Das Drama The Knick kann in seiner Auftaktepisode überzeugen, was vor allem an den ausgezeichneten Schauwerten und der interessanten Hauptfigur liegt. Auch wenn der Einstieg in Steven Soderberghs neue Serie langsam und bedächtig ist, das Potential für ein starkes Format ist deutlich erkennbar.

Die neue Dramaserie von Steven Soderbergh mit Clive Owen in der Hauptrolle: „The Knick“. / (c) Cinemax
Die neue Dramaserie von Steven Soderbergh mit Clive Owen in der Hauptrolle: „The Knick“. / (c) Cinemax

Der Name Steven Soderbergh dürfte den meisten wohl eher aus dem Kino-Bereich ein Begriff sein. Der einzigartige Filmemacher hat eine abwechslungsreiche Filmographie vorzuweisen, doch nach zahlreichen Ankündigungen, sich aus dem Filmgeschäft zurückziehen, insbesondere aus dem Geschäft in Hollywood, scheint er seinen Worten endlich Taten folgen zu lassen. Sein letztjähriger TV-Film „Behind the Candelabra“ über die Bühnenlegende Liberace (gespielt von Michael Douglas) für Pay TV-Sender HBO war ein riesiger Kritikererfolg. Soderbergh fand Gefallen am Medium Fernsehen, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis der 51-jährige US-Amerikaner sich nach mehr als zehn Jahren (damals für K Street) erneut dem großen Thema der TV-Serien widmen würde.

Soderberghs neues Herzensprojekt ist The Knick, eine ambitionierte Dramaserie, die das eher nischige Pay-TV-Network Cinemax (u.a. Banshee) nun in sein Programm aufgenommen hat. Im ersten Affekt ist man verleitet, „The Knick“ als Krankenhausdrama mit historischem Einschlag zu bezeichen, doch die Pilotepisode suggeriert bereits jetzt schon, dass in diesem Format weitmehr als nur ein Grey's Anatomy um 1900 in New York City schlummert. Der Auftakt von „The Knick“ ist sicherlich nicht perfekt, doch gerade die Aussicht auf ein einzigartiges period drama mit interessanten Charakterkonstellationen, dass erst in seiner Gesamtheit der ersten Staffel seine ganze Wirkung entfalten kann, ist verlockend.

A fine man

In „The Knick“ übernimmt der britische Filmschauspieler Clive Owen („Children of Men“, „Sin City“) die Hauptrolle des talentierten, jedoch auch äußerst unkonventionellen Arztes Dr. John W. Thackery. Dieser arbeitet im titelgebenden „Knick“, dem New Yorker Knickerbocker Hospital als assistierender Chefchirurg unter seinem Mentor Jules M. Christiansen (Matt Frewer, Orphan Black). Als sich Christiansen jedoch nach einer misslungener Operation an einer hochschwangeren Frau selbst das Leben nimmt, steigt Thackery zum leitenden Chefchirugen des Krankenhauses auf.

Trotz des schweren Verlusts seines Kollegen und Freundes setzt sich Thackery zum Ziel, im Geiste seines Vorgängers den medizinischen Fortschritt immer weiter voranzutreiben. Dabei gerät er nicht nur an seine Vorgesetzten im Krankenhausalltag, auch Thackerys eigenwiller Charakter sowie seine persönlichen Dämonen stellen sich hinsichtlich seiner Ziele immer wieder als Stolpersteine heraus.

Thackery (Clive Owen) und seine Kollegen im OP-Saal. © Cinemax
Thackery (Clive Owen) und seine Kollegen im OP-Saal. © Cinemax

A time of endless possibility

Gleich zu Beginn von „The Knick“ wird deutlich, dass Soderbergh gemäß der in vielen seiner Filme immer wiederkehrenden Devise, die Grenzen des Visuellen wie auch des guten Geschmacks zu überschreiten, auch in dem neuen Cinemax-Drama treu bleibt. So wird der Zuschauer sogleich in einen OP-Saal geworfen, der nach einer fehlgeschlagenen Operation, bei der sowohl die Mutter als auch ihr neugeborenes Kind sterben, eher einem Schlachthaus gleicht. Die Szenen sind alles andere als schön mitanzusehen, doch Soderbergh gelingt so neben einer ersten leichten Charakterisierung seiner Figuren auch eine authentische Einführung in die Zeitepoche, in der wir uns bewegen. So und nicht anders sah die medizinische Versorgung zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Amerika aus. Und Hauptfigur John W. Thackery will nun alles daransetzen, dies zu verändern.

A mad man

Die Figur des John W. Thackery ist zweifellos unser Fixpunkt in The Knick, was dessen Charakterzeichnung umso interessanter macht. Einen ersten Blick auf ihn erhaschen wir in einer dunstigen, verrauchten Opiumhöhle, von wo aus er direkt zum Knickerbocker fährt, um bei der Operation an der hochschwangeren Frau mitzuhelfen. Zuvor spritzt er sich als Aufpuschmittel Kokain, um zumindest ein wenig Herr seiner Sinne zu werden.

Neben diesem Laster wird aber auch klar, dass Thackery zu den besten seines Faches gehört. Seine Methoden mögen unorthodox und speziell sein, doch sein Bestreben, die medizinische Forschung und die Entwicklung neuer Behandlungsmöglichkeiten voranzutreiben, ist einzigartig. Schnell findet man sich als Zuschauer in dem Zwiespalt von ambivalenten Sympathien für Thackery. Seine Geradlinigkeit und sein Idealismus haben etwas Ansteckendes, auf der anderen Seite kann er sich auch als ein gemeiner und übertrieben von sich selbst überzeugter Zeitgenosse präsentieren.

Exemplarisch dafür steht sein Umgang mit einer Krankenschwester, die ihrer Aufgabe nicht richtig nachgekommen ist. Thackery feuert ihr ein paar deutliche Worte um die Ohren, was wiederum nicht unberechtigt ist, machen im Krankhausalltag doch oftmals Kleinigkeiten den Unterschied zwischen Leben und Tod aus. Gleichzeitig offenbart sich aber auch ein wenig Thackerys Scheinheiligkeit, führt er doch unter Einfluss von Rauschmitteln Operationen von ähnlicher Tragweite durch. Dass die von ihm getadelte Krankenschwester Thackery wiederum mit einer Kokaininjektion in sein bestes Stück wieder auf die Beine hilft, ist eine vielsagende kleine Szene, die Soderbergh sicherlich bewusst in seine Pilotepisode eingebaut hat.

Cornelia Robertson (Juliet Rylance) und Barrow (Jeremy Bobb) streifen durch das altehrwürdige Knickerbocker Hospital. © Cinemax
Cornelia Robertson (Juliet Rylance) und Barrow (Jeremy Bobb) streifen durch das altehrwürdige Knickerbocker Hospital. © Cinemax

Social crusade

Neben der ansprechenden Figurenzeichnung Thackerys, der sehr überzeugend von Clive Owen dargestellt wird, versuchen sich Soderbergh und die Autoren Jack Amiel, Michael Begler und Steven Katz darüber hinaus an einer Art Gesellschafts- und Epochenporträt. Ersteres wird unter anderem durch die Einführung eines dunkelhäutigen Arztes aufgebaut, der aufgrund seiner Fähigkeiten zum neuen assistierenden Chefchirurg des „Knicks“ werden soll. Thackery ist davon weniger begeistert, ob dies aber einzig und allein auf eine latente Form des Rassismus zurückgeht, darf bezweifelt werden. Vielmehr ist sich Thackery bewusst, dass ein dunkelhäutiger Chefarzt nur noch weitere Probleme für das bereits finanziell stark angeschlagene Knickerbocker Hospital bringen würde.

Mehr oder minder subtil werden wir als Zuschauer mit der aktuellen Situation des Krankenhauses und den gesellschaftlichen Umständen New Yorks um 1900 vertraut gemacht. Auf den Straßen schlagen sich die ambulanten Rettungsdienste um zahlende Patienten, was in einer kleinen Szene recht amüsant vermittelt wird. Das Hospital selbst schreibt schon länger nur noch rote Zahlen, also sieht Cornelia Robertson (Juliet Rylance), die Tochter des Krankenhauseigentümers, die Chance, mit der Anstellung des dunkelhäutigen Arztes Dr. Edwards (André Holland) sich nicht nur Gehör in einem mehr und mehr progressiven Amerika zu verschaffen, sondern auch einen neuen Patienkreis aufzubauen.

Als großer Freund von authentischen TV-Serien, die sich stilsicher in einer bestimmten Zeitepoche bewegen, muss man auch „The Knick“ in dieser Hinsicht ein Lob ausschreiben. Das dreckig-graue, von Industrierauch durchzogene New York hat etwas besonderes, und auch wenn die Charaktere im Mittelpunkt des Dramas stehen, der allgemeine Rahmen, in dem sie sich bewegen, ist ansprechend und überzeugt auf ganzer Linie. Anhand einer Migrantenfamilie, die in unzulänglichen Verhältnissen lebt, wird das Gesellschaftsbild dieser Zeit noch einmal verdeutlicht. Die Mutter ist schwerkrank, die Familie kann sich eine Behandlung nicht leisten, die jüngste Tochter muss zu ihrer Schicht in einer Fabrik. All dies sind nur kleine Details, die „The Knick“ hinsichtlich seiner historischen Hintergründe bereichern.

Welcome to the circus

Unter den einzelnen Figuren werden im Laufe der Auftaktepisode einige vielversprechende Konflikte angedeutet, obwohl die Macher an dieser Stelle auch ein wenig vorsichtig sein müssen, in Zukunft nicht allzu sehr in klischeehafte Rollenbilder zu verfallen. Die Einführung der verschiedenen Nebenfiguren ist etwas salopp und nicht besonders ergiebig, obwohl sich bereits jetzt schon kleine Favoriten herauskristallisieren. Die nicht auf den Mund gefallene Sister Harriet (Cara Seymour) und der eher vulgäre, aber auch amüsante Ambulanzfahrer Tom Cleary (Chris Sullivan) hinterlassen hier mit ihrem charmanten Kleinkrieg wohl den nachhaltigsten Eindruck.

Kleinkrieg scheint das passende Stichwort zu sein, von denen wird es in The Knick wohl einige geben. Sei es der geschasste Oberarzt, der sogleich ein paar ernste Worte mit dem neuen afro-amerikanischen Dr. Edwards wechselt, Konflikte zwischen der Chefetage des Knickerbocker Hospital, speziell zwischen Cornelia Robertson und John Thackery, oder auch das undurchsichtige Treiben des Superintendenten Herman Barrow (Jeremy Bobb), der unterm Tisch dafür sorgt, dass das „Knick“ weiterhin Patienten beziehungsweise zahlende Kundschaft bekommt.

Entscheidend wird sein, wie es Soderbergh und seinem Autorenteam gelingt, all diesen Konflikten gerecht zu werden, sie zu balancieren, ohne die Serie damit zu überladen. Der recht eindeutige Fokus auf Thackery ist dabei ein gutes Mittel, dieser Gefahr aus dem Weg zu gehen. Clive Owen deutet an, dass er ein Drama wie „The Knick“ tragen kann, doch gerade die reibungslose Integration interessanter Nebenfiguren samt ihrer eigenen Geschichten hieven derartigen Serien oftmals auf ein noch höheres Niveau. Man darf gespannt sein, wie das den Machern gelingt, obwohl sich in Anbetracht der Beteiligung des erfahrenen Steven Soderberghs die Sorgen in Grenzen halten.

Neuzugang gegen seinen Willen: Thackery (Clive Owen) und der junge Dr. Algernon Edwards (André Holland). © Cinemax
Neuzugang gegen seinen Willen: Thackery (Clive Owen) und der junge Dr. Algernon Edwards (André Holland). © Cinemax

Fazit

The Knick bringt alles mit, was eine sehenswerte Sommerserie an Substanz mitbringen muss: ein interessantes Setting, ein spannendes wenn auch recht spezielles Thema, eine ansprechende und vielseitige Hauptfigur, Potential für packende Konflikte, eine authentische Ausstattung sowie ansehnliche Schauwerte. Mit Steven Soderbergh sitzt ein Mann auf dem Regiestuhl, dessen unverkennbarer Stil schon in der ersten Folge erkennbar ist: Ausgefallene Kameraeinstellungen, die direkte Konfrontation mit etwas Unangenehmen, ein ausgewogenes Spiel mit Lichteffekten sowie eine scheinbar unpassende, aber letztendlich originelle und hervorragende musikalische Untermalung mit minimalen elektronischen Klängen.

Trotz all dieser tollen Voraussetzungen sollte man nicht allzu euphorisch werden, zeigen sich doch auch ein paar kleinere Tempoprobleme in der Auftaktepisode zu „The Knick“. Das Potential für mitreißende Fernsehunterhaltung ist da, doch die unaufgeregte und teilweise etwas träge Art der Pilotepisode könnte einige Zuschauer schnell langweilen. Auch zartbesaitete Gemüter dürften angesichts der recht deutlichen Darstellung von medizinischen Eingriffen ein wenig auf die Probe gestellt werden.

Dennoch verspricht „The Knick“ einiges und stellt uns schon früh ein überzeugendes Geasmtwerk in Aussicht, dass starke Figuren und das Eintauchen in eine im Fernsehen nicht allzu oft thematisierte Zeitepoche verspricht. Dabei könnte „The Knick“ sowohl die Stärken glaubhafter Historiendramen als auch eindringlicher Charakterstudien kombinieren. Ich persönlich bin gespannt, was Soderbergh und sein Team noch für uns bereithalten. Cinemax selbst scheint von „The Knick“ schwer überzeugt zu sein: Bereits einen Monat vor der Ausstrahlung der ersten Episode bestellte man eine zweite Staffel zu Soderberghs Drama „61060“. Ein vielversprechendes Zeichen.

Bereits am Tag nach der Weltpremiere können Sky-Abonnenten die Serie The Knick bei Sky Go im Originalton nutzen (also am 9. August), einen Tag später kommen die Folgen dann zum Dienst Sky Anytime.

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