Die Pilotepisode von The Following führt in einen packenden Kampf zwischen Gut und Böse ein. In dem hochkarätig besetzten Drama kommen weder Grausamkeiten noch Spannung zu kurz. Ein verlockender Auftakt mit literarischem Touch.

Kevin Bacon und James Purefoy mit weiteren Darstellern aus „The Following“ auf einem Promobild / (c) FOX
Kevin Bacon und James Purefoy mit weiteren Darstellern aus „The Following“ auf einem Promobild / (c) FOX

Ryan Hardy (Kevin Bacon) ist der vielschichtige Held von The Following und seines Zeichens Ex-FBI-Agent, Schriftsteller und Trinker. Der Mann, der samt seinem Nachdurst von hektischem Telefonklingeln geweckt wird, ist aber vor allem ein Jäger. Ihm war es im Jahr 2004 gelungen, den Serienkiller Joe Carroll (James Purefoy) zu stellen. Deswegen wird er jetzt trotz seiner offensichtlichen Makel vom FBI als „Berater“ hinzugezogen, als sein Erzfeind aus dem Gefängnis ausbricht. Doch selbst diejenigen Agenten, die schon Hardys ersten Erfolg bezeugen konnten, empfinden für den Einzelgänger eher verachtendes Misstrauen als ausufernde Bewunderung.

Das Spiel beginnt

Dem verurteilten Mörder Joe Carroll (James Purefoy) stand bereits die Hinrichtung bevor. Jetzt ist seine Zelle leer und fünf Wachmänner sind tot. In einer Ausgabe von Hardys Buch „The Poetry of a Killer“, in dem Ryan seinen bedeutendsten Fall verarbeitet hatte, liegt ein Zettel: „Dear Ryan, I enjoyed your book. Have you ever considered a sequel? Best, Joe“.

Damit wird der große Kampf zweier Individuen eingeleitet, der die Handlung dieser Serie aus dem Hause FOX maßgeblich bestimmen wird.

Das Opfer, das überlebte

Nach Carrolls Flucht schwebt vor allem die Ärztin Sarah Fuller (Maggie Grace, Lost) in größter Gefahr. Sie hat bisher als einzige einen Übergriff des Killers überlebt - und dadurch sein mörderisches „Werk“ verunstaltet. Weil es Hardy war, der der jungen Frau damals das Leben gerettet hatte, besteht zwischen den beiden eine ganz besondere Verbindung.

Das Ausmaß des Schreckens, den Sarah durchleben musste, wird eindringlich anhand ihrer eigenen Schilderung vor Gericht deutlich. So hatte Fuller nach der Attacke versucht, sich selbst das Leben zu nehmen, statt sich dem grausigen Überlebenskampf mit Carroll zu stellen. Jetzt steht Sarah glücklicherweise unter Polizeischutz und wird zudem liebevoll von dem Nachbarspärchen aus Will Wilson (Nico Tortorella) und Billy Thomas (Adan Canto) umsorgt.

Team Cop

Claire Matthews (Natalie Zea), die Exfrau von Carroll und die Mutter von dessen kleinem Sohn Joey (Kyle Catlett), steht ebenfalls in einer besonderen Beziehung zu Hardy. So hatten die beiden sich im Zuge von Ryans Ermittlungen nicht nur kennen-, sondern auch lieben gelernt. Diese Entwicklung war weder dem FBI noch Carroll selbst entgangen und musste von Hardy mit seiner ermittlerischen Integrität bezahlt werden.

Auch in den Reihen seiner sonst so skeptischen Kollegen hat Ryan einen Verbündeten: Der Agent Mike Weston (Shawn Ashmore) bringt dem Agentenveteran regelrechte Huldigungen entgegen. Von Weston erfahren wir, was es mit einer auffälligen Narbe auf sich hat, die Hardys Brust ziert. So verbrigt sich darunter sein Herzschrittmacher - ein Andenken, das Ryan seinem Kampf um das Leben von Sarah verdankt.

Als Weston die übrigen Agenten über die Hintergründe des geflohenen Verbrechers aufklärt, kommt es zu einer Ungereimtheit. Wie kann es sein, dass Weston - der doch seine Diplomarbeit über den Fall Carroll geschrieben hatte - sich nicht über dessen Motivation für das Morden im Klaren war? Doch immerhin bietet sich auf diese Weise eine Gelegenheit für Hardy, um sein tiefes Verständnis für Carrolls Psyche unter Beweis zu stellen: „Like Poe he believed in the insanity of art.

Im Kopf des Killers

Um seinen Helden Edgar Allan Poe zu ehren, hatte Carroll seinen 14 weiblichen Opfern die Augen herausgeschnitten, die er - wie sein Vorbild - als Fenster zur Seele betrachtet. Diese Ode an Poes Vorstellung von Kunst setzt sich auch in der Gegenwart fort.

Eine der vielen Frauen, die Carroll im Gefängnis ihre Aufwartung gemacht hatten, zieht sich im Polizeirevier aus. Ihre nackte Haut ist überall mit Zitaten von Edgar Allan Poe beschrieben. In der Hand hält sie einen Eispickel. Nachdem sie mit dem Ausspruch „Lord, save my poor soul“ die vermutlich letzten Worte des berühmten amerikanischen Schriftstellers ausgesprochen hat, nimmt sich die Frau das Leben, indem sie den Spieß in ihr rechtes Auge rammt.

Die Sequenz ist besonders aus dem Grund so absolut mitreißend, weil der Täter durch das Opfer selbst wirkt. Hardy muss es unverkennbar mit einem mächtigen Gegner zu tun haben, wenn er eine derartige Macht zur Manipulation freisetzen kann.

Der andere Carroll

In Rückblenden lernen wir Carroll nicht nur als liebevollen Ehemann kennen, sondern auch als passionierten Literaturprofessor. James Purefoy gelingt es in diesen Sequenzen jedoch, auch seinen Auftritten als vermeintlich funktionierendes Mitglied der Gesellschaft etwas Dunkles anzuheften. Sei es die Hand, die sich auffällig um den Hals seiner Frau Claire legt, oder die Gier, die aus Carrolls Augen spricht, während er damit die ambitionierte Studentin Sarah taxiert.

Team Killer

Mit dem Wachmann Jordan „Jordy“ Ralnes (Steve Monroe) kristallisiert sich ein erster Verbündeter des menschlichen Monsters heraus. Er war es, der es Carroll im Gefängnis ermöglicht hatte, über das Internet ein verzweigtes Netzwerk aus Serienkillern aufzubauen.

Das Bild, das sich Hardy in der Wohnung des Wachmannes bietet, hätte auch einem Albtraum entsprungen sein können. Jordy will seinem Mentor nacheifern und hatte das blutige Handwerk an entführten Hunden geprobt. Das letzte Opfer - ein bemitleidenswerter Schäferhund - sorgt mit seinem verzweifelten Aufbäumen in Richtung Hardy für einen klassischen Erschreckmoment, von dem sich die Rezensentin nur langsam erholen konnte. Auch der tierliebe Weston hat mit der perversen Praktik seine Probleme: „I can handle dead people. You kill a dog - I go crazy.“ Mit dieser geschmacklosen - aber gleichzeitig ehrlichen - Offenbarung wird der Charakter des Agenten ein gutes Stück dreidimensionaler.

Das Erbe des Poe

Durch Poe inspirierte Elemente wie der blutige Schriftzug „Nevermore“ ziehen sich durch die gesamte Auftaktepisode und können enorm zu ihrem düsterem Flair beitragen. Gleichzeitig regen diese Elemente zu Vergleichen der finsteren Weltliteratur mit dem Treiben Carrolls an. Die Szenen, die auf einen wütenden Ausbruch Hardys folgen, ist mit dem Geräusch eines klopfenden Herzens unterlegt. Neben einer Anspielung auf Ryans angeschlagenes Organ schwingt auch hier eine Poe-Referenz an dessen Kurzgeschichte „The Tell-Tale Heart“ mit. In Poes Geschichte geht es nicht nur um einen Mord. Auch das Auge, das bei Carroll und Poe gleichermaßen einen übergeordneten Stellenwert einnimmt, wird thematisiert.

Die Jünger des Monsters

Der intelligente Mörder ist den Agenten ein großes Stück voraus: Seit langem hat Carroll auch das vermeintlich so sanftmütige schwule Pärchen aus Sarahs Nachbarhaus für sich instrumentalisiert. So konnten Will und Billy Sarah problemlos entführen, um sie ihrem blutlüsternden Mentor zu überbringen. Also begeht Hardy den schlimmsten Horrorfilmfehler der Welt und begibt sich völlig alleine auf die Spur des Duos. Das verlassene Hotel, zu dem es den versierten Ermittler verschlägt, vereint alle fiktiven Gebäude in sich, in denen jemals etwas Schlimmes passiert ist.

Selbst eine noch so ausgeprägte Abneigung gegen die Arbeit im Team kann einen derartig wahnsinnigen Alleingang doch nicht rechtfertigen?!? Aber niemand kann Carroll so gut einschätzen wie Hardy: „I came alone, Joe. Isn't that what you wanted?“ Auch muss man dem Ermittler zugutehalten, dass es ihm ja in erster Linie darum geht, das Leben von Sarah zu retten. Sehr hübsch ist wiederum die Sequenz, in der Ryan realisiert, dass er als Exagent keine Waffe mehr mit sich herumträgt.

Das Ende ist erst der Anfang

Bei dem neuerlichen Aufeinandertreffen von Carroll und Hardy beweist der Killer, dass es sich bei ihm um einen Sadisten der furchtbarsten Art handelt. Er hatte Sarah auf perfide Weise gequält, bevor sie sterben musste. Es überrascht, dass mit der Ärztin schon jetzt ein durchaus vielversprechendes Element aus der Serie scheidet. Genauso ist es interessant, dass Carroll am restlichen Geschehen wohl ausschließlich aus dem Gefängnis teilnehmen kann. Doch schließlich heißt das neue Format ja auch nicht „The lonesome Killer“.

In trügerischer Sicherheit hatte man sich auch in Bezug auf Denise (Valorie Curry), dem unscheinbaren Kindermädchen der Matthews gewogen. Doch sie ist ein weiterer Wolf im Normalitätspelz. Mit dem schlafenden Joey als Geisel formiert sich aus Denise, Will und Billy ein unberechenbares Trio. Genau wie Jordy scheinen sie zu allem entschlossen zu sein, um ihren Anführer Carroll zufriedenzustellen. Die Gefolgschaft hat sich formiert!

Fazit

In The Following geht um einen Ring von sadistischen Killern, denen sich ein angeschlagener Ermittler entgegenstellt. Diese Prämisse trägt alleine schon einen beachtlichen Reiz in sich. Nie weiß man, welcher - noch so harmlos erscheinende - Charakter noch zu den Anhängern von Joe Carroll gehört. Ein Großteil der Spannung resultiert also erst einmal aus der quälenden Ungewissheit. Doch The Following hat noch mehr zu bieten. Bereits in der Pilotepisode zeichnen sich bestechende Charaktere ab. Die Herzschwäche von Hardy ist ebenso verlockend wie seine gemeinsame Vergangenheit mit der fantastisch besetzten Exfrau des Erzfeindes. Die Follower an sich sind bislang zwar allesamt blass, doch sind in den Figuren bereits vielversprechende Anlagen erkennbar.

Wohlplatzierte Effekte wie das temporäre Dämpfen der Geräuschkulisse stellen ebenso einen hübschen Bonus dar wie die Bestandteile von Poes Literatur, die kunstvoll die Abgründe der Menschheit ausleuchten.

Kleinere Vorhersehbarkeiten wie die Tatsache, dass Claire und Hardy einst eine Affäre hatten, werden durch überraschende Wendungen wie die wahre Natur von Denise wettgemacht. Mit der hochkarätig besetzten Serienneuheit The Following könnte den Zuschauern etwas Großes präsentiert werden. Schließlich sind dem bevorstehenden Horror allein die Grenzen der menschlichen Grausamkeit gesetzt...

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