The Get Down: Review der Pilotepisode

© Netflix
Mit dem Namen Baz Luhrmann verbinden die meisten Filmfans Glanz und Gloria, extravagante Produktionen, die ausufern und fast schon ein Übermaß an Elan, Schwung und Paukenschläge bieten, sodass einem Hören und Sehen vergeht. Diesen Ruf hat sich der heute 53-jährige Filmemacher, Drehbuchautor und Produzent nicht umsonst erarbeitet, erinnert man sich nur an Filme wie „Moulin Rouge!“ oder „The Great Gatsby“ zurück. Die Netflix-Serie The Get Down, die Luhrmann gemeinsam mit Stephen Adly Guirgis geschaffen hat, steht Luhrmanns bisherigen Schaffenswerk in Sachen überbordender Inszenierung in Nichts nach. Doch macht dies den Serienneustart automatisch zu einem Erfolgshit?
Die Antwort auf diese Frage fällt geteilt aus: Nur wenige können Geschichten dermaßen lebendig und dynamisch auf Film bannen wie Baz Luhrmann, dessen unverkennbarer Stil unzählige Anhänger hat. So schwingt sich die erste Folge von „The Get Down“ immer wieder zu kleinen, ersten Höhepunkten auf, die musikalisch und visuell begeistern können. Im gleichen Atemzug muss man aber auch festhalten, dass Luhrmanns Machart nicht frei von Makeln ist. Aus Überfluss wird schnell Überdruss, gefühlt tausende Charaktere und zig verschiedene Handlungsstränge füllen die gut 90-minütige Pilotepisode dermaßen an, dass man als Beobachter nicht nur oft den Überblick verliert. Es ist einem sogar irgendwann recht egal, was sich in jener Ecke der Bronx abspielt, während andernorts eine flotte Disco-Sohle aufs Parkett gezaubert wird.
Kings of New York
Doch um was geht es eigentlich in „The Get Down“? Die angeblich 120-Millionen-US-Dollar-teure Serienproduktion (somit auch die kostspieligste, die Netflix bisher hervorgebracht hat) entführt die Zuschauer in das New York der späten 1970er Jahre. Disco- und Funkmusik geben hier nach wie vor den Ton an, doch langsam keimt eine neue Musikrichtung in den sozial schwachen und von der Politik ignorierten Problembezirken der Stadt, zum Beispiel in der Bronx, auf: Hip Hop und Rap. An der Seite der vermeintlichen Hauptfigur Ezekiel, kurz Zeke (Justice Smith), und seinen drei besten Freunden tauchen wir in eine musikalisch revolutionäre Zeitepoche ein, die unsere jungen Protagonisten mit prägen wollen.

Wordsmith
Obendrauf gibt es Geschichten über den großen Traum, im Musikgeschäft durchzustarten und berühmt zu werden, über kriminelle Banden und glamouröse Gangster sowie Abhandlungen über kulturelle Identität und sozialkritische Momentaufnahmen aus einer Stadt, die die verschiedensten Bevölkerungsgruppen in sich vereint - zu einer Zeit, in der sich New York City im Wandel befand und oftmals einen Pulverfass glich. Vor dieser explosiven, farbenfrohen und diversen Kulisse brennen die Serienmacher ein opulentes Feuerwerk der Fernsehunterhaltung ab. So zumindest der Plan...
Arbeitet man mit dieser Beschreibung von „The Get Down“, fällt einem sogleich auf, dass sich Luhrmann und Guirgis einem durchaus ambitionierten Projekt gewidmet haben, das viele spannende Themen ansprechen will und sich dabei keine Grenzen setzt. Hier liegt wiederum die Krux: Bei einer derartig weitgefassten Vorstellung, was „The Get Down“ letztlich sein soll, wären ein wenig Limitation eventuell gar nicht so verkehrt gewesen. Die ausladende erste Folge dieser Musical-Serie dürfte nämlich so manchen Zuschauer überfordern, schlichtweg aus dem Grund, dass hier zu viel passiert. Luhrmann, der auch Regie geführt hat, schaltet nämlich sofort in den Showmaster-Modus, bläht seine Geschichte ordentlich auf und klatscht zunächst einfach erst einmal alles an die Wand, was im weiteren Verlauf der Serie interessant werden könnte. Irgendetwas davon wird bei der Zuschauerschaft ja schon hängen bleiben.
The beat goes on and on
Dieser Art der „Erzählung“ kann jedoch wahnsinnig frustrierend sein, weiß man doch lange Zeit nicht, woran man in The Get Down ist. Ich persönlich gebe Serien, die mich einfach nur in ihr Setting reinverfrachten und mich mit ihrem vagen Inhalt konfrontieren, gerne eine Chance. Man muss sich halt selbst zurechtfinden. Baz Luhrmann treibt es in der Auftaktfolge von „The Get Down“ bisweilen jedoch etwas zu bunt. Am Ende der anderthalb Stunden dürften nicht wenige Probleme damit haben, sich daran zu erinnern, was in den ersten 20 Minuten der Pilotepisode eigentlich passiert ist. Grund dafür ist neben der Fülle an Charakteren und verschiedenen Geschichten mitunter auch der teilweise etwas konfuse, unstrukturierte Schnitt, der uns wild durch die diversen Szenen springen lässt.
Man kann stark davon ausgehen, dass dies natürlich beabsichtigt ist, dass Luhrmann und sein Team ganz bewusst auf diese nicht greifbare, den Zuschauer mitreißende Virtuosität der Geschichte gesetzt haben. Hier ist die Bronx Ende der 1970er Jahre, da habt ihr die vielen unterschiedlichen Musikstile, die sich in diesem kulturellen Schmelztiegel begegnen. Und jetzt ab die Post! Tatsächlich gelingt dieser Ansatz auch, immer wieder wird man kurzzeitig gepackt, von tollen Bildern und wahnsinnigen Einlagen gefesselt. Die Länge der Folge macht sich schlussendlich dennoch bemerkbar, da zwischendurch dann doch zu viel Leerlauf vorherrscht und man die nächste Tanz- und Gesangsnummer herbeisehnt, während aber erst einmal zehn weitere Figuren eingeführt werden müssen, die sicherlich irgendwann noch eine Rolle spielen werden.
Rainbow people
So sehr der Auftakt eine Geduldsprobe sein kann, so viel Spaß kann er einem aber auch bereiten. Zugegeben, die Hauptcharaktere werden allesamt noch etwas oberflächlich skizziert, so zum Beispiel Zeke als junger Poet, ziellos und unsterblich in Mylene (Herizen F. Guardiola) verliebt, die selbst musikalische Ambitionen hegt. Ein gutes Beispiel ist auch der von Jimmy Smits gespielte Lokalpolitiker Francisco Cruz, eine fleischgewordene Karikatur, der man zu Beginn noch nicht viel abgewinnen kann. Aber die Figuren sind bunt und divers, sie sind eigen, auch wenn etwas sehr klischeehaft. Auch dank ihnen geht oft ein Schwung durch die Serie, der die Geschichte lebendig macht. Und wenn den Figuren dann tatsächlich etwas Raum zur Entfaltung gegeben wird (so zum Beispiel in der zweiten und dritten Episode), dann zeigen sich ihre Nuancen, was „The Get Down“ ungemein gut tut.
Denn eine reine „Show“, ein Hip Hop-Musical, das reicht nicht aus, um mich zu begeistern. Eine Disco-Verantstaltung in einem Nachtclub sowie der erste Blick auf einen get down, bei dem der junge Grandmaster Flash, spätere DJ-Ikone und beratender Produzent der Serie, die Plattenteller zum Glühen bringt, zeigen auf, was für eine Faszination „The Get Down“ ausüben kann. Die Musik, die Inszenierung, der Rausch und das „Chaos“ - Luhrmann ist hier in seinem Element und bringt den Nachweis, dass er der Richtige ist, um diese musikalische Epoche und den Zeitgeist der späten 70er Jahre einzufangen. Aber es kann eben nicht nur Show und Style sein, es braucht auch Substanz, sei es bei den Charakteren oder ihren Handlungsbögen, um zu überzeugen.

The chosen ones
So viel sei verraten: Die zwei Folgen nach der wankelmütigen, wenn auch abwechslungsreichen Pilotepisode arbeiten daran, „The Get Down“ auch inhaltlich zu füllen, sodass das Format eben nicht nur zu einer launigen Bühnenshow mit zwei, drei gewaltigen Nummern pro Folge verkommt. Die neue Netflix-Serie traut sich indes einiges und ist sich dabei auch nicht zu schade, skurril und gewollt überzeichnet zu sein (eine Storyline wirkt wie ein abgedroschener Kung Fu-Film, was manchmal hoch unterhaltsam, manchmal aber auch einfach nur sehr eigenartig ist).
Der Auftakt von The Get Down avanciert zum Test für das Publikum. Durchsteht man diesen, könnte man danach große Freude mit dieser Serie haben. Andere werden wiederum bereits in der Pilotepisode den Bühnenstück-artigen Stil (Flashforwards ins Jahr 1996 zu einem Rapkonzert eines älteren Zekes fungieren als eine Art Erzählrahmen), die scheinbar wahllosen Schnitte, die großen Auftritte zwischendurch sowie das letztlich doch sehr einfache Drama sehr zu schätzen wissen. Vielleicht, weil diese Serie eben genauso gut als Broadway-Show funktionieren könnte und bisweilen wie eine solche aufgebaut ist. Man erwartet zwischenzeitlich schon fast, dass gleich ein roter Vorhang zugezogen wird und die Szene abschließt. Doch geht diese Rechnung auch in Form einer Serie auf? Das bleibt nach der ersten Folge von „The Get Down“ noch abzuwarten.
Ein erstes Zwischenfazit zu „The Get Down“ kann man nach Teil 1 der neuen Netflix-Serie ziehen, der nach sechs Episoden abgeschlossen sein wird. 2017 folgt dann der zweite Teil, Episode 7 bis 12.
Trailer zu „The Get Down“: