The Drag and Us: Review der Pilotepisode

© zenenfoto aus der Serie The Drag and Us (c) ZDF und Walter Wehner
Mit der ZDFneo-Sitcom will man sich bei den Öffentlich-Rechtlichen fortschrittlich und weltoffen zeigen. Das kann schnell eine heikle Mischung werden und am Ende stellt sich auch bei gut gemeinten Produktionen die Frage: Finden die richtigen Leute die Serie gut oder geht das Zweite Deutsche Fernsehen mit diesem Versuch baden?
Wovon handelt die Serie The Drag and Us?
Franziska (Paula Paul) hat viel um die Ohren. Mit ihrer eigenen Schlosserei läuft es gerade nicht unbedingt rosig und ihre beiden Teenagersöhne sind auch nicht immer ein Quell der Freude für die alleinerziehende Mutter. So hat der 15-jährige Nikki (Frederic Balonier) wieder mal ein Versprechen nicht eingehalten. Bald steht die Klassenfahrt an, doch der Deal war, dass Mutter und Sohn sich die Kosten dafür teilen. Franziska hat ihm 300 Euro gegeben, doch einen Tag vor der geplanten Abreise stellt sich heraus, dass Nikki keinen Finger krumm gemacht hat, um seinen Teil dazuzuverdienen. Franziska lässt sich jedoch nicht erweichen und kündigt an, dass Nikki dann eben nicht fahren könne.
Der versucht daher, bei seinem jüngeren Bruder Freddy (Marwin Haas) das Geld zu leihen. Der Zwölfjährige ist mit seinem eigenen YouTube-Channel beschäftigt, wo er Streiche und lockere Sprüche zum Besten gibt. Er würde dem Bruder das Geld geben, im Gegenzug für dessen Zimmer, lebenslang. Das bringt Nikki auf eine Idee: Wieso nicht das eigene Zimmer untervermieten für die Zeit der Klassenreise? Flugs bietet er den Raum für eine Woche auf einer Wohnbörse an, auf der auch sofort jemand zugreift. Doch das alles interessiert den Teenager nach Abgabe der Schlüssel nicht mehr, denn er hat nur noch Augen für seine Freundin Sandra (Lily-Chi Lück). Die beiden haben sich nämlich heimlich von der Klassenfahrt abgemeldet, um eine Woche Wellnessurlaub zu zweit machen zu können...
Es geht nicht einmal einen Tag gut, bis Sandras Vater hinter das Spiel kommt und bei Franziska auf der Matte steht. Nebst unterwürfiger Ehefrau sitzt Herr Rödel (Robert Lohr) dann am Tisch und beschuldigt Nikki quasi der Entführung einer Minderjährigen. Während Franziska und Freddy dem Ehepaar Rödel vormachen wollen, dass Nikki in Wahrheit hochgradig depressiv ist und niemals etwas mit einem Mädchen anfangen könnte, platzt die Dragqueen Catherine (Ralph Kinkel) samt eifersüchtigem Exliebhaber ins Wohnzimmer. Sie hat das Zimmer gemietet und will nun also einziehen. Doch dafür muss sie erst mal ihren Ex loswerden, der sie nicht gehen lassen möchte. Als die Rödels und der Ex dann endlich abgezogen sind, bugsiert Franziska auch ihre überraschende Untermieterin wieder in den Aufzug nach unten. Nachdem die sich jedoch am Fuß verletzt, lässt die alleinerziehende Mutter sich erweichen, Catherine bis nach ihrer Tanzpremiere am selben Abend in der Wohnung Unterschlupf zu gewähren. Abends wiederholt sich das Spiel. Mit gekonnten Worten und einigen Tricks schafft Catherine es, Franziska zu erweichen und darf nun endlich das gebuchte Zimmer beziehen. Sehr zur Freude von Freddy, der begeistert ist, dass endlich mal was los ist.
Wie kommt es rüber?
Die Sitcom wird in Doppelfolgen im Dienstagnachtprogramm ausgestrahlt... Das verheißt nichts Gutes. Doch wichtiger ist auch den Öffentlich-Rechtlichen mittlerweile bei vielen Produktionen die Klickrate in der hauseigenen Mediathek. Das Erste, was die Pilotepisode jedoch nach sich zieht, ist ein fahler Geschmack. Denn fortschrittlich ist hier erst mal nichts. Vom Bühnenbild über die Kostüme, den Dialogen bis zu den Gags wirkt alles, als hätte man beim ZDF die Planung in den 90ern gemacht.
Die Krönung wird dem Ganzen jedoch durch die Darstellung der Dragqueen aufgesetzt. Untermieter Christian und sein Dragqueen-Alter-Ego Catherine fischen aus dem Klischeebecken von ganz unten. Catherine trällert unaufhörlich Gloria Gaynor, will sich ihre Finger nicht schmutzig machen und glaubt, alle Menschen seien ihre Diener. Sie ist schrill, egozentrisch und laut. Auch die anderen Figuren bekleckern sich nicht gerade mit Ruhm, was die Charakterzeichnung betrifft. Zwischen versteckt und offen homophober Ablehnung wird außerdem irgendwie nicht deutlich, wieso Catherine denn nun ausgerechnet an diesem Zimmer so hängt.
Nun kann man es also als eine in vielerlei Hinsicht enttäuschende Sitcom abtun. Doch in diesem Fall gibt es eine weitere Ebene, die vielleicht nichts verändert, die man aber zumindest kennen könnte. Die Produzentin Gabriele M. Walther nennt als kreativen Auslöser eine Begegnung mit der Dragqueen Catherrine Leclery. „Damals habe ich mit Tom Gerhardt zusammengearbeitet, der im 5. Stock ohne Fahrstuhl wohnte. Eines Tages stand Catherrine als umwerfend gutaussehende Frau im Eingang und rief durch das ganze Treppenhaus zu Tom nach oben. Er kam sofort runter, um ihren riesigen Koffer hochzutragen. Ich habe meine schwere Tasche wieder allein hochgetragen und dachte mir: ,Irgendwas mache ich falsch.' Diese Begegnung hat mich nachhaltig beschäftigt und war der Auslöser für die Sitcom ,The Drag and Us'“, so die Serienmacherin. Komiker Tom Gerhardt ist übrigens als Produzent mit an Bord der Serie.
Die Serie ist tief in Köln verwurzelt. Die Stadt am Rhein gilt schon lange als besonders weltoffen und hat eine lebendige und große queere Community. Die vermischt sich an vielen Stellen mit einer typisch Kölschen Mentalität zu kulturellen Darbietungen, unter anderem auf der Bühne des Kölschen Lustspielhauses Scala. Das einst von dem inzwischen verstorbenen Regisseur Walter Bockmayer gegründete Theater bringt bunte, schrille und laute Stücke auf die Bühne, die an der Schnittstelle von Variete und Kölschem Volkstheater angesiedelt sind. Bockmayer gilt als Entdecker und Förderer vieler Stars aus dem LGBTIQ-Umfeld, darunter Dirk Bach, Hella von Sinnen und Ralph Morgenstern.
Wer die Stücke aus dem Scala kennt, dem kommt zumindest die Art der neuen ZDF-Produktion bekannt vor. Die schöpft nämlich offenbar mindestens so sehr aus diesem Kölschen Kulturgut wie aus der amerikanischen Sitcomform. Selbst die eingespielten Lacher erinnern mehr an eine Scala-Aufführung als an die Tonbänder der US-Produktionen. Die Lautstärke, das Schrille, aber auch die Klischees und die Oberflächlichkeit der Story erinnern immer wieder ans Volkstheater. Leider beschränken die Macher:innen der ZDF-Produktion sich auf einige, zugegeben, sehr auffällige Aspekte der Kölschen Stücke. Vergessen haben sie jedoch, was diese so besonders und sehenswert macht. Hinter den Klischees und dem Volkstheatercharakter ist es immer wieder eine bezaubernde Art von derbem Humor, der stilvoll unter die Gürtellinie zielt, und ebenso eine Art Lebensfreude und Farbenvielfalt, die sofort gute Laune machen. Was die Kölner Darbietungen können, ist, das Medium der Volkskunst mit seinen Klischees zu nutzen, um eine offene Geschichte zu erzählen. Und dabei bleiben sie nicht stehen und entwickeln sich weiter. Wie wir alle, die dazu lernen, was geht und was nicht mehr geht (und natürlich noch nie ging, aber nun auch nicht mehr akzeptiert wird).
Am Ende der Pilotepisode der Serie The Drag and Us muss man sich daher fragen: Darf man das im Jahr 2021 noch und wenn ja, will das eigentlich noch jemand sehen? Viele Produktionen der jüngeren Vergangenheit haben gezeigt, dass man angestaubte Genres frisch erzählen kann. Das gelingt mittlerweile besonders im Sitcom-Bereich so gut und oft mit fließenden Übergängen, dass es sich altbacken und fast verwirrend anfühlt, wenn eine Sitcom daherkommt, die sich selbst zu ernst nimmt. Auf das Augenzwinkern wartet man in den ersten Episoden des Projekts vergebens. Die homophoben Gags bleiben im Raum stehen, werden nicht entlarvt oder ad absurdum geführt.
Altherrenwitze und Sprüche wie „Der... die... DAS hat eine Woche lang in meinem Bett geschlafen!“ wirken dann wie ernst gemeinte Scherze. Natürlich ist diese homophobe Einstellung, vertreten am deutlichsten durch den 15-Jährigen Sohn, nur da, um schließlich zurückgelassen zu werden. Doch diese Entwicklung fußt in den ersten Episoden nicht auf Einsicht, Toleranz oder Vernunft. Wenn die anderen Figuren einen Schritt auf Catherine zugehen, dann in aller Regel nur, weil sie müssen, aus Mitleid, weil ihre Existenz davon abhängt, aus Dankbarkeit über Catherines Hilfe oder weil sie sich einen Vorteil davon versprechen.
An wen wendet sich die Serie denn nun also? Um als allgemeiner Sitcom-Liebhaber Gefallen daran zu finden, muss man schon ein sehr konservatives Genreverständnis haben. Für die Zuschauer, die sich gerne im Scala einfinden, ist die Serie zu freudlos, lässt damit genau das liegen, was die Bockmayer-Produktionen wunderbar machte. Immer wieder hat man gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen das Gefühl, dass der Zeigefinger durchscheint. Denn die Sitcom funktioniert am besten, wenn man sich vorstellen kann, sie wäre für Menschen gemacht, die Dragqueens gegenüber misstrauisch bis ablehnend gegenüberstehen. So, wie es Franziska und ihre Familie halt mehr oder weniger zu sein scheinen. Dann darf man im Laufe der Zeit erfahren, wie viel Buntes sie in ihr Leben bringen kann und was für ein guter Mensch in Catherine steckt. Doch: Gibt es diese als Zielgruppe und wird sie eine Serie mit dem Titel „The Drag and Us“ einschalten?
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