The Last Tycoon 1x01

Wertung: 2 von 5 möglichen Sternen
Wie so oft und fast schon typisch für die Amazon Studios werden wir am heutigen Freitag mal wieder von einer kleinen Amazon-Pilotphase überrumpelt. Der Kundschaft des Megakonzerns und seit einigen Jahren auch Produktionsstudios für Serien werden zwei neue Formate zur Auswahl gestellt, die es eventuell zu einer vollen Serienbestellung schaffen könnten. Dabei stehen die beiden neuesten Pilotfolgen komplett im Zeichen von Buchadaptionen fürs Fernsehen: Wie das auf dem Bestseller von Meg Wolitzer basierende The Interestings hat auch The Last Tycoon eine literarische Vorlage und wurde sogar schon im Jahr 1976 mit Robert DeNiro in der Hauptrolle als Spielfilm adaptiert. Nun hat sich Filmemacher Billy Ray („Captain Phillips“) daran gemacht, den Roman von F. Scott Fitzgerald von 1941 in eine Serie zu verpacken, die im Vorfeld recht prominent besetzt werden konnte.
Der aus White Collar und diversen Filmen bekannte Matt Bomer schlüpft hier in die Hauptrolle des jungen, energiegeladenen Filmstudiomanagers Monroe Stahr, der sich im Hollywood der 1930er Jahre einen großen Namen gemacht hat, plötzlich jedoch ordentlich Gegenwind bekommt und nach wie vor von einem sehr persönlichen Verlust verfolgt wird. Bomer zur Seite stehen hier Namen wie Kelsey Grammer (Frasier, Boss), Lily Collins (die Tochter von Phil Collins), Enzo Cilenti (Game of Thrones), Jessica De Gouw (Underground) oder auch Dominique McElligott (House of Cards), allesamt keine unbekannten Gesichter, die im Kino oder im Fernsehen bereits auf sich aufmerksam gemacht haben. Doch wie so oft im Geschäft hilft kein noch so namhafter Cast, wenn die Geschichte der Serie selbst so öde und überladen vorgetragen wird.
Constant rush
Bei all den Ambitionen, die Serienschöpfer Billy Ray hier hat, es sind zu viele. Man kann sich in „The Last Tycoon“ ohne Frage ein paar schöne, sehr dramatische Szenen herauspicken, die einen guten Eindruck hinterlassen und in denen auch die Darstellerriege sich überzeugend präsentiert. Im Großen und Ganzen bleibt das glamouröse „The Last Tycoon“ jedoch weit hinter seinen Erwartungen zurück. Bereits nach einer guten halben Stunde der knapp über 60 Minuten langen Pilotfolge dürften sich manche dabei erwischen, wie sie angestrengt und gelangweilt auf die Uhr schauen. Das Problem ist ebenfalls sehr bekannt in der Industrie: Man möchte einfach zu viel auf einen Schlag. Von der dann doch eher sehr blutleeren Geschichte an sich ganz abgesehen...

Golden boy
Wie bereits erwähnt folgen wir in „The Last Tycoon“ dem Wunderknaben Monroe Stahr (Bomer), der rechten Hand des Filmstudiobosses Pat Brady (Grammer). Dessen Traumfabrik Brady-American hat unter der Leitung und den kreativen Entscheidungen Stahrs in Hollywood einen großen Sprung nach vorne gemacht. Die rosigen Zeiten sind jetzt aber erst einmal vorbei. Das liegt unter anderem an der Regression in den USA sowie an den krassen Restriktionen aus Nazi-Deutschland, dessen Botschafter die kreative Freiheit Stahrs und seiner Autoren drastisch einschränken will. Denn anderenfalls würden die Filme aus dem Hause Brady-American nämlich nicht mehr in Deutschland vertrieben.
Der jüdische Stahr will sich jedoch nicht in die Parade fahren lassen, auch, weil sein aktueller Film ein absolutes Herzensprojekt ist: eine Widmung an seine große Liebe und verstorbene Frau, deren Verlust er noch lange nicht verarbeitet hat. So beginnt der Einblick in die bunte Welt voller Filmsternchen, krummen Studiodeals, geschassten Drehbuchschreibern, zielgerichteten Quereinsteigern sowie zahlreichen Geheimnissen, komplizierten Dreiecksbeziehungen und reichlich Drama. Und mittendrin Monroe Stahr, der nach außen hin perfekte Fixer mit unwiderstehlichem Charme und Aussehen. Innerlich ist er jedoch gebrochen, ein emotionales, ruheloses Wrack, das aufgrund einer schweren Herzerkrankung jeden Tag das Zeitliche segnen könnte.
Shine a light
Zunächst einmal kann man als Filmfan The Last Tycoon rein thematisch durchaus etwas abgewinnen: Die Serie geizt nicht mit Aufnahmen und Dialogen, die dem Zuschauer immer wieder die Magie des Films und Kinos vor Augen führen sollen. Hollywood hat in seinen Anfängen am Fließband Träume produziert - von der Welt enttäuschte, niedergeschlagene Menschen flüchteten sich in die Lichtspielhäuser, um ihren Sorgen und Ängsten für ein paar Stunden zu entrinnen. Das ist etwas, was wir auch noch heute beobachten können und was den Kinobesuch nach wie vor zu einer einzigartig nostalgisch-romantischen Angelegenheit macht. Unser Hauptcharakter lebt das Filmgeschäft, er weiß, was es den Menschen geben kann. Und wenn der ersten Folge von „The Last Tycoon“ auch vieles nicht gelingt, in dieser Hinsicht fühlt man sich als treuer Kinogänger doch ein wenig gepackt und auf einer emotionalen Ebene angesprochen.
Doch man kann dieses Gefühl besser, lebhafter und dynamischer einfangen, und da kommt die Serie von Billy Ray ins Straucheln. Die Coen-Brüder Ethan und Joel haben zuletzt mit ihrem Film „Hail, Ceasar!“ eine charmante, schwungvolle Hommage an das frühe Hollywood und das Kino per se abgeliefert. „The Last Tycoon“ lässt wiederum zu oft zu viel Schwung vermissen und plätschert mehrfach einfach nur aussagelos vor sich hin. Matt Bomer schafft es gelegentlich noch durch mitunter wahnsinnig theatralische Darbietungen zumindest etwas Leben in den Laden zu bringen, doch insgesamt wartet man sehnsüchtig darauf, dass man endlich mal richtig mitgerissen oder ergriffen wird. Es wäre ja schon schön, wenn man mein Interesse wecken würde: an den Charakteren, an ihren Problemen. Doch selbst das mag nicht wirklich funktionieren.
Big and grand
Und dann gibt es so viel, was in „The Last Tycoon“ passiert: Aktuelle politische Themen wie der Aufstieg des bereits angesprochenen Nazi-Deutschlands, Francos Schreckensherrschaft in Spanien, die große Migrationswelle in den USA in den 1930er Jahren, Alltagssexismus sowie Antisemitismus - natürlich passt das alles irgendwie in die Zeit dieser historischen Epoche hinein, doch Billy Ray überlädt sein Format gehörig und schneidet viele Themenbereich nur oberflächlich an, um anzudeuten, wie vielschichtig sein Drama doch ist. Eine gute, runde, Lust auf mehr machende Pilotepisode zeichnet aber eben auch aus, dass das Publikum nicht erschlagen wird. Und nichts anderes passiert hier. Dabei habe ich noch nicht einmal die vielen verzwickten Liebeleien und Beziehungsgeflechte angesprochen, die uns zusätzlich aufgetischt werden.

An ugly word
Herzschmerz hier, eine pikante Affäre mit der Frau des Studiobosses da, eine Lily Collins, deren Charakter eigentlich nicht uninteressant ist, die aber viel zu oft Bomers Charakter hinterherschmachtet, der sich eh ganz anderweitig orientiert. „The Last Tycoon“ macht einem bei Weitem nicht so viel Spaß, als das man überhaupt gewillt wäre, bei den verschiedenen Charakterdynamiken durchzusteigen. Wenig subtile Momentaufnahmen (die wieder zusammengeklebte Vase, die eigentlich irreparabel zerbochen ist, steht für unsere Hauptfigur - Mind blown!) und zahlreiche gestelzte Darbietungen (Kelsey Grammer spielt seinen patriarchalischen Knurrer mit nur dem Nötigsten an Einsatz) setzen der viel zu langen Auftaktepisode dann noch die Krone auf.
Aber wo liegen die Ursachen für das letzten Endes doch recht enttäuschende Produkt aus dem Hause Amazon? Die Antwort auf diese Frage ist vielleicht einfacher als gedacht: Der kreative Kopf Billy Ray hat sowohl das Drehbuch geschrieben als auch Regie geführt. The Last Tycoon fühlt sich letztlich so an, als würde ein kontrollierendes Element fehlen, jemand, der Ray sagt, auf was er vielleicht hätte verzichten sollen, um eine schlankere, weitaus fokussiertere erste Episode der potentiellen Amazon-Neubestellung abzuliefern. So aber bleibt irgendwie nur ein „Haufen Serie“ übrig, in dem sich eigentlich nicht untalentierte Darsteller und Darstellerinnen vor sehenswerten, funkelnden Kulissen (eine kleine Tanzszene ist ohne Frage der visuelle Höhepunkt der Folge, auch aus Sicht der geschmeidigen Kameraführung) über den Weg laufen. Inhaltlich merkt man „The Last Tycoon“ aber eine frustrierende Leere an. Und das ist schon fast ironisch, bei all den Sachen, die man uns hier verkaufen will.
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 17. Juni 2016The Last Tycoon 1x01 Trailer
(The Last Tycoon 1x01)
Schauspieler in der Episode The Last Tycoon 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?