Die neue Dramaserie The Path schafft es in ihrer Pilotepisode nicht nur, Thema und top besetzte Charaktere zu etablieren, sondern vor allem, mit packendem Tempo und fesselnder Erzählweise intelligente Themen durchzuspielen. Achtung, Suchtgefahr!

Poster zu „The Path“ / (c) Hulu
Poster zu „The Path“ / (c) Hulu

Die Pilotepisode What the Fire Throws von The Path etabliert nicht nur die top besetzten Charaktere und das Thema der meyeristischen Gruppierung, sondern setzt vor allem ein Erzähltempo an, dass einen in seinen Bann zieht und dabei auf intelligente Weise verschiedene Motivationen und vor allem die Frage nach Aufklärung und Manipulation aufwirft. Allen voran der zuletzt in Hannibal eher devot gezeichnete Hugh Dancy überzeugt als Führerfigur auf ganzer Linie.

Auf dem Pfad der Dämmerung

Zu Beginn der Pilotepisode bekommen wir zunächst ein Katastrophenszenario in New Hampshire präsentiert, welches sich im Laufe der Handlung als alles zerstörender Tornado herausstellt. Die traumatisierte Mary (typenbesetzt, jedoch überzeugend: Emma Greenwell aus Shameless) wird hier zusammen mit anderen Hinterbliebenen vom charismatischen Cal (Hugh Dancy) und seinen Anhängern aufgesammelt und mithilfe mehrerer Vans in ihr neues Zuhause gebracht.

Mary (Emma Greenwell) findet Halt bei den Meyeristen. © Hulu
Mary (Emma Greenwell) findet Halt bei den Meyeristen. © Hulu

Im Zuge der Handlung nimmt Mary dabei die Rolle des Neuankömmlings ein, deren düstere Vergangenheit aus Kindheitsprostitution und zerwüsteter Landschaft dazu führen, dass sie sich immer mehr Cals Führung hingibt. So bietet sie sich ihm sexuell an, erzählt ihm von seiner Vergangenheit und darf schließlich mit ansehen, wie dieser ihrem Vater mit schlagkräftigen Argumenten Paroli bietet. Zwar wirkt diese Kehrtwende ab und an etwas rasch, dennoch überzeugt Mary als Paradebeispiel der durch traumatische Erlebnisse manipulierten Person hervorragend und löst auch in dem Zuschauer den Wunsch nach einer besseren Welt aus.

Im Kontrast zu dieser recht jungen Betrachtungsweise der „Meyeristen“ bekommen wir das Ehepaar Eddie (hervorragend emotional wie in den letzten Staffeln Breaking Bad: Aaron Paul) und Sarah Lane (Michelle Monaghan) präsentiert, die äußerst unterschiedliche Ansätze im Umgang mit ihrem Glauben vertreten. So erfahren wir, dass Sarah bereits in die Glaubensgemeinschaft geboren wurde und sich in der Vergangenheit bewusst gegen Cal und für Eddie als Lebenspartner entschieden hatte, da letzterer für sie die größere Möglichkeit versprach, jemand anderen lieben zu können.

Was ist die Meytrix?

Doch die Ehe wirkt recht unharmonisch, da Eddie sich langsam vom weißen zum schwarzen Schaf zu verfärben droht. In einer Rede für die Neuankömmlinge bekommen wir auch sein traumatisches Erlebnis in Form des Suizids seines Bruders Johnny (Alex Kramer) erzählt, welches jedoch nicht mehr als alleiniges Merkmal, der Gruppierung zu folgen, zu reichen scheint. Stattdessen scheint er seit dem Besuch des „Retreat Center“ in Peru vom Virus des Zweifels befallen zu sein und versucht herauszubekommen, wieviel Wahrhaftigkeit hinter seiner Glaubensgruppierung wirklich liegt.

Sarah schiebt die mentale Abwesenheit ihres Mannes dagegen immer wieder auf potentielle Affären, recherchiert, dass Eddie von der noch recht unbekannten Miranda Frank (Minka Kelly) begleitet wurde und sieht zudem, wie sich ihr Mann in einem Motel mit einer anderen Frau trifft. Diese ebenso rätselhafte Blondine nimmt anscheinend die Rolle der bereits geläuterten Person ein, die sich auf dem Weg aus der Bewegung mit der Hartnäckigkeit dieser auseinandersetzen muss.

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Aaron Pauls Hundeblick funktioniert auch in %26bdquo;The Path%26ldquo;. © Hulu

Doch was genau ist der Meyerismus und wie wird dieser dargestellt? Die durch Friday Night Lights bekannte Produzentin und Schöpferin Jessica Goldberg mischt dabei vor allem universelle Themen zusammen, die sich zwar zum Großteil, jedoch nicht nur auf religiöse Bewegungen festlegen lassen. Dennoch finden sich vor allem Andeutungen zu Scientology wieder, wenn zum Beispiel der Führer Doctor Steven Meyer (Keir Dullea) durch Abwesenheit glänzt und in bester L.-Ron-Hubbard-Manier in Hemd und seidenem Halstuch auf veralteten Fotos vorzufinden ist. Dass er zudem als Gründer die erste Schrift „The Ladder“ entwarf, erinnert ebenfalls an den verstorbenen Scientologen.

Was die Ideologie des Meyerismus jedoch angeht, scheint diese ein bisschen an Karl Marx' Definition von Religion als „Opium fürs Volk“ zu erinnern, was besonders dadurch deutlich wird, dass Mary vor allem durch das Versprechen gelockt wird, die traumatischen Erlebnisse zu vergessen und auf den geistigen Zustand vor diesen rückgeführt zu werden. Diese Ideologie des Verdrängens von Geschehnissen lässt sich durchaus mit dem Konsum von Drogen vergleichen, welche zudem auch in Eddies Peru-Trip zu wirken kamen. Auch die Rückbesinnung auf einen erstrebenswerten Urzustand oder die angedeuteten Ränge wie „6R“ und „8R“ finden sich unter anderem auch bei den Scientologen wieder.

Als weiterer Kernaspekt des „Meyerismus“ scheint dabei Transparenz und Offenheit eine große Rolle zu spielen. Dies wird neben den omnipräsenten, an „1984“ erinnernden Sonnenaugensymbolen zudem dadurch klar, dass Sarah ihre eifersüchtigen Ermittlungen mit diesem Motto belegt, statt ihre eigenen Emotionen als Grund aufzuzeigen. Auch in den Befragungen Cals wird deutlich, dass hier eben nicht jeder einfach so leben kann, wie er es gerne würde, sondern sich immer wieder der Führungsebene offenbaren muss.

Is this the real life? Is this just fantasy?

Die Schlüsselszenen des Piloten stellen dabei sicherlich die halluzinativen Flashbacks Eddies sowie die Platon-Rede Cals dar. In Bezug auf das Höhlengleichnis als Urparabel auf Erkenntnis und Aufklärung wird hierbei deutlich, wie sich diese ebenfalls als Lehre der Manipulation einsetzen lässt. Cal zeichnet die schwarz-weiß dargestellte Alltagsdystopie als Abbildung des eigentlichen Lebens, wie es der Meyerismus predigt, während sich Eddie langsam über seine unterbewussten Wahrnehmungsveränderungen an den eigentlichen Rand der Höhle begibt.

Hier schafft es The Path, bereits in der Pilotepisode aufzuzeigen, wie schwerwiegend diese Neuinterpretation von Platons Text als Beleg sämtlicher Ideologien und Religionen als Manipulationsschrift funktionieren kann. Hierzulande lässt sich eine ähnliche Argumentationsweise beispielsweise in dem Vorwurf der „Lügenpresse“ wiederfinden, welche vor allem von rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien herangezogen wird. Da diese Diskurse in The Path jedoch vor allem auf emotionsgeladener Charakterebene stattfinden, schafft es die Serie, diese nicht mit dem Holzhammer zu servieren.

Hugh Dancy überzeugt als Leitwolf Cal. © Hulu
Hugh Dancy überzeugt als Leitwolf Cal. © Hulu

Fazit

Die Pilotepisode What the Fire Throws von The Path schafft es, gekonnt aktuelle Themen mit philosophischen Grundfragen und überzeugender Charakterschreibung zu verbinden. Wir bekommen die Bewegung des Meyerismus durch verschiedene Perspektiven und Entwicklungsstufen präsentiert, von denen vor allem Cal und Eddie das größte Konfliktpotential aufwerfen. Dabei werden jedoch trotz des rapiden Erzähltempos genug Lücken und Fragen des Glaubenssystems offengelassen, als dass man dieses bereits auf einen einzelnen Kern runterbrechen könnte.

Dennoch überzeugt vor allem das Thema der Manipulation von traumatisierten Menschen durch die überzeugenden Darstellungen und erzeugt einen Drall, dem man sich nur schwer entziehen kann. Einerseits fiebere ich mit dem Erkenntnisdrang Eddies mit, andererseits kann ich auch Marys Suche nach Vergeltung nachvollziehen. Ob es sich bei dem in der letzten Szene gezeigten Mann etwa um Meyer selbst handelt und wie viel davon Halluzination oder Realität ist, stellt sicherlich das größte Mysterium bisher dar. Natürlich könnte man manche Entwicklung wie die Kehrtwende Marys etwas langsamer erzählen. Sollte die Serie es jedoch schaffen, dieses Tempo beizubehalten und dabei Charakter- sowie Plotentwicklung nicht aus dem Auge zu verlieren, sehe ich der Prophezeiung, hier eine der besten Dramaserien des Jahres zu sehen, positiv entgegen.

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