The Essex Serpent: The Blackwater - Review der Pilotepisode

© laire Danes und Tom Hiddleston in der Serie The Essex Serpent (c) Apple TV+
Apple TV+ scheint eine Zauberformel gefunden zu haben, um eine gute Serie nach der nächsten abzufeuern. Dieselbe Formel wurde wohl auch bei The Essex Serpent angelegt: Erst sicherte man sich die Adaptions-Rechte an Sarah Perrys Bestsellerroman „Die Schlange von Essex“, dann holte man mit Anna Symon („Mrs Wilson“) eine profilierte Autorin an Bord, dazu die Regisseurin Clio Barnard („Dark River“) - und obendrauf die zwei Spitzenschauspieler Tom Hiddleston (Loki) und Claire Danes (Homeland) für die Hauptrollen (obwohl für Danes' Part zuerst Keira Knightley gesetzt war).
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Produziert wurde vom Studio See-Saw Films, bei welchem zuvor auch Werke wie Top of the Lake oder „The Power of the Dog“ entstanden. Sechs Episoden kamen in der Auftaktstaffel für das stimmungsvolle Historiendrama zusammen, von denen die zwei ersten am heutigen Freitag, den 13. Mai erschienen (der Rest folgt dann im Wochentakt). Ist die Apple-Formel mal wieder aufgegangen - oder fehlt der Serie doch das besondere Etwas, obwohl theoretisch alle Zutaten stimmen?
Worum geht's?
Die Geschichte beginnt in den 1890er Jahren im Viktorianischen London, wo Cora Seaborne (Danes) plötzlich zur Witwe wird, weil sich ihr schwerkranker wie sturköpfiger Mann weigert operiert zu werden, was sein junger Arzt Luke Garrett (Frank Dillane, Fear the Walking Dead) durchaus bedauert. Cora, die nun standesgemäß Trauer trägt, bedauert ihr neuerliches Witwendasein dafür weniger, was sogar ihrem kleinen Sohn auffällt. Denn sie kann sich nun befreiter ihrer großen Leidenschaft widmen: den Naturwissenschaften (außerdem wird sie endlich nicht mehr verprügelt).
Ihr Interesse gilt bald der Kleinstadt Aldwinter, wo ein mystischer Wasserdrache sein Unwesen treiben soll. Cora glaubt, das Fabeltier mit Darwin'schen Theorien erklären zu können. Sie hält den Lindwurm von Essex für einen vergessenen Dinosaurier, an dem nichts Übernatürliches sei. Vor Ort finden die Menschen ihre Ideen nicht so toll, zumal sie bald mit dem örtlichen Pfarrer William Ransome (Hiddleston) aneckt. Er glaubt nicht an die tödliche Riesenschlange, kann aber nicht verdrängen, dass etwas Gottloses in seiner Gemeinde passiert. Da kann er noch so charmant lächeln.
Die Gespräche von Cora und William bilden bald das Herzstück der Serie. Die zwei Hauptfiguren bringen diametrale Weltanschauungen mit, und haben trotzdem eine spezielle Verbindung zueinander. Das passt perfekt in diese damalige Zeit, als die Naturwissenschaften noch jung waren, und die Trennung zur Mystik noch nicht klar vollzogen. Viele Forscher:innen waren selbst sehr abergläubisch, sodass sich seltsame Verflechtungen ergaben. Eine schöne Parallele zwischen technischen Wundern und übernatürlichen Phänomenen bildet hier die Londoner U-Bahn, die gerade in Betrieb genommen wurde. Sie schlängelt ebenfalls unter der Oberfläche herum und „frisst“ die Menschen...

Ebenfalls im Ensemble: Hayley Squires (Adult Material) als Martha, Coras Dienerin und beste Freundin, die in dieser vermeintlich langweiligen Nebenrolle erstaunlich selbstständig sein darf. Sie ist eine intelligente Sozialistin, die genau wie ihre Herrin die Geschlechtsbilder ihrer Zeit herausfordert. Clemence Poesy (The Tunnel) spielt derweil Williams Gattin Stella, die sich ebenfalls sehr gut mit Cora versteht - was sich aber bald schon ändern könnte, wenn die Funken zwischen Cora und William zu groß werden sollten. Und auch der junge Arzt hat einen nicht ganz unwichtigen Part in der Geschichte.
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In den weiteren Folgen wird es wohl darum gehen, ob das Monster von Essex wirklich existiert. Welche alternativen Erklärungen könnte es geben? Stimmt vielleicht Coras Dinotheorie? Und was ist mit dem Cold Open, in dem wir sehen, wie ein junges Mädchen in christlicher Mission sich der Seeschlange zum Fraß vorwirft? Ist auch das nur eine Wahnvorstellung, der wir ausgesetzt werden? Oder spielt die Frage, ob die Riesenschlange echt ist, gar nicht die entscheidende Rolle?
Wie ist es?
Alles in allem weiß The Essex Serpent vor allem äußerlich zu glänzen. Schon die erste Szene mit einer ruhigen Kamerafahrt über die gespenstischen Gewässer sagt: Hier kommt Atmosphäre auf. Direkt danach folgen die schicken Opening Credits, die bei den hochwertigen Eigenproduktionen von Apple TV+ auch stets stimmen. Schaut man jedoch unter die Oberfläche, beginnt die vermeintliche Erfolgsformel der Plattform - zumindest am Beispiel dieses neuen Sechsteilers - ein bisschen zu bröckeln. Auch wenn viele Einzelteile Eindruck schinden, fehlt die überwältigende Besonderheit, die wirklich faszinieren kann. Außerdem kriecht die Erzählung nur sehr langsam voran.
Ein weiteres Problem: Der zentrale Mythos der Seeschlange wird - mit Ausnahme der starken Auftaktszene - ziemlich vernachlässigt. Man gibt uns wenig Legendenbildung mit, sodass mir persönlich die Frage, was hinter dem Rätsel steckt, nach drei Episoden relativ egal wurde. Auch die Serie macht keinen Hehl daraus, dass der eigentliche Kern des Ganzen die Beziehung der Hauptfiguren von Claire Danes und Tom Hiddleston sein soll; wobei ich leider sagen muss, dass Letzterer eine schlangenglatte Darbietung hinlegt, an der viele Charaktermomente einfach abperlen. Danes hingegen bringt teilweise ihre geniale Manie von Homeland mit, die perfekt zum Verschwörungsplot passt.
Insgesamt darf man sich durchaus fragen, ob die Adaption als Film nicht besser funktioniert hätte. Buchhandlungen sind nicht wie Schlangen, also können sie nicht elastisch auf beliebig viele Folgen ausgedehnt werden. Aber wahrscheinlich kann Apple ein sechsteiliges „Prestige-Drama“ im Katalog besser gebrauchen als einen Zweistundenstreifen. Zumal die gefühlte Starpower von Danes und Hiddleston vielleicht verpufft wäre, wenn die Serie bloß ein Film gewesen wäre.
Hier abschließend noch der Trailer zur Apple-Serie „The Essex Serpent“: