The Changeling: Kritik zur Horrorserie von Apple TV+

© Apple TV+
The Changeling, die neue Eigen-Produktion des Streamingdiensts Apple TV+, beginnt mit einer entzückenden Liebesgeschichte, die durch einen bösen Zauber in einen psychisch strapazierenden Horrortrip umschlägt. Es geht um das allgemein zu wenig anerkannte Phänomen der Wochenbettdepression, welches hier als düsteres Märchen aufgelegt wird, das sich werdende oder frischgebackene Eltern vielleicht lieber nicht antun sollten.
Für alle anderen bietet die Serie, deren Titel übersetzt so viel wie „Das Wechselbalg“ bedeutet, aber eine ziemlich inspirierte, wenn auch nicht immer ganz runde Erzählung. Dahinter steht die Autorin Kelly Marcel, die einst Terra Nova schuf und sich aktuell mit der „Venom“-Filmreihe beschäftigt. Als Vorlage zog sie den 2017 erschienenen Roman von Victor LaValle heran, welcher ebenfalls „The Changeling“ heißt.
In den Hauptrollen treten der Atlanta-Star LaKeith Stanfield (2021 oscarnominiert als bester Nebendarsteller in „Judas and the Black Messiah“) sowie Clark Backo (Letterkenny) und Adina Porter (American Horror Story) auf. Die achtteilige Auftaktstaffel ging am heutigen Freitag, den 8. September mit den drei ersten Episoden online. Der Rest folgt dann wie gewohnt einzeln im Wochentakt.
Worum geht's in der Serie „The Changeling“?
Der Pilot namens First Comes Love, inszeniert von Melina Matsoukas (Insecure), stellt zunächst zwei Pärchen ins Zentrum. In beiden Fällen ist es keine Liebe auf den ersten Blick, belohnt wird dafür die Hartnäckigkeit der Männer. Der eine ist unser Protagonist mit dem schönen Namen Apollo Kagwa (Stanfield), bei dem es sich um einen Antiquitar für alte Bücher handelt. Eines Tages verliebt er sich in die Bibliothekarin Emma „Emmy“ Valentine (Backo), die ihm die kalte Schulter zeigt.
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Ohne sie wirklich zu belästigen, fragt Apollo seine Angebetete jeden Tag aufs Neue, ob sie mit ihm ausgehen will. Immer wieder sagt sie Nein, bis sie eines Tages Ja sagt. Und ähnlich lief es eine Generation früher eben auch bei Apollos Eltern, wobei wir seine Mutter Lillian zunächst als junge Frau kennenlernen (da noch gespielt von Alexis Louder). Später übernimmt Porter den Part. Der Vater Brian, der als Erster das Gefühl von Grusel in die Geschichte trägt, wurde mit Jared Abrahamson (Travelers) besetzt.

Bald erfahren wir, warum Emmy ihren „Gott Apollo“, wie sie ihn spaßeshalber nennt, stets hat abblitzen lassen: Eine bevorstehende Brasilienreise erschien ihr als ärgerliches Hindernis für eine neue Beziehung. Als sie aus Südamerika zurückkommt, steht der Romanze aber nichts mehr im Wege. So stürzen sich die beiden, die so lange auf einander hatten warten müssen, nun voll ins Liebesglück. Erst wird geheiratet und direkt danach wird sie auch schwanger. Doch ab diesem Punkt nimmt die Tragödie ihren Lauf.
In Brasilien hat Emmy nämlich einen Pakt mit einer Hexe geschlossen, der ihr drei verfluchte Wünsche gewähren sollte. Zwei davon haben sich mit dem guten Ehemann und dem gesunden Kind bereits erfüllt. Nur den geheimen dritten Wunsch müssen wir noch abwarten. Wobei für Emmy der Traum sogar schon mit der Geburt ihres Sohnes platzt, denn sie kann das Kind nicht als ihres annehmen. Während Apollo in der Vaterrolle aufblüht, geht es der Mutter immer schlechter.
Emmys ältere Schwester Kim, gespielt von Amirah Vann (Underground), beginnt sich große Sorgen um sie zu machen. So weiht sie sie schließlich in ein altes Familiengeheimnis ein, welches ihren Zustand aus psychologischer Sicht durchaus erklären könnte. Doch Emmy denkt natürlich mehr an den Fluch der Hexe, über den sie und Apollo sich einst lustig gemacht hatten. Ist das überhaupt ihr Kind, das sie da zur Welt gebracht hat? Oder ist es ein Kind des Teufels, wie wir es aus dem Horrorfilmklassiker „Rosemaries Baby“ kennen?
Wie ist es?
Alles in allem bietet The Changeling bei Apple TV+ einen sehr vielversprechenden Auftakt. Die Serie erinnert ein wenig an das viel zu früh abgesetzte HBO-Format Lovecraft Country, das ebenso spielerisch zwischen verschiedenen Stimmungen hin- und hersprang. Mal ist es romantisch, dann lustig - und ganz plötzlich kommt ein Schreckensbild, das einen nicht mehr loslässt. Mal wirkt alles ganz realitätsverhaftet, dann gleiten wir wieder ab ins Überirdische.
Chef-Autorin Kelly Marcel hat sich definitiv ein Thema ausgesucht, bei dem es viel zu ergründen gibt: Mütter, die nach der Geburt ihres Kindes nicht überglücklich sind, wie es die Gesellschaft von ihnen verlangt. Dass sie diese postpartale Depression in einen märchenhaften Hexenfluch umdichtet, hilft sicher dabei, sich sensibleren Fragen etwas leichter zu nähern. Kritisieren könnte man vielleicht, dass mit der Hauptfigur von LaKeith Stanfield ausgerechnet die männliche Perspektive bei alledem im Zentrum steht. Aber dafür spielt der Schauspieler seine Rolle einfach zu gut, um das wirklich bemängeln zu wollen.
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Warnen sollte man sicherlich, dass „The Changeling“ psychisch sehr belastend sein kann. Das Gefühl der Hilflosigkeit, dass die Mutterrolle der Clark Backo erfährt, spürt man deutlich. Die Lage eskaliert in den ersten Folgen auch so schnell, dass man sich fragen kann, wohin Marcel und Konsorten die Geschichte noch bringen wollen. Man darf ein wenig Angst haben, dass zur Zeitschindung nach dem fulminanten Auftakt erst mal die Bremse eingelegt wird. Für den Start gibt es trotzdem vier von fünf Hexenknoten im roten Serienarmband.
Hier abschließend noch der Trailer zur nun bei Apple TV+ gestarteten Serie „The Changeling“: