The Idol 1x01

The Idol 1x01

Mit „The Idol“ präsentieren „Euphoria“-Schöpfer Sam Levinson und Popstar The Weeknd ihre neue HBO-Serie, die in Cannes für Furore sorgte. Geht die Provokation auf oder hat sich das Kreativteam vielleicht ein wenig verkalkuliert?

The Weeknd und Lily-Rose Depp in der Serie „The Idol“
The Weeknd und Lily-Rose Depp in der Serie „The Idol“
© HBO

Inspiriert vom Grimm'schen Märchen „Rotkäppchen“, dem Erotikthriller „Basic Instinct“ sowie den exklusiven Einblicken in die moderne Musikindustrie, die The Weeknd (bürgerlich: Abel Tesfaye) als einer der erfolgreichsten Popstars unserer Zeit gesammelt hat, ist beim Kabelsender HBO die neue Dramaserie The Idol entstanden, bei der es sich zudem um das jüngste Werk von Fernsehwunderkind Sam Levinson handelt, dem Schöpfer von Euphoria.

Es geht in der sechsteiligen Auftaktstaffel, die nun mit der einstündigen Einstiegsepisode Pop Tarts & Rat Tales angebrochen wurde, um eine junge Sängerin, die mit ihrem neuen Album und negativer Presse hadert. Porträtiert wird die Figur - die sich aus Anleihen von Britney Spears und Miley Cyrus zusammenzusetzen scheint - durch Youngster Lily-Rose Depp („Voyagers“, „The King“). „The Weeknd“ gibt derweil den bösen Wolf, wie man zumindest vermuten kann...

Bei der Weltpremiere im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes sorgte „The Idol“ vergangenen Monat für reichlich Kontroversen. So wurden Levinson und Co zwar mit stehenden Ovationen belohnt, doch gleichzeitig überwogen in der medialen Berichterstattung bald die Stimmen, die der Serie vorwarfen, selbst das zu betreiben, was sie doch eigentlich kritisieren wolle: „Sexploitation“, also die erotische Ausbeutung weiblicher Ikonen.

Hinzu kommt die komplizierte Produktionsgeschichte hinter dem Ganzen. IndieWire berichtete von kreativen Differenzen zwischen „The Weeknd“, Levinson und der ursprünglichen Showrunnerin Amy Seimetz (The Killing, Family Tree). Man sei sich uneinig gewesen über gewisse Gewichtungen im Drehbuch. Im April 2022, als bereits 80 Prozent der Szenen im Kasten gewesen wären, hätte Seimetz von Bord gehen müssen. Levinson, der sie ersetzte, habe schließlich einen weitaus größeren Fokus auf Sexualität gelegt, was hinter den Kulissen teils für Unmut gesorgt haben soll.

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Worum geht's?

The Idol“ beginnt mit einem Fotoshooting für das neue Plattencover von Popstar Jocelyn (Depp). Wie es dank der #MeToo-Bewegung mittlerweile üblich ist, befindet sich auch ein sogenannter Intimitätskoordinator am Set. Als das Model ein bisschen zu viel Nippel zeigt, interveniert er, da im Vorfeld offenbar vertraglich ein Underboob-Limit festgehalten wurde. Der Koordinator macht also lediglich seinen Job, doch wird uns dafür leider als Nervensäge vorgeführt.

Levinson will sagen: Was hat der da reinzureden, wenn das Model von sich aus bereit ist, mehr zu zeigen als vereinbart? Dabei übersieht er aber, dass Jocelyn genauso gut vom Fotografen oder ihren Manager:innen unter Druck gesetzt werden könnte. Diesen einfachen Aspekt, der die Sinnhaftigkeit vorheriger Abmachungen begründet, ignoriert man. Später folgen auffällig viele weitere Szenen, in denen Menschen dafür verhöhnt werden, wenn sie gewissenhaft ihrer Arbeit nachgehen. „Kreative Genies“, die Regeln als Bedrohung wahrnehmen, sehen in ihnen wohl ein Feindbild.

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Unfreiwillig oder nicht spiegelt die gesamte Eröffnungsszene, in der immerhin Depp als Darstellerin auftrumpfen kann, die chaotischen Zustände der Serien-Produktion wider. Es wird darüber gestritten, wie sexuell ein Werk sein soll - und Levinson erklärt sich zum Sieger, weil er die Gegenseite einfach rauswerfen und übertönen kann.

Jane Adams und Dan Levy in „The Idol“
Jane Adams und Dan Levy in „The Idol“ - © HBO

Als Jocelyn anschließend ihre neue Bühnenchoreografie einstudiert, die einer getanzten Orgie gleicht, darf sich der Regisseur dann dem widmen, was ihm am meisten liegt: künstlerische Ästhetik. Selbstverständlich ist „The Idol“ auf der visuellen Ebene wunderschön oder stimmungsvoll düster, was einen „Style over substance“-Vorwurf umso leichter macht.

Dass die Pilotfolge durch den ersten Auftritt von Co-Creator „The Weeknd“ eher sogar an Fahrt verliert, ist sicher auch kein gutes Zeichen. Sein Charakter Tedros, ein Nachtclubbesitzer mit Guru-Qualitäten und „Vergewaltiger-Vibe“ - wie es in der Serie heißt -, ist ein einziges Mysterium, das aber eher ermüdet statt zu faszinieren. Dabei muss man leider auch feststellen, dass nicht jeder Musikstar automatisch zum Schauspieler taugt. Lady Gaga hat es mit ihrer oscarnominierten Performance in „A Star Is Born“ gemeinerweise zu mühelos aussehen lassen...

Für eine Serie, die sich Sex als Hauptmotiv ausgesucht hat und dazu ganz selbstbewusst den Filmklassiker „Basic Instinct“ als eigenes Idol benennt, schafft es „The Idol“ übrigens, verblüffend unerotisch zu wirken. Chemie ist zwischen den beiden Protagonisten kaum zu spüren. Auch hier fehlt es „The Weeknd“ an Ausstrahlung, um den Homme fatale zu verkörpern. Schauspielerisch zieht er sich zurück, um keine Schwächen zu zeigen. Er gibt uns lieber nichts als zu wenig.

Und auch Levinson tut ihm keinen Gefallen, wenn er ihm seltsame BDSM-Spielchen mit „Rotkäppchen“-Symbolik aufträgt. Wobei man sich hier erneut fragen mag, ob dem Serienmacher die Ironie seiner eigener Aussage tatsächlich so verborgen bleiben kann. Allem Anschein nach soll Jocelyns Armee von abgeklärten wie unehrlichen Agent:innen als Übel des Business auftreten - die Musikindustrie und Medien wären somit der Wolf, der Rotkäppchen verschlingen will. Ist Tedros dann der Jäger, der den Tag rettet? Oder ist er nur ein weiterer Wolf?

Wie ist es?

Alles in allem kann man die allgemeine Enttäuschung über die neue HBO-Serie „The Idol“ gut verstehen. „Euphoria“-Visionär Sam Levinson hat sich hier mit tatkräftiger Unterstützung von „The Weeknd“ ziemlich doll verrannt - und man kann nur hoffen, dass wenigstens die junge Hauptdarstellerin Lily-Rose Depp den Rückweg findet, damit ihre vielversprechende Karriere nicht in einer Sackgasse stecken bleibt (aber eher helfen die Furore ihrem Fame).

Mit ganz viel gutem Willen kann man vielleicht argumentieren, dass die „Sexploitation“-Serie ein paar wichtige Probleme anspricht und dabei nur nicht die richtigen Worte findet. „Restructure society so women aren't constantly sexualized while simultaneously being crucified for being sexual“, hätte man zum Beispiel sagen können. Das ist Levinson nicht eingefallen, sondern den Autor:innen von Ted Lasso, die damit den Standpunkt von „The Idol“ auf den Punkt bringen könnten.

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Abschließend ein Blick auf das erweiterte Ensemble: Suzanna Son („Red Rocket“), Troye Sivan („Three Months“), Rachel Sennott („Bodies Bodies Bodies“), Hari Nef (You, „Assassination Nation“), Da'Vine Joy Randolph („The Lost City - Das Geheimnis der verlorenen Stadt“, High Fidelity), Jane Adams (Hung, Hacks), Emmygewinner Dan Levy (Schitt's Creek), Horrorregisseur Eli Roth („Hostel“) und Profi-Sprecher Hank Azaria (Brockmire, The Simpsons).

Mit Moses Sumney, Jennie Ruby Jane, Mike Dean und Ramsey sind noch ein paar weitere Musiker:innen beteiligt. Zudem stellt die Serie den letzten Auftritt der leider verstorbenen Schauspielerin Anne Heche (Chicago PD, Men in Trees) dar.

Hier abschließend noch der offizielle Trailer zur Serie:

Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 5. Juni 2023

The Idol 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(The Idol 1x01)
Titel der Episode im Original
Pop Tarts & Rat Tales
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 4. Juni 2023 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 5. Juni 2023
Autoren
Sam Levinson, The Weeknd, Reza Fahim
Regisseure
Sam Levinson, Amy Seimetz

Schauspieler in der Episode The Idol 1x01

Darsteller
Rolle
The Weeknd
Troye Sivan
Jennie Kim
Hari Nef

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