Die neue Hulu-Serie The Handmaid's Tale passt nahezu perfekt in die quasi-dystopische Zeit, auf die wir gerade zusteuern. In der Pilotepisode führt uns Offred in ihre grauenvolle Welt ein, die entstanden ist, nachdem die Erde unter der Last der Menschheit kollabiert ist. Ein starkes Stück.

Erinnerungen an ihre Tochter Hannah (Jordana Blake) halten Offred am Leben. / (c) Hulu
Erinnerungen an ihre Tochter Hannah (Jordana Blake) halten Offred am Leben. / (c) Hulu
© rinnerungen an ihre Tochter Hannah (Jordana Blake) halten Offred am Leben. / (c) Hulu

In Deutschland haben es die religiösen Fanatiker noch nicht so weit geschafft wie in den USA, aber undenkbar ist es auch hierzulande nicht, dass sie irgendwann echte Macht erlangen - vor allem dann nicht, wenn man die gigantischen gesellschaftlichen Umwälzungen erwägt, die gerade stattfinden. Wie eine von solchen Leuten gesteuerte Welt aussehen könnte, zeigt die neue Hulu-Serie The Handmaid's Tale. Sie hätte zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen können. Sie wirkt wie eine bitterböse, düstere Umkehrung des Internet-Memes „This is the future that liberals want“.

Was there ever a before?

Die Protagonistin in dieser dystopischen Version der USA namens Gilead ist Offred (Elisabeth Moss), eine der wenigen Frauen, die noch gebärfähig sind. Nachdem die Gesellschaft wegen Fertilitätskrisen und Umweltkatastrophen - die in der Pilotepisode nur angedeutet werden - zusammengebrochen ist, hat sich eine theokratische Diktatur herausgebildet, in der Frauen nicht nur unterdrückt, sondern auch regelmäßig vergewaltigt werden. Die gebährfähigen dienen als handmaids, andere als Erzieherinnen oder Haushaltshilfen („Marthas“). Die Ungehorsamen werden in die sogenannten colonies abgeschoben, müssen dort Giftmüll aufräumen und einen qualvollen Tod sterben.

Die Herrschaft fußt auf gnadenloser Ausbeutung und striktem Gehorsam. Alles, was den Unterjochten bleibt, sind ihre Erinnerungen an die Zeit vor dem Kollaps. So bewahrt sich auch Offred davor, in den Wahnsinn abzudriften, wie es zum Beispiel ihrer Leidensgenossin Janine (Madeline Brewer) widerfährt. Bei ihr wurde dieser Prozess beschleunigt, weil ihr wegen Fehlverhaltens ein Auge herausgeschnitten wurde. Ihr Verbrechen: Sie wurde von mehreren Männern, die nicht ihr Commander waren, vergewaltigt. Hierfür wird sie außerdem von den anderen handmaids auf Kommando gemaßregelt - slut shaming in seiner perfidesten Form.

Die Teilnahme an dieser Bestrafungsaktion verweigert Offred kurz - ob aus dem Willen zum aktiven Widerstand oder wegen einer Unaufmerksamkeit, wissen wir nicht -, woraufhin sie sofort mit einer Ohrfeige gemaßregelt wird. Die Oberaufsicht über all diese Regeln und Unterdrückungsmechanismen hält „Aunt“ Lydia (Ann Dowd), die auch für die Indoktrination der Neuankömmlinge (lies: neu Verhaftete) verantwortlich ist. Sobald die verstanden haben, dass sie niemals aufzufallen haben, lernen sie, dass die grassierende Infertilität als Strafe Gottes für Sünden wie Umweltverschmutzung sowie Verhütung und Abtreibung zu verstehen ist.

Offred (Elisabeth Moss, l.) und Ofglen (Alexis Bledel) bilden eine misstrauische Schicksalsgemeinschaft.
Offred (Elisabeth Moss, l.) und Ofglen (Alexis Bledel) bilden eine misstrauische Schicksalsgemeinschaft. - © Hulu

Diese Parallelen zur Realität der amerikanischen Gesellschaft, in der es erlaubt ist, eine Waffe zu kaufen, aber verpönt, über Sex zu sprechen, sind alles andere als subtil eingewoben. Selbiges gilt für das Moss'sche Voice-over, das aber hier weniger stört als anderswo, weil es nicht nur die einzige Quelle dringend benötigten comic reliefs ist, sondern auch ihre einzige Möglichkeit, uns an ihren wahren Gedanken teilhaben zu lassen. Außerdem steht uns in Zeiten wie diesen, in der wieder offen gegen Ausländer, Andersdenkende und Andersliebende gehetzt wird, brachialer Widerstand gut zu Gesicht.

Grab the nearest machine gun

Und brachial geht es in The Handmaid's Tale wahrlich zu, wie zwei der furchteinflößendsten Szenen der Auftaktepisode beweisen. In der einen wird Offred - in Wirklichkeit heißt sie June, aber dieser Name ist verboten - von ihrem Hausherrn Commander Waterford (Joseph Fiennes) vergewaltigt, während sie von seiner unfruchtbaren Ehefrau Serena (Yvonne Strahovski) am Widerstand gehindert wird - übrigens ein Paradebeispiel (wenn man das so nennen kann) dafür, wie man einen solch horrenden Akt inszeniert. In der anderen werden die handmaids dazu gezwungen, Janines Vergewaltiger mit bloßen Händen zu erschlagen.

Verantwortlich für die herausragende Inszenierung ist Regisseurin Reed Morano (Halt and Catch Fire), die aus nahezu jeder Einstellung einen echten Augenschmaus macht. Unterstützt wird sie dabei von der fantastischen Arbeit des Art Department, das zum Beispiel einen Supermarkt so aussehen lässt, als entstamme er direkt aus den 50er Jahren. Das ist sicher kein Zufall, ist es doch diese Zeitperiode, in die sich viele Konservative in den USA zurückwünschen. Damals wussten die meisten Frauen eben noch, wo ihr angestammter Platz ist: in der Küche, bei den Kindern, im Schlafzimmer. Vor allem wussten sie, wie sie sich zu verhalten hatten: „We will have silence, like little mice.

Was dann kam, die sexuelle Revolution und die Bürgerrechtsbewegung, war in ihren Augen keine Befreiung, sondern eine Abkehr von Bewährtem. Frauen wurden zu „dirty women“, sie waren keine „special girls“ mehr. In „The Handmaid's Tale“ haben nun äußere Einflüsse dafür gesorgt, dass diese Kräfte wieder an die Macht kommen - und die Unterdrückung der Frau und ihres Körpers zum Gesetz erheben wurde. Es ist eine schauerliche Geschichte, die hier erzählt wird, aber eine, die unbedingt erzählt werden muss. Als Warnung davor, was passiert, wenn man religiösen Fanatikern nicht misstraut.

So gut diese Geschichte in unser heutiges politisches Klima passt, so zeitlos ist sie. Den Wunsch zur Unterdrückung gab es schon immer, und er wird in gewissen Kreisen auch immer bestehen, getarnt als Aufrechterhaltung von Recht, Ordnung, Disziplin und Tradition. Es gilt, das immer und überall zu bekämpfen - auch mit Fernsehserien.

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