Die neue Starz-Serie The Girlfriend Experience legt einen bedächtigen Start hin und entführt uns in die aufregende Welt hochbezahlter Escortdamen. Dies verlangt etwas Geduld vom Zuschauer, ein Hauch von Faszination macht sich letztlich aber dennoch breit.

„The Girlfriend Experience“. / (c) Starz
„The Girlfriend Experience“. / (c) Starz

Im Jahr 2009 sorgte Filme- und neuerdings auch Serienmacher Steven Soderbergh (The Knick) zusammen mit den beiden Drehbuchautoren Brian Koppelman und David Levien durch den Indie-Streifen „The Girlfriend Experience“ für einige Schlagzeilen: Die damalige Pornodarstellerin Sasha Grey schlüpfte hier in die Rolle eines jungen Callgirls, das ihren Klienten die Girlfriend Experience verspricht - eine Art bezahlte Beziehung, die ihre wohlhabende Kundschaft abseits ihres regulären (Ehe-)Lebens führen. Ein paar Jahre später greift nun Multitalent Amy Seimetz die Prämisse auf und macht daraus für den US-amerikanischen Bezahlsender Starz eine 30-minütige, 13-teilige Dramaserie unter dem gleichen Titel.

Unterstützung erhält sie dabei von Executive Producer Lodge Kerrigan (wie Seimetz auch Ko-Autor der Serie), Philip Fleishman (Executive Producer beim Spielfilm) und Altmeister Soderbergh höchstpersönlich, dessen kreativer Einfluss nach der Sichtung der Pilotepisode von The Girlfriend Experience kaum abzustreiten ist. Trotz der kurz Laufzeit von einer guten halben Stunde muss man hier hier und da aber einen etwas längeren Atem mitbringen, mäandert die Erzählung doch größtenteils nur so vor sich und übt sich ähnlich wie seine Figuren in einer lustlosen Lethargie (oder lethargischen Lustlosigkeit), mit der man als Zuschauer erst einmal warm werden muss.

Intrigued

Letzten Endes gelingt es aber - und sei es auch nur aufgrund der finalen Aufnahme von Hauptdarstellerin Riley Keough und ihrem vielsagenden ambivalenten Gesichtsausdruck - eine gewisse Faszination zu versprühen, die von dieser fremden, geheimnisvollen Welt ausgeht, in die unsere Protagonistin hineingezogen wird. Die ganz große Begeisterung mag vielleicht ausbleiben, was jedoch nichts an dem Reiz dieses interessanten Einblickes ändert.

Riley Keough in %26bdquo;The Girlfriend Experience%26ldquo; © Starz
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Watch me

Wir sehen, wie die junge Jurastudentin Christine (Keough) ihre Karriere bei einer großen New Yorker Firma kickstarten will und sich über eine hart erkämpfte Praktikumsstelle ihre ersten Sporen verdient. Was genau ihr neuer Arbeitgeber macht, ist dabei herzlich egal. Es präsentiert sich uns eine furchtbar sterile, emotionsbefreite und kalte Welt, von der man eigentlich Abstand nehmen möchte. Christine passt hier mit ihrer distanzierten und überengagierten, gleichzeitig aber auch gleichgültigen Art, wenn es um ihr Liebesleben und Beziehungen geht, gut hinein. Die Karriereleiter im Eiltempo erklimmen, nebenbei etwas schnellen Sex mit dem nächstbesten Typen aus einer szenigen After-Work-Bar, das ist Christine.

Über ihre Studienfreundin, die als Callgirl und Freundin gegen Bezahlung für einen reichen Mittfünfziger „arbeitet“, öffnen sich Christine dann die Tore in ein Leben als Escortdame. Es ist vor allem Neugier, die sie antreibt, während der finanzielle Aspekt und weitere mögliche Nebenverdienste (Wer sagt schon nein, wenn man ein Auto geschenkt bekommt?) ebenfalls verführerisch sind, muss Christine doch oftmals jeden Cent zusammenkratzen, um über die Runden zu kommen. Doch ist sie in der Lage dazu, ihren Körper zu verkaufen und diskret ein falsches Leben zu führen, ohne ihre moralische und psychologische Integrität aufs Spiel zu setzen?

Be whoever you want to be

Es ist vor allem Riley Keough („Magic Mike“, „Mad Max: Fury Road“) anzurechnen, dass diese Frage in The Girlfriend Experience so nachhaltig und subtil aufgeworfen wird. Die Darstellerin ist zweifellos eine der größten Stärken der Pilotepisode, was gar nicht so sehr an den Dingen liegt, die sie verbal von sich gibt, sondern vielmehr an den vielen kleinen Nuancen, Gesichtsregungen und stillen Momenten, in denen Christine Situationen abwägt und bewertet. Überhaupt zeichnet die Auftaktepisode eine große Ruhe aus, die Dialoge erscheinen allesamt extrem nichtig. Die letzte Szene in einer Bar, als Christine in einem an sich inhaltslosen Smalltalk verwickelt wird, steht schon fast exemplarisch dafür: Den Wortwechsel kann man getrost ignorieren. Keoughs Mimik, ihre Augen und Körpersprache sind es, denen man hier erhöhte Aufmerksamkeit schenken sollte.

In Christine (beziehungsweise Chelsea, wie sie sich selbst nennt, beides in Anlehnung an den gleichnamigen Spielfilm) hat man eine interessante Figur gefunden, deren Entwicklung und erste Schritte im Escortservice man gespannt verfolgt. Zunächst wirkt es noch ein Stück weit spielerisch, wie Christine Gefallen daran findet, sich eine neue Identität auszudenken und sich ein fremdes Leben zusammenzulügen. Diese Realitätsflucht in ein Leben moderner Prostitution und aufgesetzter Beziehungen, in denen für Gefühle bezahlt wird, die dann im besten Fall via Knopfdruck wieder ausgeschaltet werden, zeichnet aber natürlich auch eine extrem tragische, deprimierende Note aus.

Big deal

Wie die Hauptfigur mit dieser Balance zwischen echtem und falschem Leben sowie echten und falschen Gefühlen umgehen wird, ist wohl die spannendste Frage in „The Girlfriend Experience“. Noch geht dem durchaus freizügigen und expliziten Format etwas der Zug zur Sache ab, absichtlich wohlgemerkt, passend zu dem gemächlichen Einstieg Christines in die neue Welt, die sich ihr gerade erschlossen hat. Der kühle, minimalistische Stil, eine Gleichgültigkeit, die sich von den Gesichtern der Figuren auf die gesamte Serie überträgt und etwas nervig sein kann, sowie eine allgemein vorherrschende Ziellosigkeit erfordern Geduld beim Publikum. Die Pilotepisode nimmt sich mehrfach ihre Zeit, die bereits angesprochene Lethargie setzt ein und man selbst wartet auf einen großen Wachmacher, der jedoch ausbleibt.

Kate Lyn Sheil und Riley Keough in %26bdquo;The Girlfriend Experience%26ldquo; © Starz
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No pressure

Für die gewaltigen Schockmomente ist man hier aber wahrscheinlich falsch. Ko-Serienschöpferin Amy Seimetz, die die Regie übernommen hat, bleibt sich durchweg der sehr einfachen, unaufgeregten Art der Inszenierung treu und schaut sich dabei ein paar Tricks von Lehrmeister Steven Soderbergh ab, so zum Beispiel bei den vielen statischen Aufnahmen oder dem Einsatz von Unschärfen bei Szenenübergängen. Die besondere musikalische Untermalung erinnert indes an einen weiteren Soderbergh-Stammspieler, Cliff Martinez, der schon in „The Knick“ auf ähnliche Klänge zurückgriff.

In der Summe bleibt in audiovisueller Hinsicht aber mehr ein solider als wirklich auffälliger erster Eindruck. Wo Soderbergh als Regisseur (und oftmals auch Editor) das gewisse Etwas aus Szenen herauskitzeln kann und uns einzigartige Bilder präsentiert, gibt es in „The Girlfriend Experience“ noch Luft nach oben. Manchmal scheint es fast so, als wolle man den prominenten Executive Producer eins zu eins imitieren. Seimetz und Kerrigan sei aber geraten, ihren eigenen Stil zu finden und sich vielleicht ein Stück weit von den großen Namen um sie herum zu lösen. Dann wäre The Girlfriend Experience vielleicht sogar noch ein wenig vielversprechender, als es nach der guten Auftaktepisode ohnehin schon ist. Voll und ganz überzeugt bin ich zwar noch nicht, irgendetwas fehlt mir noch, ich blicke aber interessiert den nächsten Episoden entgegen und bin gespannt, in welche Richtung sich der Serienneustart entwickeln wird.

Trailer zu „The Girlfriend Experience“:

Diese Serie passen auch zu «The Girlfriend Experience»