Kritik der neuen Amazon-Miniserie The Looming Tower

© as Claire Danes kann, kann Peter Sarsgaard schon lange... (c) Hulu
Die neue Hulu-Miniserie The Looming Tower, die ab 9. März auch hierzulande bei Amazon Prime Video zu sehen ist, zeichnet die Anstrengungen nach, die die amerikanischen Geheimdienste FBI und CIA unternommen haben, um Anschläge wie den des 11. September zu verhindern. Zweifellos haben sie dabei keinen besonders guten Job erledigt, weshalb sich die Serie von Dan Futterman, für die er das Buch „The Looming Tower: Al-Qaeda and the Road to 9/11“ von Lawrence Wright adaptierte, auch auf die Fehler konzentriert, die bei der Jagd nach Al-Qaida-Chef Osama bin Laden und seinen Anhängern gemacht wurden.
A beautiful man
Die Pilotepisode Now it Begins... spielt auf unterschiedlichen Zeitebenen. Die Geschichte beginnt im Jahre 1998 mit der Sicherstellung einer Festplatte durch die CIA in Osteuropa. Diese wird überbracht an Professor Martin Schmidt (Peter Sarsgaard), den Leiter der CIA Counterterrorism Station, genannt „Alec Station“, die sich hauptsächlich mit der Suche nach bin Laden beschäftigt. Eigentlich soll er die daraus gewonnenen Informationen mit den beiden FBI-Agenten teilen, die als Verbindungsoffiziere dort stationiert sind. Genau das versucht er aber mit allerlei Spielereien zu verhindern.
Wieso sich er und sein Team dieser angeordneten Kooperation verweigern, wird erst im weiteren Verlauf der Episode ersichtlich. Da kommt er mit seinem größten Rivalen John O'Neill (Jeff Daniels), dem Leiter der Counterterrorism Center „I-49“ des FBI, und anderen Geheimdienstchefs im Büro des Antiterrorchefs des Weißen Hauses, Richard Clarke (Michael Stuhlbarg), zusammen. Die beiden geraten sofort aneinander. O'Neill wirft seinem Konkurrenten, der eigentlich ein Kollege sein sollte, vor, die gesammelten Informationen nicht mit ihm zu teilen. Schmidt gibt zurück, dass er somit der Gefahr verfrühter Verhaftungen entgehen wolle, die verhinderten, dass hochrangigere Terrorfürsten geschnappt werden könnten.
Im Jahre 2004, drei Jahre nach den Anschlägen, ist es genau diese Verweigerungshaltung, die FBI-Agent Ali Soufan (Tahar Rahim) in seiner Aussage vor dem Ausschuss der „9/11 Joint Enquiry“ anprangert. Laut ihm habe die CIA über ausreichende Informationen verfügt, um die Anschläge zu verhindern. Soufan spielt eine zentrale Rolle in O'Neills Team, da er 1998 einer der wenigen Agenten ist, die über Arabischkenntnisse verfügen. Deshalb wird er auch mitten in der Nacht in die albanische Hauptstadt Tirana geschickt, um dort einen Bombenbau zu verhindern und den Bruder des Terrorfürsten Aiman az-Zawahiri dingfest zu machen.

Letzteres gelingt nicht und Ersteres nur bedingt. Auf Tirana ist man überhaupt erst gekommen, weil FBI-Mann Robert Chesney (Bill Camp) in der kenianischen Hauptstadt Nairobi wichtige Vorarbeit geleistet hat. Er hat auf dem Privatcomputer eines ehemaligen persönlichen Sekretärs von Osama bin Laden Hinweise auf die Terrorzelle in Albanien gefunden. Die dortigen Bombenbauer können also aufgehalten werden, diejenigen in Daressalaam, Tansania, und Nairobi aber nicht. Und so kommt es zu den beiden Anschlägen auf die amerikanischen Botschaften in diesen Städten, die ob 9-11 bisweilen ins Vergessen geraten.
Now it begins
Eine wichtige Rolle in der Auftaktepisode spielt auch das Interview, das der ABC-Journalist John Miller im Jahre 1998 mit bin Laden führte. Nur Soufan erkennt darin die dritte Warnung, die laut islamischem Glauben ausgesprochen werden müsse, bevor ein Eindringling - und als das werden die USA im arabischen Raum angesehen - angegriffen werden kann. Die Ausrufung des Dschihads im Jahre 1996 sowie die Fatwa im Februar '98 seien demnach die ersten beiden Warnungen gewesen. John Miller, der an diesem Gespräch zwischen Soufan und O'Neill teilnimmt, beschwert sich indes darüber, dass sich die amerikanische Öffentlichkeit nur für den Clinton-Skandal interessiere.
Hier kann eine Parallele zur heutigen Aufmerksamkeitsökonomie in Amerika gezogen werden, wo ein Skandal dem nächsten folgt. Allerdings hat das in der Trump-Regierung System, was man von Bill Clinton wohl nicht behaupten kann. Hätte erhöhte Aufmerksamkeit die Anschläge des 11. September verhindern können? Ein großer Faktor für das Versagen der Geheimdienste war sicherlich deren mangelnde Kooperation, was hier zum Beispiel in der Verachtung durchklingt, mit der die FBI-Verbindungsbeamten von den CIAlern als „the retarded twins“ bezeichnet werden.
Eine abschließende Antwort wird The Looming Tower nicht geben können. Das will die Serie wahrscheinlich auch gar nicht. Futterman und Regisseur Alex Gibney geben sich damit zufrieden, eine echte Geschichte kompetent und dramatisch umzusetzen, wobei ihnen natürlich das glänzend besetzte Ensemble zupasskommt. Solche True-Crime-Formate erfreuen sich wachsender Beliebtheit, seit die erste Staffel von American Crime Story überwältigende Erfolge feierte. Ob man so die nächste große Dramaserie findet, darf jedoch angezweifelt werden. Die Spitze des Einfallsreichtums wird damit jedenfalls nicht erklommen.