Die Pilotepisode der neuen FX-Spionageserie The Americans startet mit gemächlichem Erzähltempo und weist kleinere logische Schwächen auf. Dennoch schafft sie durch viel Liebe zum Detail, eine zeitgemäße musikalische Untermalung und glaubhafte Charaktere ein stimmiges Panorama der frühen 80er Jahre.

Glückliche Vorzeigefamilie in der Vorstadt: „The Americans“ frühstücken gemeinsam an einem Tisch. / Foto (c) FX Networks
Glückliche Vorzeigefamilie in der Vorstadt: „The Americans“ frühstücken gemeinsam an einem Tisch. / Foto (c) FX Networks

Ronald Reagan, der seit fast zehn Jahren verstorbene 40. Präsident der Vereinigten Staaten, spaltet bis heute die Gemüter der amerikanischen Öffentlichkeit. Für die einen, namentlich Anhänger der republikanischen Partei, wird er bis heute als eine Art Heilsbringer verehrt, der die Wirtschaft durch die so genannten Reagonomics nach Jahren der Rezession wieder zum Laufen brachte. Für andere ist er das genaue Gegenteil. Seine Hinwendung zu einer neoliberalen angebotsorientierten Wirtschaftspolitik, inklusive Deregulierung, Trickle-Down-Theorie und einschneidende Reformen der Sozialversicherungssysteme, seien der Auslöser für die derzeitige weltweite Rezession gewesen.

Ladies and Gentlemen. We are going to war.

Die Handlung der neuen Spionageserie The Americans setzt nun zeitlich nach der Wahl Reagans zum US-Präsidenten im Jahre 1981 ein. Für die Protagonisten der Serie steht jedoch nicht Reagans Wirtschaftspolitik im Zentrum ihres Interesses, sondern vielmehr dessen Außenpolitik. Diese gründete ideologisch in einem unumstößlichen Antikommunismus. Zugunsten seiner Politik der Stärke opferte Reagan die von seinen Vorgängern betriebene Entspannungspolitik. Er rüstete massiv auf und setzte sich zum Ziel, eine weltweite ideologische Vorherrschaft der USA auf den Grundfesten der Freiheit und der Demokratie zu etablieren.

Philip Jennings (Matthew Rhys) beschützt seine Identität und seine Familie © FX Networks
Philip Jennings (Matthew Rhys) beschützt seine Identität und seine Familie © FX Networks

Die Auswirkungen dieses Politikwechsels bekommen die Hauptcharaktere von The Americans sogleich zu spüren. Auf sowjetischer Seite steht das Ehepaar Philip (Matthew Rhys) und Elizabeth Jennings (Keri Russell). Beide sind in der Sowjetunion ausgebildete und dann in die USA eingeschleuste Spione, die dort ein reguläres Familienleben mit zwei Kindern führen. Ihre ständige Angst vor Enttarnung wird noch verstärkt, als der FBI-Agent Stan Beeman (Noah Emmerich) in ihre direkte Nachbarschaft in einem Vorort von Washington, D.C. zieht. Zu allem Überfluss ist Beeman auch noch Agent der Abteilung für Spionageabwehr.

Sein professionelles Arbeitsethos lässt ihn denn auch kurz nach den ersten Gesprächen mit seinem neuen Nachbar Philip ahnen, dass etwas mit diesem nicht stimmt. Trotz der Beteuerungen seiner Frau, er könne nicht zwischen Beruf und Privatleben unterscheiden, steigt er in die Garage der Jennings ein, um deren Wagen, ein goldenes Oldsmobile Baujahr 1977, zu untersuchen. Er kann zwar nichts finden, lässt sich von seinem Verdacht aber wohl nicht so leicht abbringen.

An dieser und anderen Stellen liefert sich die Serie unnötigerweise der Kritik aus. So manche Aktionen der Charaktere sind nicht ganz einfach nachzuvollziehen. So hat Beeman außer dem Hinweis, ein Fahrzeug gleichen Typs sei möglicherweise in die Entführung eines russischen Überläufers involviert, keinerlei Anhaltspunkte für eine Verdächtigung der Familie. Dass dieser winzige Anfangsverdacht, gepaart mit einem komischen Bauchgefühl, schon genügt, um ohne Autorisierung in das Haus der Nachbarn einzusteigen (und sich somit strafbar zu machen), scheint doch eher unwahrscheinlich.

Jedenfalls wurde Beeman von seinem Bauchgefühl nicht getäuscht, was jedoch nur der Zuschauer weiß. Elizabeth und Philip sind die Entführer des übergelaufenen KGB-Spions Timoshev (David Vadim). Eigentlich sollen sie ihn nach erfolgreicher Entführung zu einer vereinbarten Übergabestelle bringen, Philip lässt den Plan jedoch platzen, weil er sich lieber um seinen verwundeten Kollegen kümmert, als die Übergabezeit einzuhalten. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als den Entführten in ihrem Zuhause zu verstecken.

Es stellt sich heraus, dass es sich bei Timoshev um einen früheren Ausbilder Elizabeth' handelt, der sie während ihrer Grundausbildung mehrmals vergewaltigt hat. Sie verspürt nun dringende Rachegelüste, von denen Philip sie zunächst nur schwerlich abbringen kann. Als er jedoch von der Geschichte erfährt, hält auch er es für die beste Möglichkeit, sich Timoshevs zu entledigen. Nachdem sie seine Leiche entsorgt haben, kommt es zur ersten zärtlichen Annäherung zwischen den Zwangsverheirateten.

Wie intim kann eine arrangierte Agentenehe werden? © FX Networks
Wie intim kann eine arrangierte Agentenehe werden? © FX Networks

Eigentlich verläuft nämlich eine tiefe Konfliktlinie durch das vermeintliche Vorzeigeehepaar. Philip stellt seine Familie an oberste Stelle und spielt mehrmals mit dem Gedanken, selbst überzulaufen und ein ruhiges, beschütztes Familienleben zu führen. Als er Elizabeth von diesen Plänen berichtet, hält sie diese erst für einen Witz und erklärt Philip sogleich zu einem Vaterlandsverräter. Sie ist eindeutig die ideologisch Gefestigtere in der Beziehung, laut eigener Aussage würde sie lieber alles verlieren, als ihr Vaterland zu verraten.

Zum Ende der Episode bricht noch einmal die Realität der 1980er Jahre mit voller Wucht in die Serie ein. In einer Parallelmontage wird gezeigt, wie sich Amerikaner und Sowjets auf die Herausforderungen der außenpolitischen Reagan-Doktrin einstellen und was diese für das Leben der darin involvierten Einzelakteure bedeutet. Beide Seiten stellen ihre Emissäre auf eine Verschärfung des Kalten Krieges ein und weisen auf die damit verbundenen erhöhten Risiken für jedes Individuum hin. Beim FBI wird eine präsidentielle Anordnung verlesen, wonach sowjetische Spione auf der Stelle eliminiert werden dürfen. Der sowjetische Vorgesetzte bittet Elizabeth zum Gespräch, in dem er sie über Philips Loyalitäten ausfragt. Daraufhin beteuert sie dessen einwandfreie politische Gesinnung. Noch.

Fazit

The Americans nimmt sich einer politisch und gesellschaftlich hochspannenden Epoche an, über die sich auch heute noch trefflich diskutieren lässt. Zwar werden die weltweiten politischen Verwicklungen recht selten explizit thematisiert, jedoch finden diese Konflikte auf sehr persönlichem Niveau ihre Austragung. Damit ist den Drehbuchautoren ein dramaturgisch glänzender Schachzug gelungen.

Das Erzähltempo ist denn auch in der ersten Episode relativ gemächlich. Etwas zu viel Zeit wird darauf verwendet, Philips innere Zerrissenheit zu porträtieren. Diese ist eigentlich von Anfang an etabliert und muss nicht unbedingt ständig wiederholt werden. Gelungen hingegen sind die kurzen Rückblenden in die Ausbildungs- beziehungsweise die Ankunftszeit der beiden Spione.

Die schon angesprochenen Logiklücken versetzen dem eigentlich positiven Urteil wiederum einen kleinen Dämpfer. Die Prügelei in der Garage, der schon erwähnte überhastete Einbruch von Beeman oder die Szene mit dem Überbrückungskabel sollen wohl für künstlich erzeugte Spannung sorgen, machen aber für den Fortgang der Handlung wenig Sinn.

Dennoch verspricht The Americans durch ihre Einbettung in die politischen Verwerfungen der 1980er Jahre, den stilsicheren Musikeinsatz und die Schaffung eines authentischen looks, eine unterhaltsame und in ihren besten Momenten vielleicht sogar geschichtserhellende Serie zu werden.

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