Diplomatische Beziehungen: Kritik zur politischen Netflix-Serie

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Die Streaming-Plattform Netflix war in den letzten Jahren tatsächlich eine der zuverlässigsten Adressen, was unterhaltsame Politdramen angeht. Es gab zum Beispiel US-Serien wie The Night Agent, Designated Survivor und natürlich House of Cards. Auch das Borgen-Revival „Power & Glory“ aus Dänemark oder „Queenmaker“ aus Korea kann man gut wegbingen.
Ein Stück weit zählt vielleicht sogar die britische Königinnenbiografie The Crown dazu. Und in London spielt nun auch die jüngste Ergänzung zum Genre: The Diplomat mit Golden-Globe-Gewinnerin Keri Russell (The Americans, Felicity) und Rufus Sewell (Kaleidoscope, The Man in the High Castle).
Die achtteilige Auftaktstaffel des neuen Netflix-Originals, das hierzulande unter dem Titel „Diplomatische Beziehungen“ läuft, ging am heutigen Donnerstag, den 20. April online. Hinter dem Format steht die TV-Autorin und Produzentin Debora Cahn, welche zuvor schon durch verwandte Werke wie The West Wing oder Homeland politische Erfahrungen sammeln konnte. Die Regie beim Pilot, der The Cinderella Thing heißt, hat Simon Cellan Jones (Years and Years) geführt.
Ebenfalls im Ensemble: Ali Ahn (Raising Dion), David Gyasi (Carnival Row), Ato Essandoh (Let The Right One In), Rory Kinnear (Our Flag Means Death), Miguel Sandoval (Station 19), Nana Mensah (The Chair), Pearl Mackie (Doctor Who), Celia Imrie (Better Things) und Michael McKean (Better Call Saul).
Worum geht's?
Im Zentrum der Geschichte steht die US-amerikanische Berufsdiplomatin Kate Wyler (Russell), die nach Großbritannien geschickt wird, um in einer angespannten Lage die Wogen zu glätten. Ein britisches Kriegsschiff wurde versenkt, wobei ein Großteil der Besatzung starb. Inoffiziell wird längst der Iran verantwortlich gemacht, doch die Vereinigten Staaten wollen ihre NATO-Partner beruhigen, um eine gewalttätige Eskalation des Konfliktes abzuwenden.
Kate kriegt den Posten, um in London die Tränen wegzuwischen. Man hält sie für sensibel, was sie im Vergleich zu ihrem Mann Hal (Sewell) wohl tatsächlich ist. Er dient zwar auch als Diplomat, verfolgt aber einen etwas konfrontativeren Ansatz. Ironisch stellt er sich in London gleich als „Gattin“ vom neuen Botschafter vor - und untergräbt auch ihre Autorität mit seiner respektlosen Haltung. Dabei fällt es ihm sehr viel leichter, sich mit dem pompösen Leben der US-Vertretung im Vereinigten Königreich anzufreunden. Die Wylers residieren nun in einem der größten Paläste der Stadt.

In der etwas überladenen Auftaktepisode wird uns vor allem vermittelt, wie unterschiedlich das Ehepaar tickt. Kate ist bescheiden und vorsichtig, Hal ist anmaßend und draufgängerisch. Sie will zu Beginn ihres neuen Jobs erstmal lernen und zuhören, doch er rät ihr, sofort Initiative zu zeigen. Und er mischt sich auch mit heimlichen Manövern in ihre Angelegenheiten ein. Man ist wenig überrascht zu hören, dass die Zwei kurz vor der Trennung stehen. Trotzdem ist die neue Produktion The Diplomat nicht nur schwarz-weiß gezeichnet, denn die Beziehung hat noch andere Facetten. Zum Beispiel verbindet die Wylers der Humor und eine lange Geschichte miteinander. Sie könnten so zu neuen Underwoods werden...
In politischer Hinsicht verspricht die Netflix-Serie, ebenfalls eher subtil zu sein. Zwar hat man sich mit einer internationalen Krise, die zum Weltkrieg führen könnte, ein etwas überdimensioniertes Problem ausgesucht, doch behandelt wird es auf unterer Ebene. Wir sehen nicht, wie der US-Präsident und der Premierminister zusammensitzen und Tacheles sprechen, sondern wir sehen zunächst alle ihre Gesandten, die vor den offiziellen Gesprächen die wichtigsten Dinge schon verhandeln. Es wird taktiert und auch getrickst, was auf der offenen Bühne so gar nicht möglich wäre.
Schnell erfahren wir auch, dass hinter Kates Berufung zur britischen Botschafterin noch ein Geheimplan stehen könnte. Billie Appiah (Mensah), die Stabschefin im Weißen Haus, weiht Kates Stellvertreter Stuart Heyward (Essandoh) ein, dass die US-Vizepräsidentin wegen eines Skandals zurücktreten wird. POTUS Rayburn (McKean) will Kate als mögliche Nachfolgerin testen lassen. Das erklärt dann auch die vielen Imageübungen und Fototermine, die sie als Diplomatin absolvieren soll. Gegen so ein Theater wehrt sich die Titelheldin aber vehement.
Wie ist es?
Alles in allem ein ziemlich solider Auftakt zur neuen Netflix-Serie „The Diplomat“ alias „Diplomatische Beziehungen“. Das Politdrama der erfahrenen Autorin Debora Cahn wird geduldig aufgebaut und nimmt sich selbst schon ein wenig ernster als etwa ein „Designated Survivor“. Für viele Zuschauer:innen könnte dies ein würdiger „House of Cards“-Nachfolger werden, zumal sich das zentrale Power Couple Keri Russell und Rufus Sewell hinter niemandem verstecken muss. Sie besitzen enorm viel Ausstrahlung, was beim Reinkommen in die sonst eher komplizierte Handlung sicher hilft.
Was uns inhaltlich im Lauf der ersten Staffel alles erwartet, kann man nach nur einer Episode kaum beurteilen. Auf alle Fälle wurden schon jetzt viele interessante Fragen und mögliche Verschwörungen aufgemacht, die sich lohnen könnten. Auch ohne Immunität gibt es von uns vier von fünf Diplomatenkennzeichen für das Format!
Hier abschließend noch der Trailer zur hier rezensierten, neuen Netflix-Serie „The Diplomat“: