
Die Serie The A Word nimmt sich der Diagnose Autismus anhand einer Familie im ländlichen England an. Am Ende kommt eine ergreifende Story raus, die nicht über- aber auch nicht untertreibt, die es in unaufgeregten Szenen schafft, den Riss im Alltag fühlbar zu machen, der Autismus bedeuten kann.
Worum es geht
Das Leben der Familie Hughes kratzt nahe an der Idylle entlang. Die noch jungen Eltern Paul (Lee Ingleby) und Alison (Morven Christie, Grantchester) sind liebevoll mit ihren Kindern und zueinander. Was Paul in Humor rausholt, wiegt Alison in Fürsorge auf. Die älteste Tochter Rebecca (Molly Wright) entstammt einer frühen und schnell gescheiterten Alisons, doch das merkt man auf den ersten Blick kaum. Sicher, sie ist ein Teenager und geht in der Sorge um Joe etwas unter, aber statt Neid verbindet die Geschwister ein enges, vertrautes Verhältnis.
Joe (Max Vento) selbst liebt Musik, in der ersten Szene lernen wir den gerade mal Fünfjährigen kennen, wie er mit großen Kopfhörern und einem bunten Windrad singend eine einsame Straße entlang läuft und schließlich von Angestellten seines Vaters eingesammelt wird. Weder ein Geburtstagskuchen noch Geschenke können ihn vom MP3-Player locken. In den ersten Minuten merken wir, dass die Familie sich um seine Eigenheiten - wie nur als letzter durch eine Tür zu gehen - herum arrangiert hat und ihn wie eine kleine Sonne umkreist.
Zur Familie gehört auch Alisons Vater Maurice Scott (Christopher Eccleston, The Leftovers, Doctor Who), ein tatkräftiger Mann, der aus dem Nichts eine regional erfolgreiche Brauerei aufgebaut hat, deren Führung er nun seinen Sohn abgegeben hat - zumindest ein bisschen. Er ist ein liebevoller Großvater für beide Kinder, aber auch ein taffer Typ, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält.
Als Rückkehrer lernen wir besagten Sohn, Alisons Bruder, kennen, Eddie Scott (Greg McHugh, Fresh Meat) kennen. Nachdem er mit seinem eigenen Unternehmen gescheitert ist, kehrt er mangels Möglichkeiten ins Dorf seiner Kindheit zurück und übernimmt den Job, den sein Vater ihm abtritt. Und als wenn das nicht schon genug Rederei unter den Anwohnern geben würde, bringt er auch noch seine Frau Nicola Daniels (Vinette Robinson, Sherlock) mit, eine angehende Ärztin, die ihm jedoch kurz zuvor fremdgegangen ist. Und das wissen nun auch alle anderen. Das macht die Eingewöhnung für beide schwierig. Als Nicola dann auch noch die erste ist, die ausspricht, was alle im Geheimen schon befürchten, ist es vorbei mit der Freundschaft: Auf seinem fünften Geburtstag gibt sie ihre Beobachtung preis, dass etwas mit Joe nicht stimme.
Als dann auch noch ein eigentlich entspannend gemeintes Picknick zum Desaster ausartet, können die anderen die Augen nicht mehr vor den Tatsachen verschließen. Von da an ist der Weg zur Diagnose nicht mehr weit und wir begleiten die Familie durch einen schmerzhaften Arzttermin, bei dem Paul es kaum lassen kann, die Aufgaben für seinen Sohn zu lösen während man Alison ansieht, wie sehr sie leidet, das Verhalten ihres Sohnes durch die Augen einer Fremden sehen zu müssen.
Wie kommt es rüber?
Vieles spricht dafür, der Serie The A Word eine Chance zu geben, denn sie hat zahlreiche Fanghaken, mit denen sie den Zuschauer in ihren Bann zieht und nicht mehr entkommen lässt. Die Musik spielt nicht nur in Joes Leben sondern auch in der Serie eine zentrale Rolle, die Landschaftsaufnahmen sind gelungen, in Nicolas Worten: „ein wunderschönes Umfeld, aber auch ein bisschen unheilvoll“.
Doch das erste, in das man sich verliebt, ist Joe, der kleine Junge, der singende Junge, der mit seinem Windrad und seinen Kopfhörern durch die Landschaft zieht und mit sich und der Welt im Reinen scheint. Und dann lernen wir seine Familie kennen, wie sie ihn und sich lieben, wie sie glücklich sind in ihrer kleinen Welt, wie sie aber auch leiden, wenn sie sehen, wie Joe an der Außenwelt kollidiert. In der Episode 1 schmeißen sie ihm eine Geburtstagsparty, die dem Fünfjährigen relativ egal ist. Das hätten sie wissen können, doch sie wollen diese Normalität für ihren Sohn. Und sie wollen alle Kinder einladen, in der Hoffnung, dass Joe als Ausgleich auch bei ihnen eingeladen werde. Doch im Grunde legen sie mit der bunten, lustigen Kinderbespaßung für den Nachwuchs anderer in ihrem eigenen Haus nur die schmerzhafte Tatsache unter das Brennglas, dass Joe nur selten eine Geburtstagseinladung erhält.
Auf unterschiedliche Arten wollen sie das Bild der Normalität aufrecht erhalten und sich nicht eingestehen, dass etwas anders ist. Das gipfelt in einer traurigen Szene, in der Paul seinen Sohn auffordert, mit anderen Kindern Fußball zu spielen, aber in erster Linie selbst aufs Spielfeld stürzt während Joe sich auf einen am See liegenden Ast flüchtet. Unter den Augen der anderen Eltern und Kindern gibt Joe seinem Vater mit einem verzweifelten Schlag ins Gesicht zu verstehen, dass er nicht mehr weiter weiß, dass Paul ihn in eine Ecke gedrängt hat, in der Joe nicht klarkommt.
Jeder in der Familie reagiert anders, wir sehen, wie der für einen Familienpatriarchen noch recht junge Großvater Maurice das Problem heimlich in die Hand nimmt und seinen Enkel heimlich zu einer Ärztin bringen will. Er ist ein Mann der Tat, er glaubt, man muss nur das richtige Heilmittel finden. Dem gegenüber stehen die Eltern des Jungen, die sich alle Mühe geben, eine angeblich normale Umgebung zu schaffen und stets wieder verwundert sind, wenn Joe nicht die von der Gesellschaft als richtig empfundenen Reaktionen aufbringen kann. Im Laufe der Pilotepisode trifft man auf kaum jemanden, den man nicht verstehen kann, dessen Reaktionen nicht nachvollziehbar wären. Und trotzdem, vielleicht auch gerade deswegen kommt es immer wieder zu eindringlichen Szenen, in denen die Traurigkeit plötzlich, durch einen Blick, eine Geste, durchbricht und auch die Zuschauer hilflos zurück lässt.
Erschwerend für die Hughes kommt hinzu, dass man in einer kleinen Gemeinde, wie der, in der sie leben, nicht unbedingt selbst entscheiden kann, wann man mit einer Information an die Öffentlichkeit geht. Das Gerede im Dorf, einmal gestartet lässt sich nicht aufhalten. Jeder Ausflug außerhalb der eigenen vier Wände steht unausweichlich unter Beobachtung und wie wir im Laufe der Episode 1 erfahren, halten die Bewohner mit ihrer Meinung und ihrem Kenntnisstand auch nicht gerade hinter dem Berg.
Denn auch Paul und Alison selbst sind nicht unbedingt die Verschwiegensten. Noch bevor Eddie und Nicola die Antrittsrunde durchs Dorf gemacht haben, wissen bereits alle von der Affäre und den finanziellen Schwierigkeiten. In einer auch nicht eben leichten Szene beobachten wir Eddie, der ziellos und unsicher durch die Brauerei streift während Paul die beiden Angestellten vor seinen Augen „vorwarnt“ und sie offenbar über die Situation seines Schwagers aufklärt als wenn Eddie sich nicht selbst helfen könnte.
Auf der amüsanten Seite der Story finden wir in der Pilotepisode Maurice wieder. Der geht zu einer Freundin um seine Singstimme zu trainieren und sieht sich anschließend bei einer Tasse Tee mit einem unverbindlichen Sexangebot konfrontiert. Und mit dem kann er gar nicht gut umgehen, was wohl noch interessant werden dürfte.
Fazit
Die Serie The A Word hat einiges auf der Haben-Seite zu verbuchen, unter anderem eine Menge Herz, Charme, gute Musik, Tiefgang, clevere Dialoge, starke Schauspieler und schöne Landschaften. In keiner Weise kann man der Episode 1 Kitsch vorwerfen, stattdessen verfolgen wir in unaufgeregten Szenen eine Geschichte, von der man schnell mehr sehen möchte.
Trailer zur britischen Serie „The A Word“: