The Crash: Review der Pilotepisode

The Crash: Review der Pilotepisode

Die niederländische True-Crime-Serie „The Crash“ bei Magenta TV kombiniert die tragischen Ereignisse des Absturzes einer Boeing 747 über einem Wohngebiet in Amsterdam im Jahr 1992 mit einer fiktiven Investigativgeschichte. Obwohl die Pilotfolge spannend erzählt ist, tun sich die Macher mit den verschwörungstheoretischen Ansätzen aber nicht immer einen Gefallen...

Poster zur Serie „The Crash“
Poster zur Serie „The Crash“
© Big Blue Productions/KRO-NCRV

Das passiert

Der 4. Oktober 1992: Gerade noch bereitet sich die Veterinärin Asha (Joy Willems auf ihren Umzug vom Problemviertel Bijlmermeer nach Antwerpen vor, da bricht die Hölle über sie herein. Eine Boing 747 stürzt in einen der großen Wohnkomplexe und reißt eine Schneise der Verwüstung und des Todes. Als der Luftfahrtjournalist Vincent Dekker (Thomas Höppener) einen Tag später den Ausführungen der Untersuchungskommission lauscht, fallen ihm einige Ungereimtheiten auf und er beginnt, unangenehme Fragen zu stellen. Der leitende Ingenieur Wolleswinkel (Gijs Scholten van Aschat) reagiert schroff.

Nach dem Erscheinen eines gut recherchierten Artikels ruft er sogar in der Redaktion an und warnt die Reporter vor weiteren Enthüllungen. Was verschweigen Wolleswinkel, die Flugaufsicht und die Regierung? Und was hatte die Frachtmaschine auf ihrem Weg nach Israel geladen?

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Die wahre Geschichte

The Crash aka „Rampvlucht“ (zu Deutsch: Katastrophenflug) erzählt die Geschichte von Frachtflug El-AL 1862, der am 4. Oktober 1992 fast senkrecht in ein Wohnviertel im Amsterdamer Vorort Bijlmermeer stürzte und insgesamt 43 Menschen das Leben kostete sowie 20 weitere zum Teil schwer verletzte. Der Unfall der Frachtmaschine des Typs Boeing 747-258F gilt als eines der schwersten Unglücke der jüngsten niederländischen Geschichte. Ursache für den Absturz war der Abriss des Triebwerks drei aufgrund von Materialermüdung.

Durch eine Kollision der Trümmer mit Triebwerk vier wurde die Maschine so schwer beschädigt, dass sie beim Notlandeanflug auf den Flughafen Schiphol unkontrolliert zur Seite rollte. Schon kurz nach der Katastrophe mehrten sich die Gerüchte, dass die israelische Regierung, in deren Auftrag der Flug durchgeführt wurde, etwas zu verbergen habe, da die Feuerwehr sich zunächst dem Wrack nicht nähern durfte und stattdessen mehrere Männer in weißen Helmen und Anzügen die Unfallsstelle durchsuchten. Auch um die Ladung rankten sich lange Zeit Gerüchte. Heute ist bekannt, dass sich auch 190 Liter einer Chemikalie an Bord befanden, aus der man das Nervengas Sarin herstellen kann...

Spannend erzählt

Vor diesem ohnehin schon spannenden Hintergrund baut Serienerfinder Michael Leendeertse mit seinem Autorenteam eine True-Crime-Geschichte mit fiktionalen Elementen auf, die in der Pilotfolge einiges an Dramatik und Spannung bietet. Als Aufhänger dienen die junge Veterinärin Joy Delima, der nerdige Journalist Vincent Dekker und sein Kollege Pierre Heijboer (Yorick van Wageningen). Joy überlebt den Crash, verliert aber nicht nur ihr Heim und viele Freunde, sondern auch ihren Lebensgefährten. Sie ist eine offene, liebenswürdige und hilfsbereite Person, die in ein Drama hineingezogen wird, das sich bald als vielschichtige Verschwörung herausstellen könnte.

Vincent ist bei seinen Kollegen unbeliebt, aber ein Experte für Flugtechnik, dem als Einziger auffällt, dass die offiziellen Stellen offenbar etwas zu verschweigen haben. Er will die Wahrheit herausfinden, weil er es für seine Pflicht hält. Pierre wiederum geht menschlich und beruflich in die Vollen und wittert eine große Story, die ihn berühmt machen wird. Die drei Protagonisten könnten also unterschiedlicher kaum sein, was für Vielschichtigkeit und Abwechslung im Figurenaufbau sorgt.

Entsprechend trägt Michael Leendertse die Geschichte auf drei Ebenen vor, die sich bei Joy zunächst auf die menschliche Seite stützen, während es bei Vincent um die Vermittlung von Informationen geht. Pierre spielt in der Pilotepisode noch keine große Rolle, doch es wird bereits deutlich, dass er in den folgenden Episoden mehr Raum einnehmen wird. Aufgepeppt wird das Ganze mit einer starken Dramakomponente, die durchaus routiniert inszeniert ist und zu fesseln vermag. Hinzu kommt, dass „The Crash“ ein gut gewähltes Ensemble bietet.

Verdrehte Fakten

Kommen wir damit zu den Kritikpunkten. Wie betont, gibt es in Bezug auf den Unterhaltungswert nicht viel auszusetzen, am Umgang mit den Fakten allerdings sehr wohl. Zu bedenken ist dabei, dass der Absturz und die viele Opfer nicht fiktiver Natur, sondern grausame Realität sind. Insofern ist es bei True-Crime-Formaten dieser Art nach Ansicht des Rezensenten geboten, sich nicht allzu weit von der Wahrheit zu entfernen.

Eine der ersten und auffälligsten Ungenauigkeiten lässt sich noch auf dramaturgische Beweggründe herunterbrechen. In der Folge sieht Joy das Flugzeug durch das Wohnzimmer auf sich zurasen, ein Umstand der eher unwahrscheinlich ist, da Flug El-Al 1862 fast senkrecht in den Wohnkomplex krachte. Solcherlei künstlerischer Freiheiten gehen vollkommen in Ordnung, weil sie am eigentlichen Geschehen nicht viel ändern.

Anders sieht es jedoch aus, wenn man sich den investigativen Teil der Story näher anschaut. So behauptet Dekker zum Beispiel, dass die Flugaufsicht im Tower von Schiphol gewusst habe, dass beide Triebwerke der Boing abgerissen waren und dies nun verschwiegen wird. Dies entspricht allerdings nicht den Tatsachen. Nicht einmal der Co-Pilot und der Pilot konnten die immensen Beschädigungen, die der Abriss von Triebwerk drei verursacht hatte, genau abschätzen, schon gar nicht also das Bodenpersonal.

Das ist deshalb brisant, weil der Fall erst 21 Jahre zurückliegt und in den Niederlanden noch heute kontrovers diskutiert wird. Derartige dichterische Anwandlungen mögen dazu beitragen, den Spannungsbogen in die Höhe zu treiben, den an den Ereignissen beteiligten Menschen tut man aber mit derartigen Unterstellungen womöglich kein Gefallen.

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Fazit

The Crash ist ein zweischneidiges Schwert. Der Plot ist spannend vorgetragen, die Inszenierung passt und die schauspielerischen Leistungen sind prima. Weniger schön ist der Umgang mit den Tatsachen. Bei einer Serie, die sich das Attribut „True Crime“ auf die Fahne schreibt, sollte man tunlichst darauf achten, sich nicht zu viele künstlerische Freiheiten herauszunehmen und es vermeiden, Menschen zu verdächtigen, die nachgewiesenermaßen unschuldig am Unglück sind.

Sicherlich: Die Macher weisen zu Beginn mit einem eingeblendeten Text explizit darauf hin, dass sie Fakt und Fiktion vermischt haben. Die Frage ist nur, ob das überall entsprechend wahrgenommen wird... Man denke nur an Fälle, in denen Schauspielerinnen und Schauspieler darüber berichteten, für bestimmte Bösewichtrollen in Film und Fernsehen verbal angegriffen worden zu sein, weil ihre Figuren von Teilen des Publikums für reale Personen gehalten wurden.

Ähnliche Berichte sind über pseudo-dokumentarische und Scripted-Reality-Formate bekannt, nach deren Sendung Laiendarstellerinnen und Darsteller auf der Straße beschimpft wurden. Insofern ist durchaus Bedacht im Umgang mit Verschwörungen angesagt, wenn man sich auf wahre Begebenheiten beruft. Wer allerdings über diesen Umstand hinwegsehen kann, findet in „The Crash“ eine fesselnde Serie, die seit heute bei Magenta TV und in der hauseigenen Mediathek zu sehen ist. Vier von fünf Punkten.

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