
Es gibt viele Gründe, dem derzeit im Fernsehgeschäft herrschenden Remake-Wahn äußerst skeptisch gegenüberzustehen, weshalb es wohl nicht viele Serienfans gab, die der Nachricht über eine Serienadaption des William-Friedkin-Horrorklassikers The Exorcist von 1973 besonders viel Positives abgewinnen konnten. Entsprechend gering waren denn auch die Erwartungen, mit denen ich an dieses neue Format von FOX herangetreten bin. Nach der Pilotepisode bin ich jedoch positiv überrascht - sie macht vieles richtig.
Power
Zum einen wird bald deutlich, dass es sich bei der Serienversion des „Exorzisten“ nicht um ein Remake handelt, sondern um eine Erweiterung des Filmstoffes. In einer Szene findet Pater Tomas Ortega (Alfonso Herrera) bei der Internetrecherche einen Artikel über die Ereignisse in Georgetown, die im Film dargestellt wurden. Weitere solche direkten Referenzen sucht man jedoch vergebens. Das Format von Serienschöpfer Jeremy Slater und Regisseur Rupert Wyatt stellt klar, dass es auf eigenen Füßen stehen will. Dafür notwendig sind interessante Charaktere, gute Schauspieler und eine ansprechende technische Umsetzung - das alles erfüllt „The Exorcist“.
Slater hat die Geschichte von Washington, D.C. nach Chicago und Mexico City verfrachtet, was sich zunächst nur in der visuellen Gestaltung niederschlägt. Die in der amerikanischen Großstadt lebende Familie Rance ist in der unmittelbaren Vergangenheit mehrmals vom Schicksal getroffen worden, wobei nicht erklärt wird, was genau den einzelnen Mitgliedern zugestoßen ist. Tochter Kat (Brianne Howey) verschanzt sich in ihrem Zimmer, während Vater Henry (Alan Ruck) in dafür zu jungem Alter demenzartige Symptome offenbart.
Zusammengehalten wird die Sippschaft von Mutter Angela (Geena Davis) und der zweiten Tochter, Casey (Hannah Kasulka). Dass neben dem besorgniserregenden Verhalten der einen Familienhälfte weitere unerklärliche Dinge im Haus vorgehen, davon ist Angela überraschend schnell überzeugt. Sie wartet gar nicht erst ab, ob sie noch eine greifbare Bestätigung für ihren Verdacht bekommt, sondern wendet sich damit sogleich an Tomas: „It's a demon.“ Dies wäre ein Kritikpunkt meinerseits an der Serie - Angelas Erkenntnisprozess geht zu zügig vonstatten.

Andererseits wissen wir noch überhaupt nicht, wie die wahren Verhältnisse innerhalb der Familie sind. Die Serie spielt sehr gut damit, uns darüber im Unklaren zu lassen. Es könnte also durchaus sein, dass es hier zur Mitte oder zum Ende der Staffel zu einer unvorhergesehenen Wendung kommt. Zunächst aber lässt sich Tomas davon überzeugen, Angelas Hilfsgesuch Folge zu leisten. Er glaubt, darin die Stimme Gottes zu erkennen, die ihm nun endlich eine Aufgabe zuteilt, nachdem er bereits daran gezweifelt hatte, diese jemals zu vernehmen: „Maybe I don't belong here.“
Purpose
Eine weitere wirkungsvolle Eingebung bekommt Tomas in seinen Träumen. Darin stattet er dem in Mexico City exorzierenden Pater Marcus Keane (Ben Daniels) mehrere Besuche ab, wobei er Zeuge einer gescheiterten Teufelsaustreibung wird. Nach einem Hinweis des kurzzeitig luzide erscheinenden Henry findet er Keane schließlich in der Heilanstalt St. Aquinas, wobei der sofort weiß, warum Ortega zu ihm gekommen ist. Trotzdem verweigert er zunächst seine Hilsbereitschaft. Als er nach kurzer Reflexion jedoch beschließt, dass dies das ersehnte Zeichen Gottes war, legt er seine Priesterrobe wieder an, wozu das altbekannte, deswegen aber nicht weniger wirkungsvolle „Exorzist“-Thema erklingt.
Die erste Prüfung muss Ortega allerdings noch ohne seinen zukünftigen Mitstreiter bestehen. Im Dachboden des Rance-Hauses wird er Zeuge davon, dass dort tatsächlich übernatürliche Dinge geschehen. Entgegen der Erwartung ist es jedoch nicht die verschlossene Kat, die ihr dämonenbesessenes Unwesen treibt, sondern ihre anderweitig stets gutgelaunte Schwester. Beim Angriff auf Tomas ist von ihrer Munterkeit aber nichts mehr übrig - ihre besorgniserregenden Verrenkungen lassen eher darauf schließen, dass sie unbedingt einen Chiropraktiker konsultieren sollte.
All die hier skizzierten Handlungsbögen könnten wie ein lächerlicher Abklatsch wirken, wären sie nicht mit solch ruhiger Expertise umgesetzt. Die Geschichte schreitet zügig voran, ohne jemals gehetzt zu wirken. Mit Ausnahme von Angelas rapidem Erkenntnisgewinn handeln die Figuren innerhalb dieser Welt und angesichts des Erlebten glaubwürdig. Bis auf den jump scare am Ende auf dem Dachboden gibt es zwar keine echten Gruselmomente, dafür punktet The Exorcist mit der Erschaffung einer bedrohlichen Atmsophäre, die vor allem der visuellen Umsetzung von Rupert Wyatt zu verdanken ist. Er verzichtet auf prätentiöse Spielereien mit der Kamera, lässt sie stattdessen auf den Gesichtern der überzeugenden Schauspielerriege verharren. Einstellungen, Farbgebung und Setdesin korrespondieren damit hervorragend. Die Pilotepisode hinterlässt einen positiven Eindruck.
Trailer zu Episode 1x02: 'Chapter Two: Lupus in Fabula'