The Knick 2x10

The Knick 2x10

Das zweite Staffelfinale von The Knick liefert uns einen echten Schockmoment. Für die meisten Figuren stehen wegweisende Entscheidungen an, während sich andere auf ihren Privilegien ausruhen. Optisch besticht das Krankenhausdrama erneut, dramaturgisch gibt es bisweilen Anlass zur Kritik.

Thackery (Clive Owen, M.) ist zuversichtlich, ja voller Vorfreude. / (c) Cinemax
Thackery (Clive Owen, M.) ist zuversichtlich, ja voller Vorfreude. / (c) Cinemax

Die historische Krankenhausserie The Knick war auf zwei Staffeln angelegt, wie immer wieder von offizieller Seite verkündet wurde. Dies ist wenig verwunderlich, wird das Kreativteam dahinter doch von Regie-Größe Steven Soderbergh und Schauspielstar Clive Owen angeführt. Letztgenannter spielt in einer Liga wie Matthew McConaughey und Billy Bob Thornton, also warum sollte er sich viel länger als die beiden an ein TV-Projekt binden? Mit aller Konsequenz haben er und Soderbergh ihre Geschichte nun also zu Ende gebracht.

The show must go on

Ein Hintertürchen für eine etwaige dritte Staffel des bei Kritikern hochgeschätzten Formats wurde dabei aber offengelassen. Es könnte also sein, dass die Serie ohne Soderbergh und Owen weitergeführt wird, was jedoch bedeuten würde, dass die beiden größten Anziehungspunkte ausfielen. Für mich waren die von Soderbergh wunderbar eingefangenen Abenteuer der Hauptfigur immer das interessanteste an dem Format. Für den Regisseur muss das eine echte Tour de Force gewesen sein, hat er doch sämtliche zehn Episoden alleine inszeniert, worüber Matt Zoller Seitz für Vulture eine lesenswerte Reportage verfasste.

Am Ende scheitert Thack am eigenen Größenwahn - und auch ein bisschen am eigenen Wissensdurst. Nachdem Abby (Jennifer Ferrin), die Liebe seines Lebens, in Not Well at All überraschend auf dem Operationstisch verstarb, hatte er es sich in den Kopf gesetzt, einen Beweis dafür zu erbringen, dass Operationen auch ohne die potenziell lebensgefährliche Vollnarkose durchzuführen sind. Zu diesem Zwecke hat er einen aufsehenerregenden Eingriff geplant, der seinem Vorhaben bei Gelingen weltweite Aufmerksamkeit einbringen könnte.

Hierzu begibt er sich gleichzeitig als Patient und Chirurg in den OP-Saal. Bis unter die Schädeldecke mit Kokain zugedröhnt, unterbreitet er dem anwesenden New Yorker Medizinadel seinen Plan. Mittels eines einfachen Spiegels werde er sich selbst operieren. Seine diversen Magengeschwüre - eine tödliche Nebenwirkung seiner Kokainabhängigkeit - eignen sich bestens als Anschauungsmaterial. Entgegen der Beteuerungen seiner Protegés Bertie Chickering (Michael Angarano) und Everett Gallinger (Eric Johnson) schneidet er sich also den eigenen Magen auf, nimmt mit freudestrahlenden Augen den eigenen Darm in die Hand und untersucht ihn auf befallene Stellen.

Algernon Edwards (André Holland) kann nicht mehr als Chirurg praktizieren. © Cinemax
Algernon Edwards (André Holland) kann nicht mehr als Chirurg praktizieren. © Cinemax

In dieser Szene kulminieren die Stärken von The Knick, das immer dann am dynamischsten ist, wenn die Chirurgen unter Zeitdruck in den blutigen Innereien eines Patienten herumwühlen. Kein Wunder also, dass eine Szene ebenso mitreißend wie furchteinflößend ist, in der sich der Oberchirurg bei vollem Bewusstsein selbst operiert. Thackery erzählt dem anwesenden Publikum sogar dann noch von seinem Befinden, als er schon in akuter Lebensgefahr schwebt. Wenige Sekunden zuvor hat er seine Aorta angeschnitten, weshalb er nun zu verbluten droht.

Watch yourself

Entrückt schaut er in die - damals noch nicht ganz so hellen - Lichter des Operationstheaters, hat Visionen von Menschen, die auf seinem Tisch verstorben sind, und spricht schließlich die Wahrheit aus, die er in diesen Momenten erfährt: „This is it. This is all we are.“ Könnte es ein passenderes Ende für diesen Besessenen geben, für diesen Fortschrittsfanatiker, diesen rücksichtslosen Pragmatiker? Thackery stirbt, wie er gelebt hat - kompromisslos, sehenden Auges, unerschrocken.

Während ich diese Zeilen schreibe, wird mir bewusst, wie wenig ich mir eine etwaige Rückkehr des Dream-Teams Soderbergh/Owen wünsche, ist das hier doch das nahezu perfekte Ende für diese kleine, feine, wunderbar eigensinnige Serie. Sicher gäbe es auch die Möglichkeit, dass Soderbergh ohne Owen zurückkehrt - aber will ich das wirklich sehen? Würde ein solches Format nicht ständig an seinem Vorgänger gemessen werden? Es ist ja nicht nur Thackerys Geschichte, die hier zu ihrem Ende findet. Auch die übrigen Handlungsbögen haben finalen Charakter - wenn auch nicht in so eindeutiger Form wie im Erzählstrang um den eigenwilligen Operateur.

Algie Edwards (André Holland) steht dem noch am nächsten. Er will nun die Suchtforschung fortsetzen, die Abby und Thack einst ins Leben gerufen hatten. Nachdem er erneut in einen folgenschweren Faustkampf geraten ist (erst mit Gallinger, dann mit Wer-weiß-wem), kann er schließlich nicht mehr selbst als Chirurg arbeiten. Zuvor hat er eine emotionale Unterhaltung mit seinem Vater über sämtlichen angestauten Frust - er ist gefangen in einer rassistischen Welt, in der ein Ekelpaket wie Gallinger ungestraft, ja sogar gefördert, seine menschenverachtenden Ansichten zur Eugenik unters Volk bringen kann. Eigentlich müsste die umgekehrte Frage gestellt werden: Wie kann man in einer solchen Welt nicht außer sich sein vor Wut?

Thack (Clive Owen) beim Übertritt in die Ewigkeit © Cinemax
Thack (Clive Owen) beim Übertritt in die Ewigkeit © Cinemax

Selbiges gilt für Cornelia (Juliet Rylance), in deren Geschichte lediglich der Rassismus mit Misogynie ausgetauscht ist. Ihre detektivischen Fähigkeiten führen sie zur furchtbaren Erkenntnis, dass ihr Bruder Henry (Charles Aitken) für die Einfuhr der Pest, den Mord am Hafeninspektor und dem gemeinsamen Vater verantwortlich ist. In ihrer letzten gemeinsamen Szene konfrontiert sie ihn mit ihren Ermittlungen, woraufhin er sein wahres Gesicht zeigt und ihr eine kaum verhohlene Morddrohung ausspricht. Neelie sieht nun keinen anderen Ausweg, als nach Australien auszuwandern - nur so weit weg von ihrer Familie, wie irgend möglich.

Something great

So kann sie auch nicht mehr verhindern, dass sich Lucy (Eve Hewson) in die Arme ihres teuflischen Bruders begibt. Jedoch ist nicht auszuschließen, dass sich die ehemalige Krankenschwester dort wohlfühlt, schließlich hat sie ebenfalls ihren eigenen Vater getötet. Ihre Figur hat eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht und bleibt uns am Ende - so es denn das Ende gewesen sein sollte - in ambivalenter Erinnerung. Sie hat gelernt, ihre Sexualität als Waffe einzusetzen, wobei unklar ist, wie sehr sie das fortan ausnutzen wird. In jedem Falle ist Lucy neben Thackery, Algie und Cornelia eine der interessantesten Charaktere der Serie.

Ebenso interessant ist der Handlungsbogen um die Sexualaufklärer und Verhütungspropagandisten Harriet (Cara Seymour) und Tom (Chris Sullivan), der mit einer überraschenden Wendung endet. In der Beichte gesteht Cleary, Harriets Verhaftung am Ende der ersten Staffel in die Wege geleitet zu haben, um sie von ihrer kirchlichen Enthaltsamkeit loszueisen und später heiraten zu können. Wirklich freuen konnte ich mich deshalb nicht, als sie nach kurzer Bedenkzeit seinem Antrag zustimmte. Ach ja, die liebe Ambivalenz - Mutter der besten TV-Dramen, Auslöserin größter Kopfschmerzen.

Wenig ambivalent ist hingegen die Darstellung von Krankenhausleiter Barrow (Jeremy Bobb). Seine einseitige Charakterzeichnung als schleimiges Wiesel führte dazu, dass seine Handlungsbögen stets die uninteressantesten für mich waren. Dementsprechend egal ist es mir, ob sich seine neue Freundin Junia (Rachel Korine) mit seinem Vermögen, zu dem sie nun freien Zugang hat, davonmacht. Viel mehr hätte es mich gefreut, hätte er am Ende für all seine Sünden bezahlen müssen.

Aber so funktioniert The Knick nicht, die Serienerfinder Jack Amiel und Michael Begler scheuten in den vergangenen zwei Staffeln nie davor zurück, die grausame Realität dieser bewegten Epoche zu illustrieren - sei dies nun aus medizinischer, gesellschaftlicher oder politischer Sicht. Dafür gebührt ihnen großes Lob, das im allgemeinen Jubelgesang über Soderberghs grandiose Regie bisweilen leider untergeht. Trotzdem gilt: Sollte er nicht zurückkehren, wäre es vielleicht besser, sie würden ihre Talente anderweitig einsetzen. Vielleicht ja in einem Projekt mit Clive Owen - ich habe gehört, er hat wieder Zeit.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 25. Dezember 2015

The Knick 2x10 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 10
(The Knick 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Alles, was wir sind
Titel der Episode im Original
This Is All We Are
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 18. Dezember 2015 (Cinemax)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 9. Februar 2016
Autoren
Jack Amiel, Michael Begler
Regisseur
Steven Soderbergh

Schauspieler in der Episode The Knick 2x10

Darsteller
Rolle
Andre Holland
Jeremy Bobb
Juliet Rylance
Eve Hewson
Cara Seymour

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