The Big Leap: I Want You Back - Review der Pilotepisode

© oster zur Serie The Big Leap (c) FOX
Networkserien haben es längst nicht mehr so leicht wie vor etwa 15 oder 20 Jahren, als man noch locker große Publikumserfolge erzielen konnte, ohne große Konkurrenz abseits von Pay-TV oder Kabelsendern zu fürchten. Das ist in Zeiten von Peak-TV und Streaming-Overkill längst anders. So muss man sich auf sichere Banken verlassen: Procedurals aus dem Krimi- und Medicalbereich beispielsweise, aber auch Sport oder Reality laufen noch, obwohl lineare Quoten überall sinken. Beim Sender FOX probiert man etwas, was in der Vergangenheit öfter mal funktioniert hat: Musik und Tanz. Erfolge wie Glee, Empire und Star haben es vorgemacht, die Realityshows „So You Think You Can Dance“ und „American Idol“ waren oder sind ebenfalls lange Zeit im Programm gewesen, wobei aktuell „The Masked Singer“ der Quotenkönig ist.
Ich kann mir das Pitch-Meeting zur neuen Serie The Big Leap vorstellen, denn das Konzept wirkt so, als wolle man vergangene Erfolgsformate replizieren, ohne dass es zu sehr auffällt, aber gleichzeitig auch eine gewisse Prise Frische mitbringen, indem man eine Castingshow als Rahmen für das Drama aussucht, wobei natürlich UnREAL beispielsweise schon im Kabelfernsehen viel zu dem Thema zu erzählen hatte. Erwähnenswert ist, dass Serie vom britischen Realityformat „The Big Leap“ inspiriert wurde. Übrigens wird die Ausstrahlung in Deutschland und vielen weiteren Märkten bei Disney+ im Stream erfolgen. Wann, ist momentan aber noch offen.
Worum geht es in The Big Leap?

„The Big Leap“ ist eine Geschichte über zweite Chancen und das Verwirklichen von gescheiterten Träumen. Eine Gruppe unterschiedlicher Tänzer:innen nimmt an einer Realityshow in Detroit teil, die gleichzeitig eine große Gelegenheit für manche von ihnen darstellt, aber auch zum Karrierekiller werden könnte. Als großer Showdown wird eine Live-Performance des Balletts „Schwanensee“ anvisiert. Können die Teilnehmer:innen rechtzeitig über ihre Selbstzweifel hinwegkommen?
Nick Blackburn (Scott Foley, Scandal) ist der verantwortliche Produzent des Ganzen. Wie Sue Sylvester aus Glee kann er sich Gemeinheiten und bissige Kommentare selten verkneifen und will immer, dass alles umgesetzt wird, wenn er bloß mit seinen Fingern schnippt. Ob das nun Hintergrund-Infos zu Kandidaten sind oder spontane Aufnahmen der Teilnehmer. Im Hinterkopf hat der alte Showhase natürlich die Zielgruppe, der er möglichst viele Charaktere und Facetten in seiner Show präsentieren möchte. Er hat eine Nase für Drama und weiß, was die Zuschauer sehen wollen - oder glaubt zumindest, es zu wissen. Wenn er die Chance für eine gute Aufnahme oder Inszenierung wittert, dann ergreift er sie auch und fragt erst später um Erlaubnis, wenn überhaupt.
Der frühere Tänzer Wayne Fontaine (Kevin Daniels, Modern Family) hat das Konzept erdacht und die Choreografin Monica Sullivan (Mallory Janson, Galavant) hilft ihm dabei, die Produktion auf die Beine zu stellen. Sie fungieren auch als Jury-Duo in der Show. Er ist eher Motivator und Good Cop, sie ist oft für ihre markigen Sprüche und Ablehnungen zuständig. Also wie ein Simon Cowell oder ein Dieter Bohlen in „Supertalent“ und anderen „Idol“-Formaten.
Was für Typen stehen im Fokus der Serie?

Eine der wichtigen Figuren der Serie ist Gabby Lewis (Simone Recasner). Sie hat einst davon geträumt, zur professionellen Tänzerin zu werden, doch weil sie direkt nach der Highschool schwanger wurde, musste sie ihre Pläne auf Eis legen. Bei ihrem langweiligen Job stößt sie auf den Castingaufruf und ihre Leidenschaft fürs Tanzen wird erneut geweckt. Justin Reyes (Raymond Cham Jr.) kommt ebenfalls zum Casting. Er ist Gabbys ehemaliger Tanzpartner und Highschoolfreund, bis er sich outete, was nur Gabby nicht geahnt hatte. Sieben Jahre nach ihrer Partnerschaft treten sie nach langer Funkstille und viel Überzeugungsarbeit von Gabby also gemeinsam zum Casting an. Während Justin weiterkommt, scheitert Gabby beim Vorsprechen. Doch sie lässt sich, trotz Depression, nicht unterkriegen und versucht es über eine Hintertür erneut. Denn Nick wird ein Vorfall rund um Footballer Reggie Sadler (Ser'Darius Blain, „Jumanji: Welcome to the Jungle“) zugespielt, der auf Video eingefangen wurde, als er nackt tanzte. Sein Ruf ist also ruiniert, doch man möchte den Casting-Coup landen und bietet ihm viel Geld, wenn er vortanzt und so eine Comebackstory liefert, die man ausschlachten kann. Die gescheiterte Gabby will ihm beim Erlernen der Choreo helfen. Da er Schwanensee noch nie geschaut hat, liefert sie auch da Nachhilfe. Insgesamt scheint es zwischen den beiden zu knistern und womöglich bahnt sich hier eine Lovestory an. Gabby hat ebenfalls ein Kind, wobei sie den Vater geheim hält. Er sieht Justin ähnlich, aber die beiden hatten nie Sex. Die Vaterfrage wird in den folgenden Episoden also sicherlich noch aufgegriffen...
Mit dabei ist außerdem Brittney Lovewell (Anna Grace Barlow,The Goldbergs), der das Tanzen quasi in die Wiege gelegt wurde und die mit ihrem Zwillingsbruder antritt. Zudem folgt noch der aktuell arbeitslose Automechaniker Mike Devries (Jon Rudnitsky, Catch-22), dessen Launen dazu geführt haben, dass ihn seine Frau verlassen hat und er aber ebenso beim Vortanzen begeistern kann. Und da wäre dann noch Paula Clark (Piper Perabo, Covert Affairs), die ehemalige Vizepräsidenten des Autoherstellers, die einst Mitverantwortung für Mikes Entlassung getragen hatte, wovon er jedoch offenbar nichts ahnt. Im Auftakt tanzt er auf einem fire escape mit ihr, während die Kamera draufhält und er wenig später von seiner Frau bloßgestellt wird. Die ehemalige Ballerina und Mutter Julia Perkins (Teri Polo, „Meet the Parents“) will derweil eventuell groß rauskommen und wundert sich, warum ihr Mann so viele Pornos online konsumiert, obwohl sie durchaus offen für Sex wäre. Deswegen konsultiert sie einige IT-Guys im Technikfachgeschäft, die das Thema recht ausgewogen und mit verschiedenen Blickwinkeln diskutieren. Natürlich endet ein solcher Network-Pilot mit einem großen Höhepunkt, denn Reggie und Gabby stellen ihre einstudierte Show, inklusive Hebefigur vor, was großen Eindruck schindet und dafür sorgt, dass Producer Nick seinen Plan ändert und Gabby doch zum Fokus der Castingshow machen möchte.

Welchen Eindruck hinterlässt The Big Leap?

Ich hatte beim Einstieg einige Probleme mit dem Format. Ich wusste zum Beispiel nicht, was ich von dem Ton halten soll. Dieser wirkte sehr jokey und nicht unbedingt ernst zu nehmen, was immer ein Spiel mit dem Feuer ist und meiner Meinung nach Zuschauer leicht verprellen kann. Es ist nicht ganz so beißend und teils menschenfeindlich wie Glee in den ärgsten Momenten, aber Nick und Monica lassen schon einige fiese Sprüche vom Stapel, die unter die Gürtellinie gehen. Beispiel gefällig: „Call research and ask how incest plays in the midwest“, als die Zwillinge mit leicht merkwürdigen Vibes vortanzen. Dazu kommen genretypische spontane Aktionen und Tänze, die man womöglich aus besagtem „Glee“, aber auch Soundtrack oder Zoey's Extraordinary Playlist kennt, nur tut hier niemand so, als wäre das ein ganz natürlich Vorgang (oder zumindest noch nicht), sondern es sind geplante oder improvisierte Tänze, in der Hitze des Gefechts oder eben Vortanzszenen. Gabbys Figur brauchte bei mir etwas, bis sie zündete und ich bin vom Highschool-Einstieg rund um Justin auch am wenigsten überzeugt. Die Untreue-Nummer hilft sicherlich auch nicht dabei, ihr direkt Sympathie entgegenzubringen, auch wenn ihr Partner ein damals noch nicht geouteter junger Mann war. Irgendwie gehören solche Seitensprünge aber auch zum Standardrepertoire vieler US-Dramaserien und müssen wohl akzeptiert werden.
Besser wird es dann, wenn der Pilot zur Vortanzsektion kommt. Denn wie in echten Castingshows, von denen ich in meinem Leben schon eine Menge, auch internationale Versionen, gesehen habe, wird es dann deutlich kurzweiliger und unterhaltsamer. Doch es ist auch meine größte Befürchtung, dass man vieles im Serienpiloten verschießt und später wenig Material hat, das überzeugen kann oder die Serie trägt. Denn ist die Castingphase erst mal vorbei, dann schwinden auch die Zuschauer und viel vom kuriosen Unterhaltungsfaktor, außer die Talente in den weiteren Runden sind wirklich stark. Potential hat die Mischung von Drama und Reality auf alle Fälle. Wobei UnREAL zumindest im Datingbereich der Marke „The Bachelor“ und „Love Island“ bereits viel abgehakt hat. Ob Tanzshows hier ebenfalls Konfliktpotential haben, muss man sehen.
Relativ spannend finde ich, wie die Themen body positivity und Pornokonsum zumindest ansatzweise behandelt werden, was mich in der Tiefe bei einer Network-Produktion doch positiv überrascht hat. Man hört mehrere Seiten und keine, die ganz eindeutig ergriffen wird. Die Probleme werden aber trotzdem verbalisiert und beschäftigen so vielleicht den einen oder anderen Zuschauer. Das ist natürlich noch längst nicht auf einem Niveau, wie es andere Kabel-TV- oder Streaming-Produktionen leisten können, aber immerhin eine Entwicklung, die ich persönlich gutheiße. Allerdings stehen die Networks ohnehin stark unter Zugzwang, wenn sie den Anschluss nicht verlieren wollen... Die Quoten bröckeln, wie gesagt, weiter und die Hits von einst bleiben langsam aus. Was vor fünf Jahren noch ein Flop gewesen wäre, dürfte mittlerweile zumindest für eine volle Staffel im Programm bleiben.
Wie hoch sind die Erfolgschancen für so ein Format?
Es ist einfach ein Fakt, dass der Networkbereich ein ziemlich umkämpfter Markt für Serien ist. Rein statistisch fallen mehr als 50 Prozent der Neustarts durch und erleben keine zweite Staffel. Man denke an Rise mit Josh Radnor, was ein ähnliches Konzept hatte, aber mit mehr Highschoolproduktion. High School Musical: The Musical: The Series beweist derweil im Streamingbereich, das dort mehr Durchhaltevermögen für solche Formate existiert. Wer „Glee“ als Gegenbeispiel ins Feld ziehen lassen möchte, der vergisst vielleicht, was für ein lightning in the bottle und Zeitgeist-Volltreffer dieses Format einst war und dass sich das Networkfernsehen seitdem sehr verändert hat. Selbst Empire, das einige Jahre später startete, war noch einmal eine Art Einhorn des Senders. Man muss abwarten, ob The Big Leap in eine ähnliche Kerbe schlagen kann. Ich befürchte, dass das schwierig wird... Doch oft genug gibt es Underdogs, die noch zum Quotenerfolg werden. Vielleicht hilft hier auch die internationale Ausstrahlung via Disney+, sofern sie so zeitnah wie möglich erfolgt. Allerdings haben am Ende des Tages bislang meistens die werbefinanzierten Networks die Entscheidungsmacht, außer der internationale Erfolg wäre wirklich herausragend.
Fazit
The Big Leap ist sicherlich kein massentaugliches Format für jeden. Aber die Mischung aus Castingdrama und Tanzshow könnte eine gewisse Zielgruppe begeistern. Positive Ansätze sind vorhanden, einige Schwächen allerdings auch. Es wird manchmal sehr dick aufgetragen, viel Offensichtliches ausgesprochen (das macht Nick gerne und soll vielleicht meta wirken), trotzdem hat mir der Pilot vor allem in der zweiten Hälfte besser gefallen als der etwas mühevolle Einstieg. Ob ich dranbleiben werde, ist noch nicht sicher. Vielleicht gebe ich dem ganzen einen Recall und gucke, wie sich das in der zweiten Folge entwickelt. Ein verkappter Fan von Musik- und Tanzformaten und Musicals bin ich ja sowieso. Wenn Ihr das auch seid, dann schaut vielleicht mal rein. Sonst tanzt lieber einen weiten Bogen um die neue FOX-Serie.
Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „The Big Leap“ auf FOX: