
© achel Brosnahan in „The Marvelous Mrs. Maisel“ / (c) Amazon Studios
Tief durchatmen! Es ist das erste Mal, dass wir auf Amy Sherman-Palladino treffen nach dem berüchtigten Gilmore Girls-Desaster auf Netflix vergangenen Winter. Hatte ich Angst davor, die Pilotepisode zu The Marvelous Mrs. Maisel an zu klicken? Sehr! Wird dieses Review ein paar GG-Vergleiche ertragen müssen? Auf jeden Fall! Kann man es am Ende empfehlen für alte und potentiell neue Palladino-Fans? Mit großer Erleichterung gibt es zu vermelden: Auf jeden Fall!
Worum es geht
Unter den neuen Amazon-Pilots ist das die einzige Serie, die eine Frau auf dem Plakat hat. Und die hat es in sich. Wir lernen Miriam Maisel, genannt Midge (Rachel Brosnahan, House of Cards, Manhattan) kennen als sie in den 1950er Jahren einen Toast auf ihrer eigenen Hochzeit gibt. Sie ist schlagfertig, witzig und hat einen eigenen Stil, in dem sie uns im Schnelldurchlauf durch ihr Leben begleitet, das auf diesen Punkt hingelaufen ist: auf die Hochzeit mit einem würdigen Mann, Joel (Michael Zegen, Rescue Me, The Walking Dead). Doch da hört der Ehrgeiz der vielseitig talentierten Frau nicht auf. Nach einem Zeitsprung von vier Jahren werden wir in einen Ehealltag eingeführt. Midge steht wieder auf nachdem ihr Mann eingeschlafen ist, um sich abzuschminken und sich die Haare einzudrehen und vor dem Weckerklingeln wieder ins Badezimmer schwebt und etwas Make-up auflegt. Doch es wird noch schlimmer! Zur Vorstellung gehört auch noch ein niedliches Gähnen und ein naives „Hat der Wecker etwa schon geklingelt?“ als Joel sie weckt.
Um es kurz zu machen: Midge hat das Ideal der perfekten Ehefrau perfektioniert, auf eine ziemlich originelle Art und Weise. Denn wie sie selbst später sagt, sie glaubt, dass Männer dumme Frauen mögen, aber sie dachte, dass Joel auch noch Witz und Spontaneität wollte. Und sie liefert. Mit Organisationstalent und jeder Menge Wortwitz. Denn Joels besonderes Hobby ist es, sich nach dem Tag im Büro als Komiker auf der Bühne zu versuchen. Und Midge sitzt nicht nur im Publikum, sie besorgt ihm dank vorzüglicher Kochkünste die besten Auftrittszeit und führt akkribisch Buch über die Reaktionen auf seine Gags. Ebenso akribisch, wie sie sich selbst übrigens misst, und zwar jedes Körperteil einzeln und das jeden Tag um sicherzustellen, dass sie symmetrisch und attraktiv bleibt.
Doch mit dieser verrückt-charmant-angsteinflößenden Midge ist es am Abend vor Jom Kippur vorbei. Denn da zeigt sich bei einem vergeigten Auftritt, dass Joel keinen lustigen Knochen in seinem Körper hat. Und das bringt ihn dazu, Midge zu verlassen, denn sein Leben ist nicht das, was er sich vorgestellt hat. Seinen Job versteht er nicht und seine Affäre mit der naiven Sekretärin hilft ebenfalls nicht bei der Selbtsfindung. Nun steht Midge also da, verlassene Ehefrau am Abend vor Jom Kippur und muss ihren Eltern erklären, dass Joel nicht zum Essen mit dem Rabbi kommen wird. Das führt zu wütendem Klaviergespiel und jeder Menge Geschrei.
Am Ende gönnt Midge sich heimlich ein, zwei Glas vom Feiertagswein und bemerkt: Ihre Auflaufform ist noch im Club! Angetrunken und wütend zieht sie in ihrem Nachthemd mit der U-Bahn Downtown. Dort stakst sie auf die Bühne und lässt ihrer Wut auf Joel freien Lauf, sehr zur Begeisterung des Publikums. Für Freizügigkeit wird sie schließlich von der Polizei von der Bühne direkt in den Knast geführt.
Dort holt Susie (Alex Borstein, Family Guy), die Frau aus der Comedykneipe raus und erklärt ihr, wie begabt sie sei. Davon will die verlassene Ehefrau zunächst nichts wissen, bis sie dann doch ins Grübeln kommt. Um aus erster Hand zu erfahren, ob das Comedyfach erfüllend ist, löst sie ihrerseits nun den bereits einigermaßen bekannten Lenny (Luke Kirby, Rectify) aus der Haft und fragt ihn, ob er sein Handwerk liebe. Die Antwort könnte nicht deutlicher sein und ihren Ehrgeiz setzt Midge nun daran, es selbst auf der Bühne zu schaffen.
Wie kommt es rüber?
Amy Sherman-Palladino verpackt ihre Sicht auf die Welt mit einem bestechenden Humor, der in einer oft surreal wirkenden Welt oft harte Wahrheiten rüberbringt. Für die Netflix-Fortsetzung hat sie es nicht geschafft, das idyllische Stars Hollow in die Gegenwart zu holen. Herausgekommen sind zwei seltsam nicht vertraut wirkende Figuren, die andere im Freibad beschämen und plötzlich auf seltsame Selbstfindungstrips gehen. Doch trotzdem war die Erfolgsserie aus den 2000ern schon vor dem neuen Amazon-Pilot kein One-Hit-Wonder. Viele Fans werden sich ein bisschen wehmütig an die einzige Staffel erinnern, die Bunheads erhalten hat. Auch dort bewies die Serienmacherin das Talent, eine traumhaft wirkende Umgebung zu erschaffen, in der vieles unter dem Mantel der Surrealität durchgeht während bei den Kernthemen wie Feminismus die harten Themen locker angegangen werden können.
In The Marvelous Mrs. Maisel schafft sie den Rahmen für eine aufstrebende Komikerin durch den Sprung in die 50er. Der Kampf gegen den Perfektionismusdruck auf Frauen, auch den, den sie sich selbst machen, ist noch nicht zu Ende, doch durch die Übersetzung in eine andere Epoche schaffen die Serienmacherinnen die Überspitzung und den Abstand, der zur Komik führt. Die unheimlich schnellen Dialoge, die sprühenden Figuren, das alles macht sich ziemlich gut in der bonbonfarbenen Welt der 50er.
Nun ist alles wieder da, was in „Gilmore Girls: A Year in the Life“ verloren gegangen war, im Mittelpunkt eine Frau, die sich gegen die Welt durchsetzen muss und das auf ihre Art tun will. Zurück sind die Gags zwischen den Gags, die Anspielungen und die urkomischen Hintergrunddialoge, die so oft einen tieferen Sinn für Komik haben. Schon in der Pilotepisode werden selbst die Nebenfiguren lebendig, darunter allen voran Midges Vater Abe (Tony Shalhoub, Monk) und ihre beste Freundin Imogene (Bailey De Young, Bunheads). Wieder da sind auch die Kommentare zur Gegenwart, die sich oft hinter Witzen und hochgezogenen Augenbrauen verstecken.
Fazit
Der Amazon-Pilot The Marvelous Mrs. Maisel ist unser Ticket zurück ins Sherman-Palladino-Universum, in die urkomische, liebenswerte und nicht selten auch mutige Welt, die sie mit Gilmore Girls einst erschaffen hat. Bleibt zu hoffen, dass wir länger als eine Episode dort bleiben können. Vier von fünf Sternen.