Inhumans: Review und Kritik zur Pilotepisode der Marvel-Serie

Inhumans: Review und Kritik zur Pilotepisode der Marvel-Serie

Die Inhumans haben ihren Weg ins Fernsehen geschafft, nachdem sie kurzzeitig bereits in den IMAX-Kinos der Welt zu sehen waren. Wie schlägt sich die königliche Familie von Attilan rund um Black Bolt, Medusa, Lockjaw und Co?

„Marvel's Inhumans“ (c) ABC/Marvel Studios
„Marvel's Inhumans“ (c) ABC/Marvel Studios
© ??Marvel's Inhumans“ (c) ABC/Marvel Studios

Es gibt Serien, bei denen hört man im Vorfeld viele Unkenrufe. Inhumans ist eine davon. Ursprünglich für Phase 3 des Marvel-Cinematic-Universe angekündigt, wurde die Serie im letzten Jahr Teil einer neuen Partnerschaft zwischen Marvel TV und den IMAX-Kinos, die nach etwas suchten, was im schwachen Herbst auf Zuschauerfang gehen könnte. Große Blockbuster kommen da nach dem Ende der Sommerferien nicht ins Kino, so die normale Denke. Da hat aber wohl jemand „Es“ nicht auf dem Schirm gehabt, der mit einem Einspielergebnis von über 500 Millionen Dollar weltweit groß abräumen konnte.

Dennoch wurde im November 2016 ein Plan geschmiedet und wie man von manchen Beteiligten wie Regisseur Roel Reiné hören konnte, blieb nicht viel Zeit die Drehbücher zu schreiben und den aufwendigen Auftakt mit IMAX-Kameras zu drehen plus die Effekte auf ein annehmbares Niveau zu bringen. TV-Dreharbeiten entstehen ohnehin stets unter Zeitdruck. Selbst große Serien mit vielen Effektshots wie The Walking Dead haben etwa acht Drehtage pro Episode. Das sind also eigentlich keine neuen Probleme.

Allerdings schürt man gewisse Erwartungen, wenn ein zumindest im Kino erfolgsverwöhntes und selten wirklich enttäuschendes Franchise wie Marvel eine große Kooperation mit IMAX ankündigt. Dann erwartet man als Fan mindestens beeindruckende Bilder und eine Story, die es wert ist, dafür mehr als einen üblichen Kinobesuch zu zahlen. Die Zuschauerzahlen im IMAX waren ernüchternd, was man aber sicherlich auch fehlender Promotion zuschieben kann.

In Deutschland hat diese in meinen Augen nämlich de facto nicht stattgefunden oder es wurden Versprechungen gemacht, die dann verschoben oder aufgehoben wurden. Sollten die Auftaktfolgen ursprünglich schon Ende August gezeigt werden, wurden sie heimlich still und leise auf Mitte September verschoben. Weltweit wurden gerade einmal läppische 2,8 Millionen Dollar eingespielt. Rechnet man konservativ, haben sich Zuschauer im untersten sechsstelligen Bereich ins Kino getraut. Das Experiment scheint gefloppt.

Wer zudem den bekannten Kritikern aus den USA folgt oder bei RottenTomatoes vorbeischaut, kommt nicht umhin zu sehen, dass die kritische Wahrnehmung miserabel ist. War es für Marvel-TV also nach Iron Fist ein Fehler erneut auf Showrunner Scott Buck zu setzen?

Was erwartet die Zuschauer im Auftakt von „Inhumans“?

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„Marvel%26#039,s Inhumans“ - © ABC/Marvel Studios

Die Inhumans, die uns in der Pilotepisode Behold... The Inhumans vorgestellt werden, sind ein Volk von Außerirdischen, die in ihrer Heimat Attilan auf dem Mond leben und von der königlichen Familie regiert werden. König ist Black Bolt (Anson Mount), der schweigsame Herrscher, dessen Stimme seine gefährlichste Waffe ist, die schon tragische Ereignisse zu verantworten hat, und dessen Königin Medusa (Serinda Swan), deren rotes Haar sie nach ihrem Willen kommandieren kann, ob im Kampf oder als Erweiterung ihres Körpers ist ihr überlassen. Bei einer Mission kommt ihr Familienmitglied Triton (Mike Moh) offenbar durch den Angriff von menschlichen Söldnern ums Leben. Das lässt eine Diskussion aufkommen, ob die Inhumans auf dem Mond bleiben oder - wie Black Bolts Bruder Maximus (Iwan Rheon) vorschlägt - auf die Erde einmarschieren sollten, um sich ihr Geburtsrecht zu nehmen.

Black Bolts Meinung ist klar: Die Erde ist tabu. Wobei er von dem Anführer der königliche Garde Gorgon (Eme Ikwuakor), einem Inhuman mit mächtigen Hufen und seinem Berater Karnak (Ken Leung), der die Schwäche in allem sehen und sofort analysieren kann, unterstützt wird. Doch Maximus gibt keine Ruhe und schwört einen Aufstand hervor. Eröffnet wird ihm diese Möglichkeit, als in der Terrigenese-Zeremonie, wo junge Inhumans, die über das Potential verfügen, ihre Kräfte erhalten. Inhumans mit Kräften werden in der Gesellschaft aufgenommen, solche ohne nennenswerte Kräfte, werden in diesem Kastensystem beispielsweise zum Kohleschaufeln verbannt.

Die Teilung der Gesellschaft will sich Maximus zunutze machen und probt den Aufstand. Nach einer Vision, die ihm seine Zukunft zeigt, entschließt er sich seinen Plan umzusetzen, die königliche Familie an ihren Schwachstellen zu packen, sie aufzuteilen und dem Volk vorzuspielen, dass sie verschwunden sind.

Und das soll man im IMAX sehen?

Obwohl uns die TV-Version für diese Besprechung als Grundlage vorliegt, muss man sich doch fragen, ob es in Marvels bestem Interesse ist, diesen Stoff als Showcase für die IMAX-Partnerschaft anzupreisen. Die Landschaftsbilder aus Hawaii sind sicherlich schön anzusehen, aber sie sind nichts anderes als das, was man in Serien wie Lost oder Hawaii Five-0 auch zu sehen bekommt. Erschwerend kommt hinzu, dass das Niveau des großen cinematischen Marvel-Bruders aus der Kinoecke, wo Budgets von 200 Millionen Dollar und mehr sowie Monate lange Dreharbeiten zur Verfügung stehen, viel mehr Anreiz geben, einzuschalten oder Geld auszugeben. Würde die Geschichte, das Drehbuch und das Schauspiel stimmen, könnte man dies vielleicht vernachlässigen. Aber leider holen die Macher in diesen Bereichen die Zuschauer nur unzureichend ab. Die Effekte und Kulissen - abgesehen von den Location-Aufnahmen - sehen entsprechend des Network-Budgets sehr schwach aus.

Inhumane Effekte und Kräfte?

Gorgon in „Marvel%26#039,s Inhumans“
Gorgon in „Marvel%26#039,s Inhumans“ - © ABC/Marvel Studios

Anders als das erste Promobild vermuten ließ, wurde an Medusas Perücke noch etwas gefeilt, dennoch lässt die Animation zu wünschen übrig. Es mag zwar der Plan von Maximus sein, die königliche Familie systematisch auszuschalten und an ihren Schwachstellen zu packen, aber es kann nicht im Interesse der Dramaturgie sein, eine Figur, die wir 20 Minuten lang gesehen haben und nur bedingt kennengelernt haben sofort ihrer charakteristischen Alleinstellungsmerkmale zu berauben. Die Rasur von Medusas Haaren ist - zumindest an dieser Stelle in der Geschichte - eine Farce sondergleichen. Das ist, als würde man Spider-Man von der Spinne beißen lassen, nur um ihn zehn Minuten später ohne Kräfte darzustellen und das über den ganzen Film durchzuziehen. Hat man eine Figur entsprechend etabliert - meinetwegen über ein paar Folgen, idealerweise über ein paar Staffeln -, dann kann man so einen Schritt erwägen, aber nicht, wenn man 20 Minuten Zeit mit ihr hatte. Der Hintergrund dürfte auf der Hand liegen: Die Animation ist teuer. Aber dann muss man als Kreativer abwägen. Man könnte sie auch sporadisch und dann umso effektiver einsetzen. Aber den Zuschauer ist es zu diesem Zeitpunkt schlichtweg egal, dass sie mit Kurzhaarschnitt durch die Gegend läuft. Auch wenn der Verlauf der ersten beiden Episoden suggeriert, dass es zeigen soll, dass die Königin auch ohne ihr Haar eine formidable Person ist.

Karnak in „Marvel%26#039,s Inhumans“
Karnak in „Marvel%26#039,s Inhumans“ - © ABC/Marvel Studios

Karnaks Kräfte, die an HUDs aus Videospielen erinnern, sind ein netter Einfall, wenn da nicht die Unklarheit wäre, mit denen die Zuschauer konfrontiert werden. Ich als Comicleser weiß, was dahinter steckt. Aber jemand, der noch nie die Inhumans gesehen hat, vermutet, dass er entweder ein menschlicher Videospieler ist, dass er die Zeit vor- und zurückdrehen kann, dass er Visionen hat oder dass seine Kraft ist, ein gewaltiger fieser Idiot zu sein (siehe die Interaktion mit der Kellnerin).

Der teleportierende Hund Lockjaw, von dem ich durch die Comicvorlage ein großer Fan bin, gefällt mir tatsächlich am besten, wobei das ganz klar Geschmackssache ist. Viele werden ihn albern und seine Animation behäbig und aufgrund des Schauspiels und seiner Interaktion mit den Schauspieler gewöhnungsbedürftig finden. Man muss nur auf die Szene achten, in der Crystal ihm Auge gegen Auge gegenüber steht, um zu sehen, dass hier etwas unsauber gearbeitet wird. Animationsfilme der Referenzklasse (beispielsweise der Klassiker „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ oder auch andere Marvel-Produktionen in denen der Hulk oder andere CGI-Kreaturen eine Rolle spielen) legen hier viel Wert auf Sorgfalt, damit der Uncanny-Valley-Effect vermieden wird.

Das Problem Black Bolt

Black Bolt und Maximus in „Marvel%26#039,s Inhumans“
Black Bolt und Maximus in „Marvel%26#039,s Inhumans“ - © ABC/Marvel Studios

Die Figur Black Bolt - für mich in den Comics ein Faszinosum, ob ihrer mächtigen und tieftragischen Kräfte - scheint schwierig ins Medium Film und Fernsehen übertragbar zu sein. Schauspieler Anson Mount bemüht sich das Beste aus dem Drehbuch herauszuholen und hat - nach eigener Aussage - ein non-verbales Vokabular entwickelt, das mit Mimik und Zeichensprache arbeitet, das ändert aber nichts daran, dass sein smirkiges Spiel, sobald er auf die Erde kommt, unfreiwillig komische Züge annimmt. Showrunner Buck und seine Autoren versuchen hier, die Inhumans als Fish-out-of-Water oder Aliens-out-of-the-Moon/Attilan darzustellen, sie also außerhalb ihres Elements zu zeigen, was aber bei mir als Zuschauer nur dazu führt, dass ich sie für wahnsinnig dumm und unfähig halte. Huf-Inhuman Gorgon steigt ins Wasser, obwohl er noch nie mit diesem Element in Berührung kam und wird nur durch einen glücklichen Drehbuchzufall gerettet. Karnak weiß wohl trotz seiner Kraft nicht, wie Abgründe funktionieren und Black Bolt landet, ähnlich wie schon „Thor“ in dessen erstem Solofilm (oder bei der DC-Konkurrenz „Wonder Woman“) in der Welt der Menschen, wo er auf Herrenausstatter und Polizei trifft, aber natürlich in einen gewaltsamen Konflikt landet.

Böse Zungen, die ich in diesem Fall spiele, würden sagen, dass man seine Szenen auch mit einem Laugh Track unterlegen könnte und man hätte eine Comedy, so tollpatschig und trottelig ist das, was er veranstaltet. Und es ist bei Weitem nicht das einzige Logikloch oder fragwürdige Element.

Dass Black Bolt durch seine Kräfte den Tod seiner Eltern verantwortet hat, sollte ein epischer und trauriger Schlüsselmoment sein, der hier auf hanebüchene Art und Weise in einem peinlich inszenierten Flashback verbraten wird. Es ist eine Schande.

Die Kommunikationsgeräte sind Armbänder, die an Mobiltelefone oder Smartphones erinnern. Hierbei wird vordergründig auf die Sprechfunktion gesetzt. Dabei wird die non-verbale Kommunikation zwischen Medusa und Black Bolt auf ihre hirnrissige Spitze getrieben, als sie ihn anruft und sie seine Nichtantwort als Zeichen deutet. Eine andere Figur nutzt die Displayfunktion. Warum gibt es solche Diskrepanzen? Man könnte wahrscheinlich auch einen Videoanruf machen, auch wenn man fürchtet, gefunden zu werden, wenn man das Gerät ohnehin danach zerstört.

Divide and Conquer the Moon

Ob die örtliche Trennung der Königsfamilie eine gute Idee ist, bleibt ebenfalls eine offene Frage nach den ersten beiden Episoden. Die Intention ist wohl, die einzelnen Mitglieder besser vorstellen zu können und sie mit der Menschenwelt zu kontrastieren, sodass beispielsweise der kriegerische Gorgon bei der Interaktion mit den Surferdudes merkt, dass nicht alle Menschen Krieg im Kopf haben, während Karnak sich nicht blind auf seine Kraft verlassen soll, die ihn anfangs wie einen Stinkstiefel erscheinen lässt. Medusa wird überdies durch Auran (Sonya Balmores) herausgefordert, die Maximus zur Seite steht und seine Revolution unterstützt.

Auf der Seite der Menschen gibt es dann noch Anna Torv-Klon Ellen Woglom, die die Forscherin Louise spielt und Gorgons Auftritt auf dem Mond analysiert und den Inhumans womöglich auf die Schliche kommen könnte. Diese Storyline wirkt im Auftakt etwas fehl am Platz, arbeitet aber bestimmt darauf hin, dass sie Black Bolt und Co. unterstützt.

Eine interessante Implikation hat die Tatsache, dass Crystal (Isabelle Cornish), die Schwester von Medusa, diejenige ist, der die Flucht verwehrt wird, weil sie mithilfe von Lockjaw alle anderen zunächst in Sicherheit bringt. Denn Maximus macht Medusa zunächst Avancen und fordert sie heraus, seine Königin zu sein und Black Bolt zu verlassen. Die politischen Intrigen könnten aber dann so weiter gehen, dass Maximus die nächstbeste Option wählt, wenn die Regenten tot sind. Als Prinzessin ist das auf jeden Fall Crystal und eine Hochzeit bringt ihn auf den Thron. Dazu spielt er eine Karte, die besagt, dass seine Eltern ihre Eltern auf dem Gewissen haben, was das jüngste Mitglied der Königsfamilie zumindest ins Grübeln bringt.

Iwan Rheon, den viele aus Game of Thrones oder Misfits kennen dürften, macht seinen Job trotz einiger Limitierungen durch das Drehbuch eigentlich gut, wobei anders als bei seinen Aussagen vor dem Start der Serie, recht deutlich ist, dass er Schurke durch und durch ist und ein manipulierender Demagoge obendrein. Fragwürdig sind seine ständigen Griffe an die Schulter des Inhumans mit der Visionen-Kraft, aber das ist nur ein kleines Detail am Rande.

Stop touching my shoulder, dude. „Marvel%26#039,s Inhumans“
Stop touching my shoulder, dude. „Marvel%26#039,s Inhumans“ - © ABC/Marvel Studios

Prinzipiell spannend ist auch, dass Maximus ohne Kräfte aus der Terrigenese gekommen ist und somit als einer der wenigen Menschen auf Attilan weilt, weswegen seine Motive für einen Coup sogar recht schlüssig sind. Power to the People and to me, eben...

Inhu-mehs

Medusa ohne Haarpracht in „Marvel%26#039,s Inhumans“
Medusa ohne Haarpracht in „Marvel%26#039,s Inhumans“ - © ABC/Marvel Studios

Trotz einiger Schönrederei meinerseits verfügt Inhumans über eine Reihe von eklatanten Schwächen, die gegen die neue Serie sprechen. Sie wäre wahrscheinlich gerne eine Mischung aus Game of Thrones mit Superhelden und Fish-Out-of-Water/Coup-Story, doch über große Strecken ist das Gezeigte einfach nicht spannend oder beeindruckend genug.

Die Zeitlupen am Anfang der Folge und im weiteren Verlauf der Folge, wirken wie der Versuch, Screentime zu füllen, was auch für Einstellungen sorgt, die am Ende einer Szene viel zu lange auf den Figuren verweilen. Die Effekte sind unausgegoren und die Vorstellung der Fähigkeiten lassen oft zu wünschen übrig. Ich bin sehr gespannt, wie viele Nicht-Kenner der Comics Karnak anhand der ersten beiden Folgen verstanden haben.

Man merkt stellenweise deutlich, dass der Inhumans-Run von Autor Paul Jenkins und Zeichner Jae Lee die Vorlage für so manche Motive der Serie ist, allerdings erreicht man selten die poetische Schönheit der Vorlage, weil man die schwere Aufgabe hat, die Figuren einzuführen, was über viel Tell und wenig Show vonstatten geht. Exposition ist bei diesen Figuren wichtig, aber etwas mehr Feingefühl hätte doch gut getan.

Crystalt und Lockjaw in „Marvel%26#039,s Inhumans“
Crystalt und Lockjaw in „Marvel%26#039,s Inhumans“ - © ABC/Marvel Studios

Momente, die dramaturgische Schlüsselmomente sein sollten (Medusas Kräfteraub und Black Bolts Backstory) werden nebenbei verheizt und führen zu Szenen, die keinerlei emotionale Gravitas haben und deswegen sicherlich bei den Zuschauern einfach verpuffen werden.

Insgesamt ist der Auftakt also eine Enttäuschung und auch wenn man sich von Vorberichten nicht beeinflussen lassen sollte, was ich nach Möglichkeit versucht habe, ist es schwer vorstellbar, dass diese Marvel-Serie in eine Verlängerung geht. Manchmal muss man zu einem Scheitern auch stehen und einen Haken darunter setzen. Dennoch bin ich gespannt, in welche Richtung sich diese achtteilige Staffel entwickeln wird und bleibe dran. Alleine für Lockjaw. He is a good boy!

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