The Mechanism: Kritik zur ersten Folgen des brasilianischen Politthrillers von Netflixx

© ??The Mechanism“ (c) Netflix
Nach der Sci-Fi-Serie 3%, die 2016 für eine kleine Überraschung sorgen und sich innerhalb kürzester Zeit eine treu ergebene Fangemeinde erarbeiten konnte, präsentiert uns der globale Streamingdienst Netflix ab heute, den 23. März seine nächste Produktion aus Brasilien. Für den Politthriller The Mechanism (im Original: „O Mecanismo“) hat man sich abermals mit dem brasilianischen Filmemacher José Padilha, der mit für Netflix' erfolgreiches Drogendrama Narcos verantwortlich zeichnet, zusammengeschlossen. Dieser hat sich wiederum gemeinsam mit der Drehbuchautorin Elena Soarez („City of Men“) einem dunklen Kapitel und der Geißeln Brasiliens gewidmet, die ihr Heimatland nach wie vor fest im Griff haben: Korruption, politische Verschwörung und Geldwäsche.
Die Geschichte von „The Mechanism“ basiert auf den realen Ereignissen aus dem Jahr 2014, als die Behörden einen nationalen Korruptionsskandal aufdeckten, in dem sowohl politische Vertreter als auch einflussreiche Öl- sowie Bauunternehmen involviert gewesen sind. „Operação Lava Jato“ - „Operation Car Wash“ - deckte ein grundlegendes Problem in der politischen Landschaft von Brasilien auf, gegen das schon zahlreiche mutige Ermittler und Ermittlerinnen vorgegangen, jedoch krachend gescheitert waren. Soarez und Padilha werfen nun in der achtteiligen ersten Staffel ihrer neuen Serie einen Blick auf die Versuche einiger furchtloser Unbestechlichen, die ihre Heimat von diesem systematisierten Unheil befreien wollen, das wie ein fieses Geschwür am Herzen einer Nation und ihres Volkes nagt.
Fantasy Island
In der Pilotfolge wird Hauptcharakter Marco Ruffo (Selton Mello) nicht müde zu erwähnen, dass die dunklen Machenschaften in der Politik und im Finanzsektor ein bösartiger Tumor sind, der sich nur noch weiter verbreiten wird, wenn man ihn nicht bei der Wurzel packt und entfernt. Das ist jedoch alles andere als einfach, hat sich der Einfluss von korrupten Devisenhändlern und Geldwäschern doch schon derartig verbreitet, dass die Vertreter des Justizsystems ihnen entweder nichts anhaben können oder sogar den Übeltäter munter zuarbeiten, um selbst Profit daraus zu schlagen und noch mächtiger zu werden. „The Mechanism“ ist ein Politthriller, wie er im Buche steht und Regisseur José Padilha erweist sich als Kenner des Genres, der den Fokus auf den mühseligen Prozess der Ermittlungen legt, um das Publikum in diesen Fall zu involvieren.
Besonders einzigartig wirkt die Erzählung in ihrer ersten Episode aber nicht, eher klassisch und vertraut. Es werden diverse Informationen mit uns geteilt, zumeist über ein alles erklärenden Voice-over - ein stilistisches Mittel, auf das Padilha nur zu gern zurückgreift, ob nun in seinem sehenswerten Spielfilm „Tropa de Elite“ von 2007 oder eben auch in „Narcos“. Auf der einen Seite schafft man so einen informativen Rahmen für die Geschichte, die im Jahr 2003 beginnt und bis 2013 reicht. Auf der anderen Seite kann ein Voice-over-Erzähler aber auch recht schnell etwas ermüdend sein, da dieser oftmals das Offensichtliche anspricht und dem Zuschauer dadurch die Aufgabe genommen wird, sich selbst in die Handlung reinzuarbeiten.
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Just a little push
In Narcos hatte man dieses Stilmittel nach der ersten Staffel etwas zurückgefahren, weil es mitunter einfach nicht notwendig und obsolet war. In The Mechanism versucht man in Kombination mit zwei verschiedenen Erzählebenen und zwei verschiedenen Voice-over - einmal von Ruffo, einmal von seinem Protegé Verena (Caroline Abras) - den gewöhnlichen Einsatz dieses Gimmicks etwas aufzubrechen und dadurch die gesamte Erzählstruktur aufzulockern. Diese Idee klingt auf dem Papier nicht uninteressant. Vor allem am Ende der Auftaktfolge bekommt „The Mechanism“ über diesen Weg noch einen spannenden Kniff verpasst, als sich die Perspektive vom impulsiven Ruffo in Richtung seiner desillusionierten Nachfolgerin Verena verschiebt.
Durch diesen abrupten Perspektivwechsel und den Zeitsprung von zehn Jahren weht urplötzlich ein frischer Wind durch die Serie, die zuvor nicht viel falsch macht, aber eben auch eine Geschichte erzählt, die wir so oder so ähnlich schon etliche Male zuvor gesehen haben. Das Setting ist eine Stärke und ein Alleinstellungsmerkmal, das man im Laufe der ersten Staffel definitiv ausspielen sollte. Denn gerade so kann man sich abheben und einen bisher nie dagewesenen Blick auf die Mechanismen in einem fremden Land, einer fremden Kultur und einer fremden Gesellschaft werfen, die von innen langsam in sich zusammenfällt, weil ein paar skrupellose Entscheidungsträger sich gegenseitig dabei helfen, noch reicher und noch mächtiger zu werden.
Wie frustrierend es für Ruffo ist, der diese Ungerechtigkeit nicht länger ertragen kann, ist für den Zuschauer absolut spür- und nachvollziehbar. Einer seiner Jugendfreunde hat sich mit seinen illegalen, millionenschweren Geschäften bis an die Spitze der Korruption gearbeitet, während Ruffo als unbedeutender Polizist unentwegt den Kampf gegen die Windmühlen sucht, sich zwischendurch auf der Siegerstraße wähnt und dann doch mit der harten, unschönen Realität konfrontiert wird, dass sich nichts ändern wird. Es ist kein Fehler im System, es ist das gesamte System, das fehlerhaft ist.
Divine justice
Als brütender Protagonist bewegt sich Ruffo zwischen Licht und Schatten. Auf Dauer wäre die Geschichte eines gebrochenen Mannes, der als einer von wenigen Veränderungen bewirken will, jedoch etwas monoton. Der Gefahr, dass sich das alles recht schnell abnutzen kann, wirkt man in „The Mechanism“ zum Beispiel mit Ruffos Kollegin Verena entgegen, der sich Jahre nach den Bemühungen ihres alten Lehrmeisters die Chance ergibt, die verantwortlichen Missetäter dranzukriegen. So bedacht und entschleunigt die Episode bis zu diesem Zeitpunkt inszeniert ist, so erfolgreich füttert man sein Publikum mit dem Ausblick auf einen neuen Anlauf der Bekämpfung von Korruption und Geldwäsche in Brasilien an.
José Padilhas Machart, die oft einen Mix aus flotter, unmittelbarer Inszenierung und präzisem, fast schon dokumentarischem Auge darstellt, passt hervorragend zu diesem Thema, auch wenn es in The Mechanism zu Beginn weitaus ruhiger zugeht, als es zum Beispiel in „Narcos“ der Fall gewesen ist. Wenn die Handlung aber erst einmal Fahrt aufnimmt, dann kann sich hier durchaus eine fesselnde Erzählung entspinnen, die einen nicht mehr loslässt. Empfohlen sei an dieser Stelle übrigens, die Serie im Originalton zu schauen. Es gibt zwar auch eine englischsprachige Vertonung, diese wirkt stellenweise aber dermaßen asynchron, dass es so nur wenig Spaß macht. Da sollte man eher auf die deutschen Untertitel (eine deutsche Synchronfassung gibt es nicht) zurückgreifen und dem wunderbaren Rhythmus und Klang der portugiesischen Sprache lauschen.
Trailer zu „The Mechanism“: