine Wette, von der er nichts weiß, deren Existenz er nur erahnen kann. Seine Ex-Frau Ginny (Cara Buono), die vermeintlich vor seinen Augen ermordet wurde, ist nämlich noch am Leben. Er befindet sich nun in einer Zwickmühle. Zwar hat er eine dunkle Ahnung, dass „The House“ etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnte, jedoch hat er dafür (außer einem fehlenden Tattoo) keine Beweise. Also muss er die Organisation von innen aushöhlen, um Ginny, mit der er gerade erst wieder zusammengekommen war, zu retten.
Dies ist die überzeugendste aller in der Pilotepisode aufgespannten Geschichte. Und auch wenn ein solches Rettungsszenario schon vielfach durchgespielt wurde, hätte es wohl ohne die dämliche Prämisse funktioniert. Das Kalkül der Networkverantwortlichen beim Einkauf solcher Grundkonstellationen ist eindeutig: In der heutigen, stark zersplitterten Fernsehlandschaft mit über 400 fiktionalen Formaten braucht es etwas, das sofort hervorsticht. Das schafft The Player - aber nicht dank seiner Ausgangslage, sondern wegen guter schauspielerischer Leistungen und überzeugender Actionszenen. Die neue Serie passt überdies nahezu perfekt zum zukünftigen Ausstrahlungspartner The Blacklist, gefällt mir aber schon jetzt besser.
Ohne die Andeutung eines staffelübergreifenden Handlungsbogens - Alex' Suche nach Ginny - hätten in meiner Bewertung die positiven Elemente das große negative geradewegs ausgeglichen. So aber - und dank der Tatsache, dass Serienschöfper John Rogers (Leverage) bisweilen mit einem Augenzwinkern auf sein wahnsinniges Potpourri blickt - wurde ich von diesem Piloten überraschend gut unterhalten. The Player hat sich bei mir einige weitere Episoden erspielt.