The Dropout 1x01

© manda Seyfried in der Serie The Dropout (c) Hulu
Noch bis vor wenigen Jahren wurde die amerikanische Geschäftsfrau Elizabeth Holmes als „weiblicher Steve Jobs“ gefeiert. 2015, als sie gerade 30 war, betrug ihr Vermögen 4,5 Milliarden Dollar. Außerdem schien sie auf dem besten Wege, Medizingeschichte zu schreiben, mit einer Wundertechnologie, die Bluttests so leicht wie nie zuvor machen sollte. Ein einziger Tropfen Blut würde in Holmes' Vision genügen, den ihr Start-up Theranos rasch auf hunderte Krankheiten abklopfen könnte. Das klang zu schön, um wahr zu sein, doch unzählige Investor:innen bissen an. Der Medienmogul Rupert Murdoch soll mehr als 100 Millionen Dollar in Theranos investiert haben. Auch politische Größen wie Henry Kissinger machten sich für Holmes und ihr Unternehmen stark. Und dann flog der ganze Betrug auf, Theranos ging bankrott und Holmes landete vor Gericht...
Das Problem war, dass der revolutionäre Bluttest nie funktioniert hatte, und nach heutigem Kenntnisstand noch gar nicht möglich ist. Holmes soll das gewusst haben, worin nur eine von vielen Straftaten liegt, für die sie zu Beginn dieses Jahres inzwischen schuldig gesprochen wurde. Kommenden Herbst wird das Strafmaß entschieden, wobei sie gleich mehrere Lebenszeiten hinter Gittern erwarten. Die Frau, die einst als jüngste Self-Made-Milliardärin Amerikas bezeichnet wurde - dieser Titel gehört nun Kylie Jenner -, ist alles andere als ein Vorbild. Trotzdem widmet der Streamingservice Hulu ihr nun eine eigene Miniserie mit Amanda Seyfried („Mamma Mia“, „Mean Girls“) in der Hauptrolle.
Hinter dem Achtteiler The Dropout steht die New Girl-Schöpfer Elizabeth Meriwether, die eigentlich im Comedy-Fach zu Hause ist. Als Regisseur der Pilotepisode namens I'm in a Hurry hat sie Michael Showalter („Wet Hot American Summer“, „The Big Sick“) angeheuert, auf den das ebenfalls zutrifft. Ursprünglich war als Elizabeth Holmes interessanterweise übrigens „SNL“-Star Kate McKinnon vorgesehen, die den Part wohl ebenfalls ein bisschen lustiger ausgelegt hätte. Doch so hat man uns nun ein erstaunlich ernstes Charakterdrama über eine Außenseiterin mit großen Träumen serviert.
Worum geht's?
Wir lernen Elizabeth (Seyfried) kennen, als sie ins zweite Semester am College startet. Sie ist 19 Jahre alt und weiß schon sicher, wohin ihre Reise eines Tages gehen wird, nämlich zum ganz großen Geld. Während sie sich auf dem aufsteigenden Ast wähnt, fühlt sich ihr Vater Chris (Michel Gill, House of Cards) nach seiner Entlassung gerade als Verlierer. Wie der Zufall es will, arbeitete er für Enron, wo der Ruin fast noch spektakulärer ablief als später bei Theranos. Elizabeths Mutter Noel (Elizabeth Marvel, ebenfalls „House of Cards“) wirkt taffer und hegt ein brutal ehrliches Verhältnis mit ihrer Tochter.
Durch ein Austauschprogramm in China lernt Elizabeth eines Tages ihren pakistanischen Seelenverwandten Sunny kennen, der doppelt so alt ist wie sie, was die Sache unangenehm färbt. Gespielt wird er von Lost-Star Naveen Andrews, den man sehr gern wiedersieht. Elizabeth und ihr neuer Freund erleben eine traumhafte Zeit zusammen in Asien. Die Beziehung der beiden ist einer der interessantesten Aspekte im Auftakt von The Dropout, weil Showalter die Problematik des enormen Altersunterschied mit einer unbeschwerten Inszenierung untergräbt.

Trotzdem wirkt die Serie etwas ziellos mit der Einführung von Elizabeths späterem Geschäftspartner, zumal noch eine zusätzliche Storyline rund um sexuellen Missbrauch mitschwingt, die merkwürdig vage bleibt. Deutlich geradliniger sind die Aspekte, die sich um die beruflichen Bestrebungen der Hauptfigur drehen. So spielt sie an der Uni den Prototyp einer genialen Überfliegerin, die selbst ihren Professor:innen sagt, dass sie falsch liegen. Oft kommt sie damit durch, doch im Dialogduell mit Gaststar Laurie Metcalf (Roseanne) ist sie chancenlos - vielleicht die stärkste Szene der Episode.
Unterbrochen wird der gezeigte Werdegang von Elizabeth Holmes immer wieder durch Vorausblenden in die Zukunft. Hier sitzt die Protagonistin schon auf der Anklagebank und gibt ihre Aussage ab. Eine ständige Erinnerung daran, dass aus diesem gar nicht mal so gefährlich erscheinenden Mädchen bald eine abgebrühte Betrügerin im gigantischen Ausmaß werden wird, die vielen Menschen großen Schmerz zugefügt hat. So erwischt es einen bei The Dropout hin und wieder, dass man sich schämt, wenn man merkt, dass man Elizabeth ein bisschen zu sehr die Daumen drückt, was sicherlich auch größtenteils an der grundsympathischen Ausstrahlung der Darstellerin Seyfried liegt.
Wie ist es?
Vielleicht beweist die Serienmacherin Meriwether ihren Sinn für Humor damit, dass sie uns in ebendiese Falle lockt. Natürlich ist man geneigt, sich innerlich zu freuen, wenn die junge Elizabeth Holmes als einzige Frau in einem Labor voller überheblicher Männer als Klügste rüberkommt. Doch diese feministische Befriedigung endet abrupt, wenn man sich an den Rest der Geschichte erinnert. Das hat schon ein besondere Wirkung, wobei noch unklar ist, ob das über acht ganze Folgen tragen kann. Besonders, wenn die Hauptfigur bald noch verwerflichere Dinge tun wird...
Bei der Bewertung von The Dropout drängt sich geradezu der Vergleich zur Showtime-Serie Super Pumped mit Joseph Gordon-Levitt auf, die in derselben Woche startete und einen ähnlichen Ansatz verfolgt. Hier geht es um den CEO der Taxi-App Uber, der aber gleich von Begin an als Ekel dargestellt wird, was die Geschichte deutlich eindimensionaler macht. Zumal auch die Geschichte von Theranos sehr viel mehr herzugeben scheint, obwohl sie in Deutschland wohl eher unbekannt ist.
Ein weiterer Vorteil von The Dropout liegt im Stil der Serie. Die Inszenierung wirkt nämlich sehr viel kurzweiliger, weil Amanda Seyfried als Elizabeth Holmes stets in Bewegung bleibt, denn sie ist ja noch ganz am Anfang ihrer Reise. Das ermöglicht ihr auch, verschiedene Facetten zu zeigen, weil sie sich noch selbst finden muss. So schwankt die Figur zwischen Selbstsicherheit und Selbstunsicherheit - mal will sie anderen gefallen, mal interessiert es sie nicht. Sie bleibt ein Stück weit unberechenbar, was spannender ist, als wenn sie schon eine ausgeformte Schurkin wäre. Außerdem sticht die Musikauswahl sehr positiv hervor, die schön die frühen 2000er untermalt. Alles in allem kein schlechter Start.
Hierzulande erscheint The Dropout leider erst am 20. April im sogenannten Star-Bereich der Streamingplattform Disney+.
Hier abschließend noch der Trailer zur Hulu-Miniserie The Dropout:
Verfasser: Bjarne Bock am Samstag, 5. März 2022The Dropout 1x01 Trailer
(The Dropout 1x01)
Schauspieler in der Episode The Dropout 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?