The Ballad of Buster Scruggs: Kritik zum Coen-Western von Netflix

The Ballad of Buster Scruggs: Kritik zum Coen-Western von Netflix

Eigentlich sollte The Ballad of Buster Scruggs zur ersten Serie der Coen-Brüder werden, doch am Ende wurde aus der sechsteiligen Western-Anthologie doch nur ein Film. Lohnt sich der starbesetzte Netflix-Streifen dennoch?

Tim Blake Nelson als singender Revolverheld in „The Ballad of Buster Scruggs“. (c) Netflix
Tim Blake Nelson als singender Revolverheld in „The Ballad of Buster Scruggs“. (c) Netflix
© im Blake Nelson als singender Revolverheld in „The Ballad of Buster Scruggs“. (c) Netflix

Netflix hätte sich wohl kaum einen besseren Monat für die Premiere von The Ballad of Buster Scruggs aussuchen können als diesen. Dank des phänomenalen Computerspiels „Red Dead Redemption 2“ ist die ganze Welt noch immer im Westernwahn und da die meisten die Story bereits durchgespielt haben dürften, ist der Hunger sicher groß nach neuem Cowboy-Material. Dass das erste Streamingprojekt der berühmten Coen-Brüder dennoch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhielt, liegt wohl daran, dass es letztendlich doch nicht als Serie, sondern als Film veröffentlicht wurde.

Eine Coen-Serie wäre eine echte Sensation - Fargo darf ja strenggenommen nicht gewertet werden -, aber ein einfacher Film der beiden kongenialen Regisseure/Autoren ist nun wirklich keine Seltenheit. Zumal Werke wie „True Grit“ und „No Country For Old Men“ ohnehin in einer völlig anderen Liga spielen, da sie eben nicht aus sechs unabhängigen Einzelepisoden bestehen, sondern eine ganze, zusammenhängende Geschichte erzählen. Als Meisterstück kann The Ballad of Buster Scruggs trotz so namhafter Schauspieler wie Tim Blake Nelson, James Franco, Liam Neeson, Tom Waits, Zoe Kazan und Brendan Gleeson also nicht bezeichnet werden, eine Menge Spaß macht der Streifen aber trotzdem.

Staub oder Schlamm

Schon nach zehn Minuten ist man hin und weg von The Ballad of Buster Scruggs. Die erste Geschichte, die uns Joel und Ethan Coen aufbereitet haben, ist die, welcher der Film seinen Namen verdankt, also die des Buster Scruggs (Nelson). Als San-Saba-Singvogel zieht er durch den Wilden Westen und nimmt es mit jedem auf, der ihn herausfordern will. Sein Ruf eilt ihm voraus, sodass sich jeder halbwegs tüchtige Revolverheld und Barde mit ihm messen will. Auch ohne Waffen macht Buster, der rein äußerlich nun wirklich keinen Eindruck schindet, kurzen Prozess mit seinen Gegnern. Am Pokertisch serviert er uns sogar einen der lustigsten Kills, den das Genre in seiner langen Historie je zustande brachte...

Im großen Finale seiner Ballade präsentieren die Coens ein regelrechtes Western-Musical, das - so viel sei verraten - viel absurder ist als alles andere, was in den übrigen zwei Stunden des Filmes noch passieren wird. Im Prinzip ein perfekter Einstieg, obwohl viele potentielle Zuschauer sicherlich abgeschreckt werden dürften. Selbst schuld, denn so entgeht ihnen etwas später auch die beste Kurzgeschichte in The Ballad of Buster Scruggs. Aber zunächst stehen noch zwei andere Abenteuer an: Einmal das eines von Franco gespielten Bankräubers, der einfach einen schlechten Tag erwischt hat, und dann das des Schaustellers Impresario (Neeson) und seines arm- und beinlosen Stars.

Auch hier können die Coens ihren patentiert düsteren Humor zum Besten bringen. Mutig übrigens, dass sie Neeson, den wohl größten Namen im gesamten Ensemble, kaum reden lassen - abgesehen von ein bisschen betrunkenem Gesäusel. Ohnehin ist sein Charakter keine große Leuchte, was besonders deutlich wird, als er sich von einem Konkurrenten ein Wunderhuhn andrehen lässt, das angeblich rechnen kann. Ein Fehler, der jemandem das Leben kosten soll. Übrigens stirbt in jeder der sechs Anthologie-Geschichten mindestens eine wichtige Figur. Die Brüder haben es eben gern makaber.

The Ballad of Buster Scruggs besticht mit wunderschönen ern vom Wilden Westen Amerikas.
The Ballad of Buster Scruggs besticht mit wunderschönen ern vom Wilden Westen Amerikas. - © Netflix

Die vermutlich ansprechendste Story dreht sich um einen alten Goldsucher, dargestellt durch die Musiklegende Waits. Obwohl die Figur weitestgehend solo unterwegs ist, wollen die Coens natürlich nicht auf die markante Stimme des Schauspielers verzichten und lassen ihn daher verrückte Selbstgespräche führen. Trotzdem ist er innerlich hellwach und geht äußerst akribisch bei seiner Arbeit vor. Eigentlich passiert nicht viel und dennoch ist es spannend, dem Mann beim Suchen zuzusehen. Zumal die wunderschöne Natur, in der all das passiert, einen fast zu Tränen rühren könnte.

Die wahre Stärke der Coen-Brüder wird allerdings deutlich in ihren geschliffenen Dialogen, die besonders in den letzten beiden Episoden zum Tragen kommen. In der einen spielt Kazan eine junge Frau, die mit ihrem Bruder nach Westen zieht und plötzlich vor dem Nichts steht, als dieser durch einen kranken Witz des Schicksal nach wenigen Tagen an Cholera verstirbt. Ihr drückt man mehr als allen anderen die Daumen, aber kann es in einer derart rauen Welt überhaupt Gewinner geben? Die letzte Geschichte in The Ballad of Buster Scruggs setzt schließlich Gleeson ins Zentrum einer extrem unharmonischen Reisegesellschaft, in der einfach niemand den Mund zu halten können scheint.

Fazit

Ja, vielleicht war es ein Fehler The Ballad of Buster Scruggs als Film und nicht wie ursprünglich geplant als Serie zu veröffentlichen. Gut und gerne hätten die jeweils knapp 20-minütigen Einzelepisoden etwas länger sein können, sodass man sie auch gleich zerstückelt in Form einer Anthologieserie à la The Romanoffs oder Black Mirror hätte veröffentlichen können. Auf der anderen Seite will man den Cowboy-Hut vor den Coen-Brüdern ziehen, dass sie entgegen dem Trend ihren cineastischen Wurzeln treu bleiben, selbst wenn der Film nicht im Kino, sondern bei Netflix erschien.

Mit ihren früheren Meisterwerken kann sich The Ballad of Buster Scruggs vielleicht nicht ganz messen, aber das liegt einzig und allein daran, dass die eben eine große und nicht viele kleine Geschichten erzählten. Was das Optische, den Ton und die Dialoge angeht, zeigt sich das Kreativgespann wie üblich in Bestform. Wenn jemand das Westerngenre weiterhin am Leben halten kann, dann sie. Einziger Kritikpunkt: Vielleicht hätte man die Perspektive der Ureinwohner etwas mehr beleuchten können, um sie nicht bloß als angriffslustige Wilde darzustellen, wie Hollywood es leider seit jeher tut.

Unser Ranking der sechs Einzelepisoden von „The Ballad of Buster Scruggs":

  • 1. „All Gold Canyon“ mit Tom Waits
  • 2. „The Ballad of Buster Scruggs“ mit Tim Blake Nelson
  • 3. „The Gal Who Got Rattled“ mit Zoe Kazan
  • 4. „Meal Ticket“ mit Liam Neeson
  • 5. „Near Algodones“ mit James Franco
  • 6. „The Mortal Remains“ mit Brendan Gleeson

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