The After 1x01

The After 1x01

Die Pilotepisode von The After hält sich lange mit der Etablierung der Gruppendynamik verschiedener Überlebender einer unspezifizierten Katastrophe auf. Nach der Abarbeitung sämtlicher TV-Tropen wird gegen Ende jedoch ein Teil des Mysteriums enthüllt.

Nach wenigen Minuten der Pilotepisode von „The After“ kommt es zur ersten Explosion. / (c) Amazon
Nach wenigen Minuten der Pilotepisode von „The After“ kommt es zur ersten Explosion. / (c) Amazon

Zu Beginn der potentiellen neuen Amazon-Serie The After wacht die Schauspielerin Gigi (Louise Monot) von einem wilden Albtraum in ihrem Hotelzimmer in Los Angeles auf. Sie freut sich über den Videoanruf ihrer Familie aus New York, bevor sie sich auf ein bevorstehendes Vorsprechen vorbereitet. Den Text ihrer Rolle, den sie sich immer wieder vorbetet, werden wir in der Auftaktepisode mehr als einmal zu hören bekommen.

End of the world for all I know

Der Vorsprechtermin läuft nicht gut, der Castingdirektor findet sie für die Rolle „zu sexy“, außerdem sei ihr französischer Akzent viel zu schwer. Enttäuscht macht sich Gigi auf den Weg zurück in ihr Hotel. Sie scheint jedoch nicht allzu traurig zu sein, schließlich warten daheim der liebende Ehemann und die kleine Tochter. Offensichtlich geht es dem Ehepaar finanziell sehr gut - zumindest angesichts der üppigen Hotelsuite, über die Gigi alleine verfügt. Als sie jedoch mit dem Fahrstuhl in die entsprechende Etage fahren will, kommt es zu einem ersten Zwischenfall, der den Auftakt für eine Kette mysteriöser Ereignisse bildet.

Der Aufzug bleibt stecken und die darin versammelte Gruppe beginnt, in leichte Panik zu verfallen. Glücklicherweise gehört mit Marly (Jaina Lee Ortiz) eine Polizistin dazu, die sofort die Führungsrolle übernimmt und versucht, Hilfe herbeizuholen. The After stammt von The X-Files-Schöpfer Chris Carter. Der lässt es sich schon in den ersten Minuten nicht nehmen, der Auftaktepisode seinen Stempel aufzudrücken. So setzt Marly den polizeilichen Hilferuf „10-13“ ab. Der 13. Oktober ist Carters Geburtstag und zudem der Name seiner Produktionsfirma (Ten Thirteen Productions).

Carters offensichtliche Obsession mit dem eigenen Geburtstag setzt sich auch in der Pilotepisode fort, als zu einem späteren Zeitpunkt sämtliche Mitglieder der Überlebendengruppe feststellen, dass sie alle am gleichen Tag Geburtstag haben: am 7. März. Meine extensiven Recherchen haben bisher zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis geführt. Vielleicht kennt ja einer unserer Leser die Signifikanz dieses Datums?

Eine ungewollt zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft trifft sich im Fahrstuhl. © Amazon
Eine ungewollt zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft trifft sich im Fahrstuhl. © Amazon

Die im Fahrstuhl eingeschlossene Gruppe besteht ausschließlich aus Stereotypen. Dazu gehören ein irischer Trunkenbold (Andrew Howard), eine schwächelnde Dame älteren Semesters (Sharon Lawrence), ein schwuler Clown (Jamie Kennedy), unsere Polizistin Marly und die schöne Französin Gigi. Weil sie über den Polizeifunk niemanden erreichen, versuchen sie erfolgreich, die Tür des Fahrstuhls aufzustemmen. Sie landen in der Tiefgarage des Hotels, wo sie auf weitere Stereotype treffen - ein arroganter Managertyp (Adrian Pasdar) und ein Callgirl aus den Südstaaten (Arielle Kebbel).

We're really no different, are we?

Die Gruppe wird weiterhin bereichert vom bösen schwarzen Häftling (Aldis Hodge), der sich in Halbsätzen über das amerikanische Justizsystem beschweren darf („The prison-industrial complex needs black men to feed your system“). Vom missverstandenen Geiselnehmer wandelt er sich im Laufe der Episode zum wertvollen Helfer und gnädigen Rückkehrer. Nachdem die größtenteils überforderte Marly einen weiteren Häftling erschossen hat, wendet sich die Gruppe der Flucht aus der Tiefgarage zu, denn alle Ausgänge sind verschlossen. Warum keiner auf die Idee kommt, das nicht sonderlich solide wirkende Garagentor mit einem Auto zu durchbrechen, bleibt Carters Geheimnis. Später wenden sie genau diese Taktik an, als sie das massive Einfahrtstor des schlossähnlichen Zuhauses von Francis mittels Rettungswagen aufbrechen.

Gigi und „D“ gelingt also die Flucht aus der Tiefgarage. Zum ersten Mal bekommen sie - und auch wir Zuschauer - einen Eindruck davon, was überhaupt vor sich geht. Viel mehr als verzweifelt durcheinanderlaufende Menschenmengen, überforderte Sicherheits- und Rettungskräfte und den einen oder anderen lauten Knall bekommen wir jedoch nicht zu sehen. Bei der Regie dieser Szenen scheint Chris Carter jedenfalls die Lust vergangen zu sein - viel zu lieblos koordiniert irren die Komparsen umher. Die Auskunft eines Polizisten gegenüber Gigi wirft indes ein erstes Rätsel auf. Er behauptet, Stromversorgung und Kommunikationsnetz seien schon seit einem ganzen Tag zusammengebrochen. Dabei hatte es wenige Stunden - oder gar Minuten - zuvor noch den Eindruck, als sei alles in bester Ordnung.

Sowohl Gigi als auch „D“ bietet sich im weiteren Verlauf die Flucht aus dem Stadtzentrum. Beide entschließen sich jedoch dazu, der eingeschlossenen Gruppe zu Hilfe zu eilen. Nach kurzer brenzliger Situation mit einem gekaperten Rettungswagen inmitten einer aufgebrachten Menschenmenge gelingt ihnen die gemeinsame Flucht zum herrschaftlichen Anwesen der älteren Dame. Dort kommt es zu einer merkwürdigen Entwicklung der Gruppendynamik. Einerseits scheint sämtliche Dringlichkeit nach der erfolgreichen Flucht verflogen zu sein. Tammy genehmigt sich ein Nacktbad im Swimmingpool, McCormick erkundet den Weinkeller, Gigi schaut sich Handyvideos ihrer Familie an und David befreit sich von seinem Clownskostüm. Wozu brauchten wir eigentlich diese Clownkomponente? Nur für diese beiden minimalen Schockmomente im Fahrstuhl und in der Villa?

Am Ende macht die Gruppe eine furchteinflößende Entdeckung. © Amazon
Am Ende macht die Gruppe eine furchteinflößende Entdeckung. © Amazon

Unweigerlich kommt es jedoch zur - sehr konstruierten - Eskalation innerhalb der Gruppe. Der betrunkene Ire und der renitente Afroamerikaner prallen aufeinander und hauen sich nach kurzer verbaler Konfrontation die Schädel ein. Unterbrochen werden sie von unangekündigtem Besuch. Haushälterin Graciela (Luz P. Mendez) wurde von einer Bande Latinohomies dazu gezwungen, ihnen Einlass in die Villa zu verschaffen - vermutlich, um die dortigen Wertgegenstände zu entwenden. Besonderes Interesse scheinen sie außerdem am Inhalt des hauseigenen Tresors zu haben.

I came back. I did my part.

Nach einem kurzen Feuergefecht gelingt der Gruppe die Flucht in ein angrenzendes Waldstück, wobei die Mitglieder voneinander getrennt werden beziehungsweise freiwillig die alleinige Flucht antreten: „Now it's every man for himself.“ Am Ende wird die Gruppe durch einen furchterregenden Fund wieder zusammengeführt. Gigi legt sich eine mysteriöse Hand um den Hals, „D“ eilt ihr zur Rettung und erschießt das außerirdisch anmutende Wesen. Mit angstverzerrten Mienen starren die Gruppenmitglieder auf das am Boden liegende Alien und stellen mit Schrecken fest, dass es die gleichen Tattoos trägt wie sie. Bevor es per Krebsgang die Flucht antritt, röchelt es noch die berühmten Worte des römischen Feldherrn Julius Caesars: „Alea iacta est.

Der Würfel ist gefallen.“ Ob dies nun ein Metakommentar zum Schicksal des neuen Amazon-Piloten The After sein soll oder ein Hinweis darauf, dass die Zeit der Menschen auf Erden gezählt ist? Wir wissen es nicht und gerade wegen der offensichtlichen Schwächen dieser Auftaktepisode war diese späte Enthüllung genau der richtige Schachzug, um genügend Interesse beim Zuschauer zu generieren, damit dieser wissen will, wie es denn nun weitergeht.

Freimütig muss ich zugeben, dass dieser doch sehr simple Trick bei mir funktioniert hat. Das spannende Ende lässt mich darüber hinwegsehen, dass über den Verlauf der knapp einstündigen Pilotepisode eigentlich nur sämtliche Tropen der Fernsehgeschichte wiederholt wurden, die man schon unzählige Male gesehen hat - und das in besserer Ausführung. Leider kann auch ein Großteil der Darsteller nicht dafür sorgen, dass die schablonenhaften Charaktere mit mehr Leben ausgefüllt werden. Positive Ausnahmen sind dabei Hodge, Lawrence und Pasdar.

Zudem hält sich das Drehbuch viel zu lange mit nichtigen plot points und uninteressanten Konflikten auf. Die Absicht dahinter ist klar: Die Geschichte ist voll und ganz auf ihre spannende Konklusion ausgerichtet. Der Cliffhanger funktioniert, auch wenn es das einzige ist, was in der Auftaktepisode wirklich überzeugen kann.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 13. Februar 2014
Episode
Staffel 1, Episode 1
(The After 1x01)
Titel der Episode im Original
Pilot
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 6. Februar 2014 (Amazon Prime Video)

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