„The Helicopter Heist“ - spannendes Thema mit einem langatmigen Beginn

„The Helicopter Heist“ - spannendes Thema mit einem langatmigen Beginn

Die schwedische Thrillerserie „The Helicopter Heist“ bei Netflix basiert auf wahren Begebenheiten. In ihrer Pilotfolge konzentriert sie sich auf eine Person und ihre Lebensumstände, um eine Identifikationsfigur zu erschaffen - durchaus mit Erfolg.

Szenenfoto aus der ersten Staffel der Serie „The Helicopter Heist“
Szenenfoto aus der ersten Staffel der Serie „The Helicopter Heist“
© Netflix, Foto: Erik Molberg Hansen

Das passiert in der ersten Folge der Thrillerserie „The Helicopter Heist“

Der ehemalige Gangster aus Überzeugung Rami Mahmut Suvakci lernt in The Helicopter Heist eines die Tage die hübsche Alex (Vic Carmen Sonne kennen und lieben. Als das junge Paar ein Kind bekommt, beschließt er deshalb, ein neues Leben als Familienvater, Ehemann und Unternehmer zu beginnen. Alles läuft gut, bis er eines Tages in ein Geschäft investiert und betrogen wird. Rami verliert sein ganzes Geld und gerät daraufhin in Schwierigkeiten, da er sich einen großen Teil der Investition von einem Kredithai geborgt hat, der ihn nun bedroht. Verzweifelt wendet er sich an seinen alten Kumpel Michel (Ardalan Esmaili), der bald darauf mit einer Idee für das letzte große Ding daherkommt...

Pilotfilmsyndrom

Irgendetwas sagt mir, dass „The Helicopter Heist“ eine richtig spannende Miniserie wird, auch wenn ich nach der Begutachtung der ersten Folge noch nicht sagen, was. Denn diese krankt zweifelsfrei ein wenig am Pilotfilm-Syndrom, unter dem leider viele Formate gerade beim Streamingdienst Netflix leiden. Das liegt zu großen Teilen daran, dass der Streamingdienst seine Formate möglichst langzieht, um damit die Klickzahlen in die Höhe zu treiben. Dass es dabei zu dramaturgischen Schwächen kommen kann, ist evident.

So geschehen auch in diesem Fall, der sich fast ausschließlich mit der Ausgangssituation des durchaus interessanten Protagonisten Rami befasst. Der junge Mann war einst ein Gangster, der den Adrenalinkick suchte und sich irgendwann in eine hübsche Frau verliebte. Nun verdingt er sich als Koch und versucht mittels einer Investition, an mehr Geld zu gelangen. Natürlich geht der Versuch schief und so landet Rami dort, wo er begann, bei der Planung zu einem Coup nämlich.

Bis es so weit ist, geschieht zwar relativ viel mit der Figur, aber nicht alles davon ist interessant. Die Hälfte der Episode hätte voll und ganz ausgereicht, um den glücklosen Gauner einzuführen. Der spannendste Teil der Folge wurde dabei von Serienerfinder Ronnie Sandahl und Regisseur Daniel Espinosa als Cold Open platziert, in dem Sami in ein sonniges Paradies geflüchtet ist und nun von irgendwelchen Bösewichten verfolgt wird.

Das ist ein nicht unübliches Stilmittel, um Neugier zu erzeugen, was in diesem Fall auch recht gut, wenn auch nicht perfekt gelingt. Während er nämlich in seinem Hotelzimmer sitzt und mit einem Fernglas beobachtet wird, schreibt er seiner Frau einen langen Brief, in dem er ihr haarklein die Ereignisse berichtet, die zu dieser verfahrenen Situation führte.

Nicht, dass eine Überleitung aus der Jetzt-Zeit des Formats in die Vergangenheit nicht wichtig wäre, um das Publikum an den Geschehnissen teilhaben lassen zu können. Dies allerdings in dieser Form zu tun, wirkt schon etwas schwach, zumal Sami nicht viel Zeit bleiben dürfte, bis seine Häscher das Zimmer stürmen.

Szenenfoto aus der ersten Staffel der Serie „The Helicopter Heist“
Szenenfoto aus der ersten Staffel der Serie „The Helicopter Heist“ - © Netflix, Erik Molberg Hansen

Wirrnisse des Lebens

Es sei jedoch betont, dass man über diese, vielleicht etwas unglückliche, Plot-Entscheidung durchaus hinwegsehen kann, weil Sami eben eine interessante Person ist, die entsprechend viel zu berichten hat. So erleben wir beispielsweise einen seiner Überfälle mit, lernen seine künftige Frau kennen, sind bei der Geburt seines ersten Kindes dabei und so weiter.

Ob es das alles in dieser Ausführlichkeit gebraucht hätte, ist indes eine berechtigte Frage. Andererseits gelingt es den Serienmachern auf die Art, eine gewisse Nähe und Sympathie für die Hauptfigur aufzubauen, die in den restlichen sieben Episoden noch bitternötig werden wird.

Aus der Sichtweise heraus ist das Drehbuch für die Pilotepisode sicherlich nicht schlecht geschrieben, wenn auch - wie so oft bei Netflix - der Eindruck einer beabsichtigten Dehnung entsteht, um Zeit zu schinden und mehr Episoden aus dem Thema herauszuschlagen. Das ist überhaupt ein Problem des so gefeierten seriellen Erzählens.

Geschichten, die sich eigentlich in drei, höchstens vier Stunden gut erzählen ließen, werden auf sechs, acht oder sogar zehn Stunden erweitert, weil es das System Streamingdienst eben so vorsieht. Das ist ein wenig schade, weil ich den Eindruck nicht loswerde, dass ich im Endeffekt wieder zu dem Entschluss kommen werde, dass der Miniserie mehr Straffung am Ende gutgetan hätte.

Realitätsanspruch

Dennoch soll betont werden, dass dies natürlich reine Geschmackssache ist, zumal die Folge insgesamt keinen schlechten Eindruck hinterlässt. Die Figuren sind mit einem gewissen Realitätsanspruch geschrieben, verfügen über Identifikationspotential und die in den ersten Minuten präsentierte Art der beiden Freunde Rami und Michel, Überfälle zu begehen, verspricht einige hübsche und sehenswerte Actionsequenzen in den kommenden Folgen.

Zu bedenken gilt auch, dass wir hier kein echtes True-Crime-Format vor uns haben. Vielmehr basiert die Produktion auf dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Jonas Bonnier aus dem Jahr 2017. Jener nahm sich wiederum den sogenannten Västberga Helikopterraub zum Vorbild, der zwar spektakulär ablief, dafür aber weniger spektakulär aufklärt wurde. Nach nur zwei Tagen waren alle Täter identifiziert und wurden rasch von der Polizei aufgegriffen, wenn auch teilweise in der Dominikanischen Republik und auf den Kanaren. Es ist zu vermuten, dass sich das Autoren-Team hier etwas weiter aus dem Fenster lehnen werden, zumindest spricht das eingangs erwähnte Cold Open für diesen Umstand.

Fazit

Es bleibt abzuwarten, was genau sich Serienerfinder Ronnie Sandahl einfallen lassen hat, um die insgesamt rund sechs Stunden Filmmaterial zu füllen, die da auf uns zukommen und ob dies sinnvoll geschieht. Trotz kleiner Kritikpunkte ist die Pilotfolge auf jeden nicht schlecht und animiert zum Dranbleiben, wenn auch nach dem Debüt viele Fragen offenbleiben, die hoffentlich im Verlauf der acht Teile geklärt werden. Da die gesamte Staffel der Serie „The Helicopter Heist“ bereits bei Netflix abrufbar ist, wissen wir also nach einer oder zwei Binge-Watch-Sessions mehr.

Wir vergeben erst mal vier von fünf Helikoptern.

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