The Days 1x01

The Days 1x01

In der japanischen Miniserie „The Days“ befassen sich die Macher in Katastrophenfilmmanier mit den Ereignissen des Reaktorunglücks von Fukushima im Jahr 2011. Die ersten Folgen sind dabei hochwertig und spannend inszeniert, weisen aber bisweilen auch einen Hang zur Übertreibung auf. Mehr dazu in unserem Review zu den ersten beiden Episoden.

Szenenbild aus der Serie „The Days“
Szenenbild aus der Serie „The Days“
© Netflix

Das passiert

Wir schreiben den 11. März 2011. Alles geht im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi seinen gewohnten Gang, bis ein Seebeben die Küste vor den japanischen Inseln erschüttert. Dem Naturphänomen folgt ein weiteres, wesentlich verheerenderes: Ein Tsunami erschüttert das Land und ergießt unendliche Wassermassen über die Reaktoren und Notstromaggregate der Anlage. Was nun folgt, ist eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes, dem die Verantwortlichen nur schwer Herr werden können. Vor dem Untersuchungsausschuss erinnert sich der diensthabende Stationsleiter einige Zeit später an die schlimmsten Tage der jüngsten japanischen Geschichte.

Geschichtliches

Man mag es kaum glauben, doch seit 1945 gab es laut internationaler Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) nicht weniger als 34 Störfälle und andere Vorkommnisse. Die beiden stärksten mit einer Bewertung von INES-7 ereigneten sich am 26. April 1986 in Tschernobyl in der heutigen Ukraine nahe der Stadt Prypjat und am 11. März 2011 im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi circa 223 Kilometer von Tokio entfernt. Dem heute als Tohoku-Seebeben bekannten Event der Stärke 9 folgte eine dreiviertel Stunde später ein Tsunami, der mit über 15 Metern Wellenhöhe auf das Kraftwerk traf und die für nur 5,7 Meter ausgelegten Sicherheitswälle mit voller Wucht traf.

Die Wassermassen fluteten ungehindert in die Gebäude und führten unter anderem zu einem Ausfall der Notstromanlagen und der Kühlwassersysteme. Der folgende Station Blackout in den Blöcken 1 bis 4 zog eine Katastrophe nach sich, bei der große Mengen radioaktive Stoffe in die Luft und ins Meer gelangten. Insgesamt verloren bei der Unglückskette mehr als 20000 Menschen ihr Leben, 470000 Personen mussten evakuiert werden und über vier Millionen Haushalte hatten keinen Strom.

Die Einführung

Diesem ebenso bedrückenden wie tragische Thema nimmt sich Produzent, Showrunner und Head-Writer Jun Masumoto in der neuen Netflix-Serie The Days an. Bezug nimmt er dabei auf das Sachbuch „On the Brink: The Inside Story of Fukushima Daiichi“ von Akira Tokuhiro, wobei sich die Pilotfolgen nicht im Geringsten an den dokumentarischen Stil der Literatur-Vorlage halten. Stilistisch gesehen schwankt die Show irgendwo zwischen Katastrophenfilm, Drama und Horroreinlagen hin und her. Die erste Minute wartet mit starken Bildern auf, die eine gewisse Ähnlichkeit zu Computerspielen wie der „S.T.A.L.K.E.R.“-Reihe nicht ganz verleugnen können. Nachdem uns ein aus dem Off sprechender Unbekannter, den wir nur von hinten sehen, in die Situation eingeführt hat, folgt ein Schnitt und wir erleben die pure Zerstörung.

Zerschmetterte Metalltüren in einem Industriekomplex (später erfahren wir, dass es sich um das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi handelt), ein Berg von in sich verkeilten und verbeulten Autos und ein Laster des Katastrophenschutzes, der durch die grün ausgeleuchtete Nacht fährt. Noch einmal führt uns das Geschehen zu jenem Fremden, dann wechselt die Farbe hin zu einem tiefen, kalten Blau.

Schnell gleitet die Kamera durch Straßen mit schwer beschädigten Häusern, lässt uns durch den Zaun in einen Hinterhof schauen und zeigt uns in der Schrägen ein Dreirad vor einer Hundehütte. Alles fein säuberlich austariert und mit einem leichten Arthouse-Touch inszeniert. Wenn Masumoto und seine beiden Regisseure Hideo Nakata „The Ring“ und Masaki Nishiura etwas können, dann ist es, eine unbehagliche Stimmung zu erzeugen. Der Einstieg in die Miniserie um eine der größten nuklearen Katastrophen der Neuzeit ist ohne Wenn und Aber gelungen.

Szenenbild aus „The Days“
Szenenbild aus „The Days“ - © Netflix

Die Katastrophe

Dieser Eindruck setzt sich in den nächsten Szenen fort, denn die Serienmacher verlieren nicht viel Zeit, um das Chaos heraufzubeschwören. Dank gut gemachter CGI erwacht vor unseren Augen jenes Kraftwerk zum Leben, das für so viel Leid sorgte und zumindest in Teilen der Welt für ein Umdenken im Umgang mit Atomenergie sorgte. Per virtueller Drohne geht es im Sturzflug in ein Bürogebäude, wo die Mitarbeiter des Energiekonzerns TEPCO scherzend bei der Arbeit sind, als ein Erdbeben das Bürogebäude erschüttert. Die Szenen sind routiniert umgesetzt und vermitteln dem Publikum dank Wackelkamera, zersplitternder Scheiben und Möbeln, die gefährlich durch die Räume wirbeln, das Gefühl, mittendrin zu sein.

Dann fokussiert sich das Geschehen auf den Kontrollraum der Blöcke eins und zwei, in welchen zwei junge Mitarbeiter gerade in Richtung Reaktorraum im Keller unterwegs sind, als ein Tsunami über die Anlage hereinbricht. Gebannt verfolgen wir mit, wie die beiden Männer sowie zwei weitere an einem anderen Ort im Kraftwerk gegen die Wassermassen ums Überleben kämpfen. Dass an dieser Stelle typische Horrorversatzstücke zum Einsatz kommen, hebt die Spannung, ohne aber überzogen zu wirken.

Das wird sich allerdings später noch ändern, denn in Folge zwei hinterlässt der „Ring“-Regisseur Nakata seinen stilistischen Fingerabdruck nur allzu deutlich. Eine minutenlange Sequenz führt eine Gruppe von vier Helden erneut Richtung Reaktorraum, wo sie die Ventile der Sicherheitsbehälter öffnen sollen, um den ansteigenden Druck zu minimieren und eine Kernschmelze zu verhindern. Dabei zieht der Horror-Fachmann alle Register seiner Kunst.

In Schutzanzüge gehüllt schleppen sich die Protagonisten durch die dunklen, in giftgrünes Licht getauchten schmalen Gänge. Mal lenkt die Kamera den Blick auf die Stiefelbewehrten Füße, mal auf die Handschuhe und für eine Minute dürfen wir sogar durch die Maske eines der Experten schauen. Immer wieder schrecken uns mysteriöse Geräusche auf, knarren, poltern, eine Erschütterung. Beinahe wartet man darauf, dass jeden Moment irgendein skurril aussehendes Monster aus einer Nische oder von der Decke hervorspringt und sein blutiges Werk verrichtet. Das wirkt etwas übertrieben, zumal sich das Publikum der Tatsache bewusst ist, dass das einzige Monster die Natur ist, die vielleicht einen zweiten Tsunami auf die alles zerstörende Reise schickt.

Die zweite Ebene

Wie man die Szenen als Zuschauender bewertet, bleibt jedem selbst überlassen, Spannung erzeugt diese Art der Kameraführung aber auf jeden Fall. Und das muss sie auch, denn die Situation als solche würde ansonsten kaum Schauwerte aufweisen. Dramatik bezieht die Serie weniger aus Actioneilagen, als vielmehr aus der Rekonstruktion der Ereignisse, die in den ersten beiden Folgen recht nah an der Realität bleiben. Um dem Anspruch, einem Sachbuch und nicht etwa einem Roman gerecht zu werden, zieht das Drehbuch einen zweiten Erzählstrang hinzu, der sich mit den direkten Auswirkungen der Geschehnisse befasst.

Einerseits versucht der Katastrophenschutz das Bestmögliche, andererseits spielen der mächtige Energiekonzern und die politischen Sprecher die Lage herunter, um eine Massenpanik zu verhindern. So wechselt der Fokus in regelmäßigen Abständen zwischen den narrativen Ebenen hin und her, mal in der Absicht, Spannung zu erzeugen, mal, um die Hintergründe zu beleuchten. Insgesamt entsteht so ein angenehmes Erzähltempo, dem man gut folgen kann und eine Inszenierung, die nicht langweilig wird.

Fazit

Man kann und darf sich darüber streiten, ob The Days hier und da zu dick aufträgt, oder ob die Horroreinlagen der ersten beiden Episoden im Sinne eines angemessenen Spannungsbogens in Ordnung gehen. Der Rezensent tendiert zu Letzterem, wenn auch die oben erwähnte Szene aus der Egoperspektive durch die Maske dann doch zu viel des Guten ist. Dennoch kommt die Serie ohne typisch ostasiatische Elemente wie überbordenden Patriotismus, pathetische Gestik und Ähnlichem aus. Im Gegenteil hinterlassen die ersten beiden Episoden einen geerdeten Eindruck, der nicht mit Kritik am menschlichen Versagen der Beteiligten spart und fast ohne jegliches Overacting auskommt. Hinzu gesellen sich Spezialeffekte, die sich sehen lassen können sowie schauspielerische Leistungen auf einem angenehmen Niveau.

Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „The Days“:

Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 2. Juni 2023
Episode
Staffel 1, Episode 1
(The Days 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi ist überflutet
Titel der Episode im Original
The Fukushima Daiichi Nuclear Power Plant is Submerged
Erstausstrahlung der Episode in Japan
Donnerstag, 1. Juni 2023 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 1. Juni 2023
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 1. Juni 2023
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Donnerstag, 1. Juni 2023
Autoren
Jun Masumoto, Ryûshô Kadota
Regisseur
Masaki Nishiura

Schauspieler in der Episode The Days 1x01

Darsteller
Rolle
Koji Yakusho
Yutaka Takenouchi
Fumiyo Kohinata
Kaoru Kobayashi

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