The Eddy: Review der Pilotepisode

© mandla Stenberg und Andre Holland in The Eddy (c) Netflix
The Eddy steht seit Jahren weit oben auf der Liste der von uns am ärgsten antizipierten Netflix-Serien. Bestellt wurde der Achtteiler im Herbst 2017, wenige Monate, nachdem Damien Chazelle für seinen Musical-Streifen „La La Land“ als jüngster Regisseur aller Zeiten den Oscar gewann. Das Wunderkind war damals 32 Jahre alt und hatte zuvor auch das Drummer-Drama „Whiplash“ und die Indieperle „Guy and Madeline on a Park Bench“ gedreht. Er sollte die ersten zwei Episoden inszenieren, während Jack Thorne (The Last Panthers) das Drehbuch schreiben sollte. Ist die Combo geglückt?
Ab heute kann sich jeder Zuschauer seine eigene Meinung bilden. Wichtig ist vor allem die Erwartungshaltung, mit der man an die musikalische Miniserie herangeht. Denn Chazelle etabliert in der einstündigen Pilotepisode einen Stil, der für viele seiner Fans gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Bunt und humorvoll, wie damals in „La La Land“, oder manisch und brachial, wie in „Whiplash“, geht es in The Eddy nämlich nicht zu, eher alltäglich und lakonisch. Die Kamera bewegt sich so, dass wir den Eindruck erhalten sollen, einer Dokumentation beizuwohnen. Ähnlich wie in der grandiosen David-Simon-Serie Treme, die sich um die Straßenmusiker von New Orleans drehte. Doch leider sind die Charaktere hier nicht ganz so spannend...
Worum geht's?
Im Zentrum der Geschichte steht der amerikanische Jazzmusiker Elliot Udo, gespielt von Andre Holland (The Knick). Als Ausländer lebt er seit geraumer Zeit in Paris, wo er gemeinsam mit seinem französischen Geschäftspartner Farid (Tahar Rahim) die titelgebende Musikkneipe betreibt. Leider läuft der Laden ziemlich schleppend für die beiden. Und Plattenproduzenten, die sie groß rausbringen könnten, verirren sich auch nur selten in die Bar. Um sich finanziell über Wasser zu halten, musste man außerdem einen gefährlichen Deal mit serbischen Gangstern eingehen. Die ständige Aussicht, von diesen umgebracht zu werden, macht die Existenzängste der strauchelnden Künstler natürlich umso ungemütlicher.
Einen kleinen Lichtblick für Elliot, mit dem man sonst sicher nicht tauschen wollen würde, stellt der Besuch seiner Tochter Julie dar. Sie wird von Youngster Amandla Stenberg gespielt, die die meisten vermutlich als Rue aus „Die Tribute von Panem“ kennen dürften, wobei sie nun erwachsen ist. Wenn The Eddy auch nur eine gute Sache bewirken kann, dann hoffentlich, dass der Schauspielerin eine noch größere Karriere eröffnet wird. Sie ist nämlich der heimliche Star der Serie. Ebenfalls an Bord sind übrigens Joanna Kulig (Hanna), Leïla Bekhti (Midnight Sun) und Melissa George (Grey's Anatomy).

Der internationale Cast spricht Englisch, Französisch und Arabisch, was zum dokumentarischen Charakter von The Eddy passt. Auf dem amerikanischen Markt, wo das Lesen von Untertiteln als Tabu gilt, dürfte sich die Serie also schwer tun. Doch man hat ohnehin das Gefühl, dass Chazelle und Konsorten nicht am breiten Publikum interessiert sind. Dumm nur, wenn Netflix das Werk dann damit bewirbt, dass es vom Macher von „La La Land“ stammt. Auch musikalisch versucht sich die Serie weitestgehend vom Pop abzugrenzen, indem bei den Jazzstücken, die von Glen Ballard und Randy Kerber komponiert wurden, hauptsächlich die traurigen Blue Notes angespielt werden. Wirklich hängen bleibt davon aber nichts.
Eine Musikserie, die weder musikalisch noch inszenatorisch wirklich begeistern kann, sollte wenigstens die Geschichte interessant halten. Doch leider schwächelt The Eddy auch in diesem Belang. Dass sich der Chefautor Thorne, wie schon damals bei The Last Panthers, wieder fiktiven Verbrecherbanden vom Balkan widmet, lenkt zu sehr vom eigentlichen Thema ab. Das Paris, das er dadurch zeichnet, ist dasselbe wie im Trashfilm „Taken“ alias „96 Hours“ mit Liam Neeson. Genau das Richtige, um Amerikanern das Gefühl zu geben, dass jedes andere Land in Kriminalität und Chaos versinkt. Obwohl man es sicherlich auch hätte kritisieren können, wenn die Stadt der Liebe überflüssig romantisiert worden wäre...
Fazit
Liebe auf den ersten Blick ist es im Fall der neuen Netflix-Produktion The Eddy eher nicht. Vielleicht lastet die Enttäuschung anfangs noch zu schwer, sodass man die achtteilige Miniserie erst im späteren Verlauf richtig wertschätzen kann. Wer von Damien Chazelle eine Art „La La Land“-Serie erwartet, wird nach Episode 1 besonders ernüchtert sein. Statt mit einem romantischen Musikfest haben wir es hier mit einem düsteren Dokumentationsdrama zu tun, das die Schattenseiten des Künstlerdaseins betrachtet. Dieses Ausmaß an Authentizität ist zwar einerseits bewundernswert und nobel, doch andererseits wirkt die Geschichte einfallslos und einige Aspekte sogar recht klischeebeladen. Hoffnung macht zumindest das Vater-Tochter-Gespann, gespielt von Andre Holland und Amandla Stenberg, das durchaus zum Mitfühlen anregen könnte.
Interessanterweise fallen die Kritiken in Übersee sehr positiv aus. Bei vielen Texten über The Eddy liest man aber auch eine starke Frankophilie der Autoren heraus, die in College-Zeiten vermutlich mit dem Rucksack durch Europa gereist sind, zwei Tage in Paris waren und seitdem Wörter wie Croissant ein bisschen zu korrekt aussprechen. Aus einer solchen Snobhaltung heraus, hat man wahrscheinlich auch mehr Freude am nischigen Jazzstil der Serie. Vielleicht passt es aber auch einigen einfach nicht ins Bild, dass ein Regiegenie wie Chazelle hin und wieder auch mal was Mittelmäßiges abliefern kann.
Hier abschließend der Trailer zur Netflix-Serie The Eddy: