Bei Shonda Rhimes hat sie ihr Handwerk erlernt, nun bringt Jenna Bans mit The Family ihr erstes eigenes ABC-Drama an den Start. Die Serie dreht sich um den entführten Sohn einer Politikerfamilie, der aus heiterem Himmel heimkehrt.

Serienposter von „The Family“ / (c) ABC
Serienposter von „The Family“ / (c) ABC

Auch wenn The Family nicht nicht wirklich im ShondaLand lebt, wurde das ABC-Drama zumindest dort geboren. Die Serienschöpferin Jenna Bans schrieb zwei Jahre lang für Shonda Rhimes' Scandal und das scheint bei ihrer ersten Eigenproduktion zumindest hin und wieder durch - immerhin drehen sich beide Serien um Politik, wenngleich auf verschiedenen Ebenen.

Im Mittelpunkt von The Family steht die ambitionierte Lokalpolitikerin Claire Warren, gespielt von der hochbegabten und oscarnominierten Joan Allen. Sie lebt gemeinsam mit ihrem Ehemann John (Rupert Graves), ihrer Tochter Willa (Alison Pill) und ihren beiden Söhnen Danny (Zach Gilford) und Adam (Liam James) in einer Stadt namens Red Pines. Als ihr jüngstes Kind, der achtjährige Adam, eines Tages während einer Wahlkampfveranstaltung entführt wird, ändert sich das Leben der dreifachen Mutter für immer.

Noch dramatischer wird es, als Adam zehn Jahre nach seinem Verschwinden plötzlich wiederauftaucht. Inzwischen ist Claire Bürgermeisterin von Red Pines und arbeitet gemeinsam mit ihrer tugendhaften Tochter Willa an einer Nominierung für den Gouverneursposten. Adams Rückkehr wirft sie aus der Bahn, denn so viele Fragen sind noch immer ohne Antwort. Dies zu ändern, ist die Mission der jungen Polizistin Nina Meyer (Margot Bingham).

Der Plot von The Family löst beim Lesen diverse Déjà-vu-Momente aus. Die Geschichte des entführten Kindes, das plötzlich heimkehrt, wurde oft erzählt und gehört zum Standardrepertoire eines jeden Crimeprocedurals - genau wie die obligatorische Flugzeugepisode oder der noch nie zuvor erwähnte Freund aus Kindheitstagen. Doch Bans und Kollegen füllen mit dem Konzept nicht bloß eine Episode, sondern eine komplette Serie. Dabei greifen sie auf beinahe jedes Element zurück, das man hierbei erwarten würde. Sei es der zu Unrecht Beschuldigte, der nach Rache dürstet, der sich schuldig fühlende und zu tief verwickelte Cop oder der Zweifel darüber, was nun wirklich passiert ist.

Sergeant Nina Meyer mustert ein Beweisstück. ©
Sergeant Nina Meyer mustert ein Beweisstück. ©

Besonders die Charakterzeichnung leidet unter diesem Mangel an Einfallsreichtum. Während Willa und Danny zumindest noch die üblichen Fernsehklischees der christlichen Tochter und des verkorksten Sohnes erfüllen, ergibt die Figur von Seargent Meyer so gut wie gar keinen Sinn. Es ist unklar, ob die Zuschauer sie mögen sollen oder ob sie als Antiheldin gezeichnet wird. Zu vermuten ist, dass sie als Gegenpol zur berechnenden Politikerin Claire Warren gedacht war, doch am Ende ist sie es, die den Fall vermasselt und obendrein noch flapsig mit einer trauernden Mutter umgeht. Ihr Charakter ist eine seltsame Mischung aus Selbstgefälligkeit, Vulnerabilität und Inkompetenz. Die Krönung der Verwirrung ist ihre leidenschaftliche Sexszene mit dem Familienvater John.

Besonders ärgerlich ist die Tatsache, dass bei all dieser Halbherzigkeit eine sehr sensible Thematik umkreist wird. Ginge es nicht um die Entführung und den Missbrauch eines Kindes könnte man die ein oder andere Ungereimtheit getrost verzeihen. Auch wenn der Vergleich nicht ganz fair ist, The Family hätte gut daran getan, sich am oscarnominierten Filmdrama „Room“ zu orientieren. Bei diesem geht es einzig und allein um die Gefühle der Opfer, die nuanciert und achtsam transportiert werden. Jenna Bans legt keinen klaren Fokus, sie will ein bisschen Krimi, ein bisschen Psychostudie und ein bisschen Politdrama.

Es erscheint kurios, dass ausgerechnet das Drehbuch die größte Schwachstelle von The Family ist, während einige der Schauspieler, allen voran Joan Allen und Andrew McCarthy, wahrlich glänzen. Abgesehen vom verwirrenden Erzähltempo, das unter den häufigen Wechseln zwischen Vergangenheit und Gegenwart leidet, wirkt aber auch die Inszenierung Paul McGuigans im Großen und Ganzen überzeugend. Die Mischung aus Düsterkeit und Hochglanz erzeugen einen sehr ansehnlichen Look, der zudem mit ein paar interessanten Kameraeinstellungen à la Breaking Bad gewürzt wird. Doch auch dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass The Family letztendlich kein Prestigedrama ist - da helfen auch keine prätentiösen Sprüche wie: „They say every cop has two: The case that makes you and the case that breaks you.

Fazit

Fernsehen muss nicht immer innovativ oder genial sein, Zwischentöne sind erlaubt. Doch The Family muss sich einer härteren Bewertung unterziehen, da es erstens offenkundig als High-Quality-Projekt auftritt und weil es zweitens ein Thema behandelt, das die allerhöchste Sensibilität verlangt. Die Serie versagt, indem sie weder eine realistische noch eine interessante Geschichte zu erzählen weiß. Das Drehbuch ist schwach und davon kann alles andere, was gelungen ist, nicht ablenken.

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