The Billion Dollar Code: Kritik zum Start der deutschen Netflix-Serie

© zenenfoto aus der Serie The Billion Dollar Code (c) Netflix
Dass das Computerzeitalter und dass die Welt der Programmierer:innen unfassbar dramatische Geschichten zu bieten haben, bewiesen Filme wie „The Social Network“, „Steve Jobs“ oder „The Imitation Game“, die reale Ereignisse aufarbeitet haben und auch Serien wie Halt and Catch Fire, Silicon Valley sowie Devs, die von fiktiven Figuren handeln. Meist lag der Fokus auf Amerika, wo ehrlicherweise die größten technologischen Quantensprünge erreicht wurden. Doch auch Deutschland war von Beginn an vorne mit dabei beim Hacken und beim Cracken und beim Coden.
Dem berüchtigten Online-Piraten Kim Dotcom wurde kürzlich der empfehlenswerte BR-Podcast „Wild Wild Web“ gewidmet. Netflix erzählt mit dem deutschen Vierteiler The Billion Dollar Code derweil eine Story, die noch unbekannter ist. Es geht um zwei Nerds, die kurz nach der Wiedervereinigung in Berlin den Grundstein für die spätere Erfolgssoftware Google Earth legten. Und die betrogen wurden vom mächtigsten Internet-Konzern der Welt.
Hinter dem aufwändig produzierten Format stehen der Showrunner Oliver Ziegenbalg („Frau Müller muss weg!“) und sein Co-Autor und Regisseur Robert Thalheim („Kundschafter des Friedens“). Im Cast befinden sich die Schauspieler Mark Waschke (Tatort), Misel Maticevic (Babylon Berlin), Leonard Scheicher (Das Boot) und Marius Ahrendt („Altes Land“) sowie Lavinia Wilson (Deutschland 83) und Seumas Sargent (Spy City).
Worum geht's?
Zunächst lernen wir und lernen sich die zwei Helden der Geschichte kennen: Carsten Schlüter (Waschke, jung: Scheicher) und Juri Müller (Maticevic, jung: Ahrendt). Die zwei Berliner Computerpioniere entsprechen der klassischen Dynamik des charismatischen Visionärs Steve Jobs und seinen technisch versierten Umsetzers Steve Wozniak. Diese sich ergänzende Dualität der Apple-Gründer findet man in vielen Serien und Filmen dieser Art - und wahrscheinlich auch bis heute in echten Start-ups wieder. Das geistige Baby der beiden soll Terravision heißen, auch wenn es später entführt wird.
25 Jahre später sehen wir, wie die zwei Erfinder, die inzwischen zerstritten scheinen, den Anwälten Lea Hauswirth (Wilson) und Eric Spears (Sargent) ihre Sicht der Dinge darlegen. Sie hoffen auf eine Millionenentschädigung vom Google-Konzern, aber eigentlich hoffen sie noch mehr auf Anerkennung für ihre schier unglaubliche Arbeit. Denn ihnen gelang das Coding-Kunststück der interaktiven Satellitenbilder-Software schon 1994, also ganze elf Jahre vor Google.

Das deutsche Netflix-Original The Billion Dollar Code reißt uns mit in eine Zeit, die besonders war. Berlin und der Rest des Landes sind wiedervereinigt worden und es liegt Aufbruchsstimmung in der Luft, die das Internet umso gefragter erscheinen lässt. Nur in diesem Setting gelingt es Carsten Schlüter und Juri Müller, ausgerechnet das Staatsunternehmen Telekom an Bord zu holen, um Millionen in eine vermeintliche Schnapsidee zu setzen. Innerhalb eines Jahres sollen die Programmierer ihre Terravision umsetzen, damit sie die Welt bei einer Konferenz in Kyoto vom Hocker hauen können.
Um das Unmögliche zu schaffen, rekrutieren sie ein Team, das aus Berliner Künstler:innen und aus Mitgliedern beim Chaos Computer Club besteht. Von der Pieke auf müssen die Youngsters, die vorher nie einen echten Job hatten, lernen ein echtes Technikunternehmen zu führen. Dass dabei auch ein Teil des Geldes für synthetische Drogen veranschlagt wird, ist zu erwarten. Notfalls muss auch mal getäuscht oder geklaut werden. Alles ist denkbar, alles erlaubt.
Wie ist es?
Mit der etwas überlangen Auftaktepisode gelingt es der deutschen Netflix-Miniserie „The Billion Dollar Code“, ein greifbares Gefühl für ihren historisch aufgeladenen Zeitgeist zu schaffen. Auch das ausländische Publikum dürfte ein Interesse daran haben, die bundesdeutsche Geschichte in dieser Schlüsselphase zu erleben. Und natürlich werden viele verblüfft sein von der dramatischen Origin Story hinter Google Earth (wobei das Programm schon mal relevanter schien als heutzutage).
Dass die Dynamik der Protagonisten so konventionell ist - eben zwei unterschiedlich talentierte Genies, bei denen es kurz funkt, bis sie überhitzen und sich streiten -, kann den Einstieg in den Vierteiler erleichtern. Erfrischend wirkt die Erzählung aber erst, weil hier die Loser beleuchtet werden. Genau so drückte es im Vorfeld auch der Showrunner Oliver Ziegenbalg aus, der dazu einen Vergleich zum eingangs erwähnten Facebook-Film bemühte. Variety zitiert ihn bei der kürzlichen Serienpremiere in Zürich so: „Während ,The Social Network' die Perspektive des Gewinners einnimmt, des Antagonisten Mark Zuckerberg, erzählen wir unsere Geschichte aus Sicht der Winklevoss-Brüder, den wunderbaren Verlierern.“
In dieser Geschichte, die bislang kaum einer kennt, könnte sehr viel Kraft liegen. Man darf nach der ersten Episode jedenfalls sehr gespannt sein, wie es weitergeht. Ansonsten tragen einen die beeindruckenden Schauwerte und die kurzweilige Inszenierung über die vier Folgen hinweg. Kritisieren kann man vielleicht, dass das Terravision-Drama von Netflix durchaus aufgebauscht wird. Zumindest scheinen diese „Wolf of Wall Street“-artigen Rauschszenen etwas unauthentisch. Aber mit einer Dokumentation haben wir es sowieso nicht zu tun, also kann man auch ein Feuerwerk zünden.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie The Billion Dollar Code auf Netflix:
Hier kannst Du „Halt and Catch Fire: Staffel 1 (Stream bei Amazon Prime Video)“ bei Amazon.de kaufen
Halt and Catch Fire: Staffel 1 (Stream bei Amazon Prime Video)