The Marvelous Mrs. Maisel 1x04

© ??The Marvelous Mrs. Maiselâ (c) Amazon Studios
Diese Kritik bezieht sich auf die ersten vier Folgen der Amazon-Serie âThe Marvelous Mrs. Maiselâ und enthĂ€lt Spoiler zur ersten Folge der Dramedy.
Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass es in den HinterstĂŒbchen der Amazon Studios gewaltig am Brodeln ist. Ganz davon abgesehen, dass man bereits seit lĂ€ngerer Zeit nach einem ordentlichen Kracher fĂŒr seinen hauseigenen Streamingdienst sucht, der ein groĂes Publikum locken und die Konkurrenz wie Netflix, Hulu etc. aufhorchen lĂ€sst, wurde im Zuge des aktuellen, ĂŒberfĂ€lligen GroĂereinemachens in Hollywood auch publik, dass Studiochef Roy Price eine Produzentin der Historienserie The Man in the High Castle sexuell genötigt haben soll.
Price, ohnehin ein umstrittener Charakter, der die Projektplanung bei den Amazon Studios teilweise nach seinem persönlichen Gutdünken gestaltet hat, trat selbst von seinem Posten zurĂŒck, welcher nach wie vor vakant ist. Die Suche nach einem neuen Studiochef beziehungsweise einer neuen Studiochefin lĂ€uft derzeit auf Hochtouren, die eindeutige Tendenz ist derweil, dass fortan eine Frau die Geschicke bei den Amazon Studios leiten und sich strukturell so einiges Ă€ndern soll. Mittlerweile hat man auch einen spannenden Deal für die Zukunft eingetütet, steht uns doch irgendwann eine „Herr der Ringe“-Serie ins Haus, genau so ein Mammuttitel, bei dem Serienfans als auch Mitgestalter der Streaming-Industrie die Elbenohren spitzen.
Making an entrance
Um andere prestigetrĂ€chtige Serienprojekte der Amazon Studios steht es indes nicht so gut. Im Zuge des Weinstein-Skandals wurde so David O. Russells geplanter Mafiaepos mit Robert De Niro und Julianne Moore auf Eis gelegt. Auch Matthew Weiners The Romanoffs ist inzwischen gewaltig ins Wanken gekommen, nachdem der Mad Men-Schöpfer sich nun ebenfalls schwerwiegenden Vorwürfen wegen sexueller Belästigung ausgesetzt sieht. Gleichzeitig steht das abgesetzte Format Good Girls Revolt vor einer unerwarteten Wiederbelebung, nachdem das Ende der bei den Zuschauerschaft beliebten Retroserie nach nur einer Staffel einige unbequeme Fragen für Amazon aufwarf. Es rumort also heftig in den BĂŒrorĂ€umen des Produktionsstudios.
Und dann steht da plötzlich am Mittwoch, den 29. November eine neue Serie in den Startlöchern, deren Timing und PrÀmisse angesichts der aktuellen Lage in den Amazon Studios treffender nicht sein könnte: The Marvelous Mrs. Maisel.
Die Dramedy von Gilmore Girls-Schöpferin Amy Sherman-Palladino, die gemeinsam mit ihrem LebensgefĂ€hrten Daniel Palladino auch als ausfĂŒhrendes Produzententeam fungiert, hat eine interessante Produktionsgeschichte hinter sich. Zu Beginn verwirrte es bei der Premiere der Pilotfolge von „The Marvelous Mrs. Maisel“ nicht wenige, dass eine renommierte Serienmacherin wie Sherman-Palladino durch den Prozess der âAmazon Pilot Seasonâ gehen musste, wĂ€hrend zum Beispiel einem im TV unerprobten Woody Allen Millionen von Dollar hintergeworfen wurden, um eine mittelmäßige Serie auf die Beine zu stellen. Die HĂŒrde der Pilotphase nahm „Mrs. Maisel“ aber mit Leichtigkeit: Die Pilotfolge, welche im MĂ€rz 2017 prĂ€mierte, war eine der bis dato am besten bewerteten Auftaktfolgen des Streamingstudios.
Die Geschichte ĂŒber eine jĂŒdische Hausfrau und junge Mutter im New York der 1950er Jahren, deren Vorzeigeleben sich schlagartig komplett verĂ€ndert und die fortan ihrer Leidenschaft als aufstrebende Stand-up-Comedienne nachgeht, heimste durchweg positive Kritiken ein, auch hier bei Serienjunkies.de. Sherman-Palladinos unvergleichlicher Stil und der Einsatz von willensstarken, unerschĂŒtterlichen Frauencharakteren, die in maschinengewehrartigen Dialogen ihre Stellung behaupten, kamen an. Wenige Wochen nach der Premiere der ersten Folge im April 2017 erfolgte die Bestellung von zwei Staffeln auf einen Streich. Zu diesem Zeitpunkt waren die Amazon Studios noch weit von den Unruhen entfernt, die ein gutes halbes Jahr spĂ€ter erupÂtieÂren und einen FĂŒhrungswechsel in der obersten Etage mit sich bringen wĂŒrden.

Good girl revolts
Und wĂ€hrend sich die Amazon Studios gerade neu aufstellen, infrastrukturelle VerĂ€nderungen bewirken und eine neue, konkurrenzfĂ€hige Strategie im Serienbereich erarbeiten wollen, poltert eben The Marvelous Mrs. Maisel in den Laden hinein. Frech, unerschrocken, teilweise schwer gebeutelt, desillusioniert und von ihren mĂ€nnlichen Mitmenschen zutiefst enttĂ€uscht, verraten und permanent degradiert - die Titelfigur steht fast schon erschreckend sinnbildlich fĂŒr einen Umschwung, ob beabsichtigt oder nicht. Timing ist alles, wenn es um Comedy geht, und „Mrs. Maisel“ trifft den Nagel auf den Kopf. (Auch wenn in der Branche gemunkelt wird, dass ursprĂŒnglich das Thanksgivingfest 2017 als Startdatum angedacht war, sprich eine Woche zuvor, um in den freien Feiertagen gute Publikumszahlen zu erzielen. Ob sich Amazon im Kalender geirrt hat oder doch alles planmĂ€Ăig verlaufen ist, werden wir wohl nie erfahren.)
Wie bereits erwĂ€hnt, erzĂ€hlt „The Marvelous Mrs. Maisel“ die Geschichte einer jungen Frau, namentlich Miriam âMidgeâ Maisel (Rachel Brosnahan), die eigentlich mit beiden Beinen fest im Leben steht. Sie entstammt einer wohlhabenden jĂŒdischen Familie und hat eine exzellente Ausbildung genossen. Sie hat frĂŒh den Mann ihrer TrĂ€ume gefunden, den sie bedingungslos bei dessen BemĂŒhungen, ein richtiger Stand-up-Komiker zu werden, unterstĂŒtzt. WĂ€hrend ihre nörgeligen Eltern Miriam nur zu gerne in ihre Rolle als Hausfrau und Mutter drĂ€ngen, kĂŒmmert sie sich natĂŒrlich auch noch um ihre beiden Kinder und das Aufrechterhalten ihres erreichten gesellschaftlichen Status.
Raw and unpredictable
Miriam selbst ist aber keineswegs ein Unschuldslamm. Sie hat einen starken Willen, ist schlagfertig und Ă€uĂerst zielgerichtet. Allein die gesellschaftlichen Normen der 50er Jahre und ihr direktes Umfeld sind es, die sie immer wieder ausbremsen und ihr diktieren, was sie vom Leben erwarten kann und was nicht. Die Auftaktfolge von „Mrs. Maisel“ spielt sich nahezu wie im Rausch ab: Stakkatoartig brausen wir durch das swingende, laute New York, Szenen einer scheinbar perfekten Ehe spielen sich vor unseren Augen ab, bis urplötzlich die Blase platzt: Miriam steht nach einer AffĂ€re ihres Mannes allein da, ratlos und perplex.
WĂ€hrend alle um sie herum alles dafĂŒr tun, das Paar wieder zusammenzubringen, tut sich aber eine Chance fĂŒr Miriam auf. Warum soll sie sich fĂŒgen, warum muss sie unbedingt wieder ihre Ehe fixen, um glĂŒcklich zu werden? Weil ihr herrischer Vater es ihr befiehlt und ihr sĂ€mtliche anderen Optionen madig macht? Weil ihre sorgende Mutter es genau so getan hat und sich mit ihrer Rolle abgefunden hat? Oder weil ihr ein jeder zu dieser Zeit ganz genau sagen kann, was sie als Frau und als alleinerziehende Mutter tun muss? Miriam findet ein Ventil, um all den Druck rauszulassen, der auf ihr lastet, der sie beschĂ€ftigt und jeden weiteren Schritt von ihr beeinflusst: Comedy.
Nach einem herrlich ehrlichen Spontanauftritt in einer rauchigen Spelunke am Ende der Pilotfolge landet Miriam zunĂ€chst im Kittchen und bekommt einen Denkzettel verpasst - doch das Fieber hat sie lĂ€ngst ergriffen. Die BĂŒhne, auf der sie gnadenlos, ungefiltert, smart und lebensah die aktuellen VerĂ€nderungen in ihrem Leben auseinandernehmen und in Form von teils anzĂŒglicher, teils aber auch einfach wunderbar authentischer Comedy darlegen kann, hat es ihr angetan. AnfĂ€nglich zögert sie noch, aber mit Hilfe von ihrer Managerin Susie Meyerson (Alex Borstein) respektive Betreiberin eben jener Spelunke, wo Miriam ihren ersten, furiosen Auftritt hatte, wird der Traum vom Dasein als gefeierte Komikerin immer prĂ€senter und konkreter.

Rules of engagement
The Marvelous Mrs. Maisel ist keineswegs perfekt, weiĂ aber seine StĂ€rken effizient und geschickt auszuspielen. In Rachel Brosnahan hat man die perfekte Besetzung fĂŒr die Naturgewalt namens Miriam Maisel gefunden, die sich trotz aller Hindernisse ihren Weg bahnt, gleichzeitig aber auch zwischenzeitlich eine nuancierte Verletzlichkeit offenbart, was nach den jĂŒngsten EnttĂ€uschungen in ihrem Leben nur verstĂ€ndlich ist. Dann wirbelt sie aber wieder wie ein nicht zu haltendes EnergiebĂŒndel durch die Geschichte. Ihre Ambitionen, ihre âPacken wir es an!â-MentalitĂ€t, die Herausforderungen, die sie gemeistert hat und jetzt meistern muss, all das trĂ€gt dazu bei, dass man innerhalb kĂŒrzester Zeit mit dem Hauptcharakter mitfiebern kann, RĂŒckschlĂ€ge mit ihr teilt und Erfolge mit ihr feiert.
FĂŒr Brosnahan, bekannt aus House of Cards oder auch dem Historiendrama Manhattan, ist dies die Rolle ihres bisherigen Lebens. Als sich einigen Monaten einige gefragt hatten, warum „The Marvelous Mrs. Maisel“ nicht direkt von Amazon bestellte wurde, gab es Stimmen im GeschĂ€ft, die vermuteten, dass der Streaminganbieter ein paar Zweifel an den QualitĂ€ten von Rachel Brosnahan als âLeading Womanâ hatte. Immerhin steht und fĂ€llt diese Serie mit der zentralen Performance der Titelfigur, die zugleich dynamisch, energisch, sympathisch, verletzlich und vieles mehr sein muss. Sollte es jemals wirklich diese Bedenken gegeben haben, straft Brosnahan ihre Zweifler nun eindrucksvoll LĂŒgen. Ihr beim Schauspiel und Miriam bei ihrer Entwicklung in den Episoden der Dramedy zuschauen zu dĂŒrfen, ist die Hauptattraktion dieser Serie und ein mehr als guter Grund, dem Amazon-Neustart eine Chance zu geben.
Wo sich „The Marvelous Mrs. Maisel“ indes noch schwer tut, sind viele Szenen, in denen Brosnahan abwesend ist. Der Cast um diese herum ist namhaft, ob nun Alex Borstein, Marin Hinkle, Luke Kirby oder auch Monk-Darsteller Tony Shalhoub. Zahlreiche Geschichten der Nebencharaktere, so zum Beispiel die von Miriams Mann Joel (Michael Zegen), wecken jedoch nicht wirklich das Interesse des Zuschauers. Ohnehin fĂŒhlen sich einigen Momente, die sich um den Haushalt der Familie von Miriam und die Dynamik zwischen ihr und ihren Eltern drehen, in den ersten vier Episoden etwas repetitiv an, wodurch hier und da die ErzĂ€hlung ein StĂŒck weit vor sich hinplĂ€tschert. Dies hat weniger mit den grundsoliden, teilweise urkomischen und gewollt nervtötenden Darbietungen zu tun, sondern viel mehr damit, dass die Geschichten fĂŒr die Figuren im Dunstkreis des Hauptcharakters schlichtweg noch nicht ausreichend ausgearbeitet sind.
High on emotion
Sobald die Kamera aber wieder auf Miriam schwenkt und diese gemeinsam mit Querkopf Susie die Clubs der Stadt unsicher macht, um ein eigenes Comedyprogramm auf die Beine zu stellen, brummt das GeschĂ€ft wieder. In diesen Momenten gestaltet sich „The Marvelous Mrs. Maisel“ wahnsinnig schwungvoll, ja fast schon umstĂŒrzlerisch, eröffnen die Macher doch mehr als offensichtlich das Feuer auf die eingeschlafenen, rĂŒckstĂ€ndigen gesellschaftlichen Normen und Rollen dieser Epoche, mit denen man nur zu gerne brechen möchte. So verbirgt sich in der neuen Amazon-Serie nicht nur ein abwechslungsreiches, mitreiĂendes, feministisches CharakterportrĂ€t, sondern eben auch ein deutliches Ansprechen von sozialen Diskussionsthemen wie die Ungleichbehandlung der Geschlechter, was auch heute noch unseren Alltag bestimmt.
The Marvelous Mrs. Maisel avanciert schlussendlich, gewollt oder nicht, zu einer brandaktuellen Serienproduktion, die den Finger mit viel Witz, Humor und Charme in die Wunde legt und anprangert, ohne zu belehrend oder salbadernd zu sein. Es liegt ohne Frage noch einiges an Arbeit vor Amy Sherman-Palladino und ihrem Team, ein paar UnzulĂ€nglichkeiten in ihrer neuen Serie zu beheben, die Geschichten und Charaktere abseits der Hauptfigur wertiger und interessanter zu machen und gleichzeitig nicht seinen gröĂten Vorteil einzubĂŒĂen: die wunderbare Frau Maisel. Es wird spannend zu beobachten sein, ob man diesen anspruchsvollen Mittelweg bestreiten kann. Bis es so weit ist, kann man sich aber auch exzellent von der Hauptfigur alleine mitreiĂen lassen, die im Zuge der geplanten Umstrukturierungen innerhalb der Amazon Studios wie gerufen kommt und unfreiwillig zur fiktiven Galionsfigur dieses Unterfangens aufsteigen könnte.
Eben die richtige Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Trailer zu âThe Marvelous Mrs. Maiselâ:
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 28. November 2017(The Marvelous Mrs. Maisel 1x04)
Schauspieler in der Episode The Marvelous Mrs. Maisel 1x04
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